Claudia am 29. Januar 2024 — 8 Kommentare

Umstritten: Kriegstüchtig werden

Annette Schlemm schrieb in einen Blogpost unter dem Titel „Friedenstüchtig ins neue Jahr„:

„Um die 100 Jahre Abscheu vor Kriegen sowie Kampf um Frieden scheinen ausgelöscht zu werden. Bei uns fliegen noch nicht die echten, körperlich tödlichen Geschosse, aber in unsere Köpfe wird eingehämmert, wie unmenschlich die jeweiligen Feinde seien, wie undiskutierbar Interessen und Gründe sein müssten und die Gesellschaft wird auf „Kriegstüchtigkeit“ eingeschworen.“

Das hat mich zu einem längeren Kommentar motiviert, den ich auch hier mal festhalten will:

Ich habe gelegentlich mit Menschen diskutiert, die unter der Forderung nach „Frieden“ die zivile und militärische Unterstützung der Ukraine stoppen wollen – und somit Putins Eroberungskrieg freie Bahn lassen würden, der ja nach wie vor die Auslöschung der staatlichen Souveränität der Ukraine will. Wie stehst du dazu?

Mehr als „mehr diplomatische Bemühungen“ und Allgemeinplätze rund um FRIEDEN JETZT bekam ich nicht. Jedenfalls nichts, das zeigt, wie auf friedlichem Weg die staatl. Selbstbestimmung (!) der Ukraine gewahrt werden könnte. Schon die schweigende Akzeptanz der Annektion der Krim war ein böser Fehler!

Zweiter Punkt: Trump ante Portas! Der will den Schutzschirm der Nato (Artikel 5) eher nicht für europäische Länder einhalten = eine Einladung für Putin, so weiter zu machen und noch andere Länder, auch Nato-Länder, anzugreifen. Wie es mit der europäischen Selbstverteidigungsfähigkeit aussieht, wird dir bekannt sein! Glaubst du, dass Friedensdemos hier etwas Wesentliches bewirken?

Der Spruch von Schiller „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenns dem bösen Nachbarn nicht gefällt“. hat seine Berechtigung, wie ich finde.

Natürlich müssen „Interessen und Gründe“ diskutierbar sein! Auch ich meine, dass schon vor 20 Jahren und mehr „der Westen“ anders auf das zerfallene Sowjetreich und die Interessen Russlands hätte achten müssen (Ignoranz weil „nur eine Mittelmacht“ von Seiten Obamas war ein großer Fehler!).

Das ändert aber nichts daran, dass Putins militärischer Angriff und die Annektionen die Welt verändert haben – auch sicherheitstechnisch, was uns selbst angeht.

Zu „Trump ante portas“ empfehle ich den Artikel „Der Mann auf dem Weg ins Gefängnis oder ins Weiße Haus“ auf Geist & Gegenwart.

Diskussion

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8 Kommentare zu „Umstritten: Kriegstüchtig werden“.

  1. Schiller hatte recht.
    Wir müssen uns der Wirklichkeit stellen, und auch auf das Internet mit seinen vielfältigen Beeinflussungen/Stimmungsmache/Fakenews/,Cyperattacken ect reagieren. Die Hände in den Schoß legen ist vorbei.

  2. Mich stört der Begriff „kriegstüchtig“ sehr. Das liest sich so, als würden wir demnächst irgendwo einmarschieren. Ich könnte eher mit dem Begriff „verteidigungstüchtig“ leben.
    Wenn ich aber so manchen Politiker oder auch Politikerin höre, komme ich um den Eindruck nicht herum, daß der Begriff „kriegsgeil“ auch passen könnte.

  3. @Gerhard: Wie reagieren? Das auf dem Weg befindliche EU-Gesetz (Digital Services Act (DSA) ), das ich im letzten Artikel benannt habe, zeigt die Ambivalenz solcher Versuche. Dabei erreicht es „Stimmungsmache“ noch nicht einmal. Die 50.000 Russentroll-Accounts auf X zum Beispiel sind ohne Musk kaum zu bekämpfen. Ich denke manchmal, man müsste mit gleichen Mitteln dagegen halten…

    @Holly: Ja, „verteidigungstüchtig“ wäre besser und angemessener. Der Begriff stammt meines Wissens von Pistorius, dem ich aber keine „Kriegsgeilheit“ unterstelle, sondern eher das Bemühen, aufzurütteln, um mehr Zustimmung und Gelder für die Bundeswehr zu erreichen.

  4. Verteidigungstüchtig hätte ich auch für eine bessere Wahl gehalten. Das Wort kriegstüchtig klingt schon so aggressiv. Am Ende geht es darum, dass wir uns darüber klar werden müssen, dass unser Land nicht verteidigungsfähig ist. Dazu sind vermutlich große Anstrengungen nötig. Mit den 100 Mrd. EUR kommen wir scheinbar nicht weit. Aber das wiederum liegt vlt. auch an der Struktur unsere Bundeswehr oder der sie verwaltenden Behörde.

    Insgesamt beobachte ich eine unheimlich scheinende Bereitschaft dazu, Menschen (auch Putin) so ins Bild zu setzen, dass mit ihnen (den Führern der Gegenwart) ganze Nationen diskreditiert werden. Wir sind bereit, den Stab über sie zu brechen und reden von den Russen oder den Türken. Das ist ungerecht und äußerst kurzsichtig gedacht. Mir schiene die Politik eines Genscher angemessener. Auch unter dem Aspekt, dass er eine rein interessengeleitete Außenpolitik gemacht hat. Unsere strikte moralisch ausgerichtete sogenannte werteorientierte Politik fördert emotionale Bekenntnisse, die später – wäre es auch noch so nötig – nicht mehr zu revidieren ist. Kluge Politik geht anders. Jedenfalls bin ich davon überzeugt.

  5. @Horst:

    „Wir sind bereit, den Stab über sie zu brechen und reden von den Russen oder den Türken.“

    Klar reden wir mal von ihnen – aber ich habe nicht den Eindruck, dass in unseren Öffentlichkeiten die Taten Putins oder Erdogans (und ihrer Unterstützern) ihnen ALLEN zugerechnet werden.

    Klar, ich bin alt und kann zu Altersgenossen sagen: Hätte nicht gedacht, nochmal eine Zeit zu erleben, in der man wieder fürchtet, „dass der Russe kommt“.

    Aber heute ist das zum Glück nicht mehr so, heute heißt es „Putins Angriffskrieg“ und es geht um die Schachzüge und Übeltaten von Erdogan. Nicht ums jeweilige ganze Volk.

    Übrigens: Du bloggst ja wie ein Weltmeister! Hochfrequenzbloggen. Ich staune!
    https://wutzone.de/

  6. Ich störe mich eher am Wort „tüchtig“ als am Wort „Krieg“. „Verteidigung“ ist für mich nur ein Euphemismus. Damit vermeidet man, die Dinge beim Namen zu nennen und kann sich im Zweifel dahinter verstecken. Krieg ist schmutzig, er ist böse, er verletzt und tötet, ist grausam. Und jede Seite begeht Verbrechen und Taten, bei denen jeder Mensch mit einem Gewissen schlucken muss. Aber das ist nun mal Krieg und ihn anders zu nennen, gibt einem vielleicht ein gutes Gefühl ändert aber nichts am Sachverhalt.

    Ich habe letztens eine lange Reportage gelesen über einen Franzosen der Resistance, die im Krieg deutsche Soldaten gefangen genommen und dann keine Möglichkeit mehr hatten, mit denen in Gewahrsam umher zu ziehen, da die Deutschen namentlich die SS hinter ihnen her waren. Einfach laufen lassen wollten sie die Deutschen nicht. Also haben sie jeden einzelnen gefragt, ob er sich ihnen anschließt. Dann wären alle Deutschen einzeln auf Widerstandgruppen aufteilt worden, ohne Kontakt zu den anderen und hätten unter Bewachung mitkämpfen müssen – allerdings wäre die Chance groß gewesen, lebend davon zu kommen. Nicht ein einziger Deutsche erklärte sich dazu bereit. Also wurden sie alle erschossen und verscharrt und keiner der Beteiligten hat je wieder darüber gesprochen, bis es es nur noch einen Überlebenden gab und er davon erzählt hat.

    Der Fall hat in Frankreich große Aufmerksamkeit erregt – räumt er doch mit dem Mythos auf, ein Krieg könne „sauber“ geführt werden, so gerecht die Sache aus sei. Und einen gerechteren Krieg als den gegen die Nazis kann ich mir nur schwer vorstellen. Genau das suggeriert aber das Wort „Verteidigung“ – einwandfrei auf der moralisch richtigen Seite zu stehen und jede Handlung, die nötig ist, um den Krieg zu gewinnen, schon im Vorwege zu exkulpieren. Wir würden uns damit selbst belügen. Es gibt keinen sauberen Krieg, es werden immer Unschuldige getötet, Verbrechen begangen, es wird immer Übergriffe, Menschenrechtsverletzungen geben.

    Nein, am Wort „Krieg“ störe ich mich nicht. Es ist das Wort „tüchtig“, das unpassend ist – stecken darin auch Bedeutungen wie Strebsamkeit und Fleiß. Ich möchte allerdings nicht fleißig zum Krieg streben und auch in keiner Gesellschaft, die ein solches tut, sondern wenn überhaupt zur Fähigkeit, diesen zu bestehen. Warum also nicht einfach „fähig“ nehmen? Wir müssen unsere Fähigkeit, einen Krieg zu führen (und zu gewinnen) herstellen.

    Das Wort „Krieg“ zu vermeiden, ist in meinen Augen jedenfalls nicht hilfreich.

  7. Ich denke manchmal, man müsste mit gleichen Mitteln dagegen halten…

    Das denke ich auch oft. Wobei Bekannte/Freunde mir dazu wahlweise sagen „When they go low, we go high“ / „Das ist doch nur das Internet und nicht das reale Leben“ / „Mit Rechtsextremen diskutieren bringt doch nix“.

    Vielleicht meinst du ja auch eher, das staatliche (Geheimdienst-) Stellen mit gleichen Mitteln dagegen halten sollen.

    Ich bin überzeugt, das es sehr sehr viele Menschen da draußen gibt, die gerne etwas gegen die rechtsextreme Entwicklung machen möchten, aber nicht wissen was. Die für klassische Aktionsformen wie Demos, Infotische und Veranstaltungen aus verschiedensten Gründen nicht oder nur selten zu mobilisieren sind. Und die als Einzelkämpfer im Netz gegen rechte Trolle verheizt würden, weil das tatsächlich nichts bringt.

    Es müsste schon irgendwie organisiert und geleitet sein, mit klaren Strategien und Botschaften.
    Das ist einer von mehreren Haken, denn die demokratische Öffentlichkeit hat keine Reichen und Superreichen, die im Hintergrund helfen, solch professionellen Netzwerke im Internet mit aufzubauen und finanziell zu unterstützen.

    Aber rein theoretisch könnten täglich zehntausende, die bequem von zu Hause aus (nach individuellem Zeitplan und mit professioneller Unterstützung) im Internet agieren, um konstruktive Botschaften und Narrative zu verbreiten, ganz schön was bewirken.

  8. @Brendan: eine eindrückliche Rede, die mich dazu bewegt, Dir zuzustimmen! Und was für eine Geschichte, die mit den Gefangenen. So abgedreht und fanatisch waren sie also, sich lieber erschießen zu lassen, als mit den Franzosen zu kämpfen!

    @CarlosK: Ja, ich hatte das eher so gemeint, dass z.B. die Geheimdienste sowas tun könnten! Und was die Reichen angeht: Warum fordert eigentlich niemand unsere Oligarchen auf, sich konstruktiv einzubringen? Es könnten ja welche dabei sein, die auch keine Lust haben, dereinst in einem rechtsextremen Staat ihre Geschäfte betreiben zu müssen?

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