Claudia am 26. November 2023 —

Wenn die Zukunft finster aussieht: Hilft stoisches Denken?

Wann genau es angefangen hat, kann ich nicht exakt bestimmen, jedoch scheint es jetzt der gefühlte Status Quo zu sein: Die Zukunft lässt nicht mehr hoffen, dass alles besser wird, sondern das Gegenteil ist der Fall. Beim Klimawandel weist nichts darauf hin, dass die Welt auch nur ein gewisses Ausbremsen schafft, die Kriege in der Ukraine und in Israel/Gaza erscheinen aussichtslos, Inflation und Preissteigerungen lassen immer mehr Menschen verarmen, die Regierung ist mit ihrem Konzept, die Schuldenbremse zu umgehen, gescheitert, die daraus folgenden Sparmaßnahmen im sozialen Netz und entfallende Investitionen in die wirtschaftliche Zukunft verschärfen das Gefühl der Aussichtslosigkeit – was folgt aus alledem?

Deutschland macht mehr krank als je zuvor, berichten die Krankenkassen. Neben Erkältungskrankheiten wie Grippe, grippale Infekte oder Bronchitis erreichen psychische Diagnosen einen neuen Höchststand – kein Wunder! Wenn das Vorausdenken in die Zukunft nurmehr Abstiegsängste und Gefahren aller Art zeigt, befördert das Depressionen und das Immunsystem wird geschwächt.

Was kann dagegen helfen? Es gibt verschiedene Video-Kanäle, die versuchen, das Denken der Stoiker für heutige Menschen zu erschließen – zum Beispiel „Der Philosophenpfad“ mit dem Beitrag „Niemehr aus der Fassung: Kontrolliere deine Emotionen mit 7 stoischen Lektionen“ (leider mit einem etwas nervigen Hintergrundsound):

  1. Erkenne, was in deiner Kontrolle liegt
  2. Akzeptiere das, was du nicht ändern kannst
  3. Lebe im Hier und Jetzt
  4. Übe Dankbarkeit
  5. Reflektiere regelmäßig
  6. Sehe Hindernisse als Gelegenheit
  7. Entwickle Selbstgenügsamkeit.

Innere Ruhe und Frieden, mehr Lebensfreude in der Gegenwart, mehr Selbsterkenntnis und Gelassenheit versprechen die Stoiker als  Ergebnisse einer solchen Umstimmung. Vieles davon kennen wir auch aus anderen Philosophien und aus der modernen Achtsamkeitslehre, auch entwickelt sich diese Haltung oft von selbst im höheren Alter, wie ich an mir selbst feststelle.

Ich bemerke allerdings auch, dass „stoisches Denken“ in einer privilegierten, halbwegs abgesicherten Situation besser zugänglich ist als „in der Not“, wie immer diese sich gerade darstellt. Schließlich waren die Stoiker durchweg Patrizier, Mitglieder der herrschenden Klasse, die nicht befürchten mussten, dass ihnen der Gerichtsvollzieher auf den Leib rückt oder das Geld am Ende des Monats nicht reicht. Da wird es dann nämlich schwierig mit Einsichten wie „dass unser Glück von unseren eigenen Gedanken und Handlungen abhängt, nicht von äußeren Umständen“ (Epiktet).

Noch etwas stört auf dem stoischen Weg, sofern man ihn denn beschreiten will: Eine seltsame Sucht nach Aufregung, nach Erregungszuständen, die durch punktuelle Teilnahme an den täglich im Überfluss herum schwappenden Empörungswellen vermeintlich gestillt wird, aber doch – wie jede Sucht – dadurch nicht endet. Und, etwas honoriger als bloßes Suchtverhalten: Haben wir nicht die Pflicht, als mündige Bürger, an den Debatten über die Zustände unseres Gemeinwesens teilzunehmen? Sich nur auf sich selbst im Hier & Jetzt zu konzentrieren und alles andere zu ignorieren, kann es doch auch nicht sein!

Mit dem Liebsten bespreche ich mindestens einmal pro Woche ausführlich die Lage, den Stand der Dinge in den aktuell drängendsten Problemfeldern. Es kommt so ziemlich alles zur Sprache, was uns bewegt – durchaus im Blick auf die Zukunft. Der Austausch ist sehr hilfreich, um „bei Laune zu bleiben“, obwohl durch unser Gerede ja nichts besser wird. Gestern gab‘ es jedoch ein Thema, dem ich mich verweigerte: Was, wenn Trump wieder an die Macht kommt und seine unverstellt faschistischen Ansagen umsetzt? Dass die amerikanischen Wahlen ganz sicher zu den Dingen zählen, die außerhalb meiner Einflussmöglichkeiten stehen, ist sonnenklar. Meine Bitte, dieses Thema jetzt bitte nicht zu vertiefen, war jedoch nicht „stoisch“ motiviert. Ich wollte einfach nicht in diesen Abgrund schauen, der mir Angst macht, wenn ich an die Folgen denke. Wobei dieses „Wegschieben“ ja nur für den Moment hilft. Echte Gelassenheit ist etwas Anderes als bloße Verdrängung.

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Diskussion

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8 Kommentare zu „Wenn die Zukunft finster aussieht: Hilft stoisches Denken?“.

  1. Wenn Du nach den Karlendersprüchen Dein Leben ausrichten würdest, müsstest Du das Leben einen Junkies (oder Alkis, etc ) fristen. Das tust. Du nicht, weil Du einen Plan hast.
    Akzeptiere, was Du nicht ändern kannst. Das war wohl auch die Maxime, die Ghandi geleitet hat, den Juden zu raten, sich Hitler zu ergeben.
    Frei nach den Ärzten: „Du musst nicht akzeptieren, was Dir überhaupt nicht passt, wenn Du nicht den Kopf nur zum Tragen einer Mütze hast.. “ Je nach Problem, brauchst Du dann halt auch ein paar Leute, um es zu lösen. Oft ergibt sich dann aber immer noch nur ein Kompromiss.

    Trump ist nur Wirkung. Die Ursache ist was?

  2. Dass der IFO-Geschäftsklimaindex zum 3. Mal infolge gestiegen ist, lässt dich kalt? Deutschland ist — vor Japan — auf Platz 3 der mächtigsten Wirtschaftsnationen. Das sollten doch aufbauende Nachrichten sein. Aber wie das in Deutschland so ist, wir finden sogleich Gründe, diese positiven Nachrichten zu relativieren. Ich auch.

    Nie war es so schwer, ein sonniges Gemüt zu erhalten oder zu behalten. Polykrise nennen das manche oder Stapelkrise. Egal, wie der Mist heißt, es ist schrecklich belastend. Dass immer mehr Menschen sich zurückziehen, nicht mal mehr Nachrichten gucken wollen, ist nur zu gut zu verstehen.

    Es bleibt, dass die Frage, wie man auf all das schaut, die Entscheidende ist. Mein Vater sagte immer, wenn es in einer Diskussion nicht mehr weiterging: »Daran können wir ohnehin nichts ändern.« Wann traf das mehr zu als heute? Klingt banal und fatalistisch. Aber vielleicht ist das die einzige Möglichkeit, uns durch diese Zeit hindurch zu lavieren?

    Vor kurzem habe ich eine schöne Sendung über die Evolution gesehen. Die Erde mit all ihren Bewohnern dreht sich weiter. Et jet immer wegger, Jong. Auch so ein Satz meines Vaters. Wir müssen uns damit abfinden und uns einrichten. Schlechte Laune oder Aktionismus hilft angesichts der Problemlagen nicht weiter. Dieser Planet wird vermutlich noch Milliarden von Jahren existieren. Dann wohl ohne uns. Unsere Spezies hat es im Grunde auch nicht anders verdient. Vielleicht entsteht ja etwas Klügeres, Beständigeres?

  3. @Juri: Warum nur immer so miesepetrig? Die Stoa-Weisheiten sind keine „Kalendersprüche“, sonder wahre, zeitlose Weisheiten, die bei Umsetzung tatsächlich zu einem innerlich friedlicheren Leben führen. Sie werden im Video aus recht gut und allgemeinverständlich ausgeführt. Wie diese zum Leben eines Junkies führen sollten, müsstest du erst einmal begründen – aus meiner Sicht ist das unmöglich! Der bekannte Spruch „Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden“ wird sogar in AA-Suchtgruppen stets rezitiert und ist eine Variante von Punkt 1 und 2.

    @Horst: Wie ich sehe, ist dir das stoische Denken dank deinem Vater nicht fremd! Ich sag mir auch immer: Nichts wird dadurch gebessert, dass ich an der Welt verzweifle oder gar in Hass verfalle!

  4. „Nichts wird dadurch gebessert, dass ich an der Welt verzweifle oder gar in Hass verfalle!“

    Man muss wohl von dem Wunsch loslassen, dass die Welt gesunde. Man muss es kleiner fassen.
    Früher hies es mal, dass 20% der Menschen reichen sollten, um einem impact in Fragen des Klimas zu erzeugen.
    20 Prozent sind sehr sehr viel, aber vielleicht reichen auch nur 5- 7 %, um zumindest bemerkt zu werden.
    Daher ist es gut, wenn man sich engagiert.

  5. „Ich freue mich, wenn es regnet, denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch!“
    Wer das noch nicht kannte, das ist von Karl Valentin. Da steckt eigentlich alles drin. Wahrnehmung, Akzeptanz des nicht zu Ändernden, Reflektion, bewusste Entscheidung für das Mögliche.
    Wenn’s mal nur so einfach wäre.

  6. @Behan: Das gilt wohl auch für Schnee?! ;-)

  7. Wieder ein sehr interessanter Beitrag, Claudia, mit vielen Nebensträngen.

    Ich würde vielleicht noch als 8. Punkt aufnehmen: Vertrauen,
    in die vielen tausend gwählten Mandatsträger, die mit Sicherheit überwiegend fleißig und ausreichend qualifiziert ihr bestes geben.
    Auch mehr Vertrauen in die nachfolgenden Generationen, die das schon richten werden.

  8. Zitat: „Was kann dagegen helfen?“

    Vielleicht ist ja die Beherzigung von „Humor ist der Knopf, der verhindert, dass uns der Kragen platzt.“ (J. Ringelnatz) ein gangbarer Weg.