Claudia am 24. Februar 2019 — 5 Kommentare

Damals 1981: Meine Begegnung mit Baghwans Sannyasins

Auf Connection.de hat Wolf Schneider (Sugata) im Januar den Artikel „Osho“ veröffentlicht. Er erzählt seine persönlichen Erfahrungen in und mit der Bewegung des Baghwan Sree Rainesh, die in den 70gern in Poona begann und weltweit Aufsehen erregte, bevor sie in Oregon / USA katastrophal scheiterte (hier eine 8-minütige Kurz-Doku auf Youtube).

Mich hat das angeregt, per Kommentar von meiner Begegnung mit Sannyasins Anfang der 80ger zu berichten. Wie in vielen Blog gang und gäbe, gab es nach „Absenden“ keinerlei Systembotschaft, was mit meinem Kommentar passiert. Bevor er also womöglich für immer verschwindet, hab ich ihn kopiert und poste ihn auch hier. Immerhin lesen hier manche Altersgenossen mit, die vielleicht auch den einen oder anderen Kontakt mit den rot gekleideten Spiris der Sannyas-Bewegung hatten.

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Schatten trifft Licht

Was ich in den Anfängen der Bewegung über Poona las und sah (z.B. den Film „Baghwan in Poona“) fand ich unglaublich faszinierend. Dass meine Lebenssituation es nicht zuließ, einfach abzuhauen und dorthin zu gehen, hab ich bedauert. Es erschien sooooo abenteuerlich und verlockend!

Ein wirklich dringendes Verlangen spürte ich allerdings nicht, denn mein eigener Lebensweg und mein Umfeld war mir wichtig und in hohem Maße selbstbestimmt. Dennoch war das Ganze Geschwurbel rund um Baghwan und die rot gewandeten Mala-Träger/innen für mich lange ein Faszinosum. Gelegentlich hatte ich auch über Workshops Erlebnisse mit Methoden und Praktiken, die aus dieser Richtung stammten – fand ich alles sehr toll.

Bis ich 1981 den Interessenskonflikt mit einer Sannyasin-Gruppe erlebte – im Kontext der Hausbesetzungen in Berlin (hoch spannend!!! Sehr erfüllend – quasi mein persönliches „Poona“, jedoch nicht im spirituellen, sondern im politischen Sektor, verwoben mit dem Ausprobieren „alternativer Wohnformen“).

Es war das aufregndste Jahr, über 300 Häuser waren besetzt, 50.000 aktive Sympatisanten unterstützten die Szene, die öffentliche Meinung war weitgehend auf unserer Seite, der Senat trat über den offen gewordenen Bauskandalen zurück, es gab Neuwahlen, erstmalig kam die „Alternative Liste“(Vorläufer der Grünen) in ein Abgeordnetenhaus…. eine wilde Zeit, in der viele Menschen aktiv politisch handelten und sich persönlich in eine Bewegung einbrachten.

Nicht so diese Gruppe Sannyasins, die von alledem unberührt in einem großen Hinterhaus im Kiez ein „Zentrum“ errichten wollte. Niemand hatte sie bisher groß bemerkt, erst als eine Wohnungsbaugesellschaft im Zuge von Verhandlungen über ein bestimmtes, vollständig besetztes Haus deren drei Etagen Hinterhaus als „Umsetzwohnraum“ anbot – die Drohung, ansonsten werde halt ohne Alternativangebot geräumt, immer in der Hinterhand.

Ich lebte nicht selbst in diesem Haus, war aber aktiver Teil der Verhandlergruppe, die sich für den Erhalt der Häuser und um friedliche Beilegung des Konflikst bemühte. Dabei war klar, dass nicht ALLE besetzten Häuser gehalten / in Mietverträge oder Bauprojekte gewandelt werden konnten – sondern man hier und da auch Umsetzwohnraum würde akzeptieren müssen.

In jenem Haus, um das es ging, lebten sehr punkige Jugendliche, die nur sehr schwer davon zu überzeugen waren, dass es jetzt besser wäre, Umsetzwohnraum zu akzeptieren (Nähe zu „schwarzer Block“). Dass es uns doch gelungen war, war ein Erfolg und machte Hoffnung, Räumungen grundsätzlich vermeiden zu können, zumindest in unserem Kiez.

Dann aber tauchten die Sannyasins auf, die bis dato keinen Mietvertrag hatten, sondern sich noch in der Phase der Verhandlungen und Planungen befanden, ihr Projekt aber bereits als „in trockenen Tüchern“ wähnten. Natürlich waren die plötzlich konkurrierenden Hausbesetzer für sie ein Schock – ein Realitätsschock gewissermaßen, sie schienen wenig von den mitbekommen zu haben, was um sie herum vorging!

Sie tauchten also im Mieterladen auf (Teil unsere organisatorische Basis und Ort jeglicher Verhandlungen) und forderten, dass wir das Umsetzangebot ABLEHNEN sollten. Schließlich seien sie als Erste dran gewesen an den drei Etagen…

Zunächst fanden wir es auch selbst schlimm, dass nun so ein Konflikt mit offener Konkurrenz bestand. Das Verhalten und die Argumente der Mala-Träger war allerdings so, dass ich es zunehmend weniger problematisch fand, sie in diesem Streit „zu besiegen“.

Nicht nur, dass sie länger schon dran waren, führten sie an. Sondern auch, dass ihr geplantes Zentrum für dynamische Medietation (u.a.) wahnsinng wichtig wäre, wichtiger jedenfalls als Wohnraum für ein paar Hausbesetzer, denen doch egal sein könne, wohin sie ziehen.

Dass es für die Hausgemeinschaft im besetzten Haus wichtig war, zusammen UND im Stadtteil zu bleiben, war für sie (verständlicherweise) kein Wert, der ihr Vorhaben toppen können sollte. Ebensowenig wie der Erhalt des Kiezfriedens, indem Räumungen verhindert und somit weitere Eskalationen vermieden werden sollten.

Sie waren „am Kiez“ eben gar nicht interessiert, hatten nur auf der Suche nach Räumen hier zusammen gefunden. Für damalige Berliner Verhältnisse (als sogar die Abendschau berichtete, was „der Besetzerrat“ jewelis verkündete) waren sie ausgesprochen realitägsfremd drauf – und dabei auch noch arrogant im Auftreten uns „unerleuchteten“ Hausbesetzern gegenüber.

Das ist ihnen schlecht bekommen. Je mehr ich von ihnen mitbekam, desto mehr schwand meine Faszination, die diese „Bewegung“ ursprünglich bei mir ausgelöst hatte.

Als sie schließlich als finales Argument uns gegenüber ernsthaft verlautbarten:

„Ihr seid der Schatten – wir sind das Licht“

war es bei mir mit der ursprünglich vorhandenen Sympathie vorbei. Ich plädierte dafür, das Umsetzungsangebot trotz ihrer voran geschrittenen Planungen anzunehmen und die Dinge nahmen ihren Lauf. Sie hatten keine Chance und mussten abziehen.

Ich gebe zu, dass ich es damals befriedigend fand, dass sie auf diese Weise doch zur Kenntnis nehmen mussten, dass auch „der Schatten“ legitime Interessen hat. Und dass Stadt- und Kiezpolitik nicht etwas ist, das man einfach ignorieren kann, weil „Erleuchtung“ ja etwas so viel Relevanteres ist!

Bücher und Kassetten von Osho hab ich später dennoch gerne gelesen und gehört. Was er lehrte, war eben auch intellektuell ziemlich weit ÜBER dem, was besagte Sannyasins uns zur Erklärung ihres Anhängertums erzählten:

„Weißt du, wenn du nur einmal in seine Augen geschaut hättest…“ (schaut verzückt)

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Ein paar Links:

  • Eine 6-teilige Doku ist auf Netflix zu sehen („Wild wild Country„), die die Geschichte der Sannyas-Bewegung und insbesondere die Phase in Oregon zeigt.
  • Die aktive „Kundalini-Meditation“ hab ich ein paar Mal praktiziert – und war schwer beeindruckt – hier eine Erklärung und hier Links zur speziellen Musik dazu.
  • Hausbesetzer II – ein kurzer, zusammenfassender Artikel über den Häuserkampf Anfang der 80ger.

 

Diskussion

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5 Kommentare zu „Damals 1981: Meine Begegnung mit Baghwans Sannyasins“.

  1. Als ich für die Ev. Kirche in der Jugendarbeit arbeitete hatte ich einen Freund der ständig über “ Aberglauben und Kirche“ lästerte. Argumentativ war dem nicht beizukommen. Dann verlor ich ihn aus den Augen, und nach paar Jahren begegnete er mir als Sannyasin mit der Mala und schwärmte von Baghwan.
    Ich habe ihn ausgelacht. Noch weniger Mitbestimmung war für mich nicht denkbar, es kam mir vor wie Heiligenverehrung!
    Ganz unpolitisch, ein Aufgehen im Ganzen(Hörigkeit)- unglaublich.

  2. Mit Bewegungen, die einen Guru brauchen und mir Erleuchtung versprechen, wenn ich denn nur meinen Kopf ausschalte, konnte ich noch nie viel anfangen. Weswegen ich auch noch nie Mitglied einer Religionsgemeinschaft war, Kirche inklusive. Glauben heißt nicht wissen. Dieses Nichtwissen hinterlässt bei vielen eine grandiose Unsicherheit, die sie durch Absolutsetzen ihres Glaubens zu kompensieren suchen. Ich habe mir nahestehende Menschen abdriften sehen, zu den Sannyasins, zu den Scientologen, aber auch in fast militantes Glaubensgehabe christlicher Provenienz – ihnen allen gemeinsam war ein erhebliches Maß an Wirklichkeitsverlust, eine deutliche Abnahme an Persönlichkeit und eine signifikante Zunahme an Intoleranz. Das sind die drei(!) Seiten ein und derselben Münze.
    Für jede Religion oder Glaubensgemeinschaft sind Eigenschaften wie Gleichmut, Demut, Gelassenheit (was ursprünglich »Gottergebenheit« bedeutete) oder eine stoische Haltung von elementarer Wichtigkeit, da diese Haltungen der Herausbildung von Hierarchien förderlich sind. Auch der Buddhismus empfiehlt den »Mittleren Weg« (also alles nicht Radikale). Menschen, die diese Ansätze in gelebte Wirklichkeit umsetzen, sind für den politischen Kampf zumeist verloren. Wäre es anders, müssten beispielsweise nach der Papstrede zum Missbrauchsgipfel die Katholiken in Scharen die Kirche verlassen.

  3. Naja, auf der Suche nach etwas anderem bin ich zufällig hier gelandet. Schon komisch, was nach so vielen Jahren immer noch so herumgeistert. Auch unter Sannyasins gab es solche und solche, wie überall. Sannyasins waren ein SEHR bunter Haufen und das war auch das wahnsinnig Spannende daran, wir waren so unterschiedlich wie alle anderen Menchen „da draussen“ und hatten aber ein gemeinsames Ziel und eine gemeinsame Liebe.
    Mein Werdegang nur mal kurz, so als Gegenentwurf zu Deinem Blog: Ich war in der Hausbesetzerszene Frankfurt aktiv, in unserer Kommune gingen RAF Anhänger ein und aus, wir kämpften gegen die Startbahn West usw. usf. Das volle Programm. Ich war aber nicht wirklich glücklich. Etliche aus dieser Szene gingen nach und nach zu Bhagwan nach Poona, letztendlich ich auch. Natürlich lies damit das Interesse an der Politik nach. Aber man kann uns nicht nachsagen, dass wir uns nie dafür interessiert hätten. Vielleicht war es eine logische Folge für manchen: Frust beim Kampf gegen den Staat, Flucht ins Innere, um zufrieden zu werden? Was ist daran falsch? Heute jedenfalls bin ich wieder politisch aktiv, aber ich sage definitiv: Meine Zeit als Sannyasin in Poona und in Oregon, diese 8 Jahr waren definitiv die spannendsten und aufregendsten, die intensivsten und schönsten meines Lebens! Auch wenn im Nachhinein nicht alles richtig war (gerade die letzte Zeit, klar), ich habe dort so viel gelernt, wie vorher und nachher nicht mehr. Punkt und Schluss.

  4. @Wiebke: wegen Urlaub erst jetzt meine Antwort, sorry! Ja klar, nicht alle Sannyasins waren Unsympathen wie diese „Lichtarbeiter“ damals! Ich kannte auch nette und interessante Leute, mit denen ich auch ab und an gerne zusammen war – hab selbst auch die dynamischen Meditationen ausprobiert und fand das toll. Auch etliche Bücher von Osho hab ich gern gelesen, insbesondere über die Philosophen und anderen Weiheitslehrer. Fand es umso erschreckender, wohin sich die Ranch dann entwickelt hat.
    Deine Analyse der Motive ist auch meine: Frust im politischen Kampf führte bei vielen dazu, sich in Richtung Selbsterforschung und Veränderung zu entwickeln. Verständlich, nur alleine reicht das auf Dauer halt auch nicht.

  5. Das „Kopf ausschalten“ und womöglich nur noch „dem Guro gehorchen“ war gerade NICHT typisch für die Sannjas-Bewegung. Ich habe ganz im Gegenteil noch nie einen intellektuelleren „Guru“ wahrgenommen als Bhagwan Shree Rajneesh, der ja Philosophie studiert hatte. Ein „klassischer Guru“ wäre bei dieser Klientel auch eher nicht angekommen, waren es doch, wie auch Wiebke schreibt, sehr aufgeweckte und oft auch politisch aktive Menschen, die nach Poona gingen. Der große Boom begann sogar mit einem STERN-Jornalisten, der sein arriviertes Leben mit Status, tollem Job und viel Besitz aufgab und dann über seine Erfahrungen den Bestseller „Ganz entspannt im Hier und Jetzut“ schrieb. Es war sonnenklar, dass DAS keine übliche Sekte ist!

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