Claudia am 21. Dezember 2018 — 3 Kommentare

Lügenpresse? Nein, Märchenpresse!

Eine kleine Sammlung wichtiger Texte über das „Geschichten erzählen“ im Journalismus. Plus weiteres Material rund um den Märchenerzähler #Relotius, der zuverlässig geliefert hat, was heute als preiswürdiger Journalismus gilt.

Mich berührt dieses Journalismus-Gate sehr, weil ich mir ernsthaft Sorgen mache, wem man eigentlich noch irgend etwas glauben kann. Allerdings: jenen, die ständig so lautstark „Lügenpresse“ rufen, trete ich nicht bei. Denn ihnen geht es auch nicht um Fakten oder gar Wahrheit, denn ihre radikal daher schimpfenden Bubble-Medien verletzen die Grundwerte korrekter Pressearbeit oft weit mehr als die gescholtenen „MSM“. Zudem kann man auch in der aktuellen Debatte erkennen, dass es noch viele engagierte Journalistinnen und Journalisten gibt, die beim #Journalismuserneuern gerne dabei wären. Ihre Namen wird man sich in Zukunft merken müssen, wogegen die Namen der Medien, die „Marken“, zunehmend irrelevant werden, wenn es um Vertrauen geht.

Und nun zu den Texten:

Vom Unbehagen, eine Geschichte zu erzählen – von Jonas Schaible / T-Online

„Wenn Journalisten über die Arbeit sprechen, dann sagen sie manchmal, sie machten da ein “Stück”. Aber meistens sagen sie: “Ich mache da eine Geschichte.” Auch im Hauptstadtjournalismus, nicht nur in der Reporterpreiswelt. Ich sage das auch. Ich habe das so gelernt an der Journalistenschule und in Redaktionen. Je renommierter das Blatt, desto mehr dominieren “Geschichten“. Keine Geschichte, kein Platz in der Zeitung.“

Eine tief gehende Analyse des „Geschichten erzählens“ im Journalismus, und was es bedeutet, wenn nicht mehr berichtet wird, sondern „erzählt“ werden muss, um als Journalist Erfolg zu haben. Sehr lesenswert!

Die Causa Relotius: Der Journalismus hat ein systemisches Problem und muss es endlich angehen – Thomas Knüwer / Indiskretion Ehrensache

„Wäre der Berufsstand selbstkritisch, müsst er sich eingestehen, dass er ein schmutziges Geheimnis besitzt: Seine Vertreter fälschen ständig, sie erfinden, tricksen und halbwahrheiten vor sich in – und man muss nur ein wenig die Augen aufmachen, um das zu erkennen.“

(mit vielen Beispielen im Artikel, sehr erhellend – und die Einleitung ist auch schon super!)

Sagen, was ist – Elsa Koester / Der Freitag
#spiegelgate Was wir aus dem Fall Relotius lernen: Journalismus, der nur nach der großen Erzählung sucht, wird blind für eine komplexe und widersprüchliche Wirklichkeit

„Nehmen wir die Story aus Fergus Falls in Minnesota. Relotius fuhr also hin, um Trumps erste Monate „aus der Perspektive derer anzuschauen, die den großen Donald mutmaßlich gewählt hatten: Amerikaner vom Land.“ Der Plan war, schreibt Fichtner, „dass sich Relotius in Fergus Falls einmietet, Leute kennenlernt, zuhört, und ein kleines Zeitbild aufnimmt, das einen die Amerikaner ein wenig besser verstehen lässt.“ Und dann schreibt er: „Der Plan geht schief.“ Moment mal. Was genau an diesem Plan ging denn schief? Relotius hat es nicht geschafft, sich einzumieten? Er schaffte es nicht, Leute kennen zu lernen, zuzuhören? Wohl kaum.

Was schief gegangen ist: Relotius wollte nicht „eine Story“ über Fergus Falls schreiben, sondern „die Story von Fergus Falls“, die in seinem Kopf schon längst geschrieben war. Die Geschichte über „die Amerikaner in der Kleinstadt“, und „die Amerikaner in der Kleinstadt“, die stellte sich Relotius offenbar als Leute vor, die hauptsächlich mit ihrem Rassismus gegenüber Mexikanern beschäftigt sind. „Die“ hat er also nicht gefunden.“

Die Verniedlichung der Welt (pdf) – Claudius Seidl, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.05.2010 (!)

„Toll geschrieben, denkt man sich, wenn man das Kanzlerinnenporträt aus dem „Spiegel“ liest, das am Freitagabend für den Kisch-Preis nominiert war, und es liest sich ja sehr flüssig bis zu dem Moment, in dem es dem Leser auffällt, dass der Autor sich die Freiheit nimmt, in nahezu jeden Kopf, der im Weg herumsteht, hineinzukriechen und von dort drinnen zu berichten, wie es sich so denkt und fühlt in diesem Kopf. Das, ein äußerst populäres Verfahren in der Preisträger- und Nominiertenprosa der vergangenen fünf, sechs Jahre, sieht auf den ersten Blick so aus wie echte Literatur. Und ist noch nicht einmal seriöser Journalismus.!“

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Mehr so als Leserservice:

Sagen, was ist – SPIEGEL Nr. 52 / 22.12.2018:

In eigener Sache: Wie einer unserer Reporter seine Geschichten fälschte und warum er damit durchkam

Das sind die 27 Seiten zum Thema Relotius aus dem aktuellen SPIEGEL, ausnahmsweise frei zugänglich als PDF: Die Ereignisse, die Aufdeckung durch Juan Morena, Kritiken von diversen Seiten, inkl. Leserbriefe.

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Update 23.12.

Die Schönheit einer Lüge – Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft, Gastbeitrag auf ZEIT-online
Der Fall Claas Relotius zeigt die offene Flanke des Edelfederjournalismus: Die Medienbranche muss sich der Macht der narrativen Verführung bewusst werden.

„Man hat die Geschichte im Kopf, man weiß, welchen Sound Leser oder Kolleginnen gerne hören wollen. Und man liefert, was funktioniert.“

Diskussion

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3 Kommentare zu „Lügenpresse? Nein, Märchenpresse!“.

  1. „Relotius“ ist der Gau auf die Mühlen der „Lügenpresse“. Was der Spiegel aber daraus macht, eine auflagengesteuerte Enthüllungsstory, als wäre dies alles fernab irgendwo in Afrika passiert, ist für mich persönlich: der SuperGAU.

    Es scheint System zu werden, schon wie im Dieselgate, dass die Verantwortlichen, ohne jedes eigene Verschulden, nie etwas wussten. Ich habe den „Spiegel“ nie gemocht und bin heute froh, ihm nie etwas von meiner kostbaren Lebenszeit abgegeben zu haben.

  2. […] Während nun der Spiegel sein eigenes Versagen zur Mega-Story mit Einzelfallcharakter verklären will, geht der Kampf um das Label “seriöser Journalismus” und gegen das Image als Lügenpresse in die nächste Runde. Ein Kompromiss könnte lauten: “Nun, dann ist es eine Märchenpresse“. […]

  3. In der Liste fehlt definitiv noch der https://kiezschreiber.blogspot.com/2018/12/gromek.html

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