Claudia am 19. Mai 2001 — 0 Kommentare

Mal wieder: Materie

Zu wissen, dass das Leben auf Schloß Gottesgabe bald zu Ende ist, ohne noch zu wissen, was genau danach kommt, ergibt einen seltsamen Zustand zwischen hier und dort, ein Unterwegs-Sein ohne Bewegung, gelegentlich begleitet von recht wechselhaften Gefühlen: Freude auf das Neue, aber auch Horror vor dem ganzen Aufwand und manchmal einfach Angst vor dem Ungewissen.

Diese Gefühle beachte ich möglichst nicht weiter, schließlich sind das alles nur Gedanken. Sie haben nichts mit der konkreten Situation zu tun, in der einfach ein Augenblick dem anderen folgt. Wenn ich bei diesen Augenblicken bleibe, gibt es keine Probleme, nur verschiedene Anforderungen, die weder besonders erfreulich noch irgendwie erschreckend wären.

Halt, nicht ganz! Erfreulich finde ich die Notwendigkeit, mich wieder mal von allerlei „Zeug“ zu trennen. Die Vorstellung, alles, was hier herumsteht, nach Berlin zu transferieren, ist so abschreckend, dass ich am liebsten nur mit einer Tasche und ein paar Aktenordnern (die wird man ja nicht los!) ganz neu anfangen würde. Eigentlich besitze ich schon jetzt nicht viel, ein paar Bücherregale (Typ Billy, Presspan, schwer!), ein altes Sofa, das Bett (Bio, breit, schwer), ein dummerweise hier angeschafftes Vollholz-Sideboard (auch schwer), einen metallenen Aktencontainer, einen kleinen Tisch, diverse kleine Teppiche, Lampen, ein Hängeregal, einen guten Bürostuhl – und natürlich das PC-Equipment. Schon der Tisch, auf dem der PC steht, ist ein Leihmöbel wie auch die kleinen Korbsessel: das stand hier alles in den Kellern herum und drüben im „Sozialtrakt“ der alten Schweinzuchtanlage fand sich ein leichter Holzschrank, den ich eigentlich richtig restaurieren wollte, jetzt lass ich ihn da, dem Holzbock zum Fraß, der sich sowieso schon daran gütlich tut.

Ich träume von mobilen Möbeln, die eine Person mit einem PKW an einem Nachmittag umziehen kann! Denn je mehr Stoff ich von einem Ort zum anderen bewegen muß, desto belasteter ist die Wohnungssuche: Je höher der erforderliche Aufwand, desto optimaler muß die künftige Bleibe sein. Man kann dann ja nicht so einfach wieder weg, wenn sich vielleicht nach ein paar Monaten zeigt, dass es der falsche Ort ist.

In meiner ersten eigenen Wohnung fand ich das Sammeln, Horten und Anhäufen möglichst vieler toller Dinge noch ganz normal. Mein Samstags-Sport war der Besuch von Flohmärkten, immer auf der Jagd nach hübschen Gegenständen. Erst Berlin, wo ich binnen weniger Jahre sieben Mal im selben Kiez umgezogen bin, belehrte mich eines Besseren. Die Umzugsfeste (10 Freunde schleppen einen Tag lang, drei Treppen runter, vier Treppen rauf, danach wird gefeiert) verloren schon bald ihren Reiz. Als erstes trennte ich mich von allen Büchern, die ich sowieso nie mehr lesen würde. Und wenn man mal mit dem sich-von-den-Dingen-trennen anfängt, macht es richtig Spaß, Ballast abwerfen tut einfach gut. Einige meiner Stationen waren besetzte Häuser, wo es sowieso obsolet schien, sich fest zu etablieren, schließlich konnte man jederzeit rausfliegen. Sowas prägt. Und wenn ich es recht bedenke, ist es doch eigentlich der Grundzustand im Leben: Jederzeit kann Schluß sein, wozu sich also so tief in die Materie einschreiben?

Einmal kam ich mit dieser minimalistischen Linie ins Zweifeln. Eine gute Freundin wollte ihren Mann verlassen. Die beiden hatten ein gemeinsames Haus am Rande Berlins, das deshalb verkauft werden mußte. Während einiger Monate machten sie jedoch die Trennung rückgängig und kauften zusammen ein neues Haus. Mehrere Wochen lang waren sie mit DEM UMZUG beschäftigt und ich konnte zum ersten Mal genau sehen, was alles da ist, wenn man nie etwas wegwirft – weil eben Platz genug ist, das alles irgendwo wegzustauen. Natürlich sagte ich mir: Sei froh, dass dich sowas niemals trifft! Aber irgendwo meldete sich auch der Gedanken: Die haben es doch zu was gebracht! Da kann man richtig sehen, wofür sie gearbeitet haben, überall stehen WERTE herum, gute teure Dinge, die zwei kinderlose Verdiener sich im Lauf der Zeit locker anschaffen können – und ich?

Zum Glück ist die Irritation folgenlos geblieben. Wie man sich in diesen Dingen verhält, läßt sich sowieso nicht „machen“, es geschieht einfach, entlang am eigenen Temperament. Ich bin schlicht zu faul und zu textorientiert, um viel Wert auf die materielle Umgebung zu legen, und das ist Vorteil und Nachteil zugleich.

Im Moment freu ich mich aber über den Vorteil, schließlich ist ein Umzug in Sicht.

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