Claudia am 06. April 2001 — 0 Kommentare

Vom Fluß

Heute also Berlin. Hat sich spontan so ergeben, denn mein Nachbar fährt hin. Ich werde alte Freunde besuchen, meinen Yogalehrer treffen, und, wenn Zeit bleibt, ein bißchen im „neuen Berlin“ herumwandern, Sonntag dann wieder „draußen“ sein, glücklich darüber. Bewegung muss wohl sein.

Muss? Warum denn so negativ? Manchmal wünsche ich, ich könnte Bereiche in meinem Gedächtnis wie eine Festplatte löschen. Da gibt es nämlich Meinungen und Überzeugungen, von denen ich mittlerweile nicht mehr sicher bin, ob sie mich nicht mehr behindern als befördern. Es sind genau die Dinge, von denen ich denke, dass sie – im Gegensatz zu vielem Gelesenen und Gehörten – wirklich „auf meinem Mist“ gewachsen sind. Zum Beispiel das Gelästere über Mobilität, Bewegung, Fortschrittsdenken etc.: Klar, das ständige Herumreisen vieler Menschen finde ich irgendwie krank, zielloses Rumfahren mit dem Auto noch viel mehr. Genauso absurd, wie dieses dauernde „Sich verbessern wollen“, Fortschritte machen (wohin bitte?), expandieren, nach dem nächsten Erfolg gieren, der dann doch bei Erreichen nichts Befriedigendes bringt, allenfalls neue Wünsche und jede Menge Neid. Und ganz besonders platt wirkt dieses Verhalten, wenn es dabei immer nur um Geld geht, als könnte das dickere Bankkonto jemanden vor dem Tod erretten.

Was ist das aber für ein Beitrag zur Welt, wenn ich mich mit solchen Meinungen „zur Ruhe setze“, meine eigenen Bewegungs- und Veränderungsimpulse nur noch spöttisch kommentiere und einfach aussitze? Die Einsicht, dass es mir gut, ja vermutlich besser geht als 90% der Weltbevölkerung, ist WIRKLICH ein Fortschritt gegenüber meiner früheren Jammerei und Schimpferei (böse Menschen, böse Welt). Aber muss das heißen, daß sich nun nichts mehr zu ändern braucht? Ja, nichts mehr ändern DARF? Das ständige „Gieren nach Mehr“ ist mir tatsächlich fremd geworden – aber wer sagt denn, daß nicht andere Formen, andere Gründe, andere Bewegungsimpulse möglich sind? Spielerische zum Beispiel?

Eine Eigenschaft dieser seltsamen Existenz ist, daß es keinen Pausenraum gibt. Man kann nicht an einer bestimmten Stelle sagen: Jetzt ist es gut so, das war’s, so kann es bleiben. Wer das tut und damit versucht, aus dem Spiel auszusteigen, wird erleben, daß von allen Seiten Kräfte auftreten, die den erreichten Status Quo angreifen. Und schon gerät man in die Defensive, beginnt, das Erreichte zu verteidigen, sich also doch zu bewegen – nur jetzt in einer unerquicklicheren Form! Mich erinnert das an einen Wildbach: da gibt es auch oft Gegenstände, die sich weigern, mitzuschwimmen, materielle Anhäufungen, die sich mal eben verkeilen, am Boden festkrallen und ihr ganzes „Gewicht“ dem Fluß entgegen setzen. Und was geschieht? Es entstehen Wirbel um diese Hindernisse herum, das Sprudeln und Ziehen wird stärker, der Fluß ignoriert die Anhäufung nicht, sondern unterspült und untergräbt sie, bis der Widerstand gebrochen ist und wieder alles fließt.

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