Claudia am 04. April 2001 — 0 Kommentare

Angst vor Veränderung

Wenn es nach der Statistik ginge, würde ich noch 33 Jahre leben. Mal angenommen, eine Fee erschiene und fragte mich: „Willst du, dass für den Rest der Zeit alles ganz genauso bleibt, wie es jetzt ist?“ Sie brächte mich in Verlegenheit, ich könnte nicht spontan antworten, wäre hin- und hergerissen zwischen dem Naheligenden „sicher nicht!“ und meiner Bequemlichkeit, Trägheit und der Angst vor Veränderungen.

Früher hätte ich locker „pro Veränderung“ gestimmt, denn es gab immer etwas, weswegen ich mich schlecht fühlte: aufreibende Arbeit, eine unpassende Wohnung, Konflikte mit Nahestehenden. Kein Problem, zu wünschen, alles möge anders werden, ich hatte ja nichts zu verlieren und sah das Leben als eine Stufenleiter, auf der man – mal schnell, mal langsam – vorwärts und aufwärts steigt und sich dabei fortlaufend verbessert. Berlin mit seinen unendlichen Möglichkeiten, das Leben (theoretisch!) täglich neu zu inszenieren, entlastete mich davon, mir über Veränderungen Gedanken zu machen. Ich brauchte ja (theoretisch!) nur auf irgend einen Zug aufzuspringen, um etwas ganz Neues zu erleben, ohne doch meine vertraute Kiez-Umgebung wirklich verlassen zu müssen, wo ich auf dem Weg zur Markthalle soviel Vertrautes zu Gesicht bekam, dass ich mich geborgen und „zu Hause“ fühlte, ohne ein Wort mit jemandem zu sprechen.

DAS hat sich geändert. Fast zwei Jahre lebe ich nun schon in diesem kleinen Dorf, 15 Kilometer vor Schwerin. Die Jahreszeiten wechseln und das Wetter ändert sich, sonst nichts. Die Intensität und Direktheit, mit der hier Sonne, Wind, Regen, Sturm, Schnee auf Körper und Psyche wirken, genieße ich sehr und kann mir die typische Schläfrigkeit und Taubheit einer Stadtexistenz kaum mehr vorstellen. Ohne dass ich dafür mehr tun müßte als die Fenster zu öffnen oder eben mal ‚raus auf die Schloßwiese zu treten, werde ich von der Umwelt ins „Jetzt“ geholt, weg von den „Traumwelten“ aus Gedanken und Plänen, Grübeleien und Wünschen, die so ein „Leben im Kopf“ ausmachen. Und WEIL diese Möglichkeit ständig nah ist, verliert diese Gedankenwelt ihre Bindekraft und Faszination – was einerseits wunderbar ist und gut tut, andrerseits macht es mir Angst.

Denn: Ich lebe nicht vom Land, ökonomisch betrachtet, sondern von der Stadt, die per Netz überall ist – zumindest virtuell. Hier „in der Pampa“ kann ich mir nicht mal eben einen neuen Beruf suchen oder mich auch nur in Gesprächen und gemütlichen Treffen mit anderen „Info-Workern“ inspirieren lassen, neue Kontakte knüpfen und zu neuen Ufern und Aktivitäten aufbrechen – und es sieht so aus, als MÜSSTE ich das jetzt mal wieder tun. Doch selbst ohne den sprichwörtlichen Schrebergarten mit Zierrasen sitze ich hier auf der Scholle fest und mein Aktivitätsradius beschränkt sich auf Fahrten in die umliegenden Supermärkte – gemütlich, aber ohne „Perspektive“.

Ich fühle mich gefordert und zerrissen, weiss aber nicht, wie damit umgehen. Früher glaubte ich, man könne ein Problem einfach analysieren, mögliche Lösungen untereinander schreiben und dann die vielsversprechendste Idee umsetzen. Das hab‘ ich lange praktiziert und mich selbst dabei fast vergessen: mein Wohlbefinden in Körper, Psyche und Geist war nie wirklich Thema, bis ich mich Mitte dreissig auf diese Art in eine große Krise geschafft hatte. Als ich wieder heraus kam, hatte sich die Welt (mit mir) verändert: Wie von selbst ergab sich, was ich jeweils tun, lernen, arbeiten mußte, bis hin zum Umzug in dieses schöne Schloß.

Und nun, nach fast zwei Jahren erlebe ich diesen Frühling, fühle: Es muss, sollte, wird sich etwas verändern…. aber was? Und was muss ich dabei tun? „Von selbst“ scheint im Moment nichts zu gehen und die alte Methode „Planen & Machen“ ist auch nicht wirklich eine Option.

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