Claudia am 23. März 2001 — 0 Kommentare

Abgesang aufs Internet?

Über 40 Prozent der Bevölkerung lehnen das Internet kategorisch ab und werden es „gewiß nicht nutzen“. Die Umfrage, die in der letzten Woche durch alle tonangebenden Gazetten gereicht wurde, könnte auch anders gelesen werden: Fast 60 Prozent sind – zumindest gelegentlich – online. Nie zuvor hat eine neue Kommunikationstechnik in solcher Geschwindigkeit die Gesellschaft durchdrungen und dabei so viel verändert wie das Netz, das INTER-Net, das sich „zwischen“ uns geschoben hat und Verbindungen ermöglicht, die vorher undenkbar gewesen wären.

Ich erinnere mich an die Zeit mit meinem ersten Computer, der zwar schon das Betriebssystem Windows mitbrachte, aber keinesfalls ein „Fenster zur Welt“ öffnete. Schreib-, Layout- und Bildbearbeitungsprogramme verhundertfachten meine Produktivität und ich bemerkte staunend, daß ich jetzt ganz allein Dinge bewerkstelligen konnte, die kurz zuvor noch sehr viel mehr Menschen erfordert hätten. Im Rückblick wirkt es eher komisch, dass vielerorts ernsthaft darüber diskutiert wurde, was man denn mit dem Gerät tun solle, wer denn einen PC wirklich BRAUCHE. Autoren schrieben melancholische Artikel über die Schönheiten der Schreibmaschine, deren letztes Stündlein geschlagen hatte. Bücher und Filme, die den Computer als künstliche Intelligenz mystifiziert hatten, erzeugten bei vielen eine diffuse Angst, bei anderen große Faszination: die einen trauten sich kaum, die Tastatur zu berühren, die anderen vertieften sich in endlose Hardware-Basteleien und Software-Installationen. Computerfreaks (Verrückte!) und Computer-Analphabeten (Idioten!) bildeten die Pole, zwischen denen die große Mehrheit ihren Weg suchte und letztlich auch fand. Sogar mein Vater legte sich noch mit 70 einen PC zu und schaffte es binnen kurzem, damit Ausgaben zu berechnen und seine „Beschwerden an den Bundeskanzler“ zu verfassen. Dass er gelegentlich abstürzte, befriedigte ihn mehr, als dass es ihn irritiert hätte: Auch der Computer kocht eben nur mit Wasser…

Begeisterung und Angst, Überschätzung und Enttäuschung, Hype und Ernüchterung begleiteten die PC-Revolution ebenso, wie kurz darauf die Einführung des Netzes. Noch immer gehen wir nicht in Datenanzügen herum, das Büro ist nicht papierlos geworden und die meisten Türen sind nach wie vor per Hand mit einem Schlüssel zu öffnen – aber stimmt das noch jemanden traurig?

Zur Zeit liest sich manche Ausgabe führender Gazetten als ein großer Abgesang aufs Internet: Der neue Markt unter 1500, Entlassungen in der New Economy, unzählige Pleiten zweifelhafter Geschäftsideen, das Netz als Milliardengrab – die Kommentare zum Ende des Hypes klingen mal höhnisch, mal verzweifelt, fast wie das Klagen in einer Beziehungskrise, wenn die unsterblich Verliebten die rosa Brille absetzen müssen, weil der Alltag sie wieder einholt.

Ent-Täuschungen

Es ist die Zeit der Ent-Täuschungen, und das ist gut so. Wenn der Wahn stirbt, das Netz werde den Menschen grundsätzlich verändern und all unsere Probleme technisch lösen, entwickelt sich vielleicht endlich ein pragmatischer Blick auf das Mögliche. Als das Telefon erfunden wurde, hat man auch erst geglaubt, es sei eine tolle Sache, um Konzerte zu übertragen. Hätte es damals schon den neuen Markt gegeben, wäre sicher solchen und ähnlichen Träumen eine harte Landung gefolgt – ist das Telefon deshalb ein Mißerfolg?

Die Schnelligkeit, mit der das Netz gewachsen ist, hat vielen kaum Zeit zu seiner Nutzung gelassen. Unzählige Akteure sind seit Jahren damit beschäftigt, eine bestimmte VORSTELLUNG vom Netz in ihren jeweiligen Strukturen umsetzen zu wollen. Kommerzielles Kalkül verdunkelte die Sicht und belegte die Zeit, die es braucht, um eigene Erfahrungen mit der neuen Technik zu machen. Wieviele „Entscheider“ haben wohl Millionen bewegt, ohne je selbst mehr als ein paar kurze Sight-Seeing-Touren im Web unternommen zu haben? Und was haben sie bei diesen Besichtigungen gesehen? Bunte Oberflächen, neuerdings film-artig aufgeflasht, wie schick! Müssen wir auch haben… Roger M. Kubarych schreibt in der ZEIT zum Einbruch der High-Tech-Aktien:

„Nur wenige Anleger haben sich ernsthaft überlegt, was geschehen würde, wenn jedes Unternehmen erst mal seine Website hat. Würde jede Firma sofort eine neue Internet-Seite gestalten, auch wenn die alte noch gute Dienste leistet? Das hätte passieren müssen, um die Branche weiter so spektakulär wachsen zu lassen.“

Auch wenn sich jemand sein erstes Fahrrad kauft, wird einige Zeit verstreichen, bevor er ernsthaft daran denkt, sich ein Neues zuzulegen. Erst wenn ich auf meinem Mountain-Bike ein paar Runden gedreht habe, merke ich, dass es mich in eine gebückte Haltung zwingt, die mir in meinem Alter auf Dauer nicht behagt – erst dann schau ich mir andere Räder an und stelle fest: Ein Tourenrad wäre eigentlich viel besser. Verkäufer, die ihrerseits niemals selber fahren, sondern mir immer nur das neueste modische Blech anpreisen, sind da keine große Hilfe.

Die Website als blosses Hochglanzprospekt ist so ein typisches „Erstrad“, das sich viele Unternehmen und Institutionen zugelegt haben. Eine weitere Vorstellung war die Idee, daraus möglichst einen funktionierenden Laden zu machen oder zumindest einen Werbeträger, der seine Kosten hereinbringt. Modelle aus der Vor-Netz-Welt, die sich nur in Teilbereichen übertragen lassen. Losungen wie „Community“ oder „Content is king“, die ja durchaus etwas Wahres über die Chancen des Netzes ausdrücken, verführten erneut dazu, ohne viel Überlegen neue „Community-Software“ oder jede Menge Content (verstanden als die immer gleichen Infos, News, Börsenkurse, Gewinnspiele) einzukaufen. So, wie man mit einem Spoiler das Auto verziert, solange genug Geld da ist.

Bei alledem herrscht noch dazu der alte Irrtum vor, im „Digital“ würden Menschen nicht mehr gebraucht, man könne die Kommunikation mit dem Besucher von teuren Programmen (Agenten, Bots etc.) abwickeln lassen. Ich will aber nicht NUR mit einem Programm sprechen, wenn ich mich als Kunde, als Kritiker oder Ideengeber, als potentieller Mitarbeiter oder Mitdenker an Firmen und Institutionen wende. Ausgehend von der jeweiligen Website kann ich durchaus „die Seele eines Unternehmens“ erkennen: Wieviel Offenheit kann es sich erlauben? Was „denkt“ dieses Unternehmen über seine Kunden? Ist Kritik erwünscht als eine Hilfe zur steten Weiterentwicklung? Sieht dieses Unternehmen nur sich selbst oder nimmt es auch seine Umwelt wahr – die gesellschaftliche ebenso wie die natürliche? Diese und andere Antworten teilen sich mir nicht unbedingt explizit mit, sondern durch die Art und Weise, wie intelligent die Mittel des Internets konkret eingesetzt werden. Es fängt schon damit an, daß ich es als einen unfreundlichen Angriff empfinde, wenn mir die Back-Taste geraubt wird: Offensichtlich hat dieses Unternehmen es nötig, mich „mit Gewalt“ auf seinen Seiten zu halten, noch dazu glaubt es, ich wäre blöd, als könne ich nicht auch auf andere Weise entkommen! Sicher, das muß jeder erstmal lernen, aber sobald der Lernschritt getan ist, verwandelt sich der technische Trick in einen Affront! Ob das den jeweiligen Entscheidern bewußt ist?

Es ist schon bald 11.00 und ich merke, das Thema ufert aus – besser, ich bringe die Ausuferungen im Webwriting-Magazin, schließlich lesen HIER viele mit, die das Netz vor allem nutzen und nicht soviel darüber grübeln, wie es denn endlich nützlich gemacht werden kann…

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