Claudia am 15. Januar 2001 — 0 Kommentare

Von Arbeit verschluckt

Das Esoterik-Thema vom letzten Mal lass ich noch ein bißchen abkühlen bis zur Wiederaufnahme. Es ist schon erstaunlich, wie sehr das die Gemüter erregt, positiv wie negativ! Die zustimmenden Leser schreiben ins Forum (herzlichen Dank!), die Ablehner mailen privat, bis hin zu Hassmails anonymer Idioten! Egal, klick und weg…

Seit Tagen hängt Nebel über der weiten mecklenburgischen Landschaft, die nun wie in Watte gepackt wirkt. Es ist kalt, doch wenn ich an die armen Leute in Sibirien denke, ist es hier vergleichsweise „sommerlich“ bei knapp unter Null grad. Ich mache denoch kaum einen Schritt nach draußen, nur mit Mühe mittags einen kleinen Spaziergang, um nicht völlig vor dem PC einzurosten.

Heute nur vier Stunden geschlafen, das Design fürs Webwriting-Magazin hat mich die letzten Tage beschäftigt und heute Nacht bin ich zu einem vorläufigen Ergebnis gekommen. Jetzt ist erstmal Abstand angesagt, bevor die letzten Änderungen „locker“ kommen können – ich liebe die Arbeit, wenn ich von ihr völlig verschluckt werde. Hab‘ dann keine Lust mehr zu irgend etwas anderem, denke selbst beim Essen an „die Ecke vom unteren Rand“, will niemanden sehen und nichts von der Welt hören, und wenn ich manchmal inne halte, wundere ich mich darüber, wie sehr mir diese Versunkenheit behagt! Dann lebe ich ganz in Formen, Pixeln und HTML-Tags und bin völlig verschont von allen Mißhelligkeiten der Menschenwelt, die mit zunehmendem Alter immer auffälliger werden.

Mailinglisten zum Beispiel, völlig unverzichtbar fürs Netzleben einer E-Workerin, unschätzbarer Pool möglicher nützlicher oder schlicht angenehmer Kontakte, Hilfe in der Not, Tipps und Tricks, die richtige Antwort auf jede Frage in kürzester Zeit – wer könnte noch OHNE sein? Alle reden von der „Wissensgesellschaft“, vom „lebenslangen Lernen“, vom Information-Overflow und was dergleichen Hype-Begriffe sind. Aber kaum einer sagt, wie ganz beiläufig erfolgreiche Formen entstanden sind, die Dinge in den Griff zu bekommen (und das MÜSSEN wir, zumindest soweit es die Brotarbeit angeht). Ohne das freiwillige und unbezahlte Zusammenwirken in Mailinglisten, ohne den kostenlosen Austausch von Informationen über jedes erdenkliche Problem, wäre in immer mehr Bereichen heute das Arbeiten gar nicht mehr möglich. Sie setzen uns in den Stand, zu Aufgaben JA zu sagen, von denen wir noch nicht ganz genau wissen, was sie alles für Anforderungen mit sich bringen: mit meiner in langen Jahren erworbenen „Grundausbildung“, mit dem Web als Informationsmedium und mit Hilfe der Mailinglisten ist jede Menge leistbar. Natürlich nicht immer allein, auch Co-Worker finden sich, wenn man sie braucht, wie wunderbar!

Doch das Listenleben hat auch eine dunkle Seite: Man könnte locker zum Menschenhasser werden! Denn eine unübersichtliche Menge von Teilnehmern reagiert in verschiedenster Hinsicht immer gleich: jeder negative Input, jede kleine Schroffheit, jede Belehrung, Kritik und deutliche Verneinung, die jemand in eine Liste postet, erzeugt regelmäßig einen Schwall von Reaktionen, die durch ihre schiere Masse das Negative verschlimmern, die Stimmung weiter in den Keller treiben, ja, sogar Leute zum Verlassen der Liste bewegen. Diejenigen, die bei solchen Gelegenheiten weise schweigen, bekommt man ja nicht mit! Nettiquette ist für Listen praktisch überlebensnotwendig und ebenso ein ADMIN/Gastgeber, der (durchaus sensibel und nicht wie ein Automat!) auf die Einhaltung drängt. Anders als im RealLife gibt es nämlich nicht den Blick in die Gesichter der Anderen, der allein schon eine disziplinierende Wirkung ausübt.

Was in den Listen geschieht, ist natürlich dasselbe, was überall abläuft, nur eben in einer speziellen Form, die ohne Körper und f2f-Kontakt auskommen muß, denn gerade darin liegt ja ihre Stärke. In den Jahren seit 1996 hab‘ ich soviel mitbekommen, dass mich nun nichts mehr erschüttert, was es in Listen zu erleben gibt: Sie kommen, sie bestehen, sie vergehen und neue finden sich zusammen, ganz wie im Real Life, immer wieder mit der Hoffnung, nun werde alles anders und viel besser. That’s life, manche nennen es tatsächlich Fortschritt, ich erlebe mitterlweile die ewige Wiederkehr des Gleichen – na und, es ist ok so, wir haben ja keine Alternative. Und die Welt besteht ja nicht nur aus Menschen… – – –

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