Claudia am 11. Januar 2001 —

Esoterik?

Ein Oliver schrieb mir ins Forum, wenn ich Lust auf Wünsche hätte, solle ich doch die Seite www.baerbelmohr.de/ aufsuchen. Und gleich haben zwei andere Leser mal eben den virtuellen Hammer gezückt und auf die „esoterischen Nebelwerfer“ kurz abgelästert. So weit, so üblich. In diesem Diary ist das hoch umstrittene Thema bisher aus gutem Grund nicht vorgekommen, doch heute hab‘ ich Lust, es nicht wie sonst zu ignorieren.

Schauen wir also hin: Bärbel Mohr begrüßt die Surfer mit dem Spruch:

„Die Welt ist das, was wir von ihr denken, aber dennoch hast du keine Wahrheit entdeckt, wenn sie nicht die Liebe – zu Dir selbst und der Welt – vermehrt.“

Daneben stemmt eine atlethisch wirkende Frau ein schlecht ins Bild montiertes „unmögliches Objekt“, wie man es von M.C.Escher kennt, das allerlei Kosmisches enthält: Planeten, Sterne, Gasnebel… Und eine Taube mit Briefkuvert im Schnabel schwebt über die Site, beides typischer Esoterik-Nippes, wie er fast überall eingesetzt wird, wo das „Wunderbare“ in den Griff genommen werden soll.

Ist die Welt NUR das, was wir von ihr wahrnehmen und denken? Die Frage ist ein zentrales Thema in der Philosophie und es wundert nicht, dass alle möglichen Antworten vertreten werden. Da ich nicht neben mir stehen kann, um zu sehen, wie die Welt unabhängig von meinem Bewußtsein aussieht, ist die Extremposition logisch nicht zu widerlegen: Alles ist nur in meinem Geist (West: Solipsismus, Ost: z.B. Nur-Geist-Lehre im Buddhismus). Jedoch, so soll mal ein ZEN-Meister seinen derart philosophierenden Schüler gefragt haben: Warum trägst du dann diesen großen Stein des Leidens in deinem Geist? Und: Wer schon mal versucht hat, sich allein mit Hilfe „positiven Denkens“ aus einem Schlamassel zu ziehen, wird gemerkt haben, dass es SO einfach nicht ist! Deshalb haben sich die gemäßigten „mittleren“ Sichtweisen durchgesetzt: Das „Ding an sich“ (bzw. die „höchste Wirklichkeit“) ist zwar unerkennbar, doch immerhin vorhanden (Kant, Mahajana). Was wir wahrnehmen, ist das, was unser Geist aus den Daten kreiert, die über die Sinne kommen, und das, was aus schlussfolgernden Gedanken darüber hinaus angenommen wird.

Das Gegenteil aller Nur-Geist-Lehren kennen wir z.B. aus dem Marxismus: „Das Sein bestimmt das Bewußtsein“. Insbesondere Alt-68er sind in dieser Sichtweise sozialisiert und reagieren gelegentlich besonders agressiv auf die Gegenpositionen. Angesichts der Tatsache, welche gesellschaftlichen Kräfte den „Geist“ an die erste Stelle setzen, hat das auch eine Wahrheit, denn: Kein Tellerwäscher wird allein (!) durch Umdenken zum Millionär! Wer im 3-Schicht-Betrieb malochen oder Jahre lang von den Ämtern leben muß, kann nur darüber lachen, wenn ihm geraten wird, sein „Armutsbewußtsein“ doch einfach mal eben zu verändern.

Das ist die Stelle, wo der Ärger herkommt, den viele (ich auch!) über die „esoterischen Nebelwerfer“ verspüren. Denn ganz egal, wie ernst und ehrlich es jemand (vor sich selbst gesehen) meinen mag, es ist doch affenklar: Die Minderbemittelten in Sachen Bildung & Besitz fallen reihenweise auf die Versprechungen herein! Esoterik lockt die Machtlosen mit simplen Wegen zu Macht, Reichtum und Wohlbefinden, die allesamt nur die Illusionen verstärken und vervielfachen, in denen sich jemand aufhält, der meint, es gäbe das schnelle Patentrezept zur Lösung aller Probleme. Eine der heute besonders marktgängigen „Lehren“, der auch Bärbel Mohr anhängt, arbeitet mit „Bestellungen beim Universum“, Zitat aus der Mohr-Seite:

„Man braucht nichts dazu. Man braucht den Gedanken nur im Kopf zu formulieren: „Liebes Universum, ich bestelle hiermit….“ und das war es. So, als würde man beim Quelle-Versand bestellen. Je selbstverständlicher man seine Bestellung absendet, desto selbstverständlicher wird das Universum liefern.“

Da klappt so manchem das Messer in der Tasche auf und alle, die sich jeden Samstag beim Universum die Lotto-Millionen bestellen, fühlen sich verarscht, bzw. nicht ALLE: viele glauben nur zu gern, ihnen fehle nur die richtige Formel, der richtige Kurs, das magnetische Amulett oder das spezifische Mantra. Und sie füllen die Kassen der Lehrer & Helfer, die sich ihrerseits nicht darauf verlassen, dass das Universum liefert, sondern sich schon ein wenig Arbeit machen mit dem Marketing für ihre Dienstleistungen.

Echt ulkig finde ich übrigens, WELCHE Wünsche da oftmals „verwirklicht“ werden. Wer zum Teufel hat denn z.B. echte Verwendung für die Kunst, per reiner Geisteskraft Löffel zu verbiegen?

Genug gelästert. Fazit: Alles shit? Das Thema hat eine ihm eigene Dynamik, die mich ins Lästern und Spotten treibt, genau wie die Kommentatoren im Forum. Ist ja auch kein Wunder angesichts dieser naiven Texte, Bildchen, Versprechungen… Und doch: Das ist nicht die ganze Wahrheit. Ohne ein anderes Bewußtsein ist „anders handeln“ nicht möglich, zumindest nicht auf Dauer. Und mein Denken und Wünschen ist ausschlaggebend für das, was mein Geist aus der Vielfalt der einströmenden Daten als „Welt“ kreiert.

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