Claudia am 15. August 2017 — 4 Kommentare

Zur Bewertung des Google-Memos: Danke, Frau Meike!

Mit dem Artikel „Google-Memo: Eine kurze Geschichte über Differenzierung und Diskriminierung“ ermöglicht Meike Lobo endlich eine sachliche Debatte über einen Vorfall, der viele Gemüter erregt.

Worum gehts? Der Google-Mitarbeiter James Damore wurde kürzlich entlassen, nachdem er in einem internen Memo (hier das Original) Googles Diversitätsprogramme kritisiert und Alternativen vorgeschlagen hatte. Die geringere Repräsentation von Frauen in der Techbranche hatte er mit biologischen Unterschieden zwischen den Geschlechtern begründet – und damit quasi in ein Wespennest gestochen.

Die Verurteilung folgte auf dem Fuße: sowohl in den Mainstreammedien als auch in den sozialen Netzen wurde der Text höchst oberflächlich als „sexistisches Pamphlet“, und „antifeministisches Manifest“ in die Tonne getreten. Google verlautbarte, eine „rote Linie“ sei überschritten und kündigte dem Mitarbeiter fristlos. Dass der Text weit mehr beinhaltet als den Verweis auf statistisch (!) signifikante Geschlechtsunterschiede, dass der Autor erkennbar versucht, konstruktiv zu argumentieren und nicht etwa grundsätzlich gegen die vermehrte Einstellung von Frauen in IT-Berufen eintritt – all das spielte keine Rolle, Klappe zu, Affe tot!

Ja, es gibt biologische Geschlechtsunterschiede!

Frau Meike macht sich zunächst die bewundernswerte Arbeit, die Basics jeglichen Statistikverständnisses zu vermitteln und den „Unterschied zwischen der Populationsperspektive und der Individualperspektive“ zu referieren: Wenn in der Wissenschaft Aussagen über gruppenspezifische Zuschreibungen gemacht werden, dann bezieht sich das immer auf „statistisch signifikante“ (=bedeutende) Mehrheiten in der untersuchten bzw. befragten Gruppe, niemals auf ALLE Individuen. Anders als der Memo-Autor hätten viele Leser/innen seine Aussagen über Geschlechtsunterschiede offenbar als individuelle Zuschreibung verstanden und sich persönlich angegriffen gefühlt. Für mich ein krasses Beispiel, wie sich ein offensichtlich defizitärer Bildungshintergrund auswirken kann!

Beim Thema „Geschlechtsunterschiede“ zeigt Meike zunächst auf, warum sie in bestimmten Kreisen so gerne geleugnet werden:

„Die biologischen Geschlechtsunterschiede wurden bisher hauptsächlich dazu benutzt, um Frauen an der Teilhabe an der äußeren, nicht-häuslichen Welt zu hindern. Gerade dieser Missbrauch führt oft dazu, dass Diskriminierungsgegner biologische Unterschiede wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Trotz leugnen – es entsteht dabei genau die Blindheit, von der weiter oben die Rede ist. Wo von wertfreien Unterschieden die Rede ist, ergänzt das eigene Gehirn eine Abwertung. Aus einer reinen Beschreibung wird reflexartig eine Beurteilung. Ergebnis vermischt sich mit Interpretation. Männer haben „typisch weibliche“ Eigenschaften so lange und so oft ignoriert, abgewertet und als minderwertig hingestellt, dass heute niemand mehr etwas von diesen Eigenschaften hören will. Doch intellektuelle Verrenkungen werden nicht helfen, dass natürliche Ungleichheiten und die Folgen, die sie für die Menschen haben, verschwinden. Durch die Leugnung überlässt man ihre Deutung denjenigen, die sie zu ihrem Vorteil (und in der Regel dem Nachteil der Frauen) zu nutzen wissen. Gerade diejenigen, die an einer gerechten Welt interessiert sind, sollten sich besonders wissbegierig auf diese Sachverhalte stürzen, weil genau hier die Stellschrauben für gerechtere Gesellschaftsstrukturen liegen.“

Wow, wie bin ich froh, dass das mal eine so deutlich sagt! Wer Fakten aus ideologischen Gründen leugnet, verlässt aus meiner Sicht jegliche gemeinsame Basis einer redlichen Debatte. Umso mehr, als ja auch die Lebenswirklichkeit bestätigt, dass z.B. Frauen mehrheitlich lieber „was mit Menschen“ als Beruf wählen – ungeachtet der vielfältigen Ermunterungen und Fördermaßnahmen, die dem entgegen wirken sollen.

Maike macht jedenfalls Schluss mit dem Leugnen und berichtet:

„Die durchschnittlichen Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind Fakt, nicht nur Meinung oder Glaube (Link 1, Link 2). Sie sind unter anderem im Wärmehaushalt, in der Gehirnanatomie, dem Bewegungsapparat, der Partnerwahl, dem Aussehen und dem Sexualtrieb vielfach nachgewiesen. So funktioniert Evolution nun einmal: sie konstruiert die Organismen so, dass sie ihre evolutionäre Funktion bestmöglich erfüllen können. Die Funktion ist natürlich – gähn! – wieder einmal die Fortpflanzung. Dass der Mensch heute in viele Aspekte der Fortpflanzung selbst eingreifen kann, ändert zwar etwas an seinem Lebensstil (Individualebene, kann abweichen von der Gruppe), aber nicht an den Millionen Jahre alten Informationen zum Thema Sex, die in seinen Zellen gespeichert sind und ihr Programm abspulen, ob er nun will oder nicht (Populationsebene, entspricht höchstwahrscheinlich den Informationen der restlichen Gruppe).“

Hier geht Meike dann noch weiter ins Detail des aktuellen Stands der Wissenschaft, bevor sie auf die Vorschläge von James Damore zu sprechen kommt:

„Statt Frauen durch starre Quoten und ähnliche Programme in die Unternehmen zu holen, sollte seiner Meinung nach versucht werden, das Arbeitsumfeld strukturell so zu verändern, dass automatisch mehr Frauen angezogen werden. Diese Vorschläge des Autors und ihre Eignung als Werkzeug zur Frauenförderung können diskutiert werden, aber sie als Anti-Diversität zu bezeichnen, grenzt schon fast an Fake News. Der Verfasser kritisiert nicht, dass Google versucht, größere Diversität zu erreichen, er kritisiert die Art, wie Google das versucht. Das ist ein riesiger Unterschied.

WIE WAHR!! Sogar in noch als seriös geltenden Medien wie DIE ZEIT wurde sein Paper als „Anti-Diversity-Manifest“ gebrandmarkt, voller „verletzender Äußerungen“. Wer Damores Text durchliest (es gibt eine Übersetzung bei den Ruhrbaronen), wird feststellen, dass es in Sprache und Wortwahl eher vorsichtig und alles andere als „beleidigend“ formuliert ist. Den aus den USA nach Europa schwappenden Trend, andere Meinungen nicht als Debattenbeiträge zu sehen, denen man mit Argumenten entgegen treten kann, sondern als „Verletzung“ bzw. „Beleidigung“, bewerte ich als feindseligen Anschlag auf jegliche rationale Debatte: Als Beleidigte und auch als Beleidigerin bin ich nämlich raus aus dem politischen Diskurs, es gibt nurmehr Opfer, Täter, Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen – letztlich Kampf und Krieg.

Frau Meike schreibt über die Reaktionen auf das „Google-Memo“:

„den Text so krass zu verzerren, ihn als „Müll“ und „sexist/racist“ zu bezeichnen, der besser sang- und klanglos in der Versenkung verschwunden wäre, ist ein absolutes Armutszeugnis für alle Personen, die das getan haben. Es erschüttert mich zutiefst, wie viele aufgeklärte, intelligente, der Wissenschaft zugeneigte Menschen in meiner Filterblase in den letzten Tagen mit spitzen Fingern kurzsichtige, inhaltlich falsche oder schlicht dumme Kommentare in die sozialen Medien gekübelt haben. Dass das zum Teil dieselben Leute sind, die für den March for truth ihr rosa Muschimützchen aufziehen, ist ein anderer Witz und soll ein andermal erzählt werden.“

Und Martin Weigert schreibt in den Kommentaren:

„Die Art und Weise, wie der Impuls, Partei zu ergreifen, bei manchen das aktive Nachdenken ausschaltete, hat bei mir nachhaltig etwas kaputtgemacht; Vertrauen in viele Branchenmedien, aber auch Respekt für bestimmte Meinungsführer und Personen, mit denen ich eigentlich viele Grundwerte teile. Erstmals habe ich gesehen, wie bereitwillig selbst gebildete Menschen abseits populistischer Extremströmungen bereit sind, den wissenschaftlichen Stand der Dinge komplett zu ignorieren und als uniformer Mob den Kopf einer Person zu fordern, solange sie ihren Standpunkt für moralisch richtig halten.“

Androzentrismus, Diskriminierung, Pathologisierung

Das bis hierher Referierte ist nur als Einstieg in den langen Artikel von Meike zu lesen, versehen mit ein paar persönlichen Anmerkungen, die meinem Ärger über die Art geschuldet sind, wie mit diesen Themen heute umgegangen wird. Richtig spannend wird es im Hauptteil, in dem sie darauf zu sprechen kommt, was sie abseits der falschen Vorwürfe an Damores Memo für kritikwürdig hält. Der Text kreist um die folgenden Themen:

  • Androzentrismus – die äußere Welt funktioniert nach von Männern geschaffenen Regeln.
  • Diskriminierung – können Männer diskriminiert werden?
  • Pathologisierung – weibliche Eigenschaften werden als irgendwie „gestört“ gelabelt

Sehr lesenswerte Themen, zu denen man verschiedene Meinungen vertreten kann. Und sich das in den Kommentaren unter ihrem Artikel auch trauen darf, da die Gepflogenheiten zivilisierter Debatten dort ganz offensichtlich gelten.

Danke Frau Meike!!!

Zum Weiter lesen gehts hier zu ihrem Artikel.

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Mehr dazu:

Johnny Haeusler: Das Google-Memo und seine Folgen

Diskussion

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4 Kommentare zu „Zur Bewertung des Google-Memos: Danke, Frau Meike!“.

  1. Der Artikel von Frau Meike ist tatsächlich in weiten Teilen wohlüberlegt und gut argumentiert. Leider hat sie – wie in den Kommentaren dazu auch schon erwähnt – am Schluß eine groben Schnitzer in ihre Argumentation gehaut.
    „Pathologisierung – weibliche Eigenschaften werden als irgendwie „gestört“ gelabelt“
    Das ist falsch. Neurotizismus – worauf sich der Ex-Google-Mitarbeiter beruft – ist einer der 5 Traits – das wissenschaftlich anerkannteste Modell zur Charakterbeschreibung, das es momentan gibt. Weil „neurotisch“ im allgemeinen Sprachgebrauch negativ assoziiert ist, vermutet Frau Meike eine androzentristische Verschwörung (sorry- das kann ich nicht anders nennen) hinter dem kompletten Modell, das Frauen pathologisiert.
    Und das, ohne wenigstens ein Alternativ-Modell vorzuschlagen. Das ist grob unwissenschaftlich. Das 5 Traits Modell wird von tausenden von Studien gestützt, es hat sicher seine Schwächen, aber es ist eben das beste Modell das wir haben. Und wenn man sich damit beschäftigt, wie es entwickelt wurde, erscheint diese hineininterpretierte Frauenfeindlichkeit lächerlich.
    Wenn man sich ein bisschen damit beschäftigt, weiß man auch, dass es in dem Modell gar keine „positiven“ oder „negativen“ Traits gibt. Der Mensch ist immer eine Kombination aus allen 5 Traits, dabei hat jeder einzelne Trait positive wie auch negative Aspekte. So korreliert „Neurotizismus“ z.B. eben auch stark mit „Kreativität“. Schade, dass der sonst so gute Text dadurch am Schluß in der Argumentation komplett absäuft.

  2. Ich finde nicht, dass ein so langer und ansonsten guter Text durch so einen Fehler entwertet wird. Mit diesem Anspruch könnte man glatt 80% der Medienartikel in die Tonne treten – auch die von den „Leitmedien“.
    Ist doch ok, wenn das von Lesern in den Kommentaren kommt!

  3. Dass nur wenige Frauen in technischen Berufen arbeiten, bedeutet nicht, dass die, die es tun, weniger können.

    Der Denkfehler geht so:

    1. Es gibt nur wenige Frauen in technischen Berufen.
    2. Das muss wohl heißen, dass Frauen das nicht so gut können.
    3. Folgerung: Eine bestimmte Frau in einem technischen Beruf ist weniger gut als ein bestimmter Mann in dem Beruf. Falsch! ( „non sequitur“, sagen dazu die Intellektuellen, glaube ich.)

    Wird zu wenig thematisiert. Wohl, weil es keinem Lager ins Schema passt.

  4. Ich hab‘ ja mal im Rahmen einer Umschulung/Weiterbildung so Basics des Programmierens gelernt (Pascal, C, C++). Das war ein tolles Abenteuer, es hat mich schwer beeindruckt! Wie spannend das war, am Programm zu bosseln:
    -> immer wieder coden, dann der Test: Klappt es jetzt endlich? Tut das verflixte Prog endlich, was es soll?
    -> Verdammt, WIEDER eine Fehlermeldung! Auf ein Neues… anderes ausprobiert, Fehlerchen beseitigt, die Spannung steigt…
    -> neuer Test, jetzt aber: Mist, jetzt kommt ein anderer Fehler, verflixt!!!!!!!
    Und wenn es dann endlich klappte: HEUREKA!!!!!!!!!!!!!! I am the Champion…

    Ein ständiger Wechsel der Emotionen zwischen Frust, Spannung mit Adrenalinschub, Freude/Glücksschub!
    Wenn ich da richtig dran war, verschwand die Welt um mich herum komplett. Es gab nur mich und meinen „Kampf“ mit dem Computer, kein Gedanke an irgendwas Anderes, nur dieses heftige Erleben von Macht und Ohnmacht, Sieg und Versagen… beeindruckend! Ich konnte kaum aufhören, wenn ich mal angefangen hatte – ein Mega-Suchtpotenzial!
    Den eigenen Code Tage später wieder zu durchblicken, war nochmal eine ganz andere Sache!
    Kurzum: ich erkannte: entweder programmiere ich in diesem Leben – ODER ich mache weiter viele verschiedene Sachen. Hab‘ mich für Letzteres entschieden, mit einem weinenden Auge.

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