Claudia am 23. Januar 2017 — 7 Kommentare

Krank und allein – was dann?

Über Antje Schrupps Hinweis „Wer sorgt für Singles wenn sie krank sind?“ fand ich den Artikel von Caleb Luna „Romantic Love is Killing Us: Who Takes Care of Us When We Are Single?“. Antje fasst ihn so zusammen:

Ein trauriger, wütender und persönlicher Text darüber, dass sich oft niemand dafür zuständig fühlt, dass Singles umsorgt und umhegt werden, wenn sie – zum Beispiel – mal krank sind oder sonstwie Hilfe brauchen. Denn das Füreinander Sorgen unter Erwachsenen ist in unserer Kultur aufs Engste verknüpft mit dem Konzept der romantischen Zweierbeziehung. Wenn unsere Ehefrau oder unser Lebenspartner krank ist, fühlen wir uns automatisch dafür zuständig, ihn oder sie zu bekochen, ins Krankenhaus zu begleiten oder sonstwie zu umhegen, da gibt es kein Wenn und kein Aber. Aber was ist mit Menschen, die nicht in einer Zweierbeziehung leben? Weil sie entweder nicht wollen oder niemanden finden?

Jedes Mal, wenn ein allein lebender Freund krank ist, biete ich Fürsorge-Aktivitäten an: Einkaufen gehen, bekochen, Medikamente besorgen und sowas. Wird aber in der Regel nicht angenommen: der Wunsch, niemandem zur Last zu fallen, ist größer als das Bedürfnis, umsorgt zu werden. Zumindest bisher, bei zum Glück nicht besonders schweren Krankheiten. Auch mein Liebster bleibt lieber allein zuhaus, wenn er krank ist, anstatt sich bei mir pflegen zu lassen. Aber beide können immerhin davon ausgehen, dass ich da bin, wenn ich WIRKLICH gebraucht werde.

Wieviele Menschen es wohl gibt, die niemanden haben, der sich im Krankheitsfall um sie kümmert? Die höchstens ein paar „Bekannte“ haben, denen sie sich nicht zumuten wollen?
Zu den Zahlen der Alleinlebenden berichtete die SZ im Mai 2014 (neuere Daten fand ich nicht):

„In mehr als jedem dritten Haushalt (etwa 37 Prozent) wohnt nur ein Mann oder eine Frau. Besonders oft (42 Prozent) wohnen Alleinlebende in Großstädten. Nur wenige entsprechen dem Idealtyp des jungen Menschen, der aus freien Stücken allein lebt: Lediglich etwa jeder sechste Alleinlebende (knapp 18 Prozent) ist jünger als 30 Jahre, mehr als ein Drittel (34 Prozent) ist dagegen im Rentenalter (älter als 64 Jahre)“.

Vermutlich sterben nicht wenige, weil sie nicht rechtzeitig gefunden werden, z.B. bei einem Hirnschlag. Das ist zwar nochmal ein anderes Problem, hängt aber ebenfalls mit dem alleine wohnen zusammen.

Wie könnten Verbesserungen aussehen?

Vermutlich ist es sinnlos, mehr „nachbarschaftliches Miteinander“ in der jeweiligen Hausgemeinschaft zu fordern. So etwas findet von alleine statt oder eben nicht. Und wo nicht, kann man es nicht erzwingen. Aber wie sieht es aus in den neuen Nachbarschaftsnetzen? Nebenan.de und WirNachbarn.com bieten seit 2015 die Vernetzung kleinteiliger Nachbarschaften an. (Persönlich ziehe ich nebenan.de vor, da die kleinteiliger agieren). Dass da nicht der Bär tobt, liegt wohl daran, dass viele ihre städtische Anonymität durchaus schätzen, aber allerlei Hilfen, Veranstaltungen und Stammtische gibt es mittlerweile ja doch. Vielleicht könnten die ja so eine Art „Krankenbesuchs-Zirkel“ etablieren. Im Stil der sozialdemokratischen Krankenbesuchsvereine: wer teilnimmt und Kranke besucht, hat auch selbst Anrecht auf Krankenbesuche. Da die Mitglieder „verifiziert“ sind (zumindest bei nebenan.de, die anderen kenn ich nicht so) muss man nicht fürchten, dass da „irgendwer“ kommt, um mal eben was mitgehen zu lassen…

Für den Notfall hab‘ ich mal rumgesucht, was es da so gibt. Und bin auf mein-notruf.de gestoßen, die eine App für den Notfall anbieten – man muss angeblich nicht mal mehr sprechen können, um den Notruf auszulösen. Das Hilfe-Versprechen richtet sich zwar vornehmlich an alle, die unterwegs in eine Notlage geraten, doch wird auch der Hausnotruf erwähnt:

„Für Senioren und Seniorinnen, die einen kostengünstigen und mobilen(!) Hausnotruf suchen, mit dem sie schnell und unkompliziert Hilfe alarmieren können. Das bedeutet Unabhängigkeit für Zuhause und unterwegs.“

Die Abo-Preise sind sehr erschwinglich und gewiss muss man nicht „Senior“ sein, um die App zu nutzen. Aber: man muss noch das Handy bedienen können…

P.S.
Der Nutzen solcher Apps ist insofern doch recht zweifelhaft. Denn: wenn ich telefonieren kann, kann ich auch gleich die 112 anrufen! Ist mir dann doch beim nochmal Lesen verstärkt aufgefallen. Es gibt da also keine sichere Lösung, mal abgesehen von totaler Überwachung mit Bewegungsmelder, der meldet, wenn ich nichts mehr rührt. Tja, alleine wohnen ist halt Risiko-Wohnen, das lässt sich nicht wirklich ändern.

Diskussion

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7 Kommentare zu „Krank und allein – was dann?“.

  1. Ich stelle mir manchmal vor, wie es sein würde, wenn ich irgendwann allein sein würde. Oder meine Frau. Das sind beunruhigende Gedanken. Solange man zu zweit ist und das vorausgesetzte Maß an Liebe und Zuneigung existiert, lässt sich vieles ertragen (https://goo.gl/39YPR8). Außerdem können viele auf ihre Familie setzen. Ich habe gelesen, dass 3/4 aller Pflegebedürftigen immer noch zu Hause versorgt werden. Ich finde, das ist ein gutes Zeichen für unsere Gesellschaft. Wenn ich davon spreche, kriege ich andererseits aber auch manchmal zu hören, dass manchen die Kosten für Pflege und Heim zu hoch wären oder sie einfach das Pflegegeld kassieren wollten. Ich kann meine Erfahrungen und Ansichten nicht auf die Allgemeinheit übertragen. Aber in dieser Hinsicht glaube ich an das Gute im Menschen.

    Wer als Single lebt, wird es wohl vor allem in unseren Großstädten nicht leicht haben, wenn man bei Krankheit oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen auf fremde Hilfe angewiesen ist. Hier auf dem Dorf scheint das noch etwas anders zu sein. Wir leben in einem 6-Familien-Haus. Hier lebt eine jüngere Frau mit 2 alleinstehenden und nicht mehr gesunden älteren Damen zusammen. Außerdem gibt es aktuell 3 ältere Ehepaare (in unserem Alter). Wir helfen uns alle gegenseitig. Wenn was ist, sprechen wir uns ab und das funktioniert. Eine der alleinstehenden Frauen leidet unter den Folgen der Kinderlähmung. Morgens bringen wir ihr Brötchen mit und legen die Zeitung vor die Tür. Für größere Einkäufe kommt ihr Sohn, wenn kleinere Dinge benötigt werden, stimmen wir uns kurzfristig ab. Das geht einfach. Eine Freundin von uns, die seit kurzem geschieden ist, wurde operiert und darf nicht laufen. Um sie kümmern sich ihre Kinder. Wir helfen beim Einkauf.

    Aber alleine sind die Menschen trotzdem die meiste Zeit über. Mein Schwager lebt auch seit Jahren allein. Und wenn man sich krank fühlt oder krank ist, ist das sicher schwierig. Manche Leute sind, wie du auch schreibst, gern allein oder vermeiden es möglichst, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Das muss man auch respektieren. Aber ich kann deine Gedanken dazu gut nachvollziehen.

  2. Das ist ein weites Feld. Und nur ansatzweise aufzureissen.
    Ich kann hier nur einige Beobachtungen und Gedanken anführen:

    1) Ich hatte mal einen Meditationskurs bei einem Körpertherapeuten belegt und wurde bei einer der Stunden gewahr, daß er zuvor einen Mann in seiner Praxis hatte, dessen Frau vor einiger Zeit gestorben war.
    Ich erschrak, wie beeinträchtigt mir der Mann erschien.
    2) @Claudia, was machst Du, wenn Du und Dein Partner Euch beide nicht mehr gegenseitig helfen könnt? Jeder in seiner Wohnung (fest-)sitzend?
    3) Ein Freund von mir wirkte bei einem Projekt mit, dessen Ziel es war, gemeinsam mit anderen ein Haus zu kaufen, um es gemeinsam in gegenseitiger Fürsorge zu bewohnen. Was daraus geworden ist, weiß ich nicht.
    4) Selbst in ländlicher Gegend ist Nachbarschaftshilfe nicht usus. Ok, manchmal fahre ich eine gehbehinderte Frau, wenn sie bei mir klopft, mit ihren Einkaufstüten nachhause.
    Fakt ist, daß der bedürftige Mensch sich auch regen muß! Ich hatte mal in Malta 2003 eine Engländerin erlebt, die ihren Stuhl frühs immer aufs Trottoir stellte, um Kontakt zu haben. Ich fand das so erfrischend!
    Abends stellte ich mal ihren Stuhl in den Hinterhof zurück. Es war erfrischend, mit ihr ein paar Worte zu wechseln!
    In Bergdörfern Italiens sieht man ältere Männer oft auf der Grundstücksmauer in der Sonne sitzen, bereit für einen Gruß oder ein Schwätzchen. Hierzulande ist man sich zu schade dafür.
    Es gibt hier aber eine alte Dame jenseits der 90, die immer wieder einen kleinen Spaziergang macht und sie bekommt dabei immer wieder freundliche Ansprache, ich freue mich, sie zu sehen! Auch wenn sie meist dasselbe erzählt wie das letzte Mal…Aber ihre Lebendigkeit und ihr Wille, noch gut zu leben, beeindruckt mich und tut mir gut!
    4) Vielleicht versprach man sich in früheren Zeiten so etwas wie einen Gotteslohn, wenn man Hilfsbedürftigen half. Meine Großmutter war solch eine Frau. Obwohl selbst leidend, war sie „für alle da“. Meine Mutter hatte eine ähnliche Herzensgüte auch praktiziert. Sie kümmerte sich um ihre alleinstehende Schwester und zu anderen Zeiten um eine psychisch kranke Frau.
    5) Man sollte Hilfe nur dann anbieten, wenn man sie dauerhaft leisten kann. Ein Rückzug nach schon erbrachter Hilfe ist als kritisch anzusehen.
    6) Einsamkeit ist wohl eine ganz schlimme Folter, mehr noch als Gebrechlichkeit. Die fortgesetzte Einsamkeit führ zu Depression, wodurch noch weniger Chance besteht, etwas zu verändern.

  3. danke für Eure ausführlichen Kommentare! Bin grad am arbeiten, momentan nur zu einem Punkt

    @Claudia, was machst Du, wenn Du und Dein Partner Euch beide nicht mehr gegenseitig helfen könnt?

    Das wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht eintreten, da er 14 Jahre jünger ist… :-)

  4. @Horst: na, das ist ja mal was Positives aus dem Dorfleben! Die gute Vorderseite der Medaille, auf deren Rückseite sozialen Kontrolle steht, die viele dazu treibt, das Dorf zu verlassen.

    @Gerhard: interessante Gedanken, die mir nicht unbekannt sind. Hab‘ auch schon von diversen Hausprojekten gehört, aber noch nicht von einem, das auch wirklich stattgefunden hat.
    Dass es hier keine Mäuerchen und Stühle vor der Tür gibt, liegt wohl auch am Klima, das der Entwicklung einer solchen Tradition in unseren Breiten eher entgegen steht. Es ist übrigens etwas, das in meiner Zeit in besetzten Häusern sehr beliebt war: Aneignung des öffentlichen Straßenlands. Das war sehr entspannt und angenehm! Ging natürlich nur im Sommer und nur deshalb, weil uns die Behörden in Ruhe ließen. Wegen ein paar Stühlen auf dem Gehsteig machte man damals – Anfang der 80ger – keinen Ärger.
    Solange man „sich regen“ kann, ist es ja noch toll, denn da hat man es noch selbst in der Hand, wie gesellig man sein möchte.

  5. Hausnotrufe gibt es nicht nur als App. Meine Mutter hatte einen Knopf am Handgelenk, ca. 30 Euro im Monat. Mobiler Pflegedienst. Drücken, ein Anruf kam. Ging sie nicht ran, kam sofort Hilfe ins Haus. Das klappte sehr gut.

    Leider kamen wir da erst drauf, als fast zu spät war. Zu Hause gestürzt, konnte sie sich nicht mehr helfen und wurde nur gerettet, weil der Nachbarin auffiel, dass sie die Zeitung nicht reinholte. Allerdings ist meine Mutter nicht Single, sondern Witwe.

    Ich selbst wäre, lebte ich allein, wahrscheinlich tot. Einmal, weil ich ohne Druck von Franziska nicht ins Krankenhaus gegangen wäre, zweimal, weil sie, als ich es schon nicht mehr konnte, den Notarzt gerufen hat.

    Meine Schwester hat sich für ihr Alter mit Freunden zu einer Alters-WG verabredet, weil einigen von ihnen die Rente zum Leben nicht reichen wird. Das auszugleichen. Ein Haus haben sie schon. Nicht allein zu leben, dürfte ein weiterer Vorteil dieses Plans sein.

  6. Das kenne ich so gut, gerade aktuell, weil mich eine echte Grippe niedergestreckt hat. Ich wünschte, ich wäre nicht alleine, aber auf die Fragen der Freunde ob sie kommen oder was tun sollen, sage ich auch meist nein. Um nicht zur Last zu fallen, aber auch weil ich nicht besuchs-angemessen unterhaltsam sein kann, wenn sie dann kämen. Umso dankbarer bin ich der Freundin, die garnicht fragte „ob“, sondern einfach simste: „ich kauf jetzt ein, dann komm ich und koche. Brauchst du noch was Bestimmtes?“

  7. @Dirk: ein Glück, dass du nicht alleine wohnst! Danke für deinen Bericht, der die Brisanz des Themas bestätigt! So einen Alarmknopf sollte nicht nur an gebrechliche kranke Senioren vermarktet werden, sondern an alle, die alleine wohnen.

    @Doris: oh, gute Besserung!!! Dieses „ich will nicht zur Last fallen“ ist wirklich ein Hindernis! Gut, dass du so eine pragmatische Freundin hast!

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