Claudia am 17. April 2013 — 19 Kommentare

In Teufels Klauen – zur Krisenlage

„Wir müssen alles tun, was möglich ist, um die private Nachfrage zu steigern.“ Das sagt IWF-Chefökonom Olivier Blanchard, der die Lage in Europa „besorgniserregend“ findet, wie bei SPON zu lesen ist.

Passend dazu hab‘ ich heute dieses Plakat gesehen:

plakat

Bin extra vom Fahrrad abgestiegen, um es abzulichten, immerhin werden da die letzten großen Werte, nämlich Liebe und „das Göttliche“ vom Marketing okkupiert bzw. umgenutzt ins „Bemühen, die private Nachfrage zu steigern“

Wachstum: Not-wendig und selbstmörderisch zugleich

Diesseits anderer Krisen-Faktoren ist DAS aus meiner Sicht die stärkste Wurzel der Krise: Es gibt kein natürliches Wachstum mehr. In Europa haben länger schon alle, die genug Geld oder Kreditwürdigkeit besitzen, um MEHR zu kaufen, keinen Bedarf nach MEHR. Man hat alles, was man zum Leben braucht und viele haben sogar weit mehr als das. Ja, einige beginnen sogar, zuviel Besitz als Last zu begreifen und sich von der Konsumismus-Religion angeödet abzuwenden: ab ins Abenteuer Richtung Down-Sizing, Entschleunigung, „weniger ist mehr“…. Gleichzeitig verarmen immer mehr Menschen oder geraten zumindest in Angst, ihren Status Quo zu verlieren und fallen damit auch als Wachstumstreiber aus. Wachstum aber wird benötigt, denn unser Geld/Finanzsystem funktioniert auf Dauer nur mit Wachstum.

Klar, ab und zu gelingt es noch, eine neue Produktlinie zu kreieren und z.B. allen einzureden, dass man hochwertige Espresso-Maschinen haben muss, und anstatt Kaffeebohnen oder Pulver mehrfach so teure „Pads“. Aber das sind seltene Glücksfälle, deren Erfolge zudem prekär bleiben: eine Waschmaschine MUSS man haben, wogegen eine Espressomaschine verzichtbar ist, wenn sie nach Ablauf der Garantie-Zeit per Obsoleszenz allzusehr nervt.

Auch Smartphones und Tablets sind eine neue, boomende Produktkategorie. Gefühlt wichtiger als die Waschmaschine, weshalb viele bereit sind, in kurzen Abständen die jeweils neuesten Gadjets zu kaufen. Der deutschen Wirtschaft hilft das allerdings nicht groß auf, „wir“ machen ja immer noch lieber in Maschinen, Autos und Waffen.

Versteckte Deflation

Im Briefkasten fand ich gestern das Werbe-Anschreiben eines Versandhandels, bei dem ich noch nie etwas gekauft hatte. 20% auf alles wurden mir angeboten, sofern ich bis Ende Mai Kunde werde und für über 50 Euro einkaufe. Klar, ich hab mal kurz überlegt, ob ich nicht irgend etwas sowieso brauche, was ich hier günstig kaufen könnte. Aber nein, mir fällt grade nichts ein, zudem weiß ich, dass solche Angebote immer wieder kommen. Läden, bei denen ich schon mal Kunde war, senden regelmäßig die Botschaft: Kauf was bis zum…, dann SPARST du X Prozent.

Als eine, die alles Benötigte gerne im Netz kauft, wurde ich schnell aufmerksam auf das „Gutschein-Code-Feld“ im Bestellprozess. Und damit auf die im Web kursierenden Gutscheine mit ebensolchen Lock-Rabatten, die es von Hinz und Kunz immer wieder gibt. Bevor ich also den „kostenpflichtig kaufen“-Button drücke, google ich zuvor noch nach „Anbietername Gutschein“ und schaue, ob es gerade Rabatt gibt. Oft mit Erfolg.

Hat man dann etwas gekauft, ist das Bemühen um die Nachfrage-Steigerung noch nicht zu Ende: gelegentlich lande ich dann auf einer Seite mit weiteren Gutscheinen, die mich mit ordentlichen Rabatten anderswohin locken wollen.

Bei mir haben sie alle Pech: ich kaufe tatsächlich nur, was ich wirklich brauche. Insofern bin ich einer der vielen Sargnägel des auf Wachstum angewiesenen Systems. Und nicht mal vornehmlich aus Rebellentum oder Kritik, sondern weil ich andere Interessen habe als Shopping, „sparen“, Schnäppchenjagd etc.

Eigentlich wollte ich nicht ins Persönliche abschweifen, sondern meinen allgemeinen Eindruck mitteilen: Wir befinden uns längst in der gefürchteten Deflation: man wartet darauf, dass es noch mehr Rabatt gibt, bis man sich herbei lässt, das nächste, nicht unbedingt lebenswichtige Dingsda zu kaufen.

Das ist GIFT für das komplexe System, das all unsere Krisenverianten gebiert: Schuldenkrise, Geldkrise, Bankenkrise, Euro-Krise etc. usw. Also wird gerettet, was das Zeug hält: mehr Schulden gemacht, mehr Geld gedruckt, Demokratie abgebaut und und und.

Das Retten und Rumwursteln auf allen Ebenen (nicht nur in Europa) ist so entsetzlich „alternativlos“, weil wir mehr und mehr begreifen, dass wir „das Böse“ tun müssen, allein um unseren Status Quo zu erhalten. Und dass das vermutlich nicht mal reichen wird.

Immer mehr Konsum weit über das Notwendige hinaus verschleudert sinnlos Ressourcen, produziert Müllhalden, Dreck- und Plastik-verseuchte Meere, erzeugt Hunger, Krieg und soziales Elend in vielen Ländern, verschärft den Klimawandel zu unseren Ungunsten, belastet und beraubt künftige Generationen – und DAS sollen wir also mittels vermehrter Konsumanstrengungen ERHALTEN WOLLEN?

Ja, sagt ein Teil meiner Selbst: Wir müssen! Sonst wird es hier realweltlich deutlich ungemütlicher, auch für Dich!

WIE IRRE IST DAS DENN? Weil es offenbar keinen bewusst gestalteten Übergang bzw. keine Rückkehr ins „vernünftige Wirtschaften“ gibt, auf den man sich einigen könnte (!), entwickelt sich das Geschehen eben in seiner unberechenbaren Eigendynamik weiter. Jeder gegen jeden, obwohl doch alle wissen, dass in der globalisierten Welt alle voneinander abhängen! (Selbst Angela Merkel sprach zu Beginn ihrer Kanzlerschaft schon gleich von den „kommunizierenden Röhren“…. )

„In Teufels Klauen“ hab‘ ich diesen Artikel betitelt, nicht weil ich an den Teufel als Geistwesen glaube, sondern weil die Metapher für unsere Situation gut passt: Wenn man sich gewungen fühlt, das vernünftigerweise maximal Schädliche zu tun, weil jegliches Abweichen von diesem Kurs die eigene, im Weltmaßstab privilegierte Lebensweise massiv beschädigen würde – tja, dann ist man tatsächlich „in Teufels Klauen“ gefangen!

Diskussion

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19 Kommentare zu „In Teufels Klauen – zur Krisenlage“.

  1. Vielleicht ist die „im Weltmaßstab privilegierte Lebensweise“ nicht das Gute. Vielleicht ist das Böse zu tun, um den Wohlstand zu wahren, Räubermoral. Vielleicht macht Wohlstand nicht glücklich. – Da ich keine Deflation spüre (die Miete wurde erhöht, Gas und Strom wurden teurer, die Kartoffeln auch, das Einkommen blieb gleich, wir haben ca. 15% weniger als letztes Jahr und nur die Computer wurden billiger, aber ich brauche grad keinen) und kein Geld übrig habe, das frisst die Krankenhaus-Selbstbeteiligung, muss ich zum Glück nicht über diese Zwickmühle nachdenken, die du des Teufels Klauen nennst, was mir gefällt – aber wenn ich es täte, würde ich einsehen, dass ich was davon habe, wenn mein Geld ein anderer hat… weil davon wieder ein wenig zu mir herabtröpfelt? Weil „Ist der Herr glücklich, freut sich der Hund“? (Was wohl stimmt.) Aus der Küche meines Teufels droht Revolution. Die mag ich nicht, weil sie meist blutig ist. Also fress ich lieber Scheiße, weil ich mich fürchte. Ich kenne viele, denen es ähnlich geht. Darum, nur darum, so scheint mir fast, bleibt alles, wie es ist. Man wird ja satt, auch wenn man friert, riskiert doch lieber nichts. Ein schlechtes Gefühl, weil ich nicht mehr kaufe? Auf diesem Planeten lebe ich nicht. Leider. Oder zum Glück. – Danke für den verblüffenden Gedanken zur Nacht.

  2. Das ist ja nicht neu mit dem Konsum. Konsumiert wurde schon immer auf Teufel raus. Ich kann mich etwa an einen Urlaub vor 20 Jahren erinnern, bei dem eine Mitreisende soviel kaufte, daß sie am Ende nicht wusste, wie sie die Dinge transportieren sollte. Andere hatten auch gekauft, in mehr moderatem Umfang, kamen aber notfalls mit der üblichen Methode, einen Teil des Mitgebrachten einfach zurück zu lassen, weiter.

  3. hallo Ihrs:)

    ein gespenst geht um in der verbraucherwelt
    ein gespenst, das stets das gute will
    und nur neue schulden schafft, ein geist
    der bei dir teufel heisst.

    meine situation ist demgegenüber nun überhaupt
    nicht geeignet den markt mit seinem gesamten
    (überflüssigen) angebot auch nur im geringsten zu
    unterstützen, darum ist mir völlig wurscht
    was ein neues klingeldings oder heisswasser-
    ver“edelungs“schnickschnackdingsbums kann.

    ICH KANNS MIR NICHT KAUFEN.

    und das ist auch gut so.

    Tonnenweises Werbebroschur-papier ist die
    pure Verschwendung, füllt meinen mülleimer
    fernsehen hab ich sowiso nicht und ernährung
    kostet mich rund 300 Euronen im Monat.

    durch -selbstverschuldetes- finanzielles
    Vehlferhalten bin ich seit 2-3 Jahren
    ständig am rand des Abgrunds, ein Abgrund
    der sich so langsam in einen treuen Freund
    verwandelt hat. (gute Freunde sagen immer,
    wenns auch noch so weh tut, was wirklich Sache
    ist.)- mein freund hat mir also schmerzhaft
    beigebracht, dass es auch anders geht,
    ich brauche den ganzen konsumweltdreck
    nicht im allergeringsten. mir regnets -noch-
    nicht auf den kopf wenn ich übernachte,
    gegen die 4 grad plus im Wohnzimmer gibts
    zwiebelschalenkleidung und wolldecken,
    konsum ist nicht luxusbefriedigung sondern
    reine notwendigkeit, darum ist weniger (billiger)
    mehr. mein körper macht diese rosskur klaglos mit
    krankheiten kenne ich nur aus erzählungen anderer.

    wozu also all der tinneff?
    ich BRAUCH ihn nicht.nein.
    luxuskonsum, NEIN DANKE!

    und irgendwo tief innen sagt mir eine stimme
    „dir passiert nichts,alles kann und wird
    gut werden, es gibt eine ausgleichende
    gerechtigkeit,selbst wenns mal etwas
    länger dauert“

    also geduld, es wird schon werden.

    gruss i.m.sz

  4. @Dirk: nicht VIELLEICHT, sondern ziemlich sicher! Und nicht mal nur „böse“ in Bezug aufs System, das Wachstum braucht (weshalb es ja auch den Bach runter geht, wenn Regierungen drastisch sparen müssen) und damit gleichzeitig Umwelt vernichtet, sondern ebenso für alle, die bequem an Bildschirmen sitzen und so das Geld für Nötiges und Unnötiges verdienen (Sitzkrankheiten, Verarmung der Erlebenswelt etc.).

    Man hat sich dran gewöhnt, diesen Status als das Optimum zu begreifen: weder muss man sich körperlich anstrengen, wie etwa Müllwerker, noch hat man sozialen Stress, wie etwa Lehrer. SPAM-Mails und vielerlei Geld-verdienen-Seiten singen das Lied vom immer anstrengungsloseren „arbeiten“ (warum nicht einfach eine Stunde mit Optionen handeln und 6000 Euro im Monat machen?)

    Das „Trickle down“ funktioniert auch nicht mehr, denn auch „die Reichen“ haben eher von allem zuviel. Das nicht gebrauchte Geld wird eben nicht verkonsumiert, sondern rast als notleidendes Kapital um die Welt, auf der Suche nach rentablen Anlagen, die es aufgrund der Krise nurmehr in „Blasen“ gibt, die jederzeit platzen können.

    Ich habe kein schlechtes Gefühl, weil ich „zu wenig kaufe“ – auch ich könnte mir viel MEHR nicht leisten und bin wirklich froh, gar nicht erst den Drang zu verspüren!

    Trotzdem ist es seltsam VERSTÖREND, dass das gesamtgesellschaftlich „Rettende“ (=mehr Konsum, mehr Verbrauch, mehr Wachstum) gleichzeitig das ist, was man als vernünftig denkender Mensch dem Planeten wahrlich nicht mehr zumuten sollte.

    @Ingo: auch du bist fürs System keine Stütze, wahrlich nicht. :-) To toi toi, dass dir deine Gesundheit lange erhalten bleibt!

  5. nanu, mein Kommentar weg? Hatte vorhin was gepostet, ganz links auf der Eingangseite wurde dies auch angezeigt und bei nochmaligem Versuch kam auch die Meldung, daß ich genau das schon gesagt hatte…
    Sei es wie es will: Ich erinnerte mich an ein Konsumverhalten von vor 20 Jahren, als eine Mittouristin soviel Dinge einkaufte, daß sie am Enden nicht wusste, wie diese heimzubringen wären. Andere Kauf-Lustige hatten wenigstens die Option, sich einen Teil ihres Koffers zu entledigen, um das zu schaffen – sie waren halt „gemässigt“ konsumbewusst gewesen.
    Nun war das, um es abschliessend nochmal darzustellen, nicht so, daß diese Artikel per se besonders interessant waren..

  6. Wie Weihnachten, Ministerinnen rufen „kauft!“, „wie denn?“, fragen kleine Leute, der Handel fürchtet schmalen Zuwachs, doch dank der Bank wird alles besser, wie jedes Jahr, allein die Kirchen glänzen leer und traurig, wer ewig lebt, mag keinen Zins.

  7. …Egal wie, egal was, man kann uns noch die irr-(und blöd-)sinnigsten Plakate an die Wand kleben, es ändert im Grunde nichts (mehr). Auch ich denke einerseits: Uff,es reicht ja nun sowieso längst mit dem immer-weiter-immer-mehr, aus all den von Dir genannten Gründen, aber: was wird kommen? Es geht den Bach runter, bis wohin? Die ANGST ist es (jedenfalls bei mir), die immer mal wieder dazu führt, dass ich denke, es soll doch lieber alles noch so lange wie nur möglich weitergehen. Wenn ich gerade keine Angst habe, dann finde ich das Ganze auch spannend und interessant und sehe, dass viele Leute erfindungsreich werden in Krisenzeiten, mehr Solidarität entwickelt…und da es ja nun mal so IST…

    Zwischen Empörung, blanker Angst, Interesse und Hoffnung…
    ein aufregendes Thema, danke für Deine klare, ehrliche Art, darüber (und auch sonst) zu schreiben.
    Jan S. Kern

  8. @Jan: genau so empfinde ich auch – wobei ich leider „mehr Solidarität“ noch nicht wirklich wahrnehme.

    Die Entsolidarisierung und Isolierung vieler Einzelner ist seit den 90gern sehr fortgeschritten. In vielen Kommantarspalten wird über „faule Hartzer“ gelästert, es werden erhöhte Versicherungsbeiträge für Dicke gefordert, die Kinder lieber in Schulen ohne Immigranten eingeschult – und wer irgend ein Verhalten der Net-Giganten kritisiert, bekommt fast schon einen Shitstorm nach dem Motto: das sind gewinnorientierte Unternehmen, noch nicht gemerkt? Was die machen, ist für den neuen globalen Untertan offenbar sakrosankt!

    Viele „Systemkritiker“ sind, wenn man genau hinsieht, zu einem guten Teil Vermögende, die um ihre „Anlagen“ und Renditen fürchten oder mit der Angst der Menschen gute Geschäfte machen. Ihre Rezepte, falls neben „der Crash steht unmittelbar bevor“ überhaupt etwas formuliert wird, scheren sich einen Dreck um die Auswirkungen auf die große Mehrheit – etwa wenn zum Rückzug des Staats aufgefordert wird und dass man besser alles ohne jegliche Einmischung den „Märkten“ überlassen solle. Und jene, die das „Falschgeldsystem“ anprangern und den Rest der Welt als schlafende Schafherde, die nichts checkt, betrachten, sind dann wiederum ausgesprochen sauer, wenn vom „wertlosen FIAT-Money“ irgendwo mal alles über 100.000 abgeschöpft wird.

    Ja, ich pauschalisiere und tippe dies und das nur kurz an – insbesondere zur Rettungspolitik hab‘ ich keine feste Meinung, obwohl ich seit 2008 gefühlt „alles“ über die Krise lese. Gut verstehen kann ich allerdings, dass die Hemmung bei den Akteuren mit politischen Ämtern groß ist, irgend etwas „Drastisches“ zu tun – die Folgen könnten unabsehbar sein und wer will dafür gerne Verantwortung tragen?

  9. @Gerhard: aus mir nicht erklärlichen Gründen waren deine Kommentare im SPAM gelandet! Shit happens…

  10. Kann ich hier noch „regelmässig“ kommentieren? Bin gespannt.

    Dabei waren meine Kommentare sauber, un-agressiv und un-langweilig, sofern ich das beurteilen kann.

  11. Beeindruckend, wie gut Du über Tatsachen und Sachlagen im Bilde bist (ich bin das zugegebenermassen nur in groben Zügen)!
    Solidarität „von oben“ gibt es weniger denn je, und das ist eine Katastrophe…die ja gerade zu dem zusammenbrechenden System gehört…und schon spüre ich wieder Angst in mir aufsteigen, Hilflosigkeit und Wut!
    Was ich aber, neben alledem, hier um mich herum (und bei mir selber) AUCH sehe, ist, das nicht wenige Menschen im Einzelnen irgendwie verantwortungsbewusster, oder vielleicht allgemein BEWUSSTER leben…und daraus geht eben Hilfsbereitschaft und Solidarität hervor… so habe ich jedenfalls das Gefühl…
    oder ist mein Wunsch nach einer solchen Entwicklung dermassen stark, dass ich mir das einbilde??

  12. @Gerhard: na, warum solltest du NICHT kommentieren???? Bloß weil mal was im System gehakt hat? Ich hab wie gesagt keinen Schimmer, warum die Kommentare im SPAM gelandet waren – und als ich mich dann damit befasste, hatte ich sie noch nicht gelesen (sondern mittlerweile den von Jan, auf den ich reagiert hatte).

    Klar wurde auch früher viel konsumiert, aber mittlerweile hab ich den Eindruck, dass bei vielen Anbietern schiere Verzweiflung herrscht, weil es eben nicht GENUG ist! Deshalb diese Rabattschlachten (natürlich nicht beim Grundbedarf, da können Preise einfach erhöht werden) und das immer umfangreichere und fantasievollere Bemühen um mehr Konsum.

    Ein dazu passendes Krisensymptom sind auch die Kreditangebote, die zunehmend per Mail kommen. Man soll sich verschulden, soll mehrere Kreditkarten haben und alle Einkäufe per Karte tatsächlich auf Kredit machen – rückzahlbar in MiniMini-Raten mit ordentlich Zinsen auf „ewig“. Nichts ist schlimmer fürs System als nur zu kaufen, was man sich leisten kann!

    Und jene, die sich mehr leisten können, haben einfach schon alles… 17% weniger Auto-Käufe, ja wundert das jemanden nach der Abwrackprämie 2009?

    Mein Artikel wollte nicht das aktive Konsumieren Einzelner anprangern, sondern das verrückte Krisengeschehen in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen auf die Wurzel „nicht genug Wachstum / Grenzen des Wachstums“ beziehen.

    In der „Realwirtschaft“ gibt es angesichts so gesättigter Märkte nicht genug Investitionsmöglichkeiten, deshalb hat sich ein verrückter Verhau seltsamster Finanzgeschäfte und Wetten entwickelt, von dem ganze Staaten leben (->City of London). Eine Weg „zurück zur Normalität“ kann ich nicht erkennen – weit schlimmer aber ist, dass es so aussieht, als wüsste niemand so recht, wie….

  13. @Jan: ja klar, im „realen Leben“ sieht es weit besser aus in Sachen Mitmensch und Solidarität, als wenn man nur auf das medial vermittelte schaut! Das bildest du dir sicher nicht ein, ist aber eben auch davon abhängig, mit welchen Menschen man sich so konkret umgibt.

    Vor was hast du konkret Angst?

  14. Hm, gute Frage…
    Vielleicht ist es „einfach“ Angst vor Veränderung, vor dem Unbekannten, ja, ich glaube, das ist es hauptsächlich, wenn ich ganz ehrlich bin…Existenzängste auch, hin und wieder ganz klar materiell, aber wie gesagt, ich habe beileibe nicht dauernd Angst! Und Du? Destabilisiert es Dich nicht zu sehr, so ausgiebig mit den diversen Medien in Kontakt zu sein?

  15. @Jan: nein, eigentlich nicht. Mein Alltagsleben ist ja nicht davon abhängig, ob ich zu einer Meinung im komplexen Gestrüpp der Rettungspolitik komme. Und ich fühle mich eher besser informiert, über das, was vorgeht, indem ich MEHR Medien, auch jede Menge Mindermeinungen lese. Zwar weiß ich dann noch immer nicht, was im besten Fall getan werden sollte/könnte, kenne aber viele verschwiedene Blickwinkel, die es dazu gibt. Und gelegentlich fallen dabei Fakten/Infos an, die ich z.B. im Mainstream nicht bekomme.

    Was die Sicherheit angeht, so bin ich es als Freiberuflerin gewohnt, vergleichsweise prekär zu leben. Eine Rücklage für 3 Monate und ich fühl mich ziemlich „sicher“! :-) Als schreibfähige Webworkerin kann/könnte ich sehr viele unterschiedliche Dienstleistungen erbringen, es gibt also immer Möglichkeiten, wegfallende Aufträge durch andere zu ersetzen. Von einem Totalzusammenbruch mit Stromausfall gehe ich so schnell nicht aus (und selbst dann: es gibt Notstandsgesetze, gegen die ich zwar als 14-Jährige demonstrierte, die im Fall des Falles aber durchaus nützlich sein können). Sollte ich irgendwann mal Hartz4 brauchen, würde ich deshalb auch nicht gleich depressiv werden.

    Seit 2005 bin ich zudem gärtnerisch aktiv – erst war das mehr Zufall, dann wurde es zum schier unverzichtbaren „2.Lebensfeld“ neben dem Homebüro. Da pflanze ich Gemüse an, ecke wegen „zu unordentlicher Beete“ gelegentlich an und genieße das Leben! :-)

  16. Was für eine Energie Du hast! Ich selber bin anders veranlagt, labiler in gewisser Hinsicht, denn wenn ich täglich Nachrichten lese oder höre oder sehe, verliere ich mich und bin schnell zu nichts mehr zu gebrauchen. Was nicht heissen soll, dass ich mich nicht für die „Weltlage“ interessiere (wie Du siehst!). Hab‘ mich lange schuldig gefühlt (zumal in meiner Ursprungsfamilie täglich Zeitungen in mehreren Sprachen gelesen und keine „Tagesschau“ ausgelassen wurde), aber mich jetzt einigermassen zurechtgefunden in alledem, und finde es sehr interessant, zu lesen, was Du berichtest, über dieses Thema und auch sonst.

    Gemüsegarten und (relativ) prekäre Finanzen habe ich übrigens auch, bin ganz mit Dir einverstanden, damit und dennoch das Leben immer wieder zu geniessen!

    Bis demnächst! (Ich glaube, so was schreibt man üblicherweise nicht unter einen Kommentar, aber ich tu’s trotzdem.)

    Jan S. Kern

  17. Es ist wieder einmal die Gier, und da ist keiner frei davon, das richtige Product, den richtigen Preis und wir werden alle zu Schnäppchenjäger. Und das hat mit dem Teufel, den es ja gar nicht gibt, gar nichts zu tun. Jeder entscheidet selbst, für sich, ob er das braucht und niemand ist ein Opfer – wir wollen immer dort sein wo die Masse auch ist und wenn wir da nicht mitmachen, hat so mancher, so ein Gefühl, er/sie gehöre nicht dazu. Da gibt es nur eines, alle Werbung ignorieren und einfach nicht mehr mitmachen. Das meiste ist ja doch nur Müll und unbrauchbar.
    Liebe Grüsse zentao

  18. @zentao: es ist ja gerade die „alternativlose Klemme“, in der wir und befinden, dass dieses von dir empfohlene Verhalten in den Abgrund führt! Nämlich wirtschaftlich, finanzsystemtechnisch: all das funktioniert nur bei WACHSTUM! Damit habe ich mich nun seit Krisenbeginn ausgiebig genug befasst, um das sagen zu können.

    Es sieht tatsächlich so aus, dass wir auch ohne jede persönliche Gier, ja ohne Interesse an irgendwelchen Produkten, erkennen müssen: unser Wohlstand ist auf Wachstum, auf MEHR KONSUM, auf MEHR PRODUKTION und SCHNELLEREN VERBRAUCH gebaut – und wenn das ausfällt, weil alle satt sind (=lieber sparen/Geld anlegen als noch MEHR zu kaufen) und der Rest sich kein „mehr“ leisten kann, dann bleibt nicht einfach alles, wie es ist, sondern dann geht die Wirtschaft knallhart den Bach runter. Und wenns schlimm kommt, werden letztendlich viele zivilisatorische und kulturelle Errungenschaften weggespart (werden müssen) – mit allen sozialen Verelendungsfolgen, die das so mit sich bringt, inkl. Gewalt, Kriminalität etc.

    DAS meint „in des Teufels Klauen“! Denn ewiges Wachstum ist auf einem begrenzten Planeten unmöglich….

  19. […] Zum Thema Sedierung passt natürlich auch Konsum und Reklame – Claudia Klinger hat sich im Digital Diary ihre Gedanken zum Wachstumswahn und dem Konsum gemacht: „In Teufels Klauen – zur Krisenlage“ […]

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