Claudia am 11. Mai 2012 —

Talkshows: die Arroganz der Großverdiener – oder: Wer ist WIR bei Anne Will?

Anne Will eröffnete ihre letzte Talkshow zum Thema „Griechen und Franzosen wählen den Sparkurs ab – zahlt Deutschland alleine die Zeche?“ mit den folgenden Sätzen:

„Heute ist nicht einfach nur Mittwoch, sondern auch – Achtung: Europa-Tag! [betont, als müsste sie eine schleimige Kröte anfassen].
Das würde, wenn man ehrlich ist, ansonsten auch schon kaum jemanden vom Hocker reissen, aber es wirkt in diesen Tagen nochmal bizarrer: Da egal, wo in Europa – ob in Frankreich oder noch krasser in Griechenland – gewählt wird, es drunter und drüber geht. Und vor allem eines ‚raus kommt: dass die Wähler uns ’ne lange Nase zeigen!“

Ich kann gar nicht veröffentlichungsfähig in Worte fassen, wie mich diese tendenziöse Meinungsmache „von oben“ ankotzt! Wer ist das „Wir“, von dem Anne Will so überheblich ausgeht? Vermutlich meint sie „uns“, die wir Griechenland auch in der größten Pleite noch Waffen für viele Milliarden verkaufen? Oder auch „uns Deutsche“, die wir über zwei Billonen Staatsschulden angehäuft und als erste die Defizit-Grenzen des Maastricht-Vertrags ignoriert haben?

Gewiss aber meint sie „uns Großverdiener“, die wir richtig was zu verlieren haben, wenn es im Gebälk des Finanzsystems knirscht. Mit einem Jahreshonorar von 6 Millionen Euro aus GEZ-Gebühren gehört man ja schnell zum „Not leidenden Kapital“ – und wir wissen ja: Besitz belastet. Arme Anne!

Musste sie doch schon auf den Mittwoch ausweichen, um dem noch weit besser honorierten Günther Jauch Platz zu machen. Der ARD ist seine mittelmäßige Show ganze 10,5 Millionen jährlich wert. Der Gebührenzahler ist also mit 4487.18 Euro pro Minute dabei, wenn Jauch wie letzten Sonntag mehrfach nachfragt, um den politischen Geschäftsführer der Piratenpartei Ponader dazu zu bringen, das Hasswort „Hartz4“ auszusprechen. Dass der „gelegentlich von Sozialleistungen lebt“ war ihm nicht deutlich genug.

Klar, „Sozialleistungen“ sind ja in den öffentlich-rechtlichen Sendern auch etwas ganz anderes: So bekam die ehemalige Sportreporterin Monica Lierhaus nach schwerer Kranheit als Nachfolgerin von Frank Elstner für 450.000 Euro/Jahr ihren „Platz an der Sonne“. Wo sie nun jeweils Sonntags mühsam ein paar Sätze spricht – immerhin stellt sie soziale Projekte vor, inhaltlich weit entfernt von der Menschen- und Wähler-verachtenden Arroganz einer Anne Will.

***

Zu Günther Jauch am letzten Sonntag siehe auch:

Können Sie von Ihrem Weingut leben? oder: ein offener Brief an Günther Jauch.

Und über das Elend der TV-Talkshows:

Nichts ist mehr wahr – dank TV-Gladiatoren-Polar-Talk – Günther Dück

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Diskussion

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5 Kommentare zu „Talkshows: die Arroganz der Großverdiener – oder: Wer ist WIR bei Anne Will?“.

  1. Jutta Dithfurt sagt schon mal etwas pampig, wenn sie ungebeten in die Gemeinschaft der Abgreifer eingemeindet wird: Ich bin nicht „wir“. Aber solche Versuche sich sprachlich abzusetzen sind rührend und naiv,
    denn inzwischen steht usn ja nicht mal mehr das Vokabular zur Verfügung, um uns gegen unseren Mißbrauch zu wehren.

    Aus dem Arbeiter wurde der Arbeitnehmer, der Fabrikant wurde zum Arbeitgeber -Geben ist seeliger denn Nehmen. Dieter Hundt ist jetzt mein Sozialpartner. Der im Kapitalismus überflüssig gewordene Mensch wird als „Arbeitsloser“ verniedlicht. ach ja, und der endgültige Niedergang des kapitalismus wird als „Krise“ bezeichnet. Es ist eben ein vorübergehendes Phänomen.

  2. lebowski: Korrektur.

    Für die durch eine „Wohlstandsdelle“ „freigesetzten“ „Humanressourcen“ organisiert man das „sozialverträgliche Frühableben“ zur „Entsorgung im finalen Erdmöbel“, sofern keine „Anschlussverwendung“ in einer „Auffanggesellschaft“ besteht.

  3. Volle Zustimmung zu:
    „Ich kann gar nicht veröffentlichungsfähig in Worte fassen, wie mich diese tendenziöse Meinungsmache “von oben” ankotzt! Wer ist das “Wir”“

  4. diese anne will und ähnliche konsorten haben nun einmal den – auch noch weit überbezahlten – job, die massen zu verblöden.
    um solchen sendeschrott zu vermeiden und die darsteller um ihre unverdienten euronen zu bringen, hilft nur absoluter boykott dieser dummlaber-runden.

  5. Im verlinkten Blog-Eintrag hat Dueck das, was mich an Talkshows geradezu körperlich anekelt, treffend ausgeführt.

    Wenn ich (auf Dienstreisen im Hotelzimmer) zufällig auf solch eine unsägliche Sendung stoße, bleibe ich keine 5 Sekunden drauf. Das Weiterzappen kommt schon reflexartig.

    Gruß
    Ralf