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Claudia am 25. September 2010

Geschlecht und Geschlechtsrolle: weiblich, männlich, menschlich?

Als Kind bekam ich genau wie meine Schwestern einen jungenhaften Kurzhaarschnitt und trug die meiste Zeit Hosen. Wir wurden von den Eltern so zugerichtet, fernab von jeglichem Kleinmädchen-Schick. Den vermisste ich allerdings auch nicht, sondern litt schwer darunter, dass ich zum Spielen im Hof nicht die neuen, angesagten “Blujeans”, sondern nur altertümliche Trainingshosen bekam – ein Elend!

Mein Vater behandelte mich eher wie einen Sohn, verlangte Mut und Kampfkraft im Umgang mit der manchmal grausamen Kinderbande (wobei ich hoffnungslos versagte) und förderte Wissen, Leistung, Intellekt. Schon vor der Einschulung hatte ich mir das Lesen und Schreiben “zusammen gereimt”, hatte immer gute Noten, las mich begeistert durch die öffentliche Bibliothek und merkte erst in der Pubertät, dass mir etwas fehlte.

Zwar war es hoch spannend, dass sich auf einmal Jungs für mich interessierten, doch hatte ich echte Schwierigkeiten, im exzessiven “wir machen jetzt auf Frau-Wettkampf” der anderen Mädchen mitzuhalten. Binnen kürzester Zeit waren meine Klassenkameradinnen echte Koryphäen in Sachen Schminken, konnten die Marken und Produktlinien besser aufsagen als die englischen Vokabeln und besuchten in den Freistunden die Kosmetikabteilungen umliegender Kaufhäuser. Ich ging mit, weil ich dazu gehören wollte, doch langweilte ich mich zu Tode! In der Tanzstunden-Zeit mühte ich mich ab, auch ein wenig “gestylt” zu erscheinen, für den Disko-Besuch kämpfte ich stundenlang mit dem Auftrag eines blauen “abziehbaren” Eyeliners, der mir partout nicht in gebotener Ästhetik gelingen wollte – alles in allem eine Würgerei! Ich erkannte: mir fehlt es irgendwie an kompetenter “Weiblichkeit”.

Alles verändert sich, wenn wir es verändern

Das war damals nicht weiter schlimm, denn um uns her tobte die 68er-Kulturrevolution. Es gab andere, neue Identifikationsmöglichkeiten und alsbald machte die neue Frauenbewegung von sich reden, die das “Schmücken, um Männer aufzugeilen” sowieso grundsätzlich ablehnte. Frau verbrannte die BHs (für mich gut, denn ich hatte mich eh nie daran gewöhnen wollen!) und althergebrachtes Rollenverhalten war nicht mehr angesagt. Sondern: SELBST ist die FRAU!!

Ich hatte sowieso nie daran geglaubt, aufgrund meines Geschlechts irgendetwas schlechter zu können oder nicht tun zu dürfen, was Männer können und dürfen. Und ich war ein wenig zu jung für die ganz große politische Ernsthaftigkeit, sondern pickte mir aus allem das heraus, was mir passend und nützlich schien. Mit der Frauenbewegung verband mich der Frust, den ich empfand, als ich bemerkte, wie geil all die Jungs im Grunde waren, die sich an mich heran machten. Wollte ich doch für meinen INTELLEKT geliebt und begehrt werden – und nicht für meine weiblichen Formen, für die ich ja gar nichts konnte! Trotzdem hatte ich früh Sex und bemühte mich, darin “gut” zu sein, wie es der Zeitgeist verlangte. Es ging nicht um Lust (die lernte ich erst später kennen), sondern um Rebellion: wir zeigen den Alten, dass wir heute GANZ FREI sind und alles machen, was sie uns gerne verbieten würden! So mühte ich mich also ab mit meinen damaligen Kurzzeitpartnern, die sich ebenfalls schwer bemühten, den neuen Anforderungen gerecht zu werden und alles genau so zu machen, wie es in den Magazinen stand (Vorspiel!!! Klitoris-Stimulation etc. usw.). Vermutlich machen das heutige Jugendliche ähnlich, nur haben sie das krasse Vorbild der Pornofilme statt einfühlsamer Anleitungen von Oswald Kolle – muss schrecklich sein!

Endlich erwachsen und in einer eigenen Wohnung angekommen, machte ich begeistert Ernst mit dem “selbst ist die Frau”. Renovierte meine Bude von Grund auf, agierte mit Säge, Bohrmaschine, heftigen Chemikalien und Lacken. Spielte Schach in einem Verein, in dem es nur eine andere Frau (um die 70) gab, kämpfte mich ans erste Brett vor… bis alle begriffen hatten, dass auch Frau Schach kann und mich nicht mehr für die Bedienung hielten, wenn ich bei den Turnieren erschien. Dann verließ mich der Ehrgeiz, denn es gab nichts mehr zu beweisen und “tote Holzklötzchen herum schieben” erschien mir auf einmal recht öd.

Wer bist du? Arbeite an dir!

Mittlerweile hatte die Psychotherapie-Bewegung ihre große Zeit. “Therapie-erfahren” galt als Plus in Kontaktanzeigen und bei Bewerbungen um den freien Platz in einer WG. Ich lernte, dass ich offensichtlich “meine männliche Seite lebe” und dass es angesagt wäre, auch den weiblichen Anteilen mehr Raum zu geben. Hm… so richtig was damit anfangen konnte ich nicht. Sollte ich meinen Verstand (auf den ich doch so stolz war) etwa herunter dimmen, hübsche Kleidchen tragen und spät, aber doch noch das “weibliche Styling” erlernen? Wenn ich verliebt war, nahm ich durchaus mal ein paar Kilo ab und kleidete mich ein wenig aufreizender – aber das hielt immer nur ein paar Wochen oder Monate an. Und das “Gefühlige”?? Himmel, mein Verstand erschien mir doch gerade als das Bollwerk, das mich vor allen Einbrüchen und Schwachheiten gut schützen konnte. Warum das freiwillig abbauen?

Man lernt nicht durch Gehörtes und Gelesenes, sondern begreift die eigenen Unvollständigkeiten meist allein durch das Leben. Durch das Scheitern, genauer gesagt. Ende 30 erlebte ich den Burnout meines ersten Lebensentwurfs, kündigte dem inneren Sklaventreiber und lernte die zweite Hälfte des Himmels kennen: geschehen lassen statt streben und kämpfen, auf die eigenen Gefühle achten und sie auch mal an die erste Stelle setzen, Schwachheiten zugeben und nicht gleich bemänteln und bekämpfen, auf Andere hören, zuhören, um Hilfe bitten können, statt immer alles allein schaffen zu wollen. Die eigenen “Schattenseiten” anschauen und akzeptieren, nicht mehr ignorieren, sondern ihnen sogar Raum im Leben geben. Mein eigenes So-Sein von Augenblick zu Augenblick als gegeben annehmen, genauso wie das Wetter – anstatt fortwährend die tolle Person sein zu wollen und für den “den guten Eindruck” und die Ausweitung persönlicher Macht zu leben.

In dieser Entwicklung erkannte ich irgendwann, dass ich jetzt meine weibliche Seite integrierte. Die auch etwas mit meiner Mutter zu tun hat: Sie liebte mich für mein bloßes Dasein, war aber “weltlich” (=dem Vater gegenüber) machtlos, wofür ich sie stellenweise verachtete. Weil sie mir nicht helfen konnte gegen das Erziehungsversagen meines Vaters, der für mich die “Terrorperson” in Kindheit und Jugend gewesen war. Der mir dennoch erfolgreich das Leistungsdenken eingepflanzt hatte, das mich Liebe und Zuwendung um meiner selbst willen nicht wahrnehmen ließ. Sondern immer nur die Anerkennung aufgrund von Leistung und Machtgewinn.

Neue Irritationen

Um die 40 bekam meine nun eigentlich “komplette” Sicht auf das Thema Geschlechtsrollen nochmal einen weiteren Impuls: eine lesbische Kollegin, mit der ich in einem Projekt zwei Jahre zusammen arbeitete, hörte sich meine Geschichte an und fragte: Was bewegt dich dazu, deine intellektuellen Fähigkeiten, deine geistige Klarheit und deine Power, hier mehrere Arbeitsgruppen zu leiten, als “deine männliche Seite” anzusehen? Du bist doch durch und durch weiblich und packst das ganz locker: Warum ordnest du ein paar wunderbare Aspekte des Menschseins dem Männlichen zu? Bloß weil man das kulturell so tradiert?

Sie war in keiner Weise kämpferisch oder verbissen und was sie sagte, leuchtete mir unmittelbar ein! Ich hattte immer schon Männer jeden Alters kennen gelernt, die eher das traditionell “Weibliche” lebten – und ebenso eine Menge Frauen, die durch Eigenschaften glänzten, die man dem “Männlichen” zuordnet. Warum also tun wir immer noch so, als sei das alles in Stein gemeiselt und sehen immer noch “männliche” bzw. “weibliche” Seinsweisen – obwohl das lange schon nicht mehr so zutrifft? Selbst viele “Girlies” zelebrieren ihre Koketterie doch eher spielerisch, quasi als mutwilliges Rollenspiel auf dem Hintergrund einer fortgeschrittenen Unabhängigkeit von Geschlechtsrollen, von der ihre Großmütter nur träumen konnten?

Susanne fasste die alten, aus dem analogen Denken stammenden Zuordnungen im vorigen Kommentargespräch (zur Monogamie) so zusammen:

Männlich – das ist die nüchterne Analyse, mit kantigem Kinn in den Raum gestellt, damit es jeder sieht.
Weiblich – das ist die augenzwinkernd vorgebrachte Beobachtung, und dabei rasch den Rocksaum zurecht gezupft, bevor es einer sieht.

Männlich – das ist sich extrem zum Affen zu machen und gerade deswegen für seinen Mut und seine exorbitante, gedankliche Schärfe bewundert zu werden.
Weiblich – das ist sich schrecklich ungeschickt zu geben, wenn du was Dummes oder vielleicht doch Schlaues sagst, und dabei auszusehen, als würde es sich dennoch lohnen, dich flach zu legen.

Männlich – das ist das Wort Substanz.
Weiblich – das ist das Wort Form.

Und weiblich ist der Mond, männlich die Sonne. Frauen können nicht einparken und Männer hören nicht zu. Männlich ist der Geist und weiblich das Gefühl. Natur, Erde und die Nacht sind weiblich, wogegen Technik, Himmel und Tag dem Männlichen zugeordnet werden.

Wem nützt es – und wenn ja, wie?

Haben wir heute noch irgend einen echten Nutzen von dieser Denkungsart? Wir leben im Zeitalter der Wissenschaft und die zeigt uns immer wieder, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern lange nicht so drastisch sind: ein wenig mehr räumliches Vorstellungsvermögen hier, etwas mehr Sprachkompetenz da – und beide Geschlechter können das jeweils Andere locker “nach-trainieren”.

“Als Frau” fühle ich mich vor allem in der erotischen Begegnung mit einem Mann. Ansonsten bin ich in der Selbstwahrnehmung einfach nur “ich”: ein Konglomerat aus verschiedensten, mal mehr mal weniger in den Vordergrund tretenden menschlichen Eigenschaften und Kompetenzen. Warum sollte ich die nach Geschlecht auseinander sortieren, obwohl sie doch allesamt IN MIR existieren?

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20 Reaktionen zu “Geschlecht und Geschlechtsrolle: weiblich, männlich, menschlich?”

  1. Claudia Klinger schreibt:

    Dazu hätte ich noch viel mehr schreiben können, was ich zugunsten der Lesbarkeit aber lieber unterlasse. Ihr könnt gerne Einschlägiges aus der letzten Diskussion zitieren, wenn es sich anbietet!

  2. Inga Wocker schreibt:

    Genau das! Toller Text, danke

  3. Elmar schreibt:

    Vermutungen:

    Wir bewerten uns und andere danach, wie genau wir/sie unsere Vorstellung von einer Rolle erfüllen – je weiter wir/sie vom Soll abweichen, desto negativer fällt unser Urteil aus.

    Wir sind Schauspieler, die im Verlauf kurzer Zeit ständig Rollen wechseln nach dem Glauben, welche angemessen ist für das wann und wo wir uns mit wem befinden.

    Wir sind mehr Tier als Verstand und die Umstände können jeden von uns zu den schlimmsten Taten veranlassen. Deshalb sollten wir den Verstand benutzen, Umstände zu schaffen, die ein gutes Miteinander ermöglichen. Es gibt weit zu wenige Rollen – Anleitungen, wie wir uns verhalten sollen – so dass jeder passende findet.

  4. Gerhard schreibt:

    Ein komplexes Thema ist das mit der Geschlechteridentität und daher umso reizvoller, weil man vielleicht erst beim Kommentieren seinen Standpunkt entwickeln kann und muß.
    Meine frühe Erfahrung war, daß sich meine Mutter gerne ein Mädchen gewünscht hätte. Sie gebar 4 Jungs und auch ihre Schwestern gebaren Jungs. Erst das 12. Kind unter den Geschwisterkindern wurde ein Mädchen.
    Ich wurde (man ist ja als Kind extrem hellhörig) gewahr, daß sich meine Mutter ein Mädchen wünschte. Bei mir war dieser Wunsch konkret gewesen, bei den anderen Jungs eher nicht (zumindest weiß ich nichts davon). Ich denke, ein Mädchen war meiner Mutter seelisch näher und die Männerwelt war nicht ihre, schon immer. Eine Verbündende gegen die Männerwelt war ihr Traum – aber es gelang ihr nicht.
    Ich hatte als Kind reichhaltige Locken (auch als junger Mann) und meine Mutter sagte nicht nur einmal zu Bekannten„Seht her, dies ist mein Mädchen!“. Ich entwickelte so das inständige Bedürfnis, Mutters Wunsch zu entsprechen. Beim Spiel als 4-5 Jähriger mit gleichaltrigen Mädchen erwähnte ich, daß ich ja auch ein Mädchen sei! Eines der Mädchen, vielleicht eine so forsche wie @Susanne, meinte nur knapp und schnippisch: „Und was hast Du da unten!?“. Da ist für mich schon so etwas wie eine Welt zusammengebrochen.
    Ich wurde dennoch ein (richtiger) junger Mann, aber mit gewissen (deutlichen ) Verzögerungen. Noch mit 17 rühmte ich mich innerlich, Mädcheneigenschaften zu besitzen: Sanft zu sein, ohne Agressionen, zart im Gesichtsausdruck, lange Haare, sozusagen ohne Testosteron.
    Soviel ein Einblick in ein nicht unbedeutendes Detail meiner Kindheit.

    Jetzt springe ich mal wahllos – zu Schach. Claudia kann es, war gut darin und Susanne kann es auch, hat sogar bizarre, neue Eröffnungen entwickelt.
    Zu meiner aktiveren Zeit gab es den Versuch eines Ungarn, zu beweisen, daß Frauen es genauso weit im Schach bringen können wie Männer. Einer seiner Töchter gelangte dann tatsächlich in die Weltspitze und die anderen zwei wurden immerhin Großmeister. Und dennoch blieb dieses Experiment ein ganz einzelner Versuch. Nachwievor sind Frauen in der Weltspitze NICHT vertreten – nur diese eine Frau ist in den Top-200.
    Vor 2 Jahren war ich bei einem großen Turnier in Mainz und beobachtete dort einige Spieler. Ich war besonders überrascht von einer Russin, die extrem gut spielte. Zuhause spielte ich einige ihrer Partien nach. Ihr Spiel war geschliffen, ohne Makel und hatte „nichts mehr mit Frauenschach“ zu tun. Es beeindruckte mich, mit welcher Routine und Härte sie spielte.
    Aber woran liegt es, daß die Frauen hier noch nicht in der Breite aufgeholt haben? Darüber wird schon sehr lange gerätselt. Ich kann hier auch keine Antwort geben, kann nur undeutlich und abstruß von sozialen Faktoren sprechen. Das Argument, daß Männer von Grunde auf agressiver seien und es deshalb weiter im Schach bringen, zählt für mich nicht wirklich. Gerade die Topfrauen spielen sehr agressiv und bestimmt und man kann da sicher nicht darauf bauen, daß diese Frauen nach 4 Stunden Spielzeit in ihrem eminenten Druck nachlassen. Also was es ist, was zu der Geschlechterdiskrepanz hier führt, weiß ich nicht/kann ich nicht anführen.
    Soweit

    Gruß
    Gerhard

  5. Uwe schreibt:

    Der Geist ist nicht männlich und nicht weiblich. Er kann Schach spielen, analysieren und Worte formen, sich und anderen etwas vorstellen. Was er nicht immer kann: Einem Körper und einer Seele dienen.

  6. Matthias schreibt:

    Je mehr ich versuche, mich rational diesem Thema zu nähern, desto mehr, so scheint mir, entferne ich mich von der erhofften Auflösung. Vielleicht ein Stoff, der sich durch die Betrachtung selbst verändert?

    Words are violence, break the silence.

    Gruß
    Matthias
    (… immer mal wieder hier. Danke.)

  7. Claudia schreibt:

    @Gerhard,

    hab dank für deine sehr persönliche Geschichte mit den Geschlechtsrollen! Angesichts einer solchen Kindheit wird z.B. klar, dass du in einem Workshop, der dir nahe legt, “die weibliche Seite zu entwickelnt” ganz anders betroffen bist als andere, die so eine tendenzielle “Zwangsfeminisierung” nicht erlebt haben!

    Ich schrieb zwar, dass mein Vater wohl lieber einen Sohn gehabt hätte, doch ist das eine Einschätzung aus später Erwachsenenzeit. Er hat mir als Kind genau das Gegenteil versichert (dass er das explizit tat, spricht Bände, aber geschenkt…). Dass wir als Kinder eher “jungenhaft” ausgestattet und frisiert wurden, lag m.E. eher an seiner Angst vor dem männlich-begehrenden Blick auf die weiblichen Töchter als am bewussten Wunsch nach einem Sohn.

    Schach: vielleicht gehört diese Spezialfähigkeit ja zu denjenigen, für die das männliche Gehirn tatsächlich “im Durchschnitt” besser ausgelegt ist. Ich schätze aber mal, dass die “sozialen Komponenten” tatsächlich eine größere Rolle spielen – und dazu zähle ich auch die geringere Geneigtheit vieler Frauen, sich in verengte Wettbewerbe/Konkurrenzsituationen ohne konkreten Nutzen zu begeben. Mir hat das Siegen jedenfalls nichts mehr gegeben, als das Motiv weggefallen war, zu beweisen, dass Frauen es auch können.

    Noch etwas, das ich richtig witzig fand, spricht es doch Bände bezüglich der zeitgebundenen Bedingtheit der Zuschreibungen zu “männlich” bzw. “weiblich”:

    “lange Haare, sozusagen ohne Testosteron”

    Ha ha! Das lange Haar war lange Symbol männlicher Kraft und Stärke. Delila ließ dem Samson sein Haar scheren und raubte ihm damit seine Kraft – ein sehr bekannter Mythos immerhin. :-)

  8. Wildgans schreibt:

    wunderbarer text, authentisch kluge, ehrliche kommentare ohne spielchen.
    gruß von sonja

  9. Gerhard schreibt:

    @Claudia, ehrlichen Dank für Deine Response – dachte schon, mein privates Erinnerungs-Kleinod würde unentdeckt/gewürdigt bleiben.
    Was meine Mutter anbelangt und ihre Angst vor dem Männlichen – die ich mir erlaube, so zu sehen, aus all den Informationen, die mir zugänglich sind – das wirft doch die Frage auf, wieviele Frauen noch haben oder hatten Probleme mit ihrer Geschlechtsrolle? Das ist eine m.E. weithin nicht diskutierte Frage. DU wurdest damit konfrontiert in Deinen jungen Jahren und wer weiß, wie viele Frauen noch.

    Du schreibst, Du hattest keine Lust mehr an ” verengte Wettbewerbe/Konkurrenzsituationen ohne konkreten Nutzen” im Schach.
    Schach hat das in der Tat in sich. Ich spiele ja schon ziemlich lange Schach, wundere mich aber trotzdem, daß manche um einiges ältere Männer dieses Spiel mit Eifer und nichtnachlassendem Elan weiterbetreiben. Da gibt es Siebzigjährige, die immer noch Freude am Balgen, am Kräftemesssen, am Sichbewähren im Schach-Sport haben. Die sind wie Fischer, die Jahrzehnt auf Jahrzehnt auf Fischgang gehen – und die das partout nicht aufgeben wollen.
    Das wäre in der Tat männlich oder?

    Gruß
    Gerhard

  10. Claudia schreibt:

    @Wildgans, @Inga: danke für Euer Lob. Viel mehr aber würde mich Eure authentische persönliche Einlassung aufs Thema interessieren!

  11. Wildgans schreibt:

    @Claudia: verstehe, aber dazu fühle ich mich z.Zt. nicht in der Lage, da nervlich zu angespannt und in Trauer. Tod meiner Mutter, mit der ich mich vor einigen Jahren versöhnt hatte, ist zu verkraften. Vielleicht später.
    Umso lieber lese ich hier mit, fühle mich bereichert durch Deine Beiträge und die Kommentare!
    Gruß von Sonja

  12. Claudia schreibt:

    Liebe Sonja, mit der Floskel “herzliches Beileid” mag ich eigentlich gar nicht kommen – aber was kann man angesichts eines solchen Verlusts “unbekannterweise” schon wirklich PASSENDES sagen?
    Ich freue mich, dass du trotzdem noch die Lese-Lust aufbringst, hier rein zu schauen! Und verstehe vollkommen, dass das für dich jetzt nicht die Zeit zum schreiben ist!
    Lieben Gruß – Claudia

  13. Susanne schreibt:

    Ich kann nicht, wie Claudia, sagen, daß ich mich ‘weiblich’ nur im Moment der erotischen Begegnung fühle, woanders aber ‘irgendwie menschlich’. Für mich definieren sich ‘weiblich’ resp. ‘männlich’ oft dem Kontext nach sehr anders, sind dennoch aber durchaus häufig identifizierbar. Kurz gesagt glaube ich schon, daß es einen prinzipiellen Unterschied zwischen den Geschlechtern gibt, daß dieser sich auch äußert, je gesellschaftlich und individuell geformt, und daß er sich in gewissen gemeinsamen Zügen im Erscheinungsbild der Menschen und ihrem alltäglichen Verhalten niederschlägt.

    Damit meine ich eigentlich ganz banale Dinge:

    Frauen sind kleiner und leichter als Männer. Wenn ich mit einer Freundin, die nicht gerade Gewichtheben als Sportart ausübt, durch das Gewühl der Innenstadt oder einer Discothek oder einer Massenveranstaltung gehe, gehe ich völlig anders, nämlich Kollisionen vermeidend, als wenn ich einen ‘Eisbrecher’ von Mann dabei habe, in dessen Schlepptau ich nach vorne preschen kann. Das mag sehr albern klingen, aber es hat äußerst praktische und weitreichende Auswirkungen, die ich zum Teil sehr schätze und die sich heftig auf mein Rekrutierungsverhalten von Begleitern auswirkt. Ich denke meistens gar nicht mehr darüber nach, sondern tue es einfach, differenziere aber natürlich je nach dem, was ich vor habe.

    Frauen kriegen die Kinder. Abgesehen von all den Items, die dazu überall nachzulesen sind (bio-soziale Folgerungen, physiologische Differenzen, divergierende sexuelle Such- und Verhaltensmuster usw., die ich hier nicht noch einmal aufbacken will), hat das für mich eine sehr handfeste Weiterung: was immer der Typ auch sagt, tut, schwört und beteuert – bei Dummheit, Leichtsinn und chemisch-biologisch oder romantisch oder einfach nur saugeil herbei geführter Enthemmung bin, wenn die Dinge schief laufen, auf jeden Fall ich es, die am Ende die Arschkarte hat. Was meine eher kleinkarierte Sichtweise auf die große, weite Welt der Abenteuer letztlich erheblich anders gestaltet hat als den kühnen Blick ins Weite der großen Abenteurer.

    Allein Frauen entscheiden (in heterosexuellen Beziehungen) über den sexuellen Rang des Männchens (Potenz als Fähigkeit, eine Frau ausreichend, was meint: für sie ausreichend, zu beglücken), der wiederum für das Männchen integraler Bestandteil seines sozialen oder biologischen Ranges ist. Auch untereinander gilt bei den Männchen ihr diesbezügliches Wort (Prahlerei) nur dann, wenn ihm durch eine passable Frau (etwa mit den Neid anderer Männchen erweckender Erscheinung) Glaubwürdigkeit verliehen wird. Das zieht auf uns Frauen eine Menge positiver (wie etwa Bewunderung) und negativer (wie etwa Neid) Gefühle mit im Alltag immer wieder spürbaren Konsequenzen. Meiner Ansicht nach ist genau dieser Punkt eine zentrale Quelle der (oft versteckten) Feindseligkeit vieler Männer Frauen gegenüber (aka die Alte war doch eh frigide, das weiß doch jeder hier!) sowie der grundlegenden Seiten ihres erotischen Imponiergehabes (das Vorzeigen möglichst vieler und junger, gebärfähiger Weibchen zwecks Aufwertung des eigenen Egos vor aller Welt, siehe den Carla-Bruni-Effekt oder das Partnertauschverhalten diverser SPD-Spitzenpolitiker der jüngsten Vergangenheit. Wie rühmlich dagegen Guido Westerwelle, aber, ach ja, der ist gar kein Sozi! Egal!) und andererseits eine Quelle der (oft gar nicht versteckten) Rachsucht vieler Frauen Männern gegenüber (aka der Typ war vielleicht ein Schlappschwanz, das sage ich dir!) sowie ihrer Neigung zur erotischen Selbstverleugnung (zur Not auch nach dem 99sten ‘Schatz, ich fand es toll’ diese Lüge noch zum 100sten Mal zu wiederholen).

    Über die tausend Ableitungen aus diesem Sachverhalt kann und will ich hier nicht viel sagen. Ich möchte nur ein paar Beobachtungen anführen, in denen ich das oben gesagte wiedererkenne.

    Im Berufsalltag wird heutzutage ja oft enormer Wert auf das Problemlösungsverhalten der Mitarbeiter gelegt. Schauen wir uns daher doch einmal ein immer gerne auftretendes Problem aus dem Alltag eines durchschnittlichen Büros in diesem unserem Lande an. Wie etwa: der Kaffee ist wieder einmal alle, aber der Chef braucht dringend eine frische Tasse köstlich duftenden Kaffees, um nicht durchzudrehen und den ganzen Laden hinzuschmeißen, was er sowieso bald tun wird, wenn alles so weiter geht mit Land und Leuten! Was tun?

    Kollege Good-Man beugt sich sofort tief über die Tastatur seines PC’s und tippt mit angespannt zusammen gekniffenen Augen und stark vorgerecktem Kinn (sinnlose) Sätze hinein, was allen signalisiert, daß er gerade einen extrem wichtigen Text schreibt und dabei keineswegs gestört werden darf.

    Kollegin Girlie hebt hilflos tuend ihren wie immer leeren Hefter in die Höhe, schaut sich suchend im Raum um und fragt dann den gerade mal wieder vom WC kommenden Kollegen Hey-Kleines, ob er die Nachfüllpackung Klammern gesehen habe (die seit Wochen schon vollkommen leer in der unteren Schublade ihres Schreibtisches vergammelt). Was jedem zeigt, daß sie kaum in der Lage sein dürfte, die nebenan befindliche Kaffeerösterfiliale allein zu finden geschweige denn dort ein Paket Kaffee zu erstehen.

    Kollege Hey-Kleines spurtet mit der (leeren) Kaffeekasse nach vorne, wo Kollegin Immer-Ich gerade ihre gestern erst lackierten und heute schon wieder brüchig aussehenden Nägel betrachtet, indem sie ihre Hand gespreizt auf ihr rundliches Knie legt. Er schaut sich Nägel (und Knie) auffällig genau an, macht ihr ein schmieriges Kompliment über die wie jeden Tag fürchterlich strohig aussehenden Haare und schaut zusammen mit ihr betreten schweigend in die leere Kaffeekasse.

    Kollegin Immer-Ich öffnet nach geraumer Zeit seufzend ihre Handtasche und kramt nach langem Suchen einen 20-Euro-Schein heraus (den Zehner und den Fünfziger versteckt sie schnell vor den Blicken des Zuschauenden) und legt ihn in die Kasse, woraufhin Kollege Hey-Kleines munter pfeifend davon stiefelt und nach zwanzig Minuten mit einer Packung Kaffee zurück kommt, die er Kollegin Girlie mit einem Grinsen auf den Schreibtisch legt, um sich danach ins WC zu verfügen.

    Diese hat sich zwischenzeitlich einen Rüffel vom Chef eingefangen, weil nie genug Kaffee da sei, wenn man ihn einmal wirklich brauche, und auf seine unwirsche Frage, wo denn bloß wieder der Kollege Hey-Kleines abgeblieben sei, wahrheitsgemäß geantwortet, der hätte noch etwas in der Stadt einkaufen wollen. Was der Chef mit einer hochgezogenen Braue schweigend, aber vermutlich nicht ohne an gewisse arbeitsrechtliche Konsequenzen denkend, quittiert hat.

    Kollegin Girlie kocht nun einen frischen Kaffee, den der Chef aber nicht mehr braucht, weil er jetzt auswärts dringende Termine hat, wie er mit leicht schlechtem Gewissen zu ihr sagt, während sie von einem Fuß auf den anderen tretend mit der dampfenden Tasse und sehr enttäuscht aussehend unter seiner Tür steht und es geschickt gerade noch schafft, diese auf keinen Fall von ihm umstoßen zu lassen, als er, typisch schwer gestresster Chef, eiligst an ihr vorbei und auf und davon fegt.

    Woraufhin sie nach kurzem Überlegen die großzügig gesüßte Tasse mit dem schon etwas kalt gewordenen Kaffee dem an Diabetes leidenden Kollegen Good-Man serviert, der dafür aus seiner Schreibtischschublade eine nagelneue Packung Heftklammern hervor holt und ihren leeren Hefter damit kompetent neu auffüllt, während sie lächelnd auf der Kante seines Schreibtisches sitzt und lustig mit dem Fuß wippt.

    Was lehrt uns das? Es lehrt uns geschlechts-spezifisches Denken und Handeln.

    Kollege Good-Man löst Probleme, indem er querbeet einfach hindurch steuert (Eisbrechermethode). Koste es, was es andere wolle. Weil er genau weiß, daß diese anderen es schon richten werden. Oder indem er sie, etwa wenn sie nur eine Frau betreffen, schlichtweg ignoriert (Feindseligkeit).

    Kollegin Girlie hängt sich immer an das stärkste Männchen (Kollisionsvermeidung mit flankierender Eisbrechermobilisierung) und sorgt ganz intuitiv, aber sehr effektiv dafür, daß solche, die sich eine Blöße erlauben, damit auch ganz sicher herein fallen (Rachsucht).

    Kollege Hey-Kleines weiß genau, wie er brachliegende Ressourcen (vor allem bei den Damen und zur Not mit Hilfe blanker Lügen) mobilisieren kann (Bewunderung), muß aber noch daran arbeiten, wie diese ihn anderen Männern gegenüber verkaufen.

    Kollegin Immer-Ich gibt (beinahe) ihr letztes Hemd her, damit ein netter Kollege sich nicht bloß stellen muß (Selbstverleugnung), wo dieser doch vom Pech geradezu verfolgt zu sein scheint. Was ihn allerdings oft nicht davor rettet, immer mal wieder heftig herein zu fallen, fehlt ihm die notwendige Unterstützung einer passablen Kollegin.

    Und der Chef – käme weder zu einer Tasse Kaffee noch pünktlich zu seinen Terminen, würden ihm nicht zwei kompetente Frauen alle Wege dorthin bahnen (Potenz), während seine männlichen Mitarbeiter sich meistens eher sinnlos irgendwie mit irgend was oder auf dem WC beschäftigen (Prahlerei).

    Ich denke, damit ist das Grundlegende zur Frage der Geschlechter-Rollen gesagt. Das Nähere können nun diverse Männer ausführen…

  14. Gerhard schreibt:

    @Susanne, dann will ich mal als ein solches Eisbrecher-Männchen aus meinem Nähkörbchen sprechen:

    Bezüglich des Schönheitsbegriffs gibt es bei Männern und Frauen recht unterschiedliche Auffassungen: Frauen dekorieren meist ihre Wohnung. Das kann fast zu einer musealen Leidenschaft ausarten: Steinchen, Statuetten, Blumen, Ziergegenstände, Nippes aller Art, farblich abgestimmt und immer wieder neu ausgerichtet. Bei einem Mann ändert sich die Wohnungseinrichtung selten bis nie. Schönheit äusserst sich hier etwa in zahlreichen wundervoll exotischen Nichtmainstream-Cds, die scheinbar wahllos und in Mengen herumliegen – oder in Büchern und (diesmal geordneten) Artikeln, die ein ganzes Zimmer einnehmen können. Oder es steht im geräumigen Zimmer nur eine Bierbank und ein Biertisch.
    Will man zu einem bestimmten Termin ausgehen und es ist nicht genügend Zeit, sich schick zu machen und sich farblich und dem Anlaß gemäß richtig zu kleiden, kann Frau nicht ausgehen. Der Mann kann das auch verschwitzt – der fährt sich notfalls nur mal kurz mit dem Kamm durchs Haar und dann ist es gut.
    Einen Tisch decken ist bei Mann und Frau oft sehr verschieden: Eine Frau kann sich kaum eine schnelle Stulle schmieren und verdrücken – der Tisch muß fein gedeckt sein und allerlei Leckereien und Goddies aufnehmen. Dafür muß Zeit sein!
    Schönheitsvorstellungen können sich dann aber wieder im Bereich der Kunst und Literatur treffen, auch im Film und in der Musik. Aber auch bei der Dance-Music gibt es gravierende Unterschiede: Da gibt es (geglättete) Musik eigens für die Ladys und für die Männer eher den harten, unnachgiebigen Beat bis hin zum Lärm.

    Frauen halten Schmerz besser aus, so meine Beobachtung. Zumindest gut einige von ihnen. Sie sind in der Lage, trotzdem dem Leben Positives abzugewinnen. Sie geben nicht so leicht auf, lassen sich nicht so leicht gehen. In der Regel. Wenn Ich Schmerzen habe, ist mir der Tag versaut, bei Frauen spielt das erst mal eine sehr untergeordnete Rolle.
    Den Säx lasse ich mal aus, da hat ja Susanne schon einiges ausgeführt und ist von da aus in einen ziemlich komödiantischenStil abgedriftet, den ich jetzt mal vermeiden möchte.
    Soweit und so gut und so schlecht.
    Gruß
    Gerhard

  15. Claudia schreibt:

    Ich danke Euch für die interessanten und durchaus amüsant vorgetragenen Details aus dem real existierenden Rollen-Erleben! :-)

    Ja, für mich sind das Rollen, die man spielen kann oder auch nicht. Für das “oder auch nicht” stehen unzählige Individuen, deren Anteil an der Gesamtmenge von verschiedenen Autoren unterschiedlich geschätzt werden: David Deida (ein Autor und Berater, der einen psychospirituellen, auf starke Polarisierung der Geschlechter setzenden Ansatz pflegt) schätzt das Verhältnis auf 80:20 Rollenkonforme/Nichtkonforme.

    Für das “oder auch nicht” stehen aber auch die unzähligen Gender-Forschungen (die ich nicht in Gänze “intus” habe, sondern immer nur punktuell wahrnehme), die die soziale Bedingtheit vieler der hier angeführten Unterschiede nachweisen. Das soll bis in die Ausformung der Physis hinein gehen, denn es gäbe Völker mit starker Gleichberechtigung oder gar Frauenvorherrschaft, in denen z.B. die Größen- und Kraft-Unterschiede sich nicht wie bei uns darstellen, sondern viel gleichmäßiger.

    Was auf jeden Fall unhinterfragbar unterschiedlich bleibt: bei misslungener Verhütung sind es die Frauen, die es deutlich mehr “ausbaden” müssen als Männer. Deshalb gibts ja mittlerweile auch ein entsprechendes Abtreibungsrecht.
    Mich persönlich hat das nicht von vielen “Abenteuern” in meiner wilden Jugend abgehalten – ganz ähnlich, wie ja auch Straftäter durch “abschreckende” Strafen nicht abgehalten werden, da sie darauf setzen, nicht erwischt zu werden. (Und ich hab Glück gehabt, wurde tatsächlich nie schwanger.)

    Zum Thema Kaffee-Regime in Büros will ich auch noch eine Anekdote zum Besten geben:

    Ich hatte in den 70gern einen befristeten Stundentenjob in einer Behörde namens “Funktstörungsmeßstelle”, die (im Ernst!) Genehmigungen für den Betrieb von Mikrowellenherden und CB-Funk-Geräten erstellte. Ca. 20 Mitarbeiter, davon drei Frauen – und ich.

    Um 9 gab es die erste Frühstückspause, alle brauchten mindestens Kaffetassen, Löffel, kleine Teller… danach gingen die Männer an die Arbeit und die drei Frauen (eine Ältere um die 40, zwei Jüngere) spülten in gut eingespielter Routine das Geschirr und räumten alles wieder weg.

    Ich machte da zunächst einfach nicht mit, eine Vierte wurde ja auch nicht gebraucht. Stellte aber schon die Frage, warum die drei hier eigentlich die Spülmamseln geben – und bekam unbefriedigende WischiWaschi-Antworten (hat sich so ergeben etc.)

    Dann wurde die Ältere krank. Jemand fehlte nun im Spül-Team und man erwartete, dass ich den Platz füllen würde. Weit gefehlt, ich agitierte im Gegenteil die beiden Jüngeren, ihrerseits die Arbeit zu verweigern. Und hielt am Frühstückstisch engagierte Reden über die Gleichberechtigung, was mir schließlich auch die – etwas betreten-schuldbewusste – Zustimmung der Männer einbrachte. Auch der Chef nickte meine Meinung ab. Man war modern, die Zeiten änderten sich gerade…

    Es änderte sich also dahin gehend, dass nun jeder sein Geschirr selber abspülte. Alles schien gut, ich war glücklich, als Aushilfe hier die Frauen-ausbeuterischen Verhältnisse geändert zu haben!

    Zu früh gefreut! Als “die Alte” zurück kam, führte sie schnell das alte Regime wieder ein (“ich mach das doch gerne, bla bla”). Offenbar gehörte es zu ihrem nicht ablegbaren Selbstbild, das sorgende Muttchen zu geben. Es dauerte nicht lange und auch die beiden Jüngeren spülten wieder mit.

    Ich war entsetzt und sehr froh, dass mein Job da nur befristet war!

    Später erlebte ich in Büros nichts Vergleichbares mehr. Da stand meist mindestens eine BRAUN-Kaffee-Maschine rum, bei der sich jeder selber bediente. Und wer sie leer vorfand, musste halt einen neuen Kaffee aufsetzen, wenn er/sie Kaffee wollte. Sooooooo einfach!

  16. Uwe schreibt:

    Rollenkonform? Nicht konform?
    Jeder schreibt seine Rolle selbst und sucht Mitspieler …

  17. Claudia Klinger schreibt:

    @Uwe: so ist es ja nun LEIDER auch nicht. Üblicherweise wächst man in die Rollen rein, rebelliert evtl. dagegen und versucht, das “Gegenteil” zu leben. Bis man wirklich soweit individuiert ist, dass man das alles als Spiel begreifen und gelassen mitspielen kann, braucht es schon ein paar Jährchen – bei den einen mehr, bei den anderen weniger.

  18. Uwe schreibt:

    @Claudia
    Auch während Du (notwendigerweise) in eine Rolle hineinwächst, sie mehr oder weniger bewußt übernimmst, eventuell dagegen rebellierst und das Gegenteil ausprobierst, schreibst Du sie doch auch selbst, oder nicht? Aber klar, es ist nicht so leicht, das zu erkennen und schon gar nicht, es zu ändern.

  19. Gerhard schreibt:

    @Uwe, rollenfrei leben kann man nicht. Allein schon der Gedanke, keine Rolle zu leben, ist vermutlich schon eine Rolle. Das Einzige, was man wohl tun kann, ist, zu beobachten und wahrzunehmen, daß man gerade (im Moment) eine bestimmte Rolle lebt und welche es genau ist.

  20. Uwe schreibt:

    @Gerhard
    Ich denke, wir meinen das Gleiche.
    Es geht nur um den Einfluss auf das Drehbuch. :)

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