Claudia am 13. April 2009 — 16 Kommentare

Lebenszeichen: Gartenfreuden und weniger Zigaretten

Weil es einigen lieben Menschen auffällt, dass ich zur Zeit weniger schreibe, hier mal ein Lebenszeichen: Die wunderbar sonnig-warmen Tage ziehen mich in den Garten, dessen erstes Frühjahr ich gerade erlebe und mit Freude auch aktiv gestalte. Gleichzeitig mache ich seit einer guten Woche eine neue Erfahrung im Umgang mit der Nikotinsucht: Das Rauchen reduzieren statt aufgeben – und bis jetzt funktioniert es erstaunlich gut!

Mein Leben lang war ich überzeugt, nur die „Punkt-Schluss-Methode“ sei das einzig Erfolgreiche – entweder einfach so oder für ein paar Tage gestützt von Nikotintabletten. Doch alle Versuche, das Rauchen komplett aufzugeben, scheiterten. Und zwar NICHT während der körperlichen Entzugsphase, die gar nicht so schlimm ist, wenn man sich drauf einstellt. Sondern immer einige Zeit später, wenn ich feststellte, was mir das Rauchen alles bedeutete: nämlich sehr viel mehr als die bloß physische Versorgung mit einem Suchtmittel.  Meist nahm ich dann auch gerade ein wenig zu (was normal ist, wenn der Körper das Gift nicht mehr abarbeiten muss) und in die Leere, die ich spürte, sickerte immer öfter der Gedanke: Auch Nichtraucher sterben…. Bis ich wieder eine ansteckte und schon bald wieder rauchte wie eh und je.

Leiden bringt Veränderung

Mittlerweile ist mir das Motiv, aufhören zu wollen, um das Sterben am Lungenkrebs oder einer anderen Folgekrankheit zu vermeiden, komplett abhanden gekommen. Dazu ist es nach so vielen Jahren zu spät: Entweder haben andere Aspekte meines gelebten Lebens (z.B. Stress-Armut, viel Selbstverwirklichung, gute Ernährung, Glück und innerer Friede) genug Ausgleich geschaffen oder eben nicht. Auch gibt es andere Risikofaktoren, die noch weit mehr Menschen dahin raffen, denen ich ebenfalls nicht ganz ferne stehe. Kurzum: Ich lebe nicht, um den Tod zu vermeiden. Mein Engagement in Sachen „gesund leben“ wird erst dann mehr als ein blasser Gedanke, wenn ich fühlbar leide und mit Veränderungen auch sofort Verbesserungen erreiche (blöd, aber Fakt!).

Das war nun seit einiger Zeit beim Rauchen der Fall: mein gewöhnliches Kontingent von ca. 25 Zigaretten pro Tag spürte ich zunehmend als Leiden. Kurzatmigkeit, häufiges Hüsteln während des Sprechens, ein „belegtes“ Lungengefühl wie bei einer Bronchitis – und all das, während viele der gerauchten Zigaretten schon gar nicht schmeckten. Ja, ich bemerkte sie nicht einmal, während ich sie rauchte, denn das geschah ganz unbewusst und beiläufig, während ich mich auf andere Dinge konzentrierte – zum Beispiel aufs Schreiben, aufs Gestalten, auf Lesen und kommentieren.

Ich wollte also einerseits nicht mit dem Rauchen aufhören, andrerseits aber diese Missbefindlichkeiten verbessern. Da bleibt dann nur die Reduzierung, das Zählen der Zigaretten, das Beobachten der physischen und pychischen Bedürfnisse, die mich danach verlangen lassen, die nächste anzustecken.

Sportlicher Ehrgeiz

Und siehe da: Genau das, was ich immer für unmöglich und nicht machbar gehalten hatte, funktioniert nun doch!  Ich reduzierte zunächst auf „erlaubte 15“, rauchte aber nur maximal 12 bis 13. Dann senkte ich die erlaubte Zahl auf 13 und schaffe es seitdem mit 7 bis 10 Zigaretten pro Tag.  Und tatsächlich: das Hüsteln ist schon weg, ich atme freier und fühle mich insgesamt besser. Ich pflege diesen kleinen sportlichen Ehrgeiz, unter 10 zu bleiben und freunde mich damit an, nicht mehr ins unbewusste „vor mich hin werkeln“ am Monitor zu verfallen, für das die Zigarette den Anker in der physischen Welt darstellte (so nach dem Motto: der Körper will sich auch dann noch spüren, während ich mich ins Virtuelle abseile).

Eine Hilfe ist die Arbeit im Garten: wenn ich körperlich etwas zu tun habe, fühle ich kaum je den Drang zu rauchen. Vermutlich deshalb, weil dabei auch so die „Belohnungsstöffchen“ Dopamin, Serotonin und Endorphine ausgeschüttet werden, die man als Nikotinsüchtiger über die Droge hervorstimuliert. Das Schädliche ist aus meiner Sicht sowieso nicht die Zigarette, sondern das Gesamtsetting des Lebensstils, den ich lange schon praktiziere: sitzend vor dem Monitor verdiene ich meine Brötchen, kommuniziere mit Freunden und Bekannten, schreibe meine Blogs und folge den Impulsen, die mir Web 2.0 begegnen – dies alles wäre wunderbar unproblematisch, wäre da nicht der Körper, dem das (zu Recht!) nicht genug ist.

Also mach ich jetzt Schluss und schwinge mich aufs Rad: die 20 Minuten zum Garten und zurück spüre ich schon deutlich als gesteigerte Fitness, wenn ich dann wieder in den 3.Stock steige. Und was die Zigaretten angeht: Vielleicht schaffe ich es irgendwann auf drei bis fünf pro Tag, das wäre dann fast wie nicht rauchen…

Diskussion

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16 Kommentare zu „Lebenszeichen: Gartenfreuden und weniger Zigaretten“.

  1. Aus meiner Erfahrung als Trainer und Therapeut ist beim Rauchen die emotionale Komponente die wichtigste. Rauchen reguliert zuverlässig Gefühle: Stress, Langeweile, Unruhe, Schüchternheit.
    Hört man mit Rauchen auf, braucht es dazu andere Möglichkeiten, diese unangenehmen Gefühle zu reduzieren. Den Trick mit der Gartenarbeit erfüllt offensichtlich für Sie diesen Zweck.
    Meine Empfehlung, wer mit der Schlusspunkt-Methode nicht aufhören will oder kann: Wenn man die Lust auf eine Zigarette verspürt, möglichst drei bis fünf Minuten warten. Genau spüren, welche Gefühle da sind. Möglichst etwas tun, was dieses Gefühl positiv beeinflusst.
    Vorher mit sich vereinbaren, dass man nach den fünf Minuten neu entscheidet, ob man noch eine rauchen will.

    Weiterhin viel Erfolg!

  2. Toller Erfolg, Claudia! Eine Freundin von mir tut sich unheimlich schwer damit, das Rauchen aufzugeben. Sie will’s, aber mit der Schlusspunkt-Methode kommt sie nicht klar.

  3. @Violine: ich will das Rauchen NICHT ganz aufgeben, damit bin ich ja ebenfalls immer gescheitert. Und erst, indem ich mir darüber klar geworden bin (nach etlichen Versuchen mit jeweils Wochen und mehreren Monaten Abstinenz) geht nun wenigstens Reduzierung!
    @Roland: da ich am allermeisten freudig arbeitend vor dem Monitor geraucht habe, denke ich, dass es vor allem die Unruhe ist, die damit reguliert wurde: der Körper will sozusagen fühlbare ACTION und ist unzufrieden mit dem stundenlangen Sitzleben. Das ist nach wie vor DAS Problem…

  4. Die meisten Raucherinnen und Raucher die ich kenne, die sich das Rauchen abgewöhnt haben, haben einige Anläufe dazu gebraucht. Irgendwann hat dann irgendeine Methode funktioniert bzw. sie haben den richtigen Zeitpunkt getroffen. Das Rauchen zu reduzieren, ist sicher eine Methode um die Gesundsheitsgefahr einzuschränken und wenn es funktioniert, warum nicht? Das Suchtpotential beim Rauchen ist so hoch, dass es sich lohnt, es mit jeder erdenklichen List zu überrumpelen.

  5. Naja wenn man etwas verändern will, dann muss man eben auch manchmal leiden. Wobei du beim Aufhören mit dem Rauchen auch deiner Gesundheit etwas Gutes tust. Zu Beginn sicherlich schwer, aber das zahlt sich später mal aus ;).

  6. Hallo Claudia,
    ich kann so gut verstehen wie es dir geht. Einmal habe ich es für satte 10 Jahre geschafft in denen ich nicht geraucht habe. Warum ich dann wieder angefangen habe? Keine Ahnung! Irgend etwas fehlt mir wohl wieder was ich in den zehn Jahren wohl gehabt haben muss. Was es war – tja ????? Wenn ich das wüßte, wäre ich schon näher an dem Ziel nicht mehr zu rauchen.
    Allerdings muß ich auch gestehen, dass ich in manchen Situationen sehr gerne rauche und es da eigentlich nicht missen möchte. Ich glaube aus diesem Grund habe ich den gleichen Entschluß wie du gefasst, das Rauchen einfach sehr zu reduzieren. Allerdings nicht so sehr auf eine Anzahl als mehr auf gewisse Augenblicke. Da dieser Entschluß noch sehr „frisch“ ist, lasse ich mich mal überraschen wir wirkungsvoll er tatsächlich sein wird.
    Ich wünsche Dir jedenfalls viel Erfolg und gutes Durchhaltevermögen.

  7. Oh, du sprichst mir aus der Seele, diese „jetzt ist Schluss“ Methode klappte bei mir ueberhaupt nicht. Ich hatte staendig das gefuehl eine wenig Nikotin zu mir nehmen zu wollen. Neben den bekannten Porblemen, der Gewichtszunahme diese staendige Unruhe und das Verlangen. Da aber der Gestzgeber doch mit den Nichtraucherschutz einiges getan hat, handhabe ich es so, dass ich nur noch draussen rauche, wenn ich am PC arbeite, dann aufstehe und extra eine rauchen gehen muss. Die Interwalle zwischen den Zigaretten haben sich von Anfangs 45 Minuten fast verdoppelt. und liegen so bei 80 Minuten. Da laesst sich auch ein 10 Stundentag mit wenig Zigaretten verbringen. Und ide Feierabendzigarette beim Bier faellt ja auch flach, durch die hier nur noch vorhandenen Nichtraucherkneipen.

  8. Ja, das ist immer eine gute Sache, seine Einstellung zum Rauchen subjektiv zu optimieren. Wie auch sonst ? liebe Claudia.
    Weißt Du, mich hat seit ihrem ersten Erscheinen diese irre Botschaft von der EU, Du weißt schon, diese unglaubliche Krake, die uns immer wieder irgendwelche komischen Bestimmungen auf’s Auge drückt, Europa Parlament glaub ich … also diese freaks haben mich echt irritiert mit ihrem Spruch:
     
    Rauchen kann tödlich sein
     
    Well, als denkender und immer noch lebender Mensch weiß ich: Das Leben ist definitiv IMMER tödlich. Wenn rauchen nur „tödlich sein kann“ impliziert das für mich, dass es auch eine Chance auf das ewige Leben durch Rauchen gibt.
     
    So ungefähr dachte ich seinerzeit, als ich immer wieder diesen tumben Spruch las und hätte um ein Haar das Rauchen aufgegeben. Wer will schon ewig leben, gelt?
     
    Willkommen bei den GenussRauchern
     
    lieben Gruß von Hermann

  9. @Patrick: hab deinen Kommentar grade erst im SPAM-Ordner gefunden!

    Ne, meine Erfahrung ist nicht so. Klar entsteht Motivation zur Veränderung durch Leiden – aber wieviel man dann beim Verändern leidet, sagt nichts darüber aus, wie erfolgreich man damit ist. Vor allem ist beim Rauchen-aufgeben gar nicht viel „klassisches Leiden“ zu ertragen: nach wenigen Tagen bzw. max 2 Wochen sind die körperlichen Entzugserscheinungen durch. (Und die sind selber auch nicht besonders schlimm). Das habe ich schon mehrfach durchexerziert, dann aber später wieder angefangen, weil mir das Rauchen in vieler Hinsicht fehlte – und ich zudem unaufhaltsam dicker wurde. Wie oben erwähnt, wurde mir dann so richtig klar: Auch Nichtraucher sterben! Und ich lebe jetzt, nicht aber für „später“ – erst recht in meinem Alter, wo das Ende ja langsam in die „gefühlte Sicht“ kommt!

    Man kann tun, was man will – aber nicht wählen, was man wollen soll. Am Thema Rauchen hab‘ ich bemerkt, dass das, wozu ich „ich“ sage, zu einem bestimmten Teil die Nikotinsucht ist (bzw. das, was durch Nikotin in mir verändert/ermöglicht wird). Und damit entfällt für mich die Idee, das mit allen Mitteln bekämpfen, beenden und abspalten zu wollen.

  10. hallo Claudia – hab grad‘ auf fb einen Kurzkommentar zum Thema geschrieben, und möchte noch hinzufügen, dass mir immer wieder bei starken RaucherInnen die leicht bläulichen Hände auffallen, ein Hinweis auf Kreislaufstörungen, welche sich im Alter wohl nicht verbessern und ausserdem recht unschön aussehen. Das Achten auf den Körper und das Wertschätzen der Gesundheit – auch wenn die Nichtraucher ebenso sterben müssen – kann durchaus helfen, von der Sucht loszukommen. (Hat vielleicht mit Selbstliebe zu tun?)
    Nur so – Mylo mit einem lieben Gruss

  11. @mylo: danke für den lieb gemeinten Versuch! :-)

  12. ich bin seit knapp 2 jahren von der sucht losgekommen und fühle mich einfach super. ich freue mich über jeden, der aufhören konnte.

  13. Ich habe den Artikel verschlungen und dachte zeitweise er wäre von mir. Mit Hilfe von Spritzen habe ich es ohne eigentlich es auch zu wollen geschafft – aber ich bin kein Nichtraucher sondern ein Raucher im Ruhestand. Kein Tasse Kaffee oder gar ein Telefonat haben den alten Genusswert, es ist und bleibt kein Vergleich.  

  14. @Wolfgang: Was denn für Spritzen? Und ja: genau dieses Raucher-im-Ruhestand-Feeling hat mich dann dazu bewegt, doch wieder anzufangen. Im Moment bin ich ganz glück lich mit meinen „bis zu 13“ Zigaretten pro Tag – das bringt schon DEUTLICHE Verbesserungen!

  15. Ich glaube, Zigaretten  sind ein „Ersatz“ für Dinge, die wir vermissen. Ein Trostpflaster. Es ist spannend herauszufinden, was als Ersatz für den Ersatz geeignet ist. Gartenarbeit oder überhaupt Bewegung an der frischen Luft sind eine guter Ersatz und führen vielleicht zu den Wurzeln der Sucht, die ja auch immer Sehnsucht ist.

  16. @Karin: das ist immer so leicht „dahin psychologisiert“!  NA KLAR vermissen Teile meines Wesens etwas, wenn ich meine Tage mutwillig am Monitor sitzend zubringe, sogar eine ganze Menge! Fakt ist aber, dass ich es so haben will, zwar (z.B. mittels Gartenarbeit) ein wenig Ausgleich suche, aber nicht im Ernst vorhabe, diese Lebensweise zu ändern. Das „Trostpflaster“ bzw. der „Ersatz“, den die Zigarette bietet, ist also durchaus sinnig.

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