Claudia am 24. Februar 2009 — 8 Kommentare

Vom politischen Handeln und der Selbsterkenntnis

Heute morgen war ich einigermaßen von den Socken, als ich über Twitter mitbekam, dass Gerd-Lothar Reschke meine ausführlichen Kommentare zu seinem Artikel „Die einzig echte Politik“ einfach gelöscht hat. Noch dazu mit Bemerkungen, die diesen Beiträgen in keiner Weise gerecht werden: Ich hätte mich wie ein Rammbock verhalten und nicht zugehört, schreibt er.

Dabei bin ich ausführlich auf seinen Beitrag eingegangen, hab‘ sachlich argumentiert, mein Gefühl der Verletztheit über die rüde Art in seiner ersten Entgegnung gezeigt (die nun auch weg ist) und sehr engagiert und für jeden nachvollziehbar ausgeführt, was ich anders sehe.

Nun stehen dort nur noch Kommentare, die ihn bestätigen und nicht viel mehr zu seinem Text sagen als „geht mir auch so“. Die Möglichkeit für Leser, sich selber eine Meinung über die Kontroverse zu bilden, ist weg. Ja, auch so kann man bloggen, ich frag‘ mich nur, warum nutzt man dann überhaupt die Kommentarmöglichkeit?

Das Private ist politisch – aber nicht nur!

Inhaltlich hatte ich ihm darin zugestimmt, dass keine noch so große Anzahl anderer Menschen an der eigenen Erkenntnis einer Sache etwas ändert. Wenn es allerdings darum geht, etwas verändern zu wollen, also um „Welt gestalten“ durch politisches Handeln, dann kommt es durchaus darauf an, Mehrheiten zu kreieren, die das auch ermöglichen. Und ich hatte gefragt, was die Advaita-Weisheit, „dass da kein Anderer existiert“ denn auf Feldern bedeute, wo es um den Widerstreit von Interessen geht: zum Beispiel zwischen den relativ abgesicherten Reichen und denen, die gerade überall ihre Jobs verlieren?

Eine Antwort bekam ich darauf nicht, nur die Bemerkung, dass er das mal einfach so stehen lassen wolle. (Was grade mal für wenige Tage stimmte, dann schlug der Lösch-Impuls durch).

Dabei interessiert mich die Antwort – und zwar immer schon! Meine eigene politische Sozialisation fand in den 70gern und 80gern statt: damals wurde vehement darauf verwiesen, dass auch das Private politisch sei, was aber nicht bedeutete, dass man ansonsten nichts mehr tat: In der Hausbesetzerbewegung der 80ger erlebte ich eine Art „bürgerliche Geburt“, denn ich lernte, dass es in diesem Land möglich ist, gemeinsam weit mehr zu erreichen als nur das, was alle vier Jahre durch Wahlen zustande kommt. In einem Sanierungsgebiet, das man fast „tot saniert“ hatte, in dem viele Häuser und Wohnungen leer standen und dem für die ansässige Bevölkerung unbezahlbare „Luxusmodernisierugen“ drohten, gelang es binnen weniger Jahre, die Dinge zu wenden: großflächige Instandsetzungen ohne Mietsteigerungen, Mitbestimmung der Mieter, behutsame Stadterneuerung, Beteiligung an allen wichtigen Veränderungen wie etwa Verkehrsführung, Begrünung, Stadtgestaltung – all das wäre nicht ansatzweise möglich gewesen, wären die Menschen allein darauf konzentriert gewesen, sich selbst zu verändern.

Selber tun…

Gerd-Lothar schreibt: „Es zählt nur, daß man es selbst tut, ungeachtet der übrigen. Man muß seine eigene Sichtweise korrigieren und klarbekommen, nicht die anderer und schon gar nicht die irgendwelcher Politclowns und -marionetten der sogenannten großen “Öffentlichkeit”.

„Selber tun“ hat damals bedeutet, in die entmieteten Häuser einzubrechen und sie wieder ein wenig bewohnbar zu machen. Damit verbunden und gänzlich unverzichtbar war allerdings auch der Schritt in „die große Öffentlichkeit“, das Werben um Zustimmung bei den anderen Kiez-Bewohnern und die Auseinandersetzung mit den Politikern, die die bisherige Sanierungspolitik gegen die Bevölkerung durchdrücken wollten. Aber entgegen der Ansicht unseres „radikalen Flügels“ waren das auch nicht alles Unmenschen bzw. geltungssüchtige „Polit-Clowns“ ohne jede Sensibilität für die Bedürfnisse der Anwohner. Sie meinten im Gegenteil, für diese schon viel erreicht zu haben, indem den privaten Eigentümern der Häuser Unsummen öffentlicher Mittel zugewendet wurden, damit die Mieten nicht in Höhen steigen, wie sie ein frei finanzierter Wohnungsbau ergeben hätte. Für uns, die real ansässigen Anwohner, waren das dennoch astronomische Summen, verglichen mit dem, was wir in den unsanierten Häusern zahlten. Brav wegziehen oder massiver Widerstand – das war unsere Wahl.

Abenteuer mit Selbsterkenntnis

Natürlich hat das „Häuser besetzen“ auch Riesenspass gemacht! Wir waren jung, abenteuerlustig und begeistert: konnten wir doch jetzt unsere Vorstellungen vom Leben in selbst bestimmten Gemeinschaften umsetzen, weit über die Wohnform „WG“ hinaus. Die alten Berliner Gründerzeithäuser mit ihren Hinterhöfen und Remisen wurden zu Experimentierfeldern des Zusammenlebens, wie sie vorher undenkbar waren. Die Extremisten unter uns lebten in sogenannten Funktionsräumen: keine eigenen Zimmer, die Türen überall ausgehängt – auch schlafen und lieben fand „gemeinschaftlich“ statt. Ich lebte in gemäßigteren Wohnprojekten, in denen immerhin noch jeder ein eigenes Zimmer hatte. Allerdings ohne die Möglichkeit, dort das übliche Cocooning zu betreiben, denn das jeweilige Haus konnte ja jederzeit geräumt werden.

Selbst bestimmen und selber machen war unsere Utopie, der wir weitgehend zu entsprechen suchten – und ich merkte im Lauf von zwei, drei Jahren, dass ich dazu gar nicht auf allen Ebenen Lust hatte. Wollte ich denn jemals Hausmeisterin oder Handwerkerin werden? Mitnichten! Ich erkannte, dass man zu nichts anderem mehr kommt, wenn man fortwährend „basisdemokratisch“ über jeden Pipifax berät, um zu einem Konsens zu kommen. Auch wollte ich nicht drei weitere Jahre damit zubringen, ein Haus in Eigenarbeit selbst zu modernisieren, es womöglich zu kaufen und dann für die Bank arbeiten: Auf einmal schnallte ich, wie sinnvoll es ist, dass ANDERE das Haus eignen, verwalten und Miete dafür kassieren, dass sie mich von all diesen Tätigkeiten frei halten. Und als manche besonders Revolutionäre meinten, in den „rechtsfreien Räumen“ der Häuser, zu denen weder Eigentümer noch Obrigkeit Zugang hatten, auch selber „Recht sprechen“ zu wollen, gruselte es mich!

Wegen dieser und noch anderer Einsichten nenne ich diese Zeit meine „bürgerliche Geburt“: Ich erkannte, dass nicht alles schlecht ist, was Politik und Gesellschaft an Rahmenbedingungen geschaffen hatten, bevor wir auf den Plan traten und in jugendlichem Überschwang „alles Scheiße“ fanden, was uns entgegen stand. Ich will nicht alles selbst verwalten und selbst gestalten, will auch nicht Bäuerin sein und mich „selbst versorgen“, sondern meinen Beitrag in der arbeitsteiligen Welt gegen Geld leisten, und ansonsten meinen individuellen Freiraum genießen, in den mir niemand ‚rein regiert. Und für die Nachbarn nehme ich gerne Päckchen entgegen, das ist aber auch schon alles.

Nun bin ich abgeschweift und ins erzählen geraten! Das Thema „Selbsterkenntnis“ ist bei weitem nicht ausgelotet – ich werde es im Lauf der Blogwoche fortsetzen.

Diskussion

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8 Kommentare zu „Vom politischen Handeln und der Selbsterkenntnis“.

  1. eigenartig diese löschung. entspricht dir so gar nicht, was da steht. eben deshalb umso absurder.
    naja – weiter im netz.

  2. Ich verstehe es auch nicht! Mein Ton war wie immer: ich sage in möglichst einfachen, verständlichen Worten, was ich zu einem öffentlich gemachten Text denke, der zum Kommentieren einlädt. Weder will ich streiten, noch herumrechten, gar polemisieren, sondern einfach meine Sicht der Dinge ausdrücken – solche Reaktionen kenne ich sonst auch nicht! Na, jetzt steht es halt hier und gab mir einen engagierten Einstieg in den Tag! :-)

  3. Nun ja, jemand der nicht nur weiß, welches die einzig wahre Politik ist, sondern sich selbst noch gerne predigen hört, der mag halt keine sachlichen Kommentare.

  4. Willkommen im Club, liebe Claudia!
    Ein Kommentar von mir wurde gar nicht erst freigeschaltet. Er reagierte darauf mit einem Beitrag „Der intellektuelle Beißreflex“ (oder so ähnlich), den er anscheinend auch schon wieder gelöscht hat.
    Soll Gerd-Lothar in seiner Welt glücklich werden!

    Gruß
    Ralf

  5. Also „Rammbock“ geht nun wirklich anders! Ich hab deine Kommentare ja noch lesen können, und ich fand sie sehr einleuchtend und keinesfalls aggressiv. Konnte eigentlich bei jedem Satz innerlich zustimmend nicken.
    Aber darauf muss man dann halt eine passende Entgegnung finden, und dass ihm DAS nicht gelingen konnte, hat ihn wohl dazu gebracht, das Ganze besser „aus der Welt“ zu schaffen, damit er seine Selbstvermarktung nicht gefährdet …
    Morgengruß – Ulrike

  6. Hallo Claudia,
    da würde es mich fast interessieren, was darauf geantwortet werden kann? Klar, es liest sich im ersten Augenblick interessant, aber dann wird es doch abstrus. Klar, wenn er immer recht hat ist jeder Einwand, jeder andere Gedanke ist dann nur Blasphemie. Warum also darauf einlassen. Selbstermächtigung, ein Begriff, der in der Esoterik oft vorkommt, aber mich eher an die Zeit 33-45 erinnert. Manch anderes, wie der Aufruf zur Freiheit und weg von der Selbsttäuschung klingt wie eine Verballhornung der kantschen Begrifflichkeit, und deshalb dieser Bezug auf das politische unserer Jugend – oder der Generation davor. Doch steckt in diesen Texten viel vom Geist des Netzes, von dieser öffentlichen Bühne auf der jeder schreiben kann und auch schreibt. Sollen wir diese Seiten ignorieren? Naja, es sind sicher auch die eigenen Seiten. Aber beim zweiten Mal lesen kommt bei mir die Frage hoch. Was kann darauf geantwortet werden?
    ~Ottmar~
     

  7. Otmar, ich habe ungefähr das hingeschrieben, was hier im Artikel steht – nur ohne die Erzählungen aus dem eigenen Leben. Die „Selbstermächtigung“ in GLRs Artikel bezieht sich wohl auf die Freiheit, aus sich heraus und ohne Berücksichtigung allgemeiner Moral und fremder Meinungen zur eigenen Einsicht zu kommen – das hatte ich mit der existenzialistischen Freiheit, in die der Mensch geworfen ist, in eins gesetzt.

    Es war mir aber darum gegangen, diese Art Selbsterkenntnis nicht als „einzig echte Politik“ stehen zu lassen: Erkennen und Einsicht, sowie daraus folgende Selbstveränderung ist NICHT dasselbe wie das, was es heute braucht, um ein politisches Amt an höherer Stelle auszuüben (siehe meinen Artikel über „Steinmeier“).  Und immer, wenn man etwas über Mehrheiten bewegen will, reicht Selbstveränderung eben nicht.

  8. Wozu lang darüber reden?
    Gerd-Lothar hat auf seiner Website Hausrecht.
    Deinen Kommentar mochte er nicht, hat ihn gelöscht und das aus seiner Sicht sogar begründet.

    Wieviele Reissäcke sind in der Zwischenzeit in China umgefallen?

    Gruß
    Ralf

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