Claudia am 12. Oktober 2001 — Kommentare deaktiviert für Drogen: Nichts genügt!

Drogen: Nichts genügt!

Seit dem letzten Rauch-Stop vor gut zwei Wochen erlebte ich zwei „Rückwendungen“ – ich sage Wendungen statt (Rück-)Fälle, weil ich nicht zufällig, beiläufig oder unüberlegt der Versuchung verfallen bin, sondern recht bewußt für den Abend einen Gift-Input ansetzte: Rotwein UND Zigaretten… Am nächsten Tag dann wieder das „gesunde Leben“… Der Körper braucht etwas länger, das Nikotin auszuscheiden als den Alkohol, es scheint tatsächlich das stärkere und tiefer gehende Gift zu sein (so fühlt es sich auch an, wenn man genau hinspürt).

Gut ist, dass sich das Gefühl von „Normalzustand“ jetzt ohne Zigaretten einstellt. Es verlangt mich nur noch für kurze Momente (nach dem Essen…) nach der Kippe, doch vergesse ich das auch sehr schnell wieder, weil ich an dem Gedanken nicht festhalte. Und es ist schon ein kleines Wunder, zu bemerken: Dass man sich nämlich zwei Minuten später ohne jedes Verlangen vorfindet – und ganz OHNE geraucht oder irgend einen Ersatz angewendet zu haben! Das verändert sich auch nicht nach einem Abend mit zwanzig Zigaretten und mehr, das „Herausgleiten“ geschieht wie selbstverständlich.

Warum aber diese Input-Abende? Oberflächlich gesehen sind es ganz alltägliche Anlässe: zum Beispiel einen ganzen Tag im Auto, eine Reise zu einem Auftraggeber – abends dann der Wunsch, auf einfache und anstrengungslose Weise abzuspannen und geistig abzudriften. Also Chianti kaufen und mit dem Lebensgefährten über Gott und die Welt plaudern, angeregt durch den Wein, der geschwätzig macht und mentale Inhalte auf einmal so interessant erscheinen läßt, daß man wochenlang über sie philosophieren wollte… na, und ganz pragmatisch gesehen ist DAS eine Situation, die ich OHNE Zigaretten einfach nicht als vollständig erleben kann – noch nicht, wer weiß, vielleicht nie.

Das ist also die Oberfläche. Darunter liegt der Wunsch, in gewissen Abständen aus dem „vernünftigen Leben“ auszutreten, für ein paar Stunden in ein Dasein ohne Zukunft und Vergangenheit zu gelangen, zu leben wie ein Kind: den Augenblick feiernd, völlig ver-rückt und ohne Angst vor Folgen, ja, überhaupt OHNE viel Gedanken. Meine gelegentlichen Abende mit stofflichen Giften sind insofern reine Regressionen in einen kindhaften, prämentalen Zustand, der von der durchgehenden leichten Anspannung des „vernünftigen Lebens“ ein wenig entlastet, ohne etwas an der Grundsituation zu ändern. Und weil ich heute im Alltag lange nicht mehr so „entfremdet“ lebe wie etwa in meinen politisch aktiven Zeiten, ist das Bedürfnis nach „Ausstieg“ sehr viel geringer geworden und damit auch das Gefühl der Abhängigkeit von bewußtseinsverändernden Stoffen.

Rennen und beten

Im Forum schrieb ein Leser an einen anderen, der es geschafft hat, sowohl Alkohol als auch Zigaretten aufzugeben: „Und welche Droge nimmst du jetzt? Rennst du oder betest du??“ Ich empfinde diese Formulierung als spöttisch-zynisch, genau wie der Gefragte. Wer mal selber ernsthaft versucht hat, von diesem oder jenem Stoff zu lassen, empfindet es als wenig hilfreich, wenn jemand signalisiert: Ist doch eh alles egal, ob du dich nun zudröhnst oder Sport treibst, ob du meditierst oder malst, dein Auto pflegst oder Schach spielst…. Aus meiner Erfahrung reden so Menschen, die es für sich aufgegeben haben, aus einer bestimmten süchtigen Verstrickung herausfinden zu wollen. Und weil das letztlich nicht wirklich zufrieden stimmt, bleibt dann diese gewisse Agressivität, die sich gegen andere wendet, die es versuchen oder gar schaffen.

Insbesondere der antispirituelle Impuls ist hier erwähnenswert, denn ohne eine spirituelle Entwicklung findet niemand aus dem Kreis der Süchte (stofflicher und nicht stofflicher) heraus, davon bin ich restlos überzeugt. Das muss nicht bedeuten, im Sinne tradierter Religionen gläubig zu werden oder einer spinnerten Sekte beizutreten, sondern es geht darum, den Zugang zu einer „ganz anderen“ Seinsweise zu finden: Eine Form des Daseins, die nicht spaltet zwischen „vernünftigem Leben“ einerseits, Ekstase, Abenteuer und Exzess andrerseits, hier die Welt der Formulare, Rentenansprüche und Rationalisierungen, dort das Märchenreich der heftigen Gefühle, der Träume und Drogen, der völligen Hingabe ans Dasein.

Mit nichts als dem Weltbild unserer Gazettenweisheit (vom Urknall bis zum Antrag auf Vorsteuerabzugsberechtigung) ist eine wache und bewußte Hingabe ans Dasein jenseits eskapistischer Ausnahmezustände (=Hingabe „als ob“) nicht möglich. In diesem Weltbild bloßer Oberflächen und Zahlen kommt der Mensch, wie er (und sie) sich selbst erlebt, nicht vor. Dieses Bild der Welt zeigt immer nur ein „Aussen“, wogegen wir uns zuerst und zumeist als ein „Innen“ erleben. Das eine mit dem anderen zu vereinen, oder besser gesagt, das eine als das andere zu erkennen, ist das Ziel spiritueller Wege und Übungen. Man kann darüber endlos viele Bücher lesen, doch ersetzen diese niemals die Sache selbst, leider – sonst wäre ich lange „dort“. :-)

Bei mir ist grad eher das Fitness-Center dran. Seit fünf Wochen lauf‘ ich da übers Laufband, spiel mit den Kraftmaschinen und setz mich hinterher in die kleine Schranksauna – es ist wunderbar! Mein Leben lang hab‘ ich verkündet: Sport ist Mord – und jetzt fängt es an, mir Spaß zu machen, unglaublich! Das ist eine grundstürzende Veränderung und der Abschied von den Zigaretten scheint dadurch erstmalig richtig machbar zu werden.

Bin gespannt, wie es ist, physisch stark zu sein, erst jetzt bemerke ich nämlich, wie schwach ich doch immer war. Auch in über zehn Jahren Yoga-Übungen bin ich diesem bestimmten Aspekt der Körperübungen ausgewichen: alles, was richtig anstrengt, wobei man ins Schwitzen und in heftiges Atmen gerät, hab‘ ich weitestmöglich vermieden. Das war auch gar nicht schwer, denn Yoga-Asanas sind ja nicht zuvorderst dafür da, um Kraft und Fitness zu entwickeln, sondern Bewußtheit für das, was ist, speziell für das Zusammenwirken von Körper, Gefühl und Denken, Mensch und Welt, innen und außen. Daß ich einen bestimmten Bereich des Daseins weiterhin ausschloß, ja scheute, wie der Teufel das Weihwasser, ist mir nicht besonders aufgefallen, bzw. ich konnte die These „Sport ist Mord“ sogar besser rechtfertigen als je zuvor. Jetzt hol ich das halt nach – und mach für jetzt mit dem Schreiben Schluß und fahr ins Center!

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Claudia am 04. Oktober 2001 — Kommentare deaktiviert für Carr genügt nicht

Carr genügt nicht

Heute ist der fünfte rauchfreie Tag. Nach der letzten Ohne-Phase gab es die übliche Übergangszeit als Wenig-Raucherin – bis dann nach zwei kurzen Wochen der alte Zustand wieder hergestellt war. Und „normal“ sind bei mir so etwa dreissig am Tag, manchmal auch mehr. Dreißig, vierzig Zigaretten, die mich von morgens nach dem ersten Kaffee bis spät abends in einem Zustand kontrollierter Gewöhnlichkeit halten: Alles im grünen Bereich.

Emotionen, falls überhaupt welche die Schwelle der Wahrnehmung überschreiten, werden mit der nächsten Dosis beantwortet. „Erst mal eine rauchen, dann sehen wir weiter…“. Dieses „weiter“ erübrigt sich dann jedes Mal aufs Neue, wenn der einströmende Qualm mit all seinen Nervengiften und Wirkstoffen das innere Gerüst wieder verstärkt, die Sauerstoffaufnahme drosselt und alle scharfen und klaren Empfindungen in der großen Wattigkeit versenkt, die sich lähmend über die Lebendigkeit legt wie Mehltau auf einen blühenden Rosenstrauch.

Es ist leicht, mit dem Rauchen aufzuhören, da hat Alan Carr ganz recht. Schon nach 24 Stunden etabliert sich ein ganz anderes und sehr viel angenehmeres Körpergefühl, die Lungen haben sich bereits deutlich erholt, der ganze Gestank ist weg und auch der schlechte Geschmack im Mund. Binnen kurzer Zeit entfaltet sich eine andere Normalität, die einem allerdings noch nicht gleich als solche erscheint: RUHE in allen Zellen, echte Stille, nicht diese nervöse Zittrigkeit, die sich schon bald nach einer Zigarette aus dem Gefühl der Wattigkeit erhebt und nach der nächsten verlangt. Wow, was für ein Feeling! Sogar die Gedanken verlangsamen sich und neigen nicht mehr zum Jagen – dafür bräuchte ich ansonsten mindestens zwanzig Minuten konzentriertes „Sitzen in Stille“.

Andrerseits ist jetzt wieder das ganze verläßliche Auf und Nieder des Begehrens zum Teufel, das sich im „Raum des Rauchens“ so berechenbar zwischen Kick und beginnendem Entzug einstellen läßt (zumindest solange man das Stadium des Kettenrauchens noch nicht erreicht hat). Lähmung, Beruhigung, Betäubung, nach Entzugsphasen kurze verläßliche (!) Kicks, immer etwas zum Festhalten, ein Schnuller fürs innere Kind, stoffgewordenes Mantra „Alles ist gut!“.

Was tatsächlich ist, spürt man, wenn der Schnuller weg ist – auch dann noch und gerade dann, wenn man NICHT mehr das Gefühl hat, schnellstens wieder einen Schnuller im Mund spüren zu wollen. Eine Flut aus Wünschen und Begierden macht sich bemerkbar, ein heftiges aber vom Kopf noch nicht definierbares Verlangen, das sich fürs erste als Oralität (Freßgier!) darstellt, aber oft genug einfach in Reizbarkeit, Ungeduld und Agressivität umschlägt. Nicht ständig, keineswegs, sondern nur für Momente, Momente der Unachtsamkeit, in denen man auch noch gern den Fehler macht, einem der chaotischen Gedanken aufzusitzen, die während solcher „Anfälle“ beiläufig produziert werden: Heureka, da ist er, der mögliche Grund meiner aktuellen Mißstimmung…. er ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht!

Was es ist

Der Fluß der Libido, die Pforten der Wahrnehmung, das Verhältnis von Reiz und Reaktion – all diese wichtigen Möblierungen individuellen Seins geraten aus der je real existierenden Ordnung, wenn man eine lang gewohnte Psychodroge wegnimmt (oder eine neue hinzufügt). Rauchen hat für mich immer etwas geleistet, mir definitiv etwas geboten: es ist ein Mittel, das es leichter macht, sozusagen ein „falsches Leben im Falschen“ zu führen.

Flachland-Denker wie Alan Carr werden nie zugeben, dass man bei vollem Bewußtsein „die blaue Pille“ wählen kann (->Matrix), weil der andere Weg gerade als zu beschwerlich und wenig verlockend erscheint. Es ist weit einfacher, zu rauchen wie ein Schlot und in einem „inneren Gerüst“ zu leben, als sich den Gefühlen und Empfindungen des Augenblicks zu öffnen – ohne jede Absicherung, was alles an Reaktionen, Gedanken und aktiven Lebensveränderungen daraus entstehen mag. Ganz ähnlich ist es mit dem Alkohol: Es ist weit einfacher, sich gelegentlich bis zum Filmriß zu betrinken und so die eigene Rationalität kurzzeitig abzuschalten („mal was ganz Wildes erleben“), als tatsächlich in voller Wachheit hier und jetzt und womöglich mitten im Geschäftsleben das eigene rechnende Denken, das vernünftige Sich-Verhalten-Wollen aufzugeben.

Was ich tue oder lasse, entscheide ich in all diesen Zusammenhängen übrigens ganz allein. Immer mehr merke ich, daß die Einflüsse Anderer, die mich vom „richtigen Leben“ und vom „wahren Weg“ überzeugen wollen, eher schaden als nutzen. Zu glauben, ich träfe meine jeweilige Wahl nach einer übernommenen oder selbst gebastelten Moral, wäre sowieso reine Selbsttäuschung. Heute ist es für mich einfach genauso spannend und abenteuerlich, eine Droge beiseite zu lassen, wie es das früher war, einen wirkungsmächtigen Stoff in die Psyche einzubauen. Nachteil ist Vorteil: dieses Erleben steht nur langjährig Süchtigen offen! :-))

Ich strebe übrigens auch nicht mehr an „für immer Nichtraucher“ zu werden oder zu bleiben. Etwas Wichtiges in die Zukunft zu vertagen, etwas WERDEN oder IMMER BLEIBEN WOLLEN ist gerade Teil der Verwirrung, die man mit Drogen oder anderen neurotischen Verhaltensweisen schlecht und recht stabilisiert. Ich will den Kick, die Freude, die Ekstase, die Gefahr und das Abenteuer, die ganze Lebenslust im echten Leben, hierjetzt also!

(…wenn sich jetzt jemand motiviert fühlen sollte, weise die Stirne zu runzeln und mir zu mailen, jegliches Streben nach Kick & Glück sei ganz falsch: bitte nicht! Verlorene Liebesmüh! Hab ich in tausend vermutlich besseren Formulierungen im Bücherschrank stehen und entsorge es alle Jahre wieder – immer dann nämlich, wenn ich zu meiner inneren Flamme zurückfinde, zu dem, das MEHR will als sich mit dem zu arrangieren, was gerade ist.)

Bye bye Carr!

Mit Alan Carrs hilfreicher Gehirnwäsche kann man vom Rauchen loskommen, kann lernen, was diese Sucht ist und wie sie funktioniert. Dass es die „wahre Zigarette“, die man „wirklich“ genießt, nämlich gar nicht gibt, sondern daß da immer nur ein Mechanismus aus Entzug und Nachschub wirkt und wechselnde Gefühle erzeugt. Nach ein paar Tagen „ohne“ schmeckt die Zigarette nicht mehr – man muß erst wieder den Mechanismus einüben, erst wieder „ins Geschirr“ steigen, um überhaupt wieder die Anmutung zu bekommen, die Zigarette würde einem etwas geben. In Wahrheit ist da nämlich NICHTS, nichts als das gute Gefühl, wenn der Schmerz (Entzug) nachläßt – und auch das nur dann, wenn man es bis zum Entzug kommen läßt, über Nacht zum Beispiel. Normalerweise spürt man als Raucher ja nicht mehr viel, am wenigsten von den vielen Zigaretten, die man verbraucht und teuer bezahlt, um in diesem Zustand verweilen zu dürfen.

Man kann den „Raum des Rauchens“ mit all seinen Folgen und Begleiterscheinungen betreten und verlassen – aus heutiger Sicht scheint mir das eine so schwer bzw. leicht wie das andere. (Es war schließlich verdammt schwer, sich das Rauchen anzugewöhnen, damals, mit fünfzehn…) Das „Verlassen“ kann man von Carr lernen, es geht vergleichsweise leicht, wenn man die von ihm empfohlenen Geisteshaltungen und Denkweisen übernimmt. Aber schon bald ist man „drüber weg“ und dann braucht es gute Gründe, echte Motivationen, wirklich EIGENE Haltungen, um nicht wieder nach dem „inneren Gerüst“ zu greifen. Es reicht nicht, über Suchtmechanismen und übliche Selbsttäuschungen in Bezug aufs Rauchen Bescheid zu wissen, man muß anders FÜHLEN, nicht nur anders DENKEN.

Carrs Buch „Für immer Nichtraucher“ ist nichts als eine mengenmäßige Aufblähung derselben Inhalte, die aus „Endlich Nichtraucher“ weidlich bekannt sind, gespickt mit unzähligen unterhaltsamen Anekdötchen aus seinem Leben als Raucher, Nichtraucher und Nichtraucher-Guru. Und tatsächlich hab‘ ich Reaktionen von Leuten gelesen, die sagten, das Buch gäbe ihnen mehr, weil sie länger brauchen, um diesen Wälzer durchzulesen! Tja, da kann ich nur raten: Immer wieder von vorne anfangen, nie wieder ‚was anderes lesen, dann bleibt man ganz bestimmt

f ü r    i m m e r    N i c h t r a u c h e r .

(Das Thema E-Mail hab‘ ich nicht vergessen, nehm‘ ich gelegentlich wieder auf).

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Claudia am 29. September 2001 — Kommentare deaktiviert für Virtuelle Räume

Virtuelle Räume

Wenn ich zwei Tage kein Diary schreibe, überkommt mich am dritten, spätestens am vierten Tag ein dringliches Bedürfnis, mich hinzusetzen, auf die „leere“ Datei zu starren und in mich hinein zu lauschen, was da jetzt wohl „zum Ausdruck“ drängt. Keinesfalls ist es ein Gefühl der Pflicht, eher eine Sehnsucht, in diesen stillen Raum der Selbstversenkung einzutreten, der sich mir schreibend so leicht eröffnet wie nirgends sonst. Kein Thema ist vorgegeben, keine Form von irgend jemandem verordnet, die Erwartungen der Leser sind so unterschiedlich wie diese selbst und also auch keine Leitlinie, die mich auf bestimmten Spuren halten würde. Volle Freiheit also, und was auf diese Weise entsteht, landet mit einem Mausklick in den unendlichen Weiten, hierjetzt und nicht erst nach Monaten oder halben Jahren wie im Reich gedruckter Worte. Weiter → (Virtuelle Räume)

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Claudia am 27. September 2001 — Kommentare deaktiviert für Einander verstehen

Einander verstehen

In den Wochen seit DEM Ereignis hat es mir doch weitgehend die Sprache verschlagen. Das „große Gespräch“, das aus allen Kanälen sämtlicher Medien dröhnte, hat mich regelrecht umgehauen und verstummen lassen. Und zwar nicht wegen etwas Bestimmtem, das da gesagt worden wäre und mich vielleicht verstört oder wütend gemacht hätte, nein, es war das Kommunikationsgeschehen insgesamt, bis hin zu den Mailinglisten, Webforen, Tagebüchern. Es erschien mir, als werde der Krieg zumindest mit Worten vorweg genommen, nicht nur in den traditionellen Medien mit ihren martialischen Akteuren, sondern auch in so „netzigen“ Communities wie den I-Workern (die Liste wurde sogar eine Woche geschlossen!) oder dem Forum der 13, wo es Austritte hagelte. Je emotionaler, desto feindseliger, könnte man zusammenfassen. Und von einem Ereignis wie diesem Terroranschlag bleibt wohl niemand unberührt, auch diejenigen nicht, die sich jetzt wieder ganz cool geben. Weiter → (Einander verstehen)

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Claudia am 24. September 2001 — Kommentare deaktiviert für Rüstungen ablegen  – Rilke-Gedichte

Rüstungen ablegen  – Rilke-Gedichte

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange E-Mails schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke,
updated.

***

Texte sind Ritterrüstungen, sagt mein Lebensgefährte. Und ich bin manchmal so unendlich müde von ihrem Gewicht! Dann lese ich Gedichte, die sind so wohltuend anders, singen Lieder aus dem Herzen, eine Art Musik aus Buchstaben und Gefühlen.

Rilke mag ich zum Beispiel sehr.

Spaziergang

Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten,
dem Wege, den ich kaum begann, voran.
So faßt uns das, was wir nicht fassen konnten,
voller Erscheinung, aus der Ferne an –

und wandelt uns, auch wenn wirs nicht erreichen,
in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind;
ein Zeichen weht, erwidernd unserm Zeichen …
Wir aber spüren nur den Gegenwind.

***

Auch im Herbst berührt mich das nächste ganz besonders, vielleicht gerade im Herbst!

Vorfrühling

Härte schwand. Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,
greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

***

 

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Claudia am 22. September 2001 — Kommentare deaktiviert für Zueinander kommen

Zueinander kommen

Ist es in den Zeiten des Terrors und der Kriegsvorbereitungen überhaupt möglich, über Sex zu schreiben? Das hab‘ ich mich schon gefragt, als mir Willie am 14.September einen Kommentar zu einem älteren Diary-Beitrag (Sex als Dienstleistung) ins Forum postete – und dann doch geantwortet. Welches Thema wäre schon „passend“, um den Horror abzulösen, über den nachzudenken, nachzuspüren, zu reden und zu schreiben leicht zur verzweifelten Endlosschleife geraten kann? Weiter → (Zueinander kommen)

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Claudia am 18. September 2001 — 1 Kommentar

Vom Glück mitten im Grauen (9/11)

„Kaum bist du mal weg, geht die Welt unter“, schreibt mir ein Leser ins Forum, den es interessiert hätte, zum aktuellen Desaster meine laufenden Kommentare zu lesen. Ein anderer fragt nach, ob denn wirklich jeder etwas dazu sagen müsse. Und gerade bekomme ich eine Mail, dass der Initiator des von mir betreuten Forums der 13 aus dem Projekt ausgetreten ist und seine Funktionen niedergelegt hat. Warum? Offenbar wurde in der Diskussion über die schrecklichen Ereignisse zu viel Falsches gesagt, jedenfalls für ihn Unerträgliches. Als nächstes schau ich in die Mailinglisten: 768 Mails, davon viele zum Thema „Amerika wird angegriffen“. Jetzt komme ich wirklich ins Staunen, WAS da so alles diskutiert wird („Passt nun die Prophezeiung des Nostradamus oder nicht?“) und mehr denn je stößt mich das übliche Listengeschehen ab, das geradezu automatenhaft darauf hinausläuft, sich zu streiten bis hin zum „Stellvertreterkrieg“. Weiter → (Vom Glück mitten im Grauen (9/11))

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Claudia am 10. September 2001 — Kommentare deaktiviert für Schöne Welt: Unter Nackten

Schöne Welt: Unter Nackten

Nie hätte ich geglaubt, eines Tages ein Sauna-Fan zu sein! Bis mich meine Schwester vor gut zwei Jahren in die Wiesbadener Thermen führte, war das ganz undenkbar: Nackt unter völlig fremden Menschen? Sich womöglich anstarren lassen, mit dem herrschenden Schönheitsideal aus den Werbespots verglichen werden? Nicht mit mir! Dazu diese Hitze: Wie soll ein Mensch bei 90 Grad überhaupt überleben? Weiter → (Schöne Welt: Unter Nackten)

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