Claudia am 21. Februar 2002 — Kommentare deaktiviert für Derselbe Planet? Vom „wirklichen“ Leben

Derselbe Planet? Vom „wirklichen“ Leben

Eine der großen Freuden des Webpublishings ist die schnelle Resonanz. Manchmal vergehen nur wenige Stunden und schon steht ein Kommentar zum neuesten Eintrag im Forum. Ein Kommentar, der wiederum von anderen kommentiert wird, vor allem dann, wenn es sich um Kritik, Einspruch und Widerrede handelt. Und niemand sülzt nur blöde vor sich hin! Zwar geht es gelegentlich auch härter zur Sache, aber der Ton bleibt in der Regel höflich und aggressive Kurzbotschaften fehlen ganz – genau, wie ich es mir wünsche. Weiter → (Derselbe Planet? Vom „wirklichen“ Leben)

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Claudia am 19. Februar 2002 — Kommentare deaktiviert für Vor dem Frühling

Vor dem Frühling

Wie die Zeit rast! Gerade erst war Silvester – und nun ist schon wieder der 19.Februar, Vorfrühling, Krokusse in den Parkanlagen, feucht-stürmische Wärme im Wechsel mit eiskalten Sonnenstunden. Im Fitness-Center schwitzen jetzt mehr Menschen als im Winter, man müht sich eifriger um die bessere Form, schließlich wird es täglich heller. Bald landen die dicken Klamotten im Schrank und wer will sich den interessierter werdenden Blicken des Mitmenschen schon im weihnachtlichen Kampfgewicht aussetzen! Weiter → (Vor dem Frühling)

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Claudia am 15. Februar 2002 — Kommentare deaktiviert für Geborgen im Detail – von den Freuden des Idioten zum einen Geschmack

Geborgen im Detail – von den Freuden des Idioten zum einen Geschmack

In den letzten Tagen, die ich wegen der technischen Erneuerung des Diarys mehr oder weniger im Code versackt zubrachte, ist mir aufgefallen, was für ein „stilles Glück“ diese Reduzierung des Bewusstseins auf einen kleinen Teilaspekt der Welt doch mit sich bringt. Weniger ist tatsächlich mehr, Beschränkung tut gut, ist das nicht seltsam?

Man bewegt sich in einem Raum aus Vorschriften und Methoden, der – zwar weitläufig und in Teilen unbekannt – erst erforscht und erlernt werden muss, aber doch insgesamt ein Gefühl der Sicherheit und Übersichtlichkeit vermittelt: Das Ziel ist klar, alles, was mir auf dem Weg begegnet, ist von Menschen geschaffen, die sich etwas dabei gedacht haben. Nicht das große Unbekannte, „ganz Andere“, nicht Natur, Gott oder gar Mitmensch lauern in den Weiten der Details, sondern die Gesetze der Logik, umgesetzt in lernbare Algorithmen, ergeben ein Gefühl der Sicherheit und Berechenbarkeit, das im „realen Leben“ immer mehr im Schwinden begriffen ist.

Auch wenn ich mich gewöhnlich als durchaus weltkompatibel einschätze, fähig, auf den Wellen der Existenz „surfend“ zumindest den Kopf oben zu behalten und das Herz nicht zu vergessen, stelle ich doch fest, wie GUT das tut. Alles ausblenden, was nicht zur „einen Aufgabe“ gehört, sich ganz auf das „Wie“ konzentrieren und keine Was-, Warum- oder Wer-Fragen zuzulassen: Wow, das ist Urlaub von den vielen Fronten des Daseins! Und so wird es möglich, sich an die Zeichenketten eines Codes wohlig anzuschmiegen wie an den warmen Sand eines Sonnenstrands im Süden.

…und noch mehr:

Diese vermeintliche Geborgenheit in einer, verglichen mit dem Weltganzen lächerlich unwichtigen Detailwelt, ist noch nicht einmal der ganze Spaß. Man wird auch von der Langeweile befreit, diesem wabernden Nichts, das sich in jeder Lücke zwischen den einzelnen Akten des Handelns, Denkens, Genießens und Leidens ausbreitet – immer dann eben, wenn die Frage „Was jetzt?“ nicht zwingend und unausweichlich zur einzigen lebensrettenden Antwort führt. Und wann ist das heute schon noch?

Das Wesen der Langeweile ist das Leiden, vom Dasein als Ganzem nicht angesprochen zu sein. Dieser Gedanke Heideggers ist die beste, mir bekannte Beschreibung des Phänomens. Langeweile durchdringt und erfüllt die Leerräume des Daseins, leer in dem Sinne, dass sie uns nichts sagen, uns nicht fordern, nicht einmal mehr beängstigen. Was soll ich hier? Was liegt an? Warum dieses tun und nicht jenes? Wenn ich im Augenblick nichts Konkretes tun muss, sondern auch anders kann, hat Langeweile ihre Chance.

Ich weigere mich, die beliebte Rede vom „Auf-sich-selbst-zurückgeworfen sein“ zu übernehmen, weil ich nicht behaupten will, zu wissen, was ein „Selbst“ ist. Auf jeden Fall ist da etwas, das die Welt beständig auf Chancen und Gefahren hin durchcheckt – der Scannerblick eines Wesens, das Überleben und Genießen will, und deshalb sämtliche Eindrücke und Informationen durch seine „Nützt-mir/schadet-mir-Filter jagt, alles andere gar nicht erst wahrnehmend.. Sobald sich dabei ein Leerlauf ergibt, weil zum Beispiel Sattheit und Sicherheit zumindest für den Augenblick und die überschaubare Zukunft erreicht sind, verliert dieses Wesen seinen Sinn. Man könnte auch dramatisieren und sagen, es drohe ihm der Tod – eine pathetische Formulierung, die ich aus der Erfahrung der Langeweile nicht wirklich herausfühlen kann. (Nicht umsonst gibt es ja verschiedene Worte für Langeweile und Angst.)

Langeweile nervt! Bis zum Schrecken, der vielleicht doch hinter ihr noch lauert, lasse ich es ja gar nicht erst kommen. Ausweichen scheint so leicht, wenn es auch mit zunehmendem Alter schwieriger wird, auf „Neues“ abzufahren. Das „Neue“ erweist sich nämlich immer öfter als das Altbekannte in neuem Outfit, und um der Langeweile weiterhin zu entgehen, müsste man die Geschwindigkeit des Reality-Zappings ständig erhöhen, damit dieser Erkenntnis und der ihr folgenden Ernüchterung keine Zeit bleibt, sich zu ereignen – wir sind ja dann schon „fort“ geschritten…

Leider ist Beschleunigung nun nicht gerade das, wonach man sich in der zweiten Lebenshälfte sehnt. Also findet sich der alternde Mensch – hängend zwischen Scylla und Charybdis -psychophysisch zu anderen Verhaltensweisen genötigt. Die Hoffnung, dass, wo „neu“ drauf steht, auch neu drin ist, nimmt immer mehr ab, und man wird bereit, immer länger in der Langeweile zu verharren. Beobachten, was ist, bzw. was fehlt; ausprobieren, wie man es trotzdem ganz gut aushält; über all das nachdenken – was will man sonst auch machen?

Dabei gewinnt die Frage, was es denn bedeuten mag, „vom Dasein als Ganzem angesprochen“ zu sein, immer größere Kraft. Gerade die Schmalspurigkeit der allzeit und überall aufgedrängten Zerstreuungen und Erregungen ist es ja, die die Leere immer besser durchscheinen lässt. Was also wäre ihr Gegenteil? Kann man es finden, besitzen, anwenden, und ist man dann auch wirklich gerettet?

Donnerworte des Daseins

Wenn ich innerlich aufliste, was mir zum numinosen „Angesprochen-Sein vom Ganzen“ so alles einfällt, sind es durchgängig intensive Breitband-Erfahrungen von einiger Wucht, die alle Ebenen des Daseins in Beschlag nehmen. Denken, Fühlen, Empfinden, Wahrnehmen – alles muss sich an der Antwort beteiligen, kein Teilaspekt kann sich irgendwie heraushalten und „business as usual“ praktizieren. Kein „Alltag“ mehr, keine Masken und Rollenspiele, kein modulhaftes Leben als „verteiltes System“. Ausnahmezustand.

Ausnahmezustand? Krieg, Todesgefahr, Stahlgewitter, Erdbeben, Ernstfall, 11.September, die Assoziationskette des großen Schreckens drängt sich bei diesem Begriff geradezu auf. Im „realen Leben“ dagegen steht eher das Wunderbare und Freudige, oft auch Abenteuerliche im Focus der Betrachtung, wenn man sich danach sehnt, vom Ganzen erfasst zu werden: Frühlingserwachen, heftige Verliebtheit („falling“ in Love), physische Extremerfahrungen, Euphorie, Orgasmus, Ekstase und Erschöpfung, mystische Verzückungen, eine neue, hochwichtige Lebensaufgabe – es kann gern auch mal eine politisch-soziale Bewegung, Revolte oder Revolution sein. (Der nationalsozialistischen Revolution hat Heidegger es immerhin eine Zeit lang ernsthaft zugetraut, das „sprechende Ganze“ in der Welt zur Wirkung zu bringen).

All diese Ausnahmezustände stehen mir nicht zur beliebigen Verfügung, sonst wären es ja keine. Von der Machbarkeit her gesehen, ist es also sinnlos, weiter über ihr Fehlen nachzudenken. Darüber hinaus fallen sie in ihrer Mehrheit noch nicht einmal ins Reich der Wünschbarkeiten, das tröstet über die mangelnde Machbarkeit doch einigermaßen hinweg. Wenn ich mir dazu noch die kleinen Paradiese genauer ansehe, in die ich mangels Alternative gelegentlich doch gelange – zum Beispiel ein paar Tage im Web-Coding versacken – dann frag ich mich, was eigentlich der wesentliche Unterschied ist zwischen den „Donnerworten des Daseins“ und dem lockeren Geplauder meines Alltags at its best. Ist da wirklich ein qualitativer Unterschied und nicht nur ein quantitativer?

Immer handelt es sich doch um eine REDUZIERUNG von Bewusstsein. Im Augenblick einer Todesgefahr werde ich zwar all meine Wesensbestandteile aufbieten, um auf die Gefahr zu reagieren (und sie dann vielleicht zum ersten Mal in dieser Gänze wahrnehmen) – aber doch unter dem einzigen Zweck, das persönliche Überleben zu gewährleisten. Also in der schärfstmöglichen Verdunkelung, in der man sich angesichts der Fülle des Seins befinden kann: Schotten dicht, Alarmstufe Rot, Überlebensalgorithmen „on“.

Die anderen genannten Erfahrungen funktionieren ähnlich: Wenn es wirklich zum „Vom Ganzen erfasst -Gefühl“ kommt, dann nur deshalb, weil ein Teilbereich des Daseins kurzzeitig den gesamten Platz im Bewusstsein einzunehmen in der Lage ist. So kulminiert zum Beispiel sexuelle Erregung im Orgasmus, indem vornehmlich physisch wahrnehmbare Empfindungen sich ausweiten und andere Prozesse still stellen. Aber auch wenn „nur“ der erste Tropfen eines süßen Likörs auf die Zunge trifft und unverhofft den „einen Geschmack“ entfaltet, geschieht dieselbe Verengung. Es ist nur weit schwieriger, sich auf den kleineren Reiz einzulassen und die Reduzierung als Tor zur Fülle zu nutzen.

Für jetzt will ich diesen ins Nirgendwo führenden Überlegungen nicht weiter folgen. Ausweichen ist angesagt, ich sitze hier schon viel zu lange still! Für jetzt muss es mir reichen, festzustellen: Ausnahmezustände führen in die Illusion, sie unterscheiden sich nur in der Intensität von „normalen“ Erfahrungen und gehen wie diese vorüber. Was bleibt, ist die Langeweile – doch sie wird zunehmend interessanter.

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Claudia am 09. Februar 2002 — 1 Kommentar

Im Code versackt

14.2.: Bin gerade dabei, das Update einzuspielen und zu testen – dieser Beitrag ist also faktisch überholt… :-)

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Dies ist hoffentlich einer der letzten Einträge ins Diary der „alten Technik“ – seit Tagen sitz‘ ich dran, meine Lieblings-Website vollständig umzubauen, starre von früh morgens bis in die Nacht auf den Bildschirm, mache viel zu wenig Pausen und auch während dieser Pausen häng‘ ich am Code: durchwandere geistig weiter die Räume von HTML, XHTML und CSS, fühl‘ mich zwischen spitzen und geschweiften Klammern so seltsam wohl – es ist wie eine Sucht, eine Besessenheit – und ganz wunderbar! Weiter → (Im Code versackt)

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Claudia am 03. Februar 2002 — Kommentare deaktiviert für Mach’s nochmal – im Frühling enden?

Mach’s nochmal – im Frühling enden?

Bloß jetzt nicht ausrasten, ganz ruhig bleiben, keine Versuche, irgendwelche Bäume auszureißen – auch bitte kein feuchtfröhlicher Abend, keine Ausflüge in ungewohnte Fernen oder andere grundstürzende Aufbrüche! Ich rede mir gut zu, trete trotzdem alle paar Minuten auf den Balkon, es ist einfach ungeheuer: der Himmel maximalblau, keine Wolke nirgends, die Sonne tut so, als wäre es ganz selbstverständlich, jetzt schon einen auf Frühling zu machen – ja, die Welt ist verrückt geworden, sie paßt sich uns an. Weiter → (Mach’s nochmal – im Frühling enden?)

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Claudia am 30. Januar 2002 — Kommentare deaktiviert für Vom Medienleben: Aus Bequemlichkeit ins Nichts

Vom Medienleben: Aus Bequemlichkeit ins Nichts

Eine ARTE-Reportage berichtete gestern von den Argentiniern. Viele von ihnen bemühen sich derzeit um einen Paß, um nach vielen Jahrzehnten in die Länder ihrer Vorfahren Italien und Spanien zurückzukehren. Während vor und nach dem Krieg AMERIKA der große Traum war, ist es heute EUROPA, die extreme Wirtschaftskrise treibt die Menschen in die Auswanderung. Weiter → (Vom Medienleben: Aus Bequemlichkeit ins Nichts)

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Claudia am 27. Januar 2002 — Kommentare deaktiviert für Linke Lähmungen: die Älteren

Linke Lähmungen: die Älteren

Ein berühmter Schriftsteller und ein ebenso berühmter Soziologe im TV-Gespräch über das Elend der Welt. Beide über 60, gelten sie heute als „alt-linke Dinosaurier“, deren archaische Sicht der Dinge man nicht mehr ernst nehmen müsse – so zumindest der Tenor in der heutigen Medienlandschaft. Weiter → (Linke Lähmungen: die Älteren)

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Claudia am 25. Januar 2002 — Kommentare deaktiviert für Gemütliche Gewölbe – ein Saunabesuch

Gemütliche Gewölbe – ein Saunabesuch

Zwei Geländer säumen die Treppe hinunter in den Keller, eins für Erwachsene und ein weit niedriger angebrachtes für Kinder. Die „Gewölbesauna“ am Prenzlauer Berg empfängt mich überaus familiär, kein Drehkreuz, keine Automaten, kein Kartenverkauf, ich muss mir den Weg zum Check-In durch die niedrigen Nut-und-Federholz-vertäfelten Räume selber suchen. Ein Mittsechziger im Bademantel sagt freundlich „Guten Tag“, ich bin hier im Osten Berlins, da geht man nicht so wortlos aneinander vorbei wie in den West-Saunas. In Glaskästen sind Massage-Utensilien ausgestellt, an den Wänden hängen Bescheinigungen, dass der Betreiber sich 1993 und ’94 mehrfach weitergebildet hat – na super, aber wo geht’s hier zur Sauna?

Aha, zwei Türen weiter ist das Bistro. „Heute Hackepeter“ steht an der Tafel, es riecht nach Kantine. Das fröhliche Mädel hinterm Tresen informiert mich, dass ich erst beim Gehen zahlen muss. Einen Schrank könne ich mir in der Umkleide (nur „gemischt“) selber aussuchen, den Schlüssel behalten oder bei ihr abgeben – ganz wie’s beliebt. Wer mal in den üblichen hochtechnisierten Saunas drei verschiedene Armbänder mit Schlüsseln und „Chips“ am sonst nackten Leib tragen musste, weiß das zu schätzen. Erstens ist das Schlüsselwesen nervig, und zweitens heizen sich die Metallteile in der Sauna so auf, dass man sich Verbrennungen holen kann, wenn man nicht aufpasst.

Handtuchumhüllt und mit den vorgeschriebenen Badeschlappen an den Füßen erkunde ich die Räume: Finnische Sauna, Kräutersauna, Dampfbad, ein paar Duschen und sogar ein kleines Tauchbecken. Die optische Gestaltung der ganzen Anlage ist gewöhnungsbedürftig – an den Decken verlaufen dicke Heizungsrohre, gelegentlich umschlungen von verstaubtem Plastik-Efeu. Die Holzverkleidung wirkt wie von einem Hobby-Heimwerker ohne jeden Sinn für Feinheiten, Türfüllungen fehlen gelegentlich ganz, ein bisschen Baustellentouch herrscht vor.

Ich beginne mit dem Dampfbad, das zwar einen rauschenden Springbrunnen bietet, aber deutlich nach Moder riecht. (In Dampfbädern muss ich immer an Kohl und Jelzin denken, die ihre Treffen ganz entspannt im Dampf abgerundet haben sollen – tolle Idee!). Nach einer Abkühlungspause wechsle ich kurz vor dem stündlichen Aufguss in die 100 Grad heiße Finnische, nehme die obere Bank, denn da ist noch viel Platz. Die Anwesenden, sechs Männer und zwei Frauen, plaudern über die Klimakatastrophe: „Wenn der Golfstrom umkippt, werden wir erfrieren oder ersaufen und die da unten verdursten. So rottet sich die Menschheit selber aus!“ Die Laune ist trotzdem ungetrübt. Ich mag an den Ost-Saunas, dass es da so viel lockerer zugeht, jedenfalls ist es kein Verstoß gegen ungeschriebene Regeln, fremde Menschen anzusprechen. Wer im Ruheraum Ruhe sucht, kann dafür dann schon mal Pech haben.

Das Mädel vom Tresen erscheint und beginnt mit dem Aufguss, dem rituellen Kern eines jeden ordentlichen Saunagangs: ein mehr oder weniger theatralisch zelebrierter Auftritt des Personals, manchmal untermalt durch „lose Reden“ aus dem Publikum („Nimm doch gleich die Peitsche!“). Oh, ich hätte nicht die obere Bank wählen sollen! Dreimal gießt sie Wasser auf die heißen Steine und wedelt heftig mit dem Handtuch, hier oben ist es der reine Gluthauch, mir bleibt fast der Atem weg, auf der Haut kondensiert der heiße Dampf – und das bei 100 Grad! Kaum ist sie fertig, muss ich SOFORT nach draußen stürzen, womit ich mich für die anderen als hoffnungslose Anfängerin oute. Man geht nämlich frühestens zwei Minuten nach dem Aufguss raus, nicht vorher. Überleben ist mir allerdings wichtiger als der gute Ruf, eine kalte Dusche und das Tauchbecken retten mich vor dem zerkocht werden – paradiesisch! Zwar wackelt das Geländer und beim Blick auf die Becken-Innenbeleuchtung frag‘ ich mich, wie oft das Wasser hier wohl ausgetauscht wird – aber was soll’s, ich werde halt noch mal duschen.

Von heftigen Hitze- und Kältereizen ermüdet, zieht es mich jetzt in die Horizontale. Dazu muss ich den Nassbereich mit den Saunas verlassen und durch den Küchengeruch zurück in die Umkleide, von der die beiden Ruheräume abzweigen. Der eine ist nach draußen offen, gerade gut für einen kurzen Moment im Freien – nackt herumlaufen mitten im Winter, das hat schon was! Im anderen Zimmer stehen sage und schreibe sechs Liegen, komplizierte quietschende Gestelle, Typ Campingstuhl 60er-Jahre, denen ich auch nach längerem Forschen nicht ansehe, wie man sie von der Sitz- in die Liegestellung kippen könnte. Das Licht ist zu hell zum Schlafen und zu dunkel zum Lesen, dafür liegen überall Wolldecken herum, alle verschiedenfarbig mit den unterschiedlichsten Mustern. Der Anblick erinnert ein bisschen an unaufgeräumte Auffanglager für Katastrophenopfer. Immerhin, hier kann ich mich auch ohne Bademantel gut einpacken, es ist nicht gerade sehr warm. Netter Service, denk‘ ich mir, so was hab‘ ich noch in keiner Sauna gesehen – bis ich mich plötzlich frage, wie viele Saunabesucher sich wohl schon vor mir in dieselbe Decke gehüllt haben mögen?

Tja, es ist wirklich nett hier, auch nachher noch, am Tresen, wo ich einen „sauren Teller“ zu mir nehme, Essiggurke, Sol-Ei, Dosenchampignons und eingelegter Blumenkohl. Komme mir vor wie auf einer Zeitreise ins altberliner „Milljöh“. (Mein Wunschgetränk „Cola Light“ haben sie natürlich nicht, typisch ost! Das hat’s früher nicht gegeben und also wird es heute auch nicht angeschafft, sowas mögen eh‘ nur Wessis….)

Für neun Euro bietet das „Gewölbe“ ein Sauna-Erlebnis mit Wohnzimmer-Touch: gewachsenes Kiez-Leben, alteingesessene Schwitzbadkultur statt kommerziell-anonymes Wellness-Ambiente. Die selbstgebastelte und leicht verschmuddelte Anmutung der Räume gehört halt dazu, genau wie die gewöhnungsbedürftigen Gerüche, die offensichtlich sonst niemanden stören. Der Laden scheint zu brummen, trotz oder gerade wegen alledem?

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