Thema: Autobiografisches

Claudia am 03. Juni 2004 — Kommentare deaktiviert für Kein „Ruck“ – aber die Blockade zerbröselt

Kein „Ruck“ – aber die Blockade zerbröselt

Über Geld spricht man nicht – woher stammt eigentlich diese seltsame Volksweisheit, die selbst im Jahre 2004 noch immer jedem einfällt, wenn man es doch einmal tut? Eine Teilnehmerin in einer Frauenliste fand es sehr problematisch, dass ich so „offenherzig“ über meine Situation schreibe wie im letzten Diary-Artikel. Sie sei Kauffrau und würde nun ganz gewiss erst länger recherchieren, bevor sie mir einen Auftrag gibt, und dann versuchen, die Preise zu drücken. Das war aber auch schon die einzige negative Resonanz! Ansonsten konnte ich mich über allerlei Zuspruch und Ermunterung, konkrete Ideen und Angebote freuen – bis hin zu einer hilfreichen Spende. 1000 Dank!

Dass ich sogar das Kühe-Hüten in Betracht zog, brachte mir eine Anfrage, ob ich mich nicht um eine offene Stelle in einer Bergbauern-Initiative bewerben möchte. Und eine ehemalige Bauernmagd setzte mir auseinander, dass der Sennerinnen-Job ein Knochenjob sei – man „hütet“ ja nicht nur, sondern muss auch melken und Käse machen. Dafür gibt’s zwar in der Schweiz 100 Euro/Tag, aber man schafft es körperlich nur bis ungefähr 30. Naja, so ganz ernsthaft war ich in Sachen „Kühe hüten“ ja nun doch nicht…

Besser gefällt mir die Idee, „problematische Immobilien“ für Menschen zu verkaufen, die keine Lust auf Makler haben. Das ist mir schon mal im Leben zugestoßen und war eine interessante Erfahrung in einem Metier, das mir doch ziemlich fremd ist. Mit dem Honorar konnte ich dann eine Stadtteilkneipe eröffnen, die mir auch eher „zuflog“, als dass ich mich drum gerissen hätte. Gern würde ich auch hochpreisige Liebhaberobjekte im Web präsentieren – hier in der Nähe gibt’s so ein Gebiet mit interessanten Neubauten, darunter einige, die offensichtlich bisher keine Käufer oder Mieter fanden. Wenn ich mal ausrecherchiere, wie die im Web angeboten werden, treffe ich nur auf langweiligst gestaltete Datenbanken mit ein paar Angaben und je einem winzigen Bild. Muss das so bleiben?

Motivationskrise

Ach ja, es gibt viele Möglichkeiten – auch solche, die ein bisschen näher dran sind an meiner bisherigen Arbeit. Es ist ja nicht so, dass ich in den letzten Wochen schwer gewirbelt hätte, um bestimmte Angebote an den Mann bzw. die Frau zu bringen, eher war ich außerstande, meine „To-Do-List“ mit all den Ideen wirklich abzuarbeiten. Eine Art Motivationskrise, in der es absolut nichts gebracht hat, endlos über Möglichkeiten und Ursachen zu grübeln. Trotz aller Sorgen vergingen die Tage, ohne dass ich „effizienter“ wurde. Erst das immer neue Scheitern am Versuch, mich erfolgreich anzutreiben, führte zu einem inneren Loslassen. Ein paar Tage tat ich wirklich NICHTS – und zu meinem Erstaunen hab‘ ich auf einmal wieder Lust!

An den äußeren Bedingungen, z.B. am mittlerweile grundstürzend gewandelten Internet, ändert das zwar nichts – wohl aber kann ich mit Freude an der Sache wieder kreativ auf geänderte Bedingungen antworten (toi toi toi!). Einfach „irgendwas machen“, ohne einen Funken von Begeisterung, das konnte ich auch vor den Zeiten der Netze nicht. Hab‘ es ausprobiert, schon gleich nach dem Abitur und als Studentin. In den Semesterferien-Jobs lernte ich viele Unternehmen und Behörden von innen kennen und kämpfte ständig mit dem Einschlafen. Damals herrschten in Sachen Arbeit noch paradiesische Zeiten („Kommen Sie zu uns, Sie können gleich mit BAT 2A anfangen, wenn Sie Ihren Abschluss haben“), aber in so einer Behörde anzuheuern, erschien mir nur als lebendiges Begraben-Sein.

So ist es halt ein Patchwork-Lebenslauf geworden und keine Beamtenlaufbahn, wie mein Vater es sich gewünscht hätte. Die letzten acht Jahre – also die Netz-Zeit – waren verdammt spannend und abwechslungsreich. Ich bin gespannt, wie es weiter geht!

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Claudia am 24. September 2003 — Kommentare deaktiviert für Wie ich schreiben lernte

Wie ich schreiben lernte

Ich schreibe. Nicht für „Bewusstheit und Selbsterkenntnis“, nicht um als Autorin unsterblich zu werden, nicht fürs Geld verdienen, nicht um mich meiner selbst zu vergewissern, nicht um mein Publikum zu unterhalten oder gar die Welt zu retten – ich schreibe einfach. Alles das ist vielleicht zeitweise im Kopf, im Gefühl intendiert, aber in Wahrheit schreibe ich einfach nur. Weil ich es gelernt habe. Nicht als „Methode“ mit Werten und Kriterien, sondern als „Geste“. Weiter → (Wie ich schreiben lernte)

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Claudia am 12. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Richtungswechsel – eine Zwischenbilanz

Richtungswechsel – eine Zwischenbilanz

Seit einer knappen Woche lebe ich wieder allein – nach etwa zwölf Jahren Zweisamkeit! Nur noch ein paar wenige große Möbel meines liebsten Freundes stehen im Nebenzimmer, am Montag früh ist der Abtransport. Er hat eine Wohnung in Kreuzberg gefunden, ich bleibe in Friedrichshain, ziehe aber ein paar hundert Meter weiter: rüber über die S-Bahn-Geleise, näher an die Spree, direkt neben die Oberbaumcity. Alles verläuft ganz organisch, es geschieht, was geschehen muss und wir sind es beide zufrieden. Eine gute Erfahrung, daß nicht jede wichtige Veränderung unter Hauen & Stechen stattfinden muss.

Beim Verein der Freunde alter Menschen bin ich im November ausgestiegen: für ein paar wenige alte Menschen Kaffeenachmittage zu organisieren ändert nichts an der Situation in den Alten- und Pflegeheimen, auch nicht an der Isolation der Unzähligen die noch in ihren Wohnungen schlecht und recht versorgt werden. Und JA, ich will wieder etwas ändern, wenn ich mich schon engagiere, nicht nur einfach „irgendwas in dem Bereich“ machen und sehen, wie es mir bekommt.

Türen schlagend verließ ich kurz vor Weihnachten auch meinen langjährigen Yoga-Lehrer. Über die verschiedenen Anlässe will ich mich hier nicht verbreiten. Ich verdanke ihm viel und werde das nicht vergessen! Der Zeitpunkt war allerdings länger schon überschritten, an dem ich hätte gehen sollen: der ist immer dann, wenn ich nur noch das „Immerselbe“ erlebe und bereits mehrfach auf alle mir möglichen Weisen reagiert oder eben nicht reagiert habe. Da zu bleiben und das Bekannte endlos weiter zu „konsumieren“ ist dann kontraproduktiv, denn die Punkte, an denen es weiter gehen muss, sind durch diese Konstellation blockiert: bei ihm und durch ihn geht nichts mehr – aber auch nicht mit Hilfe eines Anderen, denn ER ist ja da! Und er macht natürlich SEINS, seinen Yoga, sein Leben, seine Philosophie und seine Weltanschauung – wenn ich wichtige Teile davon ablehne, aber trotzdem dran bleibe, ergibt das nur einfach zunehmende Ärgerlichkeit im zwangsläufigen Stillstand.

Gut, dass es jetzt zu Ende ist, zehn Jahre sind vermutlich auch genug. Mit ihm zu streiten wäre müßig. Ganz abgesehen von der Frage, ob er Kritik und Auseinandersetzung auch einmal zulassen würde, bin ich ja nicht gekommen, um IHN, den zwanzig Jahre Älteren zu ändern, sondern um MICH mit seiner Hilfe ändern zu lassen. Wenn allerdings in mir keinerlei Verlangen mehr brennt, in dieser oder jener Hinsicht zu werden wie er, dann läuft da nichts mehr. Lange schon nicht!

Form wird Leere, Leere wird Form

Es gab auch noch ein paar weniger bedeutende Trennungen in letzter Zeit, die alle ein Grundmotiv gemeinsam haben: die Phase, in der ich nur beobachtetete, wie die Außenwelt mich formt, in der ich immer nur übte, möglichst ohne Widerstand ein Maximum an innerer Flexibilität zu realisieren, ist vorbei. Lange lebte ich aus der Mitte dreissig gewonnenen, damals ungeheuer befreienden Einsicht: Ich bin niemand, also bin ich (potenziell) alles. Kann daher zu allem JA sagen, denn nichts stellt mich in Frage. Weil da ja kein substanzielles Ich existiert , weil „ich“ nur eine Denkweise ist, definiert mich auch nichts außer mir selbst – ich kann es also gleich ganz lassen und einfach nur Beobachterin sein. Beobachterin auch eigener Gedanken, Gefühle und Aktionen, die einfach stattfinden weil ein Tag dem anderen folgt und immer irgend etwas geschieht.

Demut, Hingabe, Gelassenheit – diese Haltungen kamen in meinem ersten Lebensentwurf nicht vor: der zeigte mich als Macherin meiner Welt, als stets Betroffene und Verantwortliche, die mit vollem Einsatz kämpft und um Macht und Einfluß ringt; natürlich immer für die Menschheit und die Weltrettung und niemals für sich selbst – zumindest in der Selbsteinschätzung, also in fast völliger Blindheit.

Als diese Art des In-der-Welt-Seins dann auf selbstzerstörerische Weise zum Ende kam und vor nun fast dreizehn Jahren endlich zusammen brach, bewegte es mich wie in einer Pendelbewegung hin zum anderen Ende er Dualität: Nicht ICH mache, sondern ich werde gemacht – alles geschieht immer schon ganz ohne dass ich die Welt auf meinen Schultern trage. Etwas Konkretes wollen, etwas Bestimmtes meinen, ja, alles Meinen und Diskutieren, Argumentieren und Grübeln – all das sind nur Formen der Unfreiheit und Selbstfesselung. Nur nie mehr versuchen, eine Form zu verteidigen!

Ich kann kaum schildern, was das für eine Umwertung alle Werte bedeutete – und was für ein spektakulär anderes Lebensgefühl. Es war eine Art zweite Geburt. In der ersten Zeit schwebte ich denn auch wie auf Wolken, und auch später ging es mir durchgehend besser als je zuvor: anstrengungslos ergriff ich Möglichkeiten, die sich mir anboten. Menschen wollten etwas von mir, also tat ich das – das Leben wurde ungeheuer einfach und erstaunlicherweise lebte ich in jeder Hinsicht besser, auch was Arbeit und Einkommen angeht. Offensichtlich war ich in meiner Macher-Phase selbst der Urgrund all meines Unglücks und meiner Verzweiflungen gewesen.

Die „Entdeckung der Gelassenheit“ war allerdings nicht das Ende, wie ich heute merke. Das Pendel hält nicht etwa an, sondern schwingt weiter von einem Pol zum andern – vermutlich werden nur die Ausschläge kürzer und ein Leben ist (im niemals real existierenden Idealfall) dann vollendet, wenn es in der Mitte zur Ruhe kommt.

Weit entfernt von dieser mittigen Ruhe erlebe ich derzeit wieder den Richtungswechsel: von der Leere zur Form, vom Nichts zum Alles, vom Loslassen zum Zupacken, vom Forschen und Beobachten zum Erschaffen und Pflegen. Es fühlt sich an wie eine Häutung, alles Erleben ändert seinen Geschmack, alle Wahrnehmung ist anders, eben noch in einer alten Routine steckend merke ich ständig: hey, auch DAS ist ja nicht mehr so, wie gehabt! Auch hier ist etwas neu und ich muss es mir genauer ansehen, muss einen neuen Umgang damit finden.

Aus der Wüste zu den Sternen

Wie ist das gekommen? Was hat sich verändert? Der Umschlag hat sich schon lange Zeit angebahnt, so seh ich das zumindest jetzt. Einige Jahre fühlte ich mich schon wie in einer Art Wüste: keine Wünsche mehr, keine wirklich ernst gemeinten Projekte, keine Gedanken an Zukunft (weil die sowieso nicht existiert..) – und der verrückte Versuch, immer mehr zum Nichts zu werden, eine Art Nullstelle im Dasein, allenfalls ein paar vielleicht hilfreiche Beobachtungen absondernd, die aufgrund eigener Interesselosigkeit einen ganz besonderen Anspruch auf Wahrheit anzumelden hätten – wie absurd! Was für eine Selbtvergewaltigung!

Während mein Yogalehrer sein Buch über „Daseinsgefräßigkeit“ vorbereitete, verging mir so langsam aller Appetit aufs Leben. Und im Zusammenwohnen in einer um jeden Preis friedlichen Zweisamkeit scheiterte ich zeitgleich mit dem Bemühen, als Form, als Jemand, an dem der Andere anecken, sich irgendwie stören könnte, zu verschwinden. Mich immer weiter zurücknehmend konnte ich es locker bis zur konturlosen grauen Maus bringen, die in einem unauffälligen Loch sitzt und den Kopf einzieht, um nur nicht Stein irgend eines Anstoßes zu sein – nichts wollend, nichts meinend, nichts wünschend – und doch alles zwecklos! Der Andere stößt sich trotzdem, das kann gar nicht anders sein, wenn man sich so nahe ist.

Das eigene Verschwinden ist nun aber nicht wirklich machbar, selbst der Symbolisierung und Virtualisierung in einem Online-Leben sind natürliche Grenzen gesetzt. Wenn also die eigentlich „beziehungstypischen“ Auseinandersetzungen vermieden werden sollen, bleibt als einzige Möglichkeit, die alltägliche Zweisamkeit zu beenden und eine größere Distanz einzunehmen. (….jetzt freu ich mich schon wieder, wenn er zum Kaffee kommt!)

Seit dies beschlossen ist, also seit ein paar Monaten, zerbröckeln eine ganze Menge innere Mauern, die ich offensichtlich gegen Veränderungen errichtet hatte. Es ist machbar, ja sogar leicht, etwas Wesentliches zu verändern: Anstatt zugunsten Anderer wegzuschrumpfen, kann ich mir auch einfach mehr Raum nehmen. Ja, irgendwann bleibt einfach nichts anderes mehr übrig, selbst wenn ich „eigentlich“ nichts derartiges vorhatte, ja, sogar ängstlich davor zurück schreckte..

Es macht einen wichtigen Unterschied, dies an sich selber erneut zu erleben, anstatt es nur zu wissen bzw. zu erinnern. Wie Dominosteine purzelt nun alles in eine andere, eine neue Richtung: wenn ich an diesem allerwichtigsten Punkt meines Lebens nicht anders kann, als SO zu entscheiden, dann ist nicht mehr einzusehen, warum ich mich in weniger wichtigen Bereichen weiter um die eigene „Nichtung“ mühen sollte!

Als wäre die Sehne eines Bogens überspannt worden und letztlich gerissen, drehe ich mich um 180 Grad, schwinge mit dem Pendel wieder in die andere Richtung und fühle voller Freude: Ich bin völlig ok, meine individuelle „Form“ ist gut so! Sollen doch diejenigen, die immer gerne an mir herumkritisieren, erstmal dahin kommen, sich mit sich selbst so wohl zu fühlen wie ich. Mein Atem ist mir lang genug, warum zum Teufel soll ich ihn eigentlich NOCH weiter verlängern??? Wenn nicht gerade jemand an mir zieht und mir vermittelt, ich sei irgendwie falsch, geht’s mir super! Sogar unabhängig vom Stand des Bankkontos, vom Wetter und von kleinen Zipperlein wie Mausarm, Tietzesyndrom und Probleme mit dem Nerv aus L5/L6 ! Richtig krank bin ich nie, meistens sogar gut gelaunt, in meinem Kopf geben sich weder Ängste und Bedenken die Klinke in die Hand, noch füllen Klage und Anklage über Selbst und Welt alle Speicher, die doch für das Wunder der Wahrnehmung und ein freudvolles schöpferisches Handeln in der – tatsächlich verbesserungsbedürftigen! – Welt weit besser genutzt werden können.

Und das will ich nun auch tun. Es geht mir nicht darum, irgend eine Wahrheit zu demonstrieren oder gar zu verteidigen. Wesentlich wichtiger ist das Gefühl der inneren Ruhe und Klarheit, dieses Ganz-bei-sich-Sein, egal, was da für Turbulenzen im Äußeren toben mögen. Das Pendeln zwischen den Polen der Dualität – zwischen Form und Leere, Wille und Hingabe, zwischen Zeitlichkeit und ewigem Augenblick – ist die Bewegung des Lebens. Auf immer neuen Ebenen erlebe ich sie, vielleicht lerne ich ja doch, einfach freudig mit zu tanzen.

Dass im Scheitel des Pendels, im „Auge des Orkans“, absolute Stille herrscht, hat damit überhaupt nichts zu tun.

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Claudia am 14. Dezember 2002 — Kommentare deaktiviert für Weihnachtsstimmung ?

Weihnachtsstimmung ?

Ein paar Tage ohne Diary verbracht, dafür umso aktiver das Webwriting-Magazin angeschoben. In den nächsten Tagen wird sich da einiges tun. Das Log auf Seite 1 scheint zu gefallen und ich bekomme viele positive Mails. Dass ein Leser auf den Nielsen-Artikel auch gleich mit einer Virus-Attacke reagiert hat, gehört wohl dazu: Manchen fehlen eben die Worte, ihre andere Meinung anders auszudrücken.

Aber genug davon. Es ist Mitte Dezember, noch zwei Wochen bis zum dunkelsten Tag des Jahres. Trotz Weihnachtsbeleuchtung, die auch hier im Dorf Gottesgabe Volkssport ist, will eine weihnachtliche Atmosphäre nicht aufkommen. Die warmen Stürme, der Matsch, der alle unversiegelten Oberflächen zu Gummistiefelfallen macht, die orkanartigen Böen, die hier im Schloßwald ein beeindruckendes Dröhnen hören lassen: Weihnachtsstimmung ist das nicht gerade.

Was aber wäre denn Weihnachtsstimmung? Ich erinnere mich daran, wie es mir als Kind schon ab zehn zunehmend PEINLICH wurde, wenn der Event namens „Bescherung“ auf die Jahr für Jahr gleiche Weise zelebriert wurde. Fast bin ich vor Scham in den Boden versunken, wenn wir drei Kinder am sogenannt heiligen Abend mit einem Glöckchen zu Konservenklängen von „Ihr Kinderlein kommet“ ins geschmückte Weihnachtszimmer mit brennendem Lichterbaum geklingelt wurden. Wie in der Auslage eines Warenhauses hatten meine Eltern die Geschenke arrangiert:

Bescherung, altes Foto

Alles war natürlich schon ausgepackt, denn allzu viel Verpackungsmüll verträgt sich nicht mit echten Wachskerzen am Baum. Trotzdem standen hinter dem Baum noch zwei Eimer mit Wasser, man weiss ja nie!

Auch wir Kinder hatten erstmal „staunend davor“ zu stehen. Denn erst mußte das Lied zu Ende gesungen sein, bevor es uns erlaubt war, „jubelnd“ auf die Geschenke zu stürzen. Erlaubt? Ich jubelte schon, ehe ich überhaupt alles gesehen hatte, denn ich wollte dieses „Kinderjubeln“ schleunigst hinter mich bringen, das meine Eltern offenbar so sehnlichst erwarteten. Was mir an der ganzen Sache so peinlich war und von Jahr zu Jahr immer peinlicher wurde, konnte ich gar nicht sagen. Man hätte Weihnachten jedenfalls ersatzlos streichen können, ich wäre erleichtert gewesen. Doch so gab ich zur Zufriedenheit meiner ahnungslosen Eltern das „jubelnde Kind“, Jahr für Jahr wieder, bis mir der Geist des Protestes von 1968 endlich eine Sprache gab, um meinem Unmut Ausdruck zu verleihen: konsumorientierter stockspießiger Scheiß! Alles Lüge!

Damit war erstmal Schluß mit Weihnachten und ähnlichen „hohlen“ Ereignissen, denen ich mich fortan zu verweigern suchte. Wenn das absolut nicht ging (jetzt zeigte sich der Zwangscharakter der Sache: ich MUSSTE mitmachen!), dann stand ich allenfalls mäkelnd dabei und verdarb den anderen wenigstens erfolgreich die Stimmung. Mit jeder Geste schwitzte ich meine Kritik aus, dass nämlich weder Kerzenduft noch Lichterglanz, weder die gefüllte Riesenpute noch die Zwangsbeschallung mit Weihnachtsliedern darüber wegtäuschen könne, was in unserer Familie IN WAHRHEIT Sache war: blanker Hass und Machtkämpfe Tag für Tag, halt so ein ganz normales Familienleben.

Seither ist viel Zeit vergangen, so richtig warm bin ich mit Weihnachten nie geworden, zumindest nicht in seinem mehr denn je dominanten Shopping-Event-Charakter. Das eigentliche Anliegen solcher Feste kann ich heute verstehen und gutheißen. Sie sollen nicht etwa eine üblicherweise schlimme zwischenmenschliche Realität für einen Tag oder für Stunden einfach nur verbergen, mit Glitzerkram und Hulligully zuschütten. Sondern sie sind als Ausdruck eines Konsenses gemeint, der in Worten lauten könnte: Ja, wir wissen, dass wir alle Egoisten sind und DER ANDERE uns normalerweise nicht viel bedeutet. Dieses Fest ist Ausdruck unserer Unzufriedenheit mit diesem Zustand: Wir leben mal für ein paar Stunden, wie wir es „eigentlich“ gerne hätten, wenn…. tja, wenn wir nicht solche Bestien wären, wie wir es nun mal sind.

Gerade von dieser weihnachtlichen Wahrheit spüre ich allerdings wenig im Bewußtsein meiner Mitmenschen. Die meisten glauben von sich, sie seien ganz wunderbare Typen, stets bereit zu helfen und über alles zu reden, immer auf der Seite des GUTEN, Wahren und Schönen. Und wenn ausnahmsweise mal nicht, dann sind Andere oder „die Umstände“ schuld. Diesen Glauben möchte kaum jemand erschüttert sehen und ein erfolgreich inszeniertes Weihnachten mit maximalem Warenumschlag gehört eben einfach zum Leistungsspektrum erfolgreicher Individuen.

Der Bericht hier wäre unvollständig, ohne anzufügen, dass ich „trotz alledem“ auf Weihnachten konditioniert bin. Ich mußte feststellen, dass ich glitzernden Baumschmuck, den Duft angesengter Tannennadeln, jubelnde Familien und die großen Fressen zu Weihnachten irgendwie mag. Die sinnlichen Einzelheiten des Weihnachtsszirkus‘ sind tief in mich eingeschrieben, in die Schicht, die nicht diskutiert, sondern nur fühlt und reagiert. Und DARÜBER reg‘ ich mich heute nicht mehr auf, sondern genieße es, soweit das im Überangebot der dreimonatigen Kommerzweihnachten überhaupt noch möglich ist.

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Claudia am 23. August 2002 — Kommentare deaktiviert für Der philosophische Virus, Weltbilderschütterung, OOBE

Der philosophische Virus, Weltbilderschütterung, OOBE

Ohne große Ankündigung ist hier doch eine art Sommerpause entstanden. Ich komme seltener zum Schreiben, die Tage fließen zahflüssiger und seit dem Ausflug nach Mecklenburg und den Zelt-Übernachtungen beeinträchtigten mich auch noch Schlaffheit und Dauerkopfschmerz. Ich glaube, es ist jetzt soweit, Zelt und Luftmatratze zu entsorgen, alles hat seine Zeit.

Dank ein paar homöopathischer Kügelchen bin ich nun wieder gesundet – oder wär‘ es auch einfach so vorbei gewesen? Das weiß ich nie wirklich und das ärgert mich. Jedes Loch, das sich im Universum auftut, vergrätzt mich, egal, wo es sich auftut. Mit Loch meine ich Unstimmigkeiten, Unvollkommenheiten im Weltbild, mit dem wir täglich leben: plötzlich merkst du, verdammt noch mal, DAS HIER dürfte es doch eingentlich gar nicht geben, wenn „die Wissenschaft“ recht hätte – und dann? Weiter → (Der philosophische Virus, Weltbilderschütterung, OOBE)

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Claudia am 19. Juni 2002 — 1 Kommentar

Wahrheit und Tod.

Sterben, wie man lebt: Vaters letzte Tage

Ich stell‘ mir öfter mal vor, ich läge im Sterben und das zöge sich einige Wochen und Monate dahin. Würde ich deswegen eigentlich meine „virtuelle Existenz“ aufgeben wollen? Nicht mehr ins Diary schreiben, was ich über die Welt denke? Keinen Newsletter mehr aussenden und nicht mehr mit Stammgästen und Gelegenheitsbesuchern im Forum plaudern? Bewahre! Es kommt natürlich drauf an, in welchem Zustand ich mich befinde und was für Fähigkeiten mir bleiben: Kann ich noch am Bildschirm lesen? Kann der Mausfinger noch klicken und finde ich noch immer die richtigen Tasten? Wenn ja, sehe ich momentan keinen Grund dafür, etwas zu verändern, mit irgend etwas aufzuhören, das Teil meines Lebens ist, „nur“ weil ich bald sterbe.

Da wir nie wissen, WANN das sein wird, sind wir im Übrigen sowieso immer in derselben Situation. Als mein Vater starb, hab‘ ich zum ersten Mal überdeutlich mitbekommen: Man stirbt ganz genau so, wie man lebt: In dem Maß an Wahrheit und Bewusstheit, zu dem man eben in der Lage ist. Das wird nicht auf einmal mehr oder weniger!

Ich war gerufen worden, weil es mit ihm zu Ende ging. Die Ärzte hatten einen aggressiven, schnell fort schreitenden Krebs diagnostiziert, gegen den sich im Grunde nichts mehr machen ließ, da er bereits „überall“ war. Allerdings durfte ihm das nicht gesagt werden, seine dritte Frau erwartete, dass ich ihm eine Ausrede bezüglich meiner Anreise aus Berlin erzählen würde, irgend etwas mit Computer-Workshops, vielleicht ein Arbeitstreffen. Ja, ich sollte tatsächlich sagen, ich sei wegen Maschinen und Programmen gekommen, nicht etwa wegen ihm.

Meine Güte! Ich war völlig entnervt wegen dieser Zumutung, schließlich bin ich schon das ganze Leben lang der festen Überzeugung, die Wahrheit über den eigenen Zustand dürfe man niemandem verheimlichen. Sollte jetzt also ICH diejenige sein, die das entgegen dem lügnerischen Bemäntelungsverhalten seiner Frau, nach deren Weisungen sich auch alle anderen richteten, durchsetzen sollte? Lag es an mir, zu sagen: Papa, du stirbst?

An Mut hätte es mir nicht gefehlt. Diese ganz persönliche Rücksichtslosigkeit im Namen der Wahrheit war mir dereinst ja sehr nahe. Glücklicherweise hatte ich im Lauf‘ des Lebens schon dazu gelernt, so dass ich auch wahrnahm, dass so ein Verhalten auch immer etwas Eigennütziges hat. Man kann damit rechnen, sich irgendwie GROSSARTIG zu fühlen, wenn man dem Anderen eine existenziell wichtige Wahrheit um die Ohren haut, die er vielleicht lieber nicht hören will – das ist MACHT, vermeintlich im Sinne hoher Werte ausgeübt. Eine gute Gelegenheit auch, sich für Verletzungen aus der Vergangenheit zu revanchieren . Und wer hätte mich je mehr verletzt als mein Vater – damals, als ich noch ein Kind war?

Ich saß ihm Zug nach Wiesbaden und grübelte: Sollte ich brav den Mund halten, wie seine Frau verlangte? Oder sagen, was anliegt – vor ihr? Oder erst, wenn ich mit ihm alleine wäre? Vielleicht gar ganz offen die Kooperation der Lüge verweigern und ihr das bereits vorher „ansagen“? Ich kam zu keinem Ergebnis, für alles gab es ein Für und Wider, die Gedanken überschlugen sich und mir wurde nur immer enger zu Mute, als trüge ich eine zu kleine Rüstung um die Brust. Ich dachte an meinen Vater, stellte ihn mir im Krankenbett vor, erinnerte mich an vergangene Krankenhausaufenthalte, an seine unnachahmliche Manier, mit einem kleinen Stapel medizinischer Fachbücher und Lexika die Ärzte zu beeindrucken. An seinem Bett stehen und über ihn reden, als sei er nicht da, das konnte man mit ihm nicht machen!

Jetzt aber gab es gar nichts mehr zu tun. Seine Macht, seine ganze Kompetenz, andere nach seiner Pfeife tanzen zu lassen, war obsolet geworden. Wie würde er das verkraften? Niemand sprach ja mit ihm darüber. Alle verbargen das Offensichtliche und taten, als wäre nichts, als werde er bald genesen – wie schrecklich!

Auf einmal musste ich weinen. Ich fühlte die Verzweiflung, die er fühlen musste, angesichts dieser seiner letztlichen Machtlosigkeit – und er tat mir so leid! Schließlich hatte er sich nie im Leben mit diesem Aspekt des Daseins auseinander gesetzt, sondern immer nur darum gekümmert, seine persönliche Macht, seinen Einfluss auf die Dinge zu erhalten, bzw. zu stärken. Er wusste immer, wo es lang zu gehen hatte und was das Richtige sei. „Umgeben von Idioten“ zweifelte er niemals an sich selbst, zeigte es zumindest nicht – es musste furchtbar für ihn sein, am Ende des Machens anzukommen!

Das Weinen rettete mich. Der Schmerz des unerwarteten Mitgefühls befreite mich vom Denken. Ich merkte, dass es nichts zu entscheiden gab, dass ich einfach aus dem Augenblick heraus handeln würde, oder eben nicht. Zur Not würde ich einfach in Tränen ausbrechen, die Ebene des „Vernünftigen“ hinter mir lassen, wo Entscheidungen gefordert sind – meine Güte, was für eine Freiheit!!!! Und nicht nur für diese Situation, sondern ÜBERHAUPT!

Als ich dann an seinem Krankenbett saß, war auch der Arzt da. Schon draußen im Flur hatte er mich über den unveränderten Stand der Dinge in Kenntnis gesetzt: Keine Therapie würde mehr etwas bringen, ja, man könne ihm deren „Nebenwirkungen“ eigentlich auch nicht mehr zumuten. Auch G., seine dritte Frau saß am Bett und schaute voller Angst auf den Arzt, was der wohl jetzt sagen werde.

„Sie sind ein Mann wie ein Baum, aber der Baum ist von innen morsch“, fing er an. Ich schaute auf meinen Vater, der, obwohl völlig wach, die Botschaft nicht zu verstehen schien. Jedenfalls lächelte er, als habe er ein Kompliment bekommen. Klar, er hatte nur die erste Hälfte des Satzes an sich heran gelassen! Ich hörte weiter zu, verfolgte mit äußerster Konzentration dieses denkwürdige Gespräch zwischen dem Arzt und meinem Vater – war das wirklich ein Gespräch? Aus meiner Sicht hatte der Arzt alles in gebotener Deutlichkeit gesagt und nichts verschwiegen – es aber andrerseits meinem Vater überlassen, sich die Botschaften heraus zu suchen, die er vernehmen wollte. Und der wollte auf keinen Fall zur Kenntnis nehmen, dass es mit ihm zu Ende ging, dass auch die medizinische Kunst hier am Ende war. Ich staunte, ja, ich war völlig perplex. Sowas hatte ich bis dahin nicht für möglich gehalten: Man konnte die Wahrheit hören, sich aber vollständig vor ihr verschließen!

Er brachte es sogar fertig, sich eine (völlig nutzlose) Chemotherapie mit „halber Dosis“ zu verordnen – der Arzt hat es ihm nicht verweigert und ich musste zugeben: Ja, das ist jetzt das einzig richtige, das mitmenschliche, nämlich dasjenige Verhalten, das die Selbstbestimmung des Patienten an die erste Stelle setzt. Wenn der es nun mal vorzieht, die Wirklichkeit zu ignorieren und sich bis in die letzten Momente mit fürchterlichen Medikamenten voll zu dröhnen, dann ist das so zu akzeptieren!

Noch ein paar Tage war ich dort, saß täglich am Krankenbett und hörte meinem Vater zu. Der sprach meist ohne Punkt und Komma von Belanglosigkeiten, und wenn ihm mal der Faden ausging, machte seine Frau weiter. Bloß keine Lücke entstehen lassen, in die der Gedanke an die Realität eintreten könnte!

Und doch drang sie manchmal durch die Ritzen seines Bewusstseins. Er war ja selber der Körper, der hier starb, wie konnte ihm das verborgen bleiben? Ich sah, wie er gelegentlich etwas unkonzentrierter wurde, sein aktuelles Thema schien dann zu verblassen, die Aufmerksamkeit sich nach innen zu verlagern, als würde er dort etwas hören…. und sofort umnachtete sich sein Geist. Manchmal kamen noch ein paar Tränen, doch immer gleich auch hilfreiche Halluzinationen, die ihn ablenkten von dem, was er weder hören noch spüren wollte: das Zimmer drehte sich wie ein Karusell, an den Wänden erschienen Bilder in schnellem Wechsel – aufgeregt berichtete er von dem, was er sah, schimpfte auf das Krankenhaus, das nicht einmal die Stabilität der Möbel im Griff habe, verlor sich weiter und weiter in Belanglosigkeiten…

So ist er dann auch gestorben, etwa zwei Wochen später. Zurück in Berlin hatte ich noch mal mit ihm telefoniert: immer noch redete er von der hoffentlich bald eintretenden Besserung, von der Chemotherapie, deren Dosis man vielleicht erhöhen müsse….

Ich habe viel von ihm gelernt. Durch dieses Sterben vermutlich genauso viel und Wichtigeres, als während seines ganzen Lebens. (Danke, Papa!)

In meinem Herzen lebt er, solange es mich gibt.

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Claudia am 21. Dezember 2001 — Kommentare deaktiviert für Weihnachtsliebe

Weihnachtsliebe

Pünktlich zum Winteranfang der Schnee! Eine Seltenheit in Berlin, wo sich die vierte Jahreszeit oft genug darauf beschränkt, dunkel, matschig, nass und abstoßend zu erscheinen, auf die Laune zu drücken und die zig Tonnen Hundescheiße auf den Gehwegen feucht zu halten. Ich bin begeistert – im letzten Eintrag hatte ich mir die Schneedecke gewünscht und prompt kommt sie runter, wenn das nicht ein gutes Zeichen ist! :-)

Zu Weihnachten werden die Menschen freundlicher, spenden für die Bedürftigen in aller Welt, kaufen öfter als sonst die Obdachlosenzeitungen und überlegen, wie sie anderen zum Fest eine Freude machen können. Was schenken in einer Welt, in der sich viele alles kaufen können, was sie brauchen? Und: Ist es nicht bloße Konvention, weihnachtlicher „Konsumterror“, dem man am besten ferne bleibt, womöglich gleich auf die Südhalbkugel entfliehend?

Früher dachte ich so, hörte schon mit 19 auf, zu schenken, hüllte mich in meinen Hochmut, lästerte ein wenig mit Gleichgesinnten über „die Massen“ und war froh, wenn die Feste endlich vorbei waren. Kernpunkt der Kritik, sofern wir in den 70gern überhaupt darüber nachdachten, war der Vorwurf der Heuchelei: Das ganze Jahr geht euch die Welt am Arsch vorbei, aber an Weihnachten ist Glaube, Liebe, Hoffnung angesagt – gestützt von nochmal ins Gigantische gesteigerter Völlerei, damit man’s besser erträgt! Oh böse Welt, geh wende dich und dreh dich bitte weg, dass ICH dich nicht mehr seh…

Welch‘ jugendliche Arroganz, denk‘ ich mir heute. Es ist ja ein Leichtes, sämtliche Konventionen in Grund und Boden zu kritisieren, die bösen oder banalen Motive dahinter zu entlarven und das immer auch Eigennützige hinter allen „guten Taten“ dingfest zu machen – aber dann? Folgt aus der Kritik eine bessere Praxis? In der Regel nicht – wofür man sich auch noch eine lange Zeit ganz unschuldig fühlt, je nachdem, wie lange es gelingt, von sich selber abzusehen, bzw. sich immer nur als Opfer der Verhältnisse zu betrachten.

In einer der vielen Internet-Umfragen der letzten Zeit (Quelle vergessen) wurde unter anderem nach dem ehrenamtlichen sozialen Engagement der Teilnehmer gefragt. Null Prozent konnten diese Frage bejahen! Das hat mich schon erschüttert, ich hätte zumindest eine kleine Minderheit an ehrenamtlichen Helfern erwartet, auch unter Web-Surfern, die ja demoskopisch mehr und mehr einem Querschnitt durch die Gesellschaft entsprechen dürften. Bevor ich mich über sowas dann aber richtig aufrege, fällt mir ein, daß ich die Frage auch selber mit „Nein“ beantwortet hätte – möcht‘ ich trotzdem weiter lästern? Vom Welthass zum Selbsthass fortschreiten? Wem würde das nützen?

In meiner Generation ist das Helfen in Verruf geraten, in vieler Hinsicht. Erstmal politisch betrachtet als „Symptomkuriererei“ am verhaßten „System“, später dann als psychologisch-hilfloses Dilettantentum, wo man besser professionelle Kräfte wirken lassen sollte: Therapie für alle! Das finale Totschlagsargument gibt sich dann spirituell und heißt: Man kann Anderen nicht wirklich helfen, allenfalls hilft man sich selbst. Selbstveränderung kann nicht von außen kommen, Einsicht ist nicht vermittelbar, jeder findet auf dem eigenen Weg das vor, was er verursacht hat – wer wären wir, jemanden davor „erretten“ zu wollen? Selbst wenn es funktionieren würde, würden wir dadurch nicht nur eine Entwicklung verzögern? Schließlich tritt Bewußtsein vor allem mitten im Leiden auf, wem es gut geht, der verfällt dem großen Schlaf…

Es ist vorbei mit der christlichen Nächstenliebe, zu Tode kritisiert im Abendland, Ersatz nicht in Sicht. Einige versuchen, das Licht aus dem Osten zu importieren, zum Beispiel die „Meta-Meditation zur Entwicklung liebender Güte für alle Wesen“ aus dem tibetischen Buddhismus. Ich weiß nicht, ob das wirklich etwas an der eingefleischten Ignoranz, in der wir gewöhnlich leben, ändert. Mir kommen die tibetisch-buddhistischen Gemeinden vor wie die katholische Kirche in zeitgemäßer Fassung: wieder mystischer, prunk- und geheimnisvoller, ohne Gott, aber mit „grüner Tara“ – für mich funktioniert es so nicht, ich würde dann eher das Original nehmen, wenn ich mir von organisierter Religion noch etwas erhoffte.

Sich also abfinden mit der Kälte in der Welt? Sich in den warmen Whirl-Pool setzen und vierhändig ayurvedisch massieren lassen, wenn es sich zu ungemütlich anfühlt? Weihnachten zeigt Jahr für Jahr einen Restbestand an Unzufriedenheit: der Wellness-Gedanke ist doch ein wenig dünn als Erbe ehemaliger Groß-Werte wie Liebe, Güte und Solidarität. Läßt er sich vielleicht erweitern? Soweit, daß zum EIGENEN Wohlfühlen auch das Wohl des Anderen gehört? Und OHNE dass man dem anderen mit jedweder Zuwendung gleich eine Forderung mitliefert: Du sollst dich nach meinen Vorstellungen ändern, sonst… ?

Schreibend läßt sich das nicht feststellen, man muß es ausexperimentieren. Und deshalb mach‘ ich an dieser Stelle besser Schluß.

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Claudia am 14. Dezember 2001 — Kommentare deaktiviert für Das Licht der tiefsten Nacht

Das Licht der tiefsten Nacht

Nur noch wenige Tage bis zur längsten Nacht. Ich merke, wie sich meine Aufmerksamkeit von den 1000 Kleinigkeiten des Alltags abwenden will – nach innen, oder „hinter“ die Dinge, in einen Raum, der den Worten nicht so leicht zugänglich ist. Vielleicht ist es das schwindende Licht, das ganz unbewußt an Vergänglichkeit und Tod erinnert, worauf der Verstand mit allerlei Sinnfragen antwortet. Was tun wir „hier“ eigentlich? Ist es nicht verrückt, angesichts des großen Geheimnisses, das unser kurzes Dasein ahnen läßt, von früh bis spät in Nebensächlichkeiten zu versinken?

Lange schon weiß ich, dass es keine den Verstand befriedigenden Antworten gibt, jedenfalls keine, die man einfach nachlesen oder nachleben könnte. Also keine Suche mehr, es genügt, sich in der Stimmung der Frage aufzuhalten und zu spüren, was für Gefühle aufkommen: Melancholie, Anflüge von Traurigkeit, doch inmitten des dunkelsten Bereichs auch eine Freude, die man gerade dort nicht erwarten würde. Das muß das Licht sein, das symbolisch in der längsten Nacht entzündet wird, ein Eindruck, der mich mit den Seltsamkeiten des Weihnachtsfestes, wie es heute zelebriert wird, immer wieder versöhnt.

Diesen Punkt der Freude hinter der Traurigkeit berührend, verändert sich der Blick auf die Welt und wird zärtlich. Aber diese Zärtlichkeit macht gleich noch trauriger. Auf einmal springt so viel sinnloses Leiden ins Auge, das sich mit einer „realistischen“ Haltung weit besser ertragen läßt, mit dem üblichen Zynismus, mit cooler Schnoddrigkeit, mit steter Konzentration auf den eigenen Nutzen, das eigene Meinen und Wollen, das dann von anderen auch nichts anderes, jedenfalls nichts Besseres erwartet.

Dieses hingeschrieben, hört es sich schon wieder wie ein Vorwurf an, oh Elend der Sprache! Gibt es einen Weg, etwas auszudrücken, ohne aufgrund bloßer Beschreibung gleich der Kritik verdächtig zu werden? Kritik ist das verbale Rüstzeug in der Welt des Kampfes, doch wovon ich sprechen will, liegt jenseits davon. Wenn mir zum Beispiel einer dumm kommt, mich angreift, mir in irgend einer Hinsicht am Zeug flicken will, bin ich üblicherweise auf Verteidigung eingestellt – oder, wenn der Gegner übermächtig ist oder die Sache es für mich nicht lohnt, auch auf Ausweichen, auf Flucht oder schlichtes Ignorieren. Ich kann aber auch – zumindest dann, wenn dieser „Punkt der Freude“ gerade zugänglich ist – „hinter“ den Angriff sehen, die Motive und Gefühle mit-spüren, die den Anderen zur Härte zwingen. Das bedeutet, Angst und Unsicherheit wahrzunehmen, Verzweiflung, Haß und innere Verwüstungen an sich heranlassen, ganz genau so nah, als wären es die eigenen. Ja, es SIND in gewisser Weise die eigenen, denn wir sind alle aus demselben Holz geschnitzt.

Sofern und solange das gelingt, bin ich voller Zärtlichkeit – und traurig über das, was ist. Das Visier klappt NICHT herunter, sondern meine Weichheit teilt sich dem Anderen mit. Geschieht das im „ganz normalen Leben“, kann es sein, daß der Kampf endet, bzw. gar nicht erst beginnt. Das ist dann kein üblicher „Kontakt“ mehr, wie wenn die Billardkugeln aufeinander treffen, sondern eine Begegnung von Menschen als Menschen: als diejenigen, die sterben müssen und immer schon darum wissen.

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