Thema: Alltag

Claudia am 14. Dezember 2002 — Kommentare deaktiviert für Weihnachtsstimmung ?

Weihnachtsstimmung ?

Ein paar Tage ohne Diary verbracht, dafür umso aktiver das Webwriting-Magazin angeschoben. In den nächsten Tagen wird sich da einiges tun. Das Log auf Seite 1 scheint zu gefallen und ich bekomme viele positive Mails. Dass ein Leser auf den Nielsen-Artikel auch gleich mit einer Virus-Attacke reagiert hat, gehört wohl dazu: Manchen fehlen eben die Worte, ihre andere Meinung anders auszudrücken.

Aber genug davon. Es ist Mitte Dezember, noch zwei Wochen bis zum dunkelsten Tag des Jahres. Trotz Weihnachtsbeleuchtung, die auch hier im Dorf Gottesgabe Volkssport ist, will eine weihnachtliche Atmosphäre nicht aufkommen. Die warmen Stürme, der Matsch, der alle unversiegelten Oberflächen zu Gummistiefelfallen macht, die orkanartigen Böen, die hier im Schloßwald ein beeindruckendes Dröhnen hören lassen: Weihnachtsstimmung ist das nicht gerade.

Was aber wäre denn Weihnachtsstimmung? Ich erinnere mich daran, wie es mir als Kind schon ab zehn zunehmend PEINLICH wurde, wenn der Event namens „Bescherung“ auf die Jahr für Jahr gleiche Weise zelebriert wurde. Fast bin ich vor Scham in den Boden versunken, wenn wir drei Kinder am sogenannt heiligen Abend mit einem Glöckchen zu Konservenklängen von „Ihr Kinderlein kommet“ ins geschmückte Weihnachtszimmer mit brennendem Lichterbaum geklingelt wurden. Wie in der Auslage eines Warenhauses hatten meine Eltern die Geschenke arrangiert:

Bescherung, altes Foto

Alles war natürlich schon ausgepackt, denn allzu viel Verpackungsmüll verträgt sich nicht mit echten Wachskerzen am Baum. Trotzdem standen hinter dem Baum noch zwei Eimer mit Wasser, man weiss ja nie!

Auch wir Kinder hatten erstmal „staunend davor“ zu stehen. Denn erst mußte das Lied zu Ende gesungen sein, bevor es uns erlaubt war, „jubelnd“ auf die Geschenke zu stürzen. Erlaubt? Ich jubelte schon, ehe ich überhaupt alles gesehen hatte, denn ich wollte dieses „Kinderjubeln“ schleunigst hinter mich bringen, das meine Eltern offenbar so sehnlichst erwarteten. Was mir an der ganzen Sache so peinlich war und von Jahr zu Jahr immer peinlicher wurde, konnte ich gar nicht sagen. Man hätte Weihnachten jedenfalls ersatzlos streichen können, ich wäre erleichtert gewesen. Doch so gab ich zur Zufriedenheit meiner ahnungslosen Eltern das „jubelnde Kind“, Jahr für Jahr wieder, bis mir der Geist des Protestes von 1968 endlich eine Sprache gab, um meinem Unmut Ausdruck zu verleihen: konsumorientierter stockspießiger Scheiß! Alles Lüge!

Damit war erstmal Schluß mit Weihnachten und ähnlichen „hohlen“ Ereignissen, denen ich mich fortan zu verweigern suchte. Wenn das absolut nicht ging (jetzt zeigte sich der Zwangscharakter der Sache: ich MUSSTE mitmachen!), dann stand ich allenfalls mäkelnd dabei und verdarb den anderen wenigstens erfolgreich die Stimmung. Mit jeder Geste schwitzte ich meine Kritik aus, dass nämlich weder Kerzenduft noch Lichterglanz, weder die gefüllte Riesenpute noch die Zwangsbeschallung mit Weihnachtsliedern darüber wegtäuschen könne, was in unserer Familie IN WAHRHEIT Sache war: blanker Hass und Machtkämpfe Tag für Tag, halt so ein ganz normales Familienleben.

Seither ist viel Zeit vergangen, so richtig warm bin ich mit Weihnachten nie geworden, zumindest nicht in seinem mehr denn je dominanten Shopping-Event-Charakter. Das eigentliche Anliegen solcher Feste kann ich heute verstehen und gutheißen. Sie sollen nicht etwa eine üblicherweise schlimme zwischenmenschliche Realität für einen Tag oder für Stunden einfach nur verbergen, mit Glitzerkram und Hulligully zuschütten. Sondern sie sind als Ausdruck eines Konsenses gemeint, der in Worten lauten könnte: Ja, wir wissen, dass wir alle Egoisten sind und DER ANDERE uns normalerweise nicht viel bedeutet. Dieses Fest ist Ausdruck unserer Unzufriedenheit mit diesem Zustand: Wir leben mal für ein paar Stunden, wie wir es „eigentlich“ gerne hätten, wenn…. tja, wenn wir nicht solche Bestien wären, wie wir es nun mal sind.

Gerade von dieser weihnachtlichen Wahrheit spüre ich allerdings wenig im Bewußtsein meiner Mitmenschen. Die meisten glauben von sich, sie seien ganz wunderbare Typen, stets bereit zu helfen und über alles zu reden, immer auf der Seite des GUTEN, Wahren und Schönen. Und wenn ausnahmsweise mal nicht, dann sind Andere oder „die Umstände“ schuld. Diesen Glauben möchte kaum jemand erschüttert sehen und ein erfolgreich inszeniertes Weihnachten mit maximalem Warenumschlag gehört eben einfach zum Leistungsspektrum erfolgreicher Individuen.

Der Bericht hier wäre unvollständig, ohne anzufügen, dass ich „trotz alledem“ auf Weihnachten konditioniert bin. Ich mußte feststellen, dass ich glitzernden Baumschmuck, den Duft angesengter Tannennadeln, jubelnde Familien und die großen Fressen zu Weihnachten irgendwie mag. Die sinnlichen Einzelheiten des Weihnachtsszirkus‘ sind tief in mich eingeschrieben, in die Schicht, die nicht diskutiert, sondern nur fühlt und reagiert. Und DARÜBER reg‘ ich mich heute nicht mehr auf, sondern genieße es, soweit das im Überangebot der dreimonatigen Kommerzweihnachten überhaupt noch möglich ist.

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Claudia am 16. August 2002 — Kommentare deaktiviert für Kleine Neigung in Richtung Sterben

Kleine Neigung in Richtung Sterben

Ein Gefühl der Schwäche um den Solar Plexus, so etwa, wie nach drei Wochen Grippe – oder bilde ich es mir nur ein? Es ist mitten in der Nacht, ich bin nochmal aufgewacht und die Realität hat nicht so ganz dieselbe dichte und schwere Qualität wie am Tag. Sie ist weicher, flexibler, mehr von meinen Vorstellungen, Gedanken, Wünschen und Träumen abhängig – muss ich jetzt aufpassen, was ich für Vorstellungen entwickle? Die Imagination des Siechtums ist erstaunlich, hat aber im Moment nichts Erschreckendes. Im Gegenteil. auf einer subtilen Ebene ist es abwechslung, neue Empfindungen wecken den Geist aus dem Schlaf des allzu Bekannten und ich wundere mich, warum rund um Krankheit, Sterben und Tod soviel gejammert wird.
Manche Gedanken sind verboten. Das kommt mir gleich in den Sinn, wenn ich sowas hinschreibe. „Bekomm du erstmal selber deinen Krebs!“, denkt man sich, wenn man sowas liest – jedenfalls würde ich so denken, da bin ich mir sicher.

Noch immer fühl‘ ich mich schwach, fiebrig, ich will einen Kräutertee mit Zitrone und Honig, will ein bißchen bedauert und gepflegt werden, aber weit nach Mitternacht paßt das nicht so recht. Eigentlich paßt es nie, wenn ich ehrlich bin, deshalb will ich ja auch einen Krankenbesuchsverein gründen. Jedes Mitglied hätte das Recht auf einen Krankenbesuch pro Tag und ist im Gegenzug selber bereit, andere zu besuchen. Bei den vielen alleine Lebenden in Berlin, so denk ich mir, wär das gar nicht so falsch. Vor hundert Jahren hat es sowas schonmal gegeben, hab‘ ich mal gehört.

Bis jetzt bin ich zu gesund, um das wirklich anzugehen. Wo es keinen „versteckten Gewinn“ des Krank-Seins gibt, ist das auch kein Wunder. Dass ich mich schwach fühle, ist eine Folge der Zelt-Übernachtungen am letzten Wochenende in Mecklenburg. Es war kalt, es war feucht, ich fror in der ersten Nacht und wie immer hab‘ ich nicht wirklich auf so etwas geachtet. Na, mitten in der Nacht war es auch nicht mehr zu ändern und immer noch besser, als mit anderen im selben Zimmer zu schlafen. Dieses Jugendherbergsgefühl gefällt mir lange schon nicht mehr und das Schnarchen des Mitmenschen raubt mir den letzten Nerv, nein danke!
Jetzt also schon eine Woche „grippaler Infekt“: Schwitzen, Schwachheitsgefühle, Trägheit, gelegentlich Aspirin, mit schlechtem Gewissen, versteht sich. Und Träume von der Hinfälligkeit, wie jetzt.

Makabre Gedanken, Erinnerungen an das Schreibwochenende, wo mir Krankheit und Tod unübersehbar begegneten. Die Schwester einer Teilnehmerin hatte gerade ihre Diagnose bekommen: Lungenkrebs. Mit dem Rauchen hat sie daraufhin aufgehört – während der anstehenden Operation wird erst klar werden, wieviel von der Lunge entfernt werden muß. Zwanzig Prozent, sagen die arzte, könne sie ja locker durch das Nicht-Mehr-Rauchen ausgleichen. (Immerhin, plappert mein altes Raucherinnenbewußtsein, Nichtraucher können das nicht!) Ihre Schwester ist erschüttert, aLLE sind betroffen, man senkt die Stimmen und fühlt sich sehr sensibel. Man hätte gerne Tränen in den augenwinkeln.
Zum Ende fahre ich nicht gleich nach Hause, sondern erst noch mit unserem Gastgeber an die Ostsee, M. besuchen, eine andere Teilnehmerin dieser Jahrzehnte alten Schreibgruppe. auch sie konnte nicht kommen, hatte gerade ihre OP: Eierstockkrebs, in die Bauchhöhle gewachsen, drittes Stadium. Die erste Chemo hat sie hinter sich. Ihr halb fertig ausgebautes Haus in einem kleinen Dorf nahe der Ostsee ist wunderschön – genau die Idylle, von der der Städter träumt. Unverbaubarer ausblick in die offene Weite, Felder, am fernen Horizont der Wald, ein großer Garten, Obstbäume, Wiese – und noch kein richtiger arger mit den Nachbarn.

Das Haus ist die ehemalige Dorfschule. Genug Platz also für M., die sich das Ganze vor zwei Jahren gekauft und seither dran herumgebaut hat. Endlich weg aus Berlin, zum Jahreswechsel dann auch das ersehnte Ende der Berufsarbeit. M. ist 60, schlank, sie begrüßt uns mit einer Bemerkung zu ihren jetzt kurzen Haaren. „Ich dachte, ich treff dich ganz ohne“, sag ich, während ich sie umarme, denn ich will gleich klar stellen, dass wegen mir über die Hauptsache nicht geschwiegen werden muss. Über den Krebs, den Skandal, die angst, das mögliche Ende. M. lacht und sagt, kurze Haarbüschel, die sich in der Wohnung verteilen, seien jedenfalls nicht so nervig wie lange Strähnen.

Wir sitzen im Schatten, trinken Kaffee, M. hat Kuchen aufgetaut, der Kater streicht uns um die Knie. Viele Leute bieten jetzt ihren Besuch an, erzählt M. auch über längere Zeit. aber das wolle sie nicht, sie sei am liebsten alleine in den Tagen rund um die Chemo. Da könne sie ungestört schlaff herumliegen, müsse sich um niemanden kümmern. Oh Gott, denk ich mir, immer diese fraulichen Pflichten, tief eingraviert in unser Bewußtsein. Der aNDERE ist immer wichtiger! Die perfekte Gastgeberin reicht am Rand des eigenen Grabes schmackhafte Häppchen….
Im Dezember war sie noch beim arzt gewesen. Hat sich da schon irgendwie schlecht gefühlt, aber es wurde nichts gefunden. Erst viele Monate, verschiedene arzte und etliche Untersuchungen mit scharfem Gerät später wurde der Krebs entdeckt – im dritten Stadium, kurz vor den Metastasen also. Da war sie schon sehr viel dicker geworden, hatte kiloweise Wasser eingelagert. Schließlich die Operation. „Ich hab nicht gewußt“, sagt M, „dass sie einen heutzutage schon am nächsten Tag unter die Dusche jagen. Wie zäh ein Mensch doch ist!“ Man habe allerlei ausgeräumt, den Eierstock sowieso, dann den Blinddarm, einen Teil des Darmgeflechts – 14 Nahtpunkte lang sei ihre Narbe am Bauch. Naja, genäht werde heut‘ auch nicht mehr, so mit Nadel und Faden, sondern GETACKERT.

„Wir können froh‘ sein, dass sie nicht kleben. Wie bei den Flugzeugen,“ sag ich und grüble über den technischen Fortschritt, so ganz hautnah.
Wie es wohl ist, wenn man vom eigenen Krebs weiß? Ich gehe davon aus, daß ich natürlich in Schrecken erstarre, erstmal. Dass es etwas ganz anderes ist, die definitive Diagnose zu bekommen als nur die Möglichkeit zu überdenken. Sicher, wir sterben alle und wissen nicht wann. aber wir leben so, als sei dem nicht so, oder? Fast täglich denke ich: Was wäre, wenn jetzt bald Schluß wäre? aber ich rechne damit, dass mich das nicht wirklich der Realität näher bringt. Und trotzdem: Mein Vater ist genauso gestorben, wie er gelebt hat – also wird das bei mir auch nicht anders sein.
Im Moment fühl‘ ich mich nicht nach Sterben, nur so angenehm schwach. Ein Geschmack von Hinfälligkeit und Niedergang, vermutlich wird sich das Grobe, die starken Eindrücke, zu immer feineren Wahrnehmungen verwandeln, wenn es mal Ernst wird. Na, vermutlich auch einfach so, man wird ja älter und das gehört zu den damit verbundenen Vorteilen: Wer alles schon kennt, dem bleibt nichts anderes übrig, als dasselbe ganz anders anzusehen.

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Claudia am 31. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für Wenn die Worte versiegen: Urlaub im hier & jetzt

Wenn die Worte versiegen: Urlaub im hier & jetzt

Seit Tagen bin ich unfähig, eine Zeile zu schreiben. Setze mich – wie gerade wieder – morgens vor den PC, beginne einen Halbsatz, starre auf die paar Worte, die die Seite verunreinigen wie Fliegenschiss, und vergesse, was ich sagen wollte. Oder ich vergesse es nicht, doch es kommt mir auf einmal lächerlich vor: Worte, mehr Worte, noch mehr Worte – wozu eigentlich? Schreiben ist Abstand halten vom Leben, und wenn es gut gelingt, ziehe ich auch andere hinab ins Schattenreich reiner Vorstellungen, dieses farblose „Leben anstatt“, nachdem wir alle so süchtig sind.

Ich glaube, es war am Montag, als ich mich mal wieder zwischen sechs ungefähr gleich wichtigen bzw. unwichtigen Aktivitäten nicht entscheiden konnte. Eins nach dem anderen taucht dann vor dem inneren Auge auf und eine Art Suchscheinwerfer checkt meine Gefühle zur Sache: hab ich LUST darauf? Winkt eine wie immer geartete Freude? Kann ich wenigstens einen Ehrgeiz befriedigen? Ist da vielleicht eine Angst, die mich antreibt? Und wenn keinerlei Resonanz erfolgt, dann wird das nächste Thema eingeblendet und ganz genauso auf Handlungsbedarf untersucht. Dann das ganze wieder von vorne, mit der ersten Möglichkeit beginnend, es erinnert mich ans TV, wenn die Aktienkurse am unteren Bildrand durchlaufen, um den einen oder anderen Zuschauer zur Kaufentscheidung zu verlocken.

Mehr als eine diffuse Angst im Hintergrund, die mir zu Recht sagt, ich müsse ja doch irgend etwas tun, wenn mir mein Berufsleben mit all seinen Einkommenschancen noch etwas bedeutet, spüre ich nicht. Und auch diese Angst ist kaum ein Gefühl, eher ein Gedanke, ein Pflichtgedanke, der zur inneren Einrichtung gehört wie das Kaffee-Service mit den röhrenden Hirschen irgendwo unten im Schrank, das man nicht wegzuwerfen vermag, solange die alte Tante noch lebt.

Was ist nur los mit mir? Immer öfter zeigt sich mir die Welt auf diese Weise, als ein beliebiges Sammelsurium von Plänen und Pflichten, die ich irgendwie sortieren soll, Prioritäten setzen, erfolgreich abarbeiten, und dann? Das nächste bitte! Ich kann zusehen, wie ich ohne Not neue Vorhaben ins Leben rufe, mich hier oder dort zu diesem und jenem verpflichte, ohne dazu gezwungen zu sein, ja, oft sogar, ohne dafür bezahlt zu werden – warum tu‘ ich das? Wenn mir dies alles sowieso schon als seltsames Schattenreich aus Zeichen und Bildern erscheint, warum setze ich immer noch eins drauf?

Vielleicht ist es besser, mich vom Monitor zu entfernen? – so dachte ich jedenfalls am Montag morgen, stand vom Stuhl auf, öffnete die Balkontür, blickte in den wolkigen Himmel, atmete ein paar Mal tief durch und setzte mich auf den Boden. Mich selber aussitzen, einfach abwarten, bis sich das Kopfkino beruhigt hat, in der Hoffnung, dass sich dann alles wie „von selbst“ sortieren werde – so ungefähr hatte ich es mir vorgestellt.

Aber weit gefehlt! Mir schien, als beschleunigten sich die Gedanken noch, nun, da ich ihnen freie Bahn eingeräumt hatte. Zu den sechs anstehenden Arbeiten fielen mir prompt noch fünf andere ein, dazu die unzähligen Kleinigkeiten, E-Mails, die geschrieben werden müssen, anstehende Korrekturen an verschiedenen Webseiten, Überlegungen, ob ich nicht diese oder jene Seite lieber löschen sollte, anstatt immer wieder veraltete Links zu erneuern, Erinnerungen an abgebrochene Gespräche, als ich selber oder mein Gegenüber plötzlich in Aktivitäten versackt war, ja, und natürlich sind da noch die Projekte, meine Werbe-Seite ist nun echt mal fällig…
Und dann – es gibt ja ein Leben neben der Arbeit! – all die Gedanken ans Elend der Welt, Israel und die Palästinenser, Kampf gegen den Terror, Saddams Massenvernichtungswaffen, Kürzungen im Berliner Haushalt, Streiks, steigende Arbeitslosigkeit, Entlassungen, Insolvenzen, Globalisierung, Wahlkampf – oh Gott, wer rettet mich davor, nun auch noch in diesen Themen-Ozean zu versacken?

Nichts und niemand. Während das Kopfkino zu Hochform aufläuft, wird mir auf einmal klar, dass das immer so weiter gehen wird. All diese Gedankenbits werden sich weiter überschlagen und gelegentlich wird mich etwas davon in Aktion versetzen. Nicht, weil ich etwa sinnvoll Prioritäten setze, sondern weil der Reiz, die Idee, oder auch das, was droht, gerade besonders eindrücklich scheint, jedenfalls eindrücklicher als das zuvor oder später im Focus der Aufmerksamkeit befindliche. Nach außen mag das durchaus wie „Prioritäten setzen“ wirken – umso leichter, als ja doch niemand zuschaut, denn jeder ist mit dem eigenen Kopfkino beschäftigt. Tatsächlich ist da nichts außer einem Getrieben-Sein, eine seltsame Unruhe, die sich als Langeweile manifestiert, wenn man sich – warum auch immer – mal nicht dem Gang der Dinge tätig in die Arme werfen kann.

Ich kann die Augen nicht mehr davor verschließen: Was ich tue oder lasse, was ich denke und schreibe, tu‘ ich zu großen Teilen nicht aus guten Gründen (Geld, Ruhm, Ehre, Welt-Retten), nicht einmal, um einem eigenen Dämon, einem Hobby, einer Marotte zu folgen, sondern ich rede, schreibe, plane, mache meistens deshalb, weil ich nicht anders kann, weil gar keine Alternative zur Verfügung steht. Aufhören ist undenkbar, denn es gibt kein Diesseits des rechnenden Denkens, allenfalls Pausen, Entspannungsübungen, kleine Fluchten – allesamt dadurch gerechtfertigt, dass sie „notwendig“ sind, um den Status Quo zu erhalten, das Dasein „um-zu“: wenn man jeweils am Ziel angekommen ist, ist dort gar nichts, nichts außer der nächsten Aufgabe.

„Du spinnst!“, sag‘ ich mir, bzw. sagte ich mir am Montagvormittag, als ich so auf dem Boden saß und mich ernsthaft fragte, ob ich denn SO noch Jahrzehnte zubringen will: als Reality-Zapper ohne echtes Engagement, ziellos leer laufend im rasenden Stillstand.

Nun, ich wollte es ja „aussitzen“: in meinem Kopfkino sitz‘ ich immerhin in der ersten Reihe. Einfach die Gedanken in aller Gelassenheit und ohne Bewertungen wahr nehmen – irgend wann würde der Strom schon ruhiger werden, nach und nach langsamer fließen, vielleicht gäbe es dann Momente der Stille, in die – toi toi toi! – visionsartig einfallen würde, was wichtig und richtig ist. Mehr noch: Was LEUCHTET, was warm und farbig das Herz berührt!

Denkste! An diesem Morgen hatte ich bereits drei Tassen (Pötte!) Milchkaffee intus, dazu bestimmt schon zehn Zigaretten – auf nüchternen Magen, versteht sich, ich frühstücke normal erst mittags. Mein Herz schlug schneller, ich zappelte herum, wippte mit dem Fuß, zwirbelte die Haut am Fingernagelbett bis es weh tat; es drängte mich, nun endlich aufzustehen, mich wieder „ins Cockpit“ zu setzen und mir eine anzustecken, damit der kurze Nikotin-Flash wenigstens für einen Moment fragloses Wohlgefühl erzeugen möge: Ohhhhh, Einheit von Körper und Geist! Dass meine Bronchien von dieser Art Einheit gerade wahrhaftig genug hatten, war zu hören und zu fühlen, aber offensichtlich spielte das keine Rolle.

Warum das alles? Und wie lange noch? Ich war auf einmal ziemlich entsetzt. Nicht, weil ich mich entgegen aller Vernunft mit Giften beschädige, auch nicht, weil ich vor irgendwelchen Lehrern, Partnern, Weltbildern oder hübschen Gedankengebäuden über ein gesundes Leben in einer besseren Welt gnadenlos versage – nein, ich sah auf einmal die Sinnlosigkeit, das Immer-Weiter-So, das Wiederholen des Immer-Selben.

Nichts von all den vielen Dingen, zwischen denen ich hin- und hergerissen bin, haut‘ mich noch wirklich vom Hocker. Nichts mehr lässt mich fasziniert den Spuren folgen und jeden Einsatz bringen. Nichts scheint mehr so drohend, dass es mir einen richtigen Schreck, eine ordentliche Angst einjagen, mich also in Bewegung versetzen könnte – und dennoch bin ich immer in (mentaler!) Bewegung, MUSS in Bewegung sein, muss ständig zwischen den 10.000 Dingen wägen und wählen. Kann vielleicht – als einziger Notnagel – darüber schreiben, um mich wenigstens ein bisschen als Mensch zu fühlen, als GANZES, das zumindest in der Lage ist, die Lage zu SEHEN, in der es da zappelt.

Das immerhin war noch möglich. Ich sah mich auf einmal ganz klar: Fast immer „Probleme bedenkend“, darüber redend, lesend und schreiben. Sicher, ich mach‘ auch Yoga, gehe sogar ins Fitness-Center, mag Spaziergänge, – aber das Gefühl des „Heimkommens“, das mein Yogalehrer nahe legt, wenn wir uns auf den Körper konzentrieren, fühle ich eher dann, wenn ich mich an den Computer setze. Das ist der Ort, von dem aus ich „meine Welt“ gestalte, erhalte und verwalte, wo mir all‘ meine Ressourcen und die vieler anderer zur Verfügung stehen, wo ich „in Kontakt bin“, zumindest „der Möglichkeit nach“, eben so, wie das Virtuelle in diesem Leben vorhanden, bzw. nicht vorhanden ist und trotzdem voller Kraft: der Kraft nämlich, alles andere restlos zu verschlingen.

Fühlt Euch nicht auf der sicheren Seite, ihr Freunde des Buches und der „Papers“. Sich zurück lehnen und in einen interessanten Essay versinken, auf der Couch liegen und die Welt über einem vielschichtigen Krimi vergessen – auch das ist kein Leben, sondern ist „Lesen über das Leben“. Es braucht keinen Computer, um sich im eigenen Kopf zu verlieren – ich mach’s auch gern per Buch, wie meine Leseliste beweist.

Am Montag jedenfalls hatte ich plötzlich keine Lust mehr auf die geschriebene, gemeinte, erzählte und gezeigte Welt. Ich schaltete den PC aus und räumte ein bisschen das Zimmer auf. Staub saugen, Papierkorb leeren, Tabak, Zigaretten und Aschenbecher entsorgen, Müll runter bringen – alles freute mich, was ich anfassen, riechen und spüren konnte. Selbst Geschirr spülen macht seither Spaß! Die Farben draußen scheinen kräftiger, das Licht kommt heller durch die Wolken, der Himmel ist blauer und die Wolken sind weit dramatischer als ich es gewohnt bin. Wenn ich das Haus verlasse, bestimmten die Füße, wo es lang geht – und am Computer komm‘ ich seit Tagen kaum noch vorbei. Musste mich heut‘ morgen richtig zwingen, es wieder einmal zu versuchen: Drüber schreiben, statt selber leben.

Langsam frag ich mich: Was wird aus mir werden, wenn ich mich der Zeichenwelt dauerhaft entfremde? Wenn das nicht nur eine Pause, eine Art Spontanurlaub im Hier & Jetzt ist, sondern sich eine große Veränderung ankündigt? Ohne Tabak und ohne die kontinuierlichen Koffeinschübe von früh bis spät fühl‘ ich mich deutlich zu wach zum arbeiten, zu spritzig für dieses reduzierte Herumsitzen und in die Tasten tippen, das ich gerade wieder betreibe, damit Ihr nicht glaubt, ich sei verstorben.

Aber selbst wenn alle das dächten, ja, wenn es wahr wäre, wär‘ das denn irgendwie schlimm?

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Claudia am 23. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für Der Abschied, die Katze, das Leiden

Der Abschied, die Katze, das Leiden

Die Spannung steigt. Gestern den unterschriebenen Mietvertrag mit sieben Anlagen an den Makler geschickt und die Kaution für die neue Wohnung in Friedrichshain überwiesen. Jetzt muß noch die „Gegenseite“ unterschreiben, dann ist der Umzug „im Kasten“. Eigentlich dürfte nichts mehr dazwischen kommen, doch bin ich gewohnt, nicht auf Dinge zu vertrauen oder gar zu hoffen, die noch nicht ganz sicher sind. (Auch das ein Teil der selbst anerzogenen Verteidigungshaltung gegenüber der Welt: Nichts wünschen, nichts erhoffen, dann kann ich auch nicht enttäuscht werden). Weiter → (Der Abschied, die Katze, das Leiden)

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Claudia am 06. Mai 2002 — Kommentare deaktiviert für In der langen Weile

In der langen Weile

Alles blüht, auch die Bäume direkt unter meinem Fenster im zweiten Stock. Der Duft der vielen Blüten, der unscheinbaren genauso wie der der in Schönheit auffälligen, hat etwas Verstörendes, Aufrührendes. Er trifft mich in einer Tiefe, die vom Denken nichts weiß. Die unermüdliche Großhirnrinde, die es einfach nicht schafft, sich heraus zu halten, versucht trotzdem, die Botschaft zu übersetzen: Hey, es gibt ein anderes Leben! Das RICHTIGE Leben, von dem das deine nur ein schwacher Abklatsch ist. Der Regenwurm, der sich genießerisch durch die feuchte Erde wühlt – welche Intensität mag er als reines Freß- und Ausscheidungswesen spüren, ungetrübt von Gedanken und Aufgaben, ohne Zukunft? Oder die Krähe, die mit elegantem Schwung auf der Laterne landet und die Passanten beobachtet, ob sie nicht etwas fallen lassen – sie kennt keine Zweifel, keine Bedenken, keine Langeweile, sie weiß, was sie tun muss und es macht ihr sichtlich Spaß.

Die Düfte des Frühlings lassen mich ahnen, wie es wäre, kein Mensch zu sein. Oder ein Meister des DAO, der tut, was kommt, und gewiss nicht frühmorgens die innere To-Do-Liste abklappert, alles „in Erwägung zieht“, nach Dringlichkeit einstuft und Gründe sucht, dies alles noch ein bisschen weg zu schieben – weg? Wohin? Vor allem: wofür?

In diesen Frühlingstagen fühle ich die Absurdität meines Verhaltens mehr als sonst. Freiheit – so scheine ich es mit der Muttermilch eingesogen zu haben – ist die Abwesenheit von Zwang. Zwang ist alles, was man tun MUSS, und letztlich ist fast alles Tun darauf gerichtet, diese Zwänge zu „erledigen“. Dabei ist es letztlich egal, ob ich die einzelnen Aufgaben gerne tue oder nicht. Oft genug ist es mir gelungen, genau das zu „verkaufen“, was mir – als reines Tun betrachtet – die größte Freude macht. Und jedes Mal kann ich sehen, dass die Verbindlichkeit selbst, das Versprechen „Ja, ich werde das tun“ diese seltsame Haltung aufruft, die sich wie eine Hürde vor die Dinge stellt, mich vom Leben „im Fluss“ trennt.

Was ist das? Kann ich irgend etwas tun, um es zu verändern? Bis jetzt sieht es nicht so aus, ja, es wird immer weniger wahrscheinlich, je mehr ich mich in das Geschehen versenke. Ich lerne von den Erfolgen, die mein Herangehen zeitigt, lerne, dass es SO nicht geht. Immer wieder erreiche ich nämlich den „Freiraum“: alles Wichtige ist abgearbeitet, nichts drängt mich – und dann? Dann kann ich zusehen, wie mein innerer Arbeiter sich neue Aufgaben ausdenkt, wunderbare Vorhaben und Projekte, die sogar echte Chancen auf Verwirklichung hätten, wenn… ja, wenn ich nicht erkennen würde, dass hier gerade neues Material für die To-Do-Liste entsteht, das morgen ganz genauso, wie das eben erst „erledigte“, etwas sein wird, das ich ganz gerne noch ein wenig vor mir her schiebe.

Also sitze ich es aus, verharre in der langen Weile, öffne vielleicht mal die Balkontür und schaue in die Welt „da draußen“: Hm, naja, nichts lockt, nichts fordert, nichts ängstigt, ich stehe da, erlebe das Wetter, höre die Geräusche der Stadt – und bald schon sagt eine innere Stimme: Und was jetzt? Ich schließe die Tür also wieder, setze mich vor den Monitor, ein Doppelklick auf die „Netzwerkverbindung“ öffnet das Tor zur virtuellen Welt. E-Mails rieseln herein, Werbung und Viren fallen der Entfernen-Taste zum Opfer, die verbliebenen Nachrichten überfliege ich – da schreibt mir jemand, den ich nicht kenne, etwas, das ich nicht verstehe. Warum sagt er mir das? Was will er? Warum meint er, mir das berichten zu müssen? Ich klicke auf „Antworten“ und beginne, eine halbwegs freundliche Nachfrage zu formulieren – mitten drin erinnere ich mich, dass ich BIN, und dass ich gerade wieder eingeschlafen war. Warum um Himmels Willen tippe ich Mails an unbekannte Menschen, die mir unverständliche Dinge mitteilen? Klick und weg, meine angefangene Botschaft verschwindet im Nichts – und ich sitze ebenfalls wieder in einer Art „Nichts“ fest, in dieser seltsamen Ratlosigkeit, die mir dennoch als persönlich wachste Wachheit erscheint. Unangenehm, ohne „Linie“, das dräuende „ES GIBT“ des Seins, das Gewahrsein der schieren Eksistenz – ach, es in philosophische Worte zu packen ist auch nur ein kurzes Amüsement, das mich keinesfalls rettet.

Also wieder aufgestanden, ein wenig gehe ich im Zimmer umher, schau mal rüber, was mein Lebensgefährte gerade tut. Er liest und hat offensichtlich in der nächsten Zeit auch nichts anderes vor. Oh ja, Bücher sind die schönste Form der „Rettung“. Mangels einer irgend wie gearteten „Lösung“ des zwanglosen Daseins im Nichts verabschiedet man die Aktualität zugunsten einer guten Geschichte, in der man sich ganz verliert. Zumindest das verliert, was sich langweilt, das immer fragt „und jetzt?“ Um aber lesen zu können, bedarf es physischer Ruhe und guten Lesestoffs, durch dessen Zeilen und Seiten der Charakter des „Nur-Zeit-Totschlagens“ nicht allzu deutlich hervorschimmert. Also vielleicht mal ein Spaziergang um den Block – oder das Fitnetss-Center, das Laufband, das mir „Bewegung“ vermittelt, und danach die Sauna, die durch die schiere Hitze den Körper derart belastet, dass ich endlich in der Lage bin, für kurze Zeit am „reinen Gewahrsein“ Genüge zu finden.

Mein Gott, was für ein absurdes Theater! Manchmal nehmen die Gedanken dann den Weg des schlechten Gewissens. Lebe ich hier nicht wie die Made im Speck? Mit Zentralheizung, großen Zimmern, Kachelbad, heißem Wasser aus der Wand und freier Auswahl an guten und sogar gesunden Lebensmitteln? Wieviele Milliarden Menschen auf der Welt würden mich beneiden? Strampeln sich lebenslang ab, ohne auch nur das Nötigste zu haben, kämpfen in den Kriegen und Gulags dieser Welt ums tägliche Überleben? Bin ich nicht der Gipfel der Bosheit und Ignoranz, hier auch nur für Minuten in der Betrachtung der Langeweile zu verharren, anstatt irgend einen Weg zu finden, ihnen zu helfen?

Aber wie? Kann ich mir ein soziales oder politisches Engagement wählen wie einen Song in der Musicbox? Leider nicht, ich kann’s nicht zwingen. Diese Gedanken und Gewissensbisse kulminieren genauso in Ideen und Vorhaben, die mich für dieselbe kurze Zeit aus meinem seltsamen Zustand reißen wie die eher eigennützigen Initiativen. Binnen kurzem verlieren sie ihre Leuchtkraft, ihren schwachen Draht zur Motivation, wenn nämlich offensichtlich wird, dass auch das nur Methoden sind, aus der langen Weile zu entfliehen. Diesmal auf dem Vehikel der Moral.

Was ist schlecht daran, zu flüchten? Kann man das überhaupt „Flucht“ nennen, ist das nicht eher das ganz normale Leben? Schließlich sind wir nicht auf der Welt, um still an die Wand zu starren und zu schauen, wie der Geist damit zu Recht kommt oder auch nicht!

Das ist der letzte Gedanke, der mir dann immer kommt. Agressivität, ein Grundimpuls des Überlebens, Trotzreaktion, Rechtfertigung dessen, was offenbar nicht geändert werden kann, Umdefiniton einer gefühlten Frage in eine schnelle, nach allen Seiten leicht abzusichernde „sinnvolle“ Antwort.

Und dann wende ich mich der To-Do-Liste zu. Wie jetzt.

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Claudia am 20. April 2002 — Kommentare deaktiviert für Aus dem Netzleben

Aus dem Netzleben

Kürzlich hab‘ ich das Diary mal wieder mit dem Netscape 4.7 angesehen – und erschrocken festgestellt, dass aus unerfindlichen Gründen die ganze Optik im Eimer war! Diese mittlere Spalte hier erschien nur noch als meterlange Wortliste – und es hat verdammt lang gedauert, bis ich den Fehler fand (wieder mal ein Bug im NS 4.7). Jetzt ist alles wieder ok. Schade, dass mich niemand darauf aufmerksam gemacht hat.

Die Mailingliste CSS-Design ist ein voller Erfolg. Binnen weniger Tage fanden sich über 300 Leute zusammen, die sich jetzt ausschweifend über die aktuellen und künftigen Methoden des Webcoding austauschen. Dabei wundert mich immer wieder, wie lange es dauert, bis sich die Basiskenntnisse eines erfolgreichen „Netzlebens“ bei allen durchsetzen. Manche melden sich entsetzt wieder ab, wenn sie merken, dass sie pro Tag 30 bis 50 Mails von der Liste bekommen – es ist tatsächlich noch nicht überall bekannt, dass man Listen am besten in eigene Ordner „fließen lässt“ und WIE man das macht. Auch die Möglichkeit, das Ganze als tägliche Zusammenfassung zu beziehen, wird zwar in der Begrüßungsmail mitgeteilt, aber kaum einer macht davon Gebrauch. Dann geschieht es immer wieder, dass ein Dialog plötzlich ins Private kippt – und 300 Leute lesen mit, woher sich zwei kennen und welche Firma sie schon von innen gesehen haben. Verwunderlich auch, dass viele sagen: Genau so eine Liste hat uns gefehlt! Wussten sie nicht, dass jeder eine Mailingliste aufmachen kann? Bin mal gespannt, wie viel Zeit noch vergehen muss, bis die Kulturtechniken des Netzes so verbreitet sind wie Lesen & Schreiben.

Ich staune auch oft darüber, wie groß doch die kriminelle Kreativität sein kann: sogenannte „Hackerbanden“ teilen mir unter dem nicht ignorierbaren Subject „Abmahnung“ mit, endlich sei es ihnen gelungen, „illegale Sexkanäle“ zu knacken: anbei die URL zum kostenlosen Dialer-Download. Wie viele darauf wohl noch reinfallen und – voller Vertrauen zu den „Hackern“ – den teuersten Internet-Zugang ihres Lebens anwählen?? Heut morgen dann zum dritten Mal in dieser Woche die „Nigeria-Masche“: Angeblich braucht ein nigerianischer Stromkonzern für eine Überweisung ein ausländisches Konto, darf aber selber keines eröffnen. Man soll ihnen also hilfreich zur Seite stehen und bekommt dafür 10% von 28 Mio Dollar in Aussicht gestellt – wie großzügig! Ich frag mich, wie verrückt jemand sein muss, um darauf herein zu fallen und brav Konto und persönliche Daten hin zu mailen? Die Masche lief auch schon VOR dem Netz: Wenn einer darauf einsteigt, ergeben sich bald irgendwelche „Schwierigkeiten“ und man soll mal eben kurz ein paar tausend Dollar „auslegen“. Tja, Dummheit und Gier existieren immer schon, aber seit es E-Mail gibt, hat man größere Chancen, damit gewaltig auf die Nase zu fallen.

Schade, daß Politiker meist nur darüber nachdenken, wie sie das Netz reglementieren könnten, anstatt jeden Cent und alles Engagement in die notwendige Volksbildung zu stecken. Unternehmen schotten ihre Intranets lieber ab, SysAdmins ziehen die Firewalls höher und höher. Mitarbeitern wird verboten, Attachements anzunehmen, weil diese auch Viren enthalten könnten, anstatt dass man sie laufend schult oder beim selber lernen unterstützt. Ich bekomme regelmäßig Viren im Anhang ominöser Mails – na und? Sie werden eben gelöscht, wie der andere SPAM auch. Mit jemandem, den ich kenne, tausche ich trotzdem Attachments aus: WENN wir es besprochen haben, nicht einfach mal eben so, weil was dran hängt.

Und wenn ich schon mal am Klagen bin: wirklich schade ist, dass viele Einsteiger zwischen Shopping-Malls und Viren-Angst kaum noch mitbekommen, was das Netz sein kann. Wie gut, dass es immer noch Menschen gibt, die viel Arbeit und Herzblut investieren, um ein anderes Web zu zeigen. Zum Beispiel Iris Bleyer mit ihren RauspfeilBrightsites, die ich zum Schluß einfach im O-ton zitiere:

„Mir geht es in meiner Auswahl der brighsites darum, Interneteinsteiger ohne allzu viel Tamtam auf die hellsten Seiten des Web zu locken. Ich hoffe, wenn sie sich von dort aus weiter bewegen, werden sie sich nie wieder mit weniger zufrieden geben. Denn sie erkennen dann vielleicht, dass das Internet eine Seite hat, die für viele Newbees im wuchernden, grellen, lauten, flashenden Brei vom „Klick mich – Kauf mich“ immer schwerer zu finden ist. Das Netz lebt – es hat eine Seele. Und die ist freundlich, kommunikativ, kreativ, phantasievoll, klug, gefühlvoll, liebenswert… – und unverkäuflich :o).“

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Claudia am 12. März 2002 — Kommentare deaktiviert für Spaziergang zur Spree

Spaziergang zur Spree

Vor ein paar Wochen hat mich kurz das „Heimweh“ überkommen: nicht die Sehnsucht nach Landleben, nach den mecklenburgischen Weiten, deren Leere mich nach zwei knappen Jahren allzu oft in die Supermärkte getrieben hatte, um mal wieder Menschen zu sehen. ach nein, es war die Sehnsucht nach der alten Heimat, nach dem in über 20 Jahren fertig sanierten Gebiet rund um den Chamissoplatz im Südwesten Kreuzbergs.

Allein die wunderschöne Marheineke-Markthalle mit dem Multi-Kulti-Gourmet-Angebot!…. Schon was ganz anderes als die eher karge Verköstigung im Boxhagener Kiez, wo lustlose Verküuferinnen in unrentabel kleinen SPAR-Läden immer noch gern sagen „Ham wa nich“, oder man sich beim einzigen Italiener stundenlang die Beine in den Bauch steht, weil die häufig wechselnde Belegschaft Tag für Tag die Langsamkeit neu entdeckt.

Aber halt, bevor ich jetzt anfange, ausgiebig über den Dreck auf den Straßen zu lästern oder gar die vielen Hundehaufen zähle, die den Fußgänger zwingen, gesenkten Kopfes vor sich auf den Boden zu starren, bevor ich mich über die (fast) durchweg unbequemen Stühle in den Lokalen oder das (meist) bar jeder Kochkunst zubereitete Essen aufrege (Ausnahme: Osteria, Gabriel Max Straße), erinnere ich mich gerade noch, daß ich heute eigentlich ein Loblied auf Friedrichshain anstimmen wollte, keinen Abgesang.

 

Simon-Dach-Straße in Friedrichshain – So sieht es hier ‚rundrum aus – ein typisches Gründerzeitviertel, anheimelnd, chaotisch, weitgehend unsaniert.

Na ja, auch keinen „Gesang“, ich zeig‘ Euch einfach ein paar Bilder vom Morgenspaziergang zur Spree und zurück, die man von hier aus in etwa zwanzig Minuten erreicht – ein Weg durch erstaunliche Stadtlandschaften, weit interessanter als der übernutzte Volkspark Hasenheide, der mir zwanzig Kreuzberger Jahre lang einziger „Auslauf“ war.

Die Halbinsel Stralau beeindruckt mich jedes Mal, besonders das alte Glaswerk im Norden – die verfallenden Gebäude stehen wie Mahnmale in der offenen Brache, Grafitti-geschmückt, nicht weit davon hyper-moderne Nachwende-Bauten.

Glaswerk auf Stralau
Altes Glaswerk Stralau – gerade für Techno-Partys in Betrieb genommen….

 

Durchgang Glaswerk
Durchgang Glaswerk

 

Nochmal Glaswerk – „coole Location“

Diese beiden Häuser – die sogenannten „Knabenhäuser“) stehen direkt gegenüber in der Rummelsburger Bucht und warten – wie so viele andere – auf einen Investor, ein Nutzungskonzept, auf Leute mit Ideen und Elan. Mich wundert es wirklich, dass sich da bis jetzt niemand gefunden hat – wäee ich reich, würd‘ ich mir die einfach als Berliner Wohnsitz zulegen ! :-)

Das ist jetzt nur ein kleiner Ausschnitt der vielfältigen Eindrücke und Anblicke auf dem Weg bis zur Spreee und zurück. Ich komme dabei auch über die Modersonbrücke, wo sich eine riesige Gleislandschaft der U-, Regional- und Fernbahn bis zum Horizont erstreckt. Und wenn ich über die Elsenbrücke nach Kreuzberg laufe, ergeben sich wieder ganz neue, nicht weniger exotische Perspektiven.

Ja, ich lebe wieder gerne in der Stadt! und glücklicherweise hab‘ ich ein Gebiet gefunden, wo „weite Horizonte“ in nächster Nähe zu besichtigen sind.

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