Claudia am 09. Februar 2026 — 0 Kommentare

Zuhören statt Verurteilen: Eugen (notizenvonunterwegs) bereist Deutschland. Teil 1: Rügen

Leuchtturm auf Rügen

Schaut euch doch mal dieses Reisevideo an:

Kaputtes Deutschland: Meine Reise durch ein verunsichertes Land | Ep. 1

Zum Kanal: Sieben Jahre waren Anna und Eugen (»ein Durchschnittspaar aus Norddeutschland«) auf Weltreise, mit nur zwei kurzen Unterbrechungen in der Heimat. In ihrem Kanal »notizenvonunterwegs« dokumentierten sie einen Großteil dieser Reisen, jedoch ganz anders als es »Reise-Influencer« normalerweise tun: Sie setzen auf radikale Ehrlichkeit statt auf perfekte Inszenierungen toller Urlaube. So entstanden tiefgründige Reportagen, die soziale Realitäten vor Ort ebenso beleuchten wie die eigene Erschöpfung.

Zurück in der Heimat möchte Eugen (Sohn deutsch-russischer Spätaussiedler) verstehen, warum das Land, das für seine Mutter einst ein Versprechen auf Freiheit und Wohlstand war, heute von Krisen und Zukunftsangst geprägt ist.

Der 1.Teil: Rügen (die „blaue“ Insel) und Hiddensee:

»Deutschland ist gespaltener denn je – und doch vereint in einem Gefühl: Dass wir auf einem rostigen Tanker leben, der längst auf Grund gelaufen ist. Wie konnte es so weit kommen? Was ist kaputt gegangen in diesem Land – und was vielleicht auch in uns?
Um Antworten zu finden, reise ich quer durch die Republik. Mein Ausgangspunkt: Rügen. Deutschlands größte Insel, am nordöstlichsten Rand der Karte. Dort, wo die Felsen bröckeln wie Kreide und die Wellen gegen das Land schlagen, als wollten sie es sich holen. Was euch erwartet? Authentische Einblicke. Persönliche Gedanken. Ehrliche Gespräche. Ein leiser Film in lauten Zeiten.«

Tut richtig gut! Das Video bemüht sich um Verständnis, wo »normalerweise« reflexartig krasse Bewertungen und Verurteilungen folgen oder bereits das Zuhören verunmöglichen. Es ist aber auch keine gänzlich „neutrale“ Darstellung: Eugens Reflexionen zu den Erlebnissen machen einen guten Teil des Videos aus, hier ein Zitat nach seinem Besuch in Prora, von dem nur noch wenig zum Gedenken im (megahässlichen) Urzustand belassen wurde.

„Deutsche Kultur geht nicht verloren, weil wir uns erinnern, sondern weil wir vergessen, was uns ausmacht. Sie stirbt nicht an Mahnmalen für die Vergangenheit, sondern an glattpolierten Ferienburgen, die aussehen, als hätten sie nie eine Geschichte gehabt.
 

Prora renoviert
Prora saniert, heute saisonale Touristenhochburg
(Bild Lappländer, CC BY-SA 4.0

Sie verschwindet nicht mit der Dönerbude an der Straßenecke, sondern mit der zigtausendsten McDonald’s Filiale, in der alles nach Plastik schmeckt.

Mein Problem im Stadtbild sind keine syrischen Familien, die im Park ihr Brot teilen, sondern Städte, in denen kein Mensch mehr auf einer Bank sitzt, weil die Schaufenster dunkel sind, weil die Mieten steigen und das Leben weicht, weil jeder freie Platz verkauft wird: An Investoren, nicht an Ideen.

Unsere Identität verlieren wir nicht durch Vielfalt, sondern durch Vereinzelung. Wenn Orte, die einst der Gemeinschaft gehörten, heute nur noch wenigen gehören. Wenn Freiräume verschwinden und Begegenstätten erodieren. Denn wenn wir einander aus den Augen verlieren, dann verliert sich auch das Wir.“

Prora auf Rügen

Sehr lesenswert sind auch die Kommentare zum Video, denn hier kommen alle Seiten zu Wort, mal ganz ohne ausfällig zu werden, aber doch deutlich:

@CommentinoCommentoni: Ich mag nicht unter einer baldigen Mehrheit an Menschen leben die sich über ihre Ethnie als anders indentifizieren während die deutsche Ethnie geleugnet und als Identitätsstiftung verpöhnt wird. „Alman“ sagt man abwertend konnotiert, während jeder Verständnis bekommt, seine Heimat und Kultur mittels der Muttersprache am Leben zu halten. Dass man als Deutscher seine Heimat verliert, wenn um einen herum kein Deutsch mehr gesprochen wird ist verschwiegen…. …Komm doch nach Mannheim oder gleich Ludwigshafen an einem Samstag und erzähl mir da fühlst du dich wohler als auf Sylt unter Omis und so soll Deutschland mal gänzlich werden. Ich werd die Generation unserer Eltern vermissen“.

Insgesamt bekommt Eugen viel Lob, dem ich mich anschließe: Das Video zum Serienstart ist »Qualitätsjournalismus«, wie wir ihn kaum mehr kennen!

***

Eine erste, kürzere Fassung dieses Textes erschien als spontaner Kommentar auf Horst Schultes Blogpost: Der Begriff Meinungsfreiheit als ideologisches Schlachtfeld.

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