Claudia am 04. Juli 2001 — 0 Kommentare

Im Papierkram untergehen

Es dauert wohl noch eine Weile, bis ich wieder voll Stadt-kompatibel bin. Gerade rudere ich in den seltsamen Bedingungen und Algorythmen der verwalteten Welt umher und sehe kein Land, ja, es scheint stündlich schlimmer zu werden. Das Chaos, das ich aus der Welt der physischen Gegenstände glaubte verbannt zu haben, hat sich auf die Papier- und Behördenwelt verlegt – und entfaltet sich da zu ungeahnter Größe: Ich kann mich nicht anmelden, weil mein Ausweis mitsamt Geldbörse und weiteren Papieren verloren oder geklaut ist. Das zentrale Fundbüro sagt, ich solle mindestens zwei Wochen mit der Neubeantragung der Papiere warten, mich aber doch möglichst bald in Berlin anmelden. Wie denn, frag ich, wenn doch mein Ausweis weg ist?

Meine Bankkarte hab‘ ich sicherheitshalber sperren lassen – an mein Vermögen komme ich nun nur mit Ausweis und Auszahlungsschein, sagt die nette Beraterin in der Support-Hotline. Zehn Tage soll es dauern, bis sie es schaffen, die neue Karte zuzustellen. Solange muss ich mir also Geld leihen und mich in Geduld fassen und heftig hoffen, dass mich der Zusteller nicht nach dem Ausweis fragt! Dazwischen ein kleiner Lichtblick: Strom anmelden bei der BEWAG funktioniert online ganz problemlos – wenn ich davon absehe, dass mir wieder mal verschiedene Produkte angeboten werden, über die ich mich einzeln informieren kann, dazu den „Kalkulator“ verwenden, um herauszufinden, welcher Tarif für mich der günstigste ist. Offensichtlich werde ich alt, das ständige arbeitsintensive Wählen zwischen verschiedenen Angeboten und Tarifen geht mir derartig auf die Nerven, kostet es doch sinnlos Lebenszeit – ich will einfach nur Strom! Nicht gelb oder family oder mix oder oder…. bald wird man als ganz normaler Bürger einen Sekretär brauchen, um alles abzuleisten, was nötig ist.

Mein Auto steht zwei Straßen weiter, immerhin hab‘ ich die Stelle nicht vergessen. KFZ-Schein und Führerschein sind mitsamt dem Geldbeutel weg, also lass‘ ich es erstmal stehen. Ummelden? Geht nicht ohne Ausweis, klar. Wie ich von anderen gehört habe, sei der Verwaltungsvorgang „Ummelden des Autos“ sowieso derart nervig, dass ich es besser gleich verkaufe, nicht erst in ein paar Monaten, wie ursprünglich geplant.

Abmahnwelle – und manche erstarren gleich vor Angst!

Zwischendurch warne ich meine alten Kunden und Auftraggeber vor der neuen Abmahnwelle – wieder hat sich so ein komischer Verein gegründet und mahnt Herausgeber von Newslettern ab, wenn sie bei der Bestellung Name und Vorname abfragen „ohne explizit darauf hinzuweisen, dass das auch ohne Angabe des Namens möglich ist“. Es gibt Betroffene, die stellen prompt ihre ehrenamtlichen Projekte ein, weil sie einfach keine Lust haben, nur eine anonyme Masse von Mailadressen zu bedienen (lest mal www.frauen-zentrale.de).

Was mach ich als nächstes? Vielleicht mal die Krankenversicherungskarte bei der Versicherung verlustig melden? Dann könnte ich in absehbarer Zeit – nach Zusendung einer neuen Karte – wenigstens wieder mal zum Arzt gehen. Nicht, daß ich das oft täte, im Gegenteil, aber in diesem ganzen Stress fühle ich mich auch gesundheitlich schlechter und auf einmal stört es mich, nicht wenigstens theoretisch die Möglichkeit zum Arztbesuch zu haben.

Die Post kommt. Das Finanzamt will eine happige Steuernachzahlung – damit hab‘ ich zwar gerechnet, aber dass es ausgerechnet JETZT ankommt, passt so richtig gut in die Landschaft! Ich werfe das Online-Banking an, wenigstens mal gucken, wieviel da noch ist. Doch gleich nach der Eingabe von PIN und Kontonummer heisst es: „Derzeit ist das Onlinebanking aus technischen Gründen nicht möglich. Versuchen Sie es später noch einmal!“. Am liebsten würde ich für heute Schluß machen, mich ins Bett verziehen und einen mitreissenden Schundroman lesen, um der Realität nicht mehr ins kalte Auge sehen zu müssen. Statt dessen schreib ich Diary, das tut auch ganz gut.

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