Claudia am 05. Mai 2001 — 0 Kommentare

Mobilitätsvarianten

Die letzten Tage hab‘ ich verbracht, als wäre ich im Urlaub! Der Mai ist richtig „explodiert“, nicht umsonst heisst es ja „die Bäume schlagen aus“ :-). Nach soviel Winterlichkeit über den ganzen April war das genau richtig, lange Spaziergänge, draussen auf der Schloßwiese in der Sonne liegen, an den See fahren. Da ich bald wieder im Häusermeer der Großstadt leben werde, genieße ich das alles jetzt doppelt, so ein bißchen mit der Wehmut des Abschieds.

Andrerseits, sag ich mir immer, muß ich mich ja nicht wieder in die Metropole einschweissen, sondern kann mir später wieder eine neue „Sommerfrische“ suchen – vielleicht mal einen Ökohof oder ein Ferien-Projekt, dessen „Website of Life“ ich im Austausch gegen Zimmer oder Bauwagen betreue. Oder ich besuche mal die nur sporadisch genutzten Häuser in Mecklenburg, die sich manch‘ besser-verdienende Freund zugelegt hat. So viel ist möglich, immer liegt es an mir, wieviel Trägheit ich mir leiste und wieviel Bewegung bzw. Mobilität ich für eine ausgeglichene Psyche zu investieren bereit bin.

Apropos Mobilität: Dass Herr Hundt nun für die Arbeitgeber fordert, Arbeitslose sollten Umzüge in Kauf nehmen müssen, das halte ich für einen echten Hammer! Hier in Mecklenburg sind bis zu 20 Prozent arbeitslos, sollen die etwa auch noch das Land verlassen? Schon jetzt ist in vielen Bereichen die Infrastruktur zusammengebrochen, Schwerin hat wegen des Wegzugs seine Großstadtrechte verloren, Schulen und Kitas werden geschlossen oder zusammengelegt, in vielen Gegenden gibt es haufenweise Leerstand – soll der Rest auch noch gehen? Was stellt sich dieser Hundt eigentlich vor, was dann aus Mecklenburg wird?

Gar nichts. Mit Sicherheit denken solche Leute nicht weiter darüber nach, was geschähe, wenn ihre plakativen Forderungen in die Tat umgesetzt würden. Und mal abgesehen vom Osten: Nun auch noch alle räumlichen Bindungen (Familie, Freunde, Bekannte, Wohnung, Haus, Garten, Gegend???) zugunsten der Ökonomie dran geben zu sollen, und das in in einem Land, in dem die Unternehmen nach wie vor kräftig verdienen und fürs noch bessere Verdienen immer mehr Leute entlassen, ist eine schiere Unverschämtheit! Wer kann, geht in der Regel sowieso freiwillig, aber Leute mit echten Bindungen an den physischen Raum in die Ferne zu zwingen, konterkariert den Gedanken des sozialen Netzes, das schließlich die Betroffenen in einer gegebenen Lebenssituation auffangen und nicht aus ihr vertreiben soll.

Was reg‘ ich mich eigentlich auf! Schließlich ist es schon viele Jahre her, dass ich selber politisch aktiv war, mehr als eine verärgerte Rede folgt der Erregung eh‘ nicht – und von daher kann ich mir die eigentlich auch noch sparen. Andrerseits: Als ich neulich in einem Diary den Satz zu lesen bekam „Ich interessiere mich eigentlich nicht für sozialkritische Themen“, wurde mir angesichts dieser laut vorgetragenen Ignoranz doch leicht übel. Da liegt so eine Herzlosigkeit drin, die sich auch gar nicht mehr zu verstecken sucht, weil sie heute praktisch Normalität ist. Und wer sprach so locker vor sich her? Natürlich eine gesuchte IT-Fachkraft, schlicht nicht fähig, auch nur ein bißchen von der eigenen, derzeit optimalen Situation zu abstrahieren.

Na, ich glaub, ich mach jetzt besser meine Walking-Runde, das bringt Gelassenheit. Weiss auch nicht, warum ich heut‘ so drauf bin… ;-)

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