Claudia am 12. April 2001 — 0 Kommentare

Kein Ort, nirgends.

Der Frühling macht gewaltig von sich her. Seit Tagen scheint zum ersten Mal richtig die Sonne, Sträucher blühen gelb, Vögel zwitschern und die Hähne krähen. Der ganze Charme des Landes entfaltet sich und fragt: Hier willst du weg? Im Ernst?

In Berlin, auf meinem Spaziergang durch die Rummelsburger Bucht war es regnerisch und trüb. Trotzdem genoß ich den weiten Blick über die Spree, die Verrücktheiten der Stadtsilouette, die in den Himmel ragenden Neubauten aus Stahl und Glas, die wunderlichen Industriebrachen – ein paar Schritte weiter wäre ich im Treptower Park angekommen, dahinter der Plänter Wald – warum hab‘ ich eigentlich gemeint, man könne in Berlin nicht wandern, keine ausschweifenden Spaziergänge machen, kein Grün sehen? Kann mich nicht erinnern, hier in Gottesgabe je so lange gelaufen zu sein, daß ich Blasen an den Füßen hatte!

Im letzten Beitrag schrieb ich ins Diary:

Will ich in mehr oder weniger virtuellen Welten leben, von Eindrücken zugeschüttet, geistig ungeheuer angeregt und inspiriert, dabei aber das psychische und physische Dasein vernachlässigen? Oder will ich Tag für Tag Natur, Wind, Wetter, Erde um mich spüren, dafür aber geistig in tiefster Provinz veröden, womöglich doch noch lernen, mit Salat-pflanzen und Hühner-füttern zufrieden zu sein?

Eine harte Alternative – aber ist das „die Realität“? Genau wie die andere Alternative, die mittlerweile zu meiner weltanschaulichen Grundausstattung gehört: Entweder ich gehe ein „Problem“ an, indem ich es analysiere, Lösungen finde, mich für eine entscheide und diese mühsam umsetze – ODER ich lasse den Dingen ihren Lauf, betrachte mich selbst mit all meinen Impulsen als ein Teil der Welt und sehe zu, wie ich gelegentlich „einfach mitgehe“, mit dem aktuellen Geschehen, das sich „von selbst“ entwickelt. Und wenn beides gerade nicht zu funktionieren scheint, bin ich ratlos.

Hinter all diesen „Alternativen“ stehen Voreinstellungen, zu denen ich normalerweise gar nicht durchdringe, das sehe ich jetzt. Eine Ratte im Versuchslabyrinth erreicht eine Weggabelung und muss sich entscheiden, so ungefähr komme ich mir angesichts der Stadt/Land-Frage vor. Aber im Gegensatz zur Ratte, die jemand in dieses Labyrinth setzt, zwingt mich niemand, solche Labyrinthe zu betreten. Der Irrtum, in dem ich in all meiner alltäglichen Trägheit kreise, ist der Gedanke einer LÖSUNG! Als wäre nicht im Leben die einzige Lösung der Tod – und selbst das weiß keiner so genau.

In den beiden letzten Jahren, die ich in Berlin lebte, nahm ich in keiner Weise am städtischen Leben teil, alle heiligen Zeiten besuchte ich mal eine Veranstaltung, die mir dann beziehungslos und Konsum-haft vorkam, nichts, was mich wirklich anging. Dreimal im Jahr fuhr ich ziemlich genervt von der Stadt mal raus aus Berlin, besichtigte jenseits der Grenze kurz eine neue Jahreszeit, und das war es dann wieder – unbefriedigend. Jetzt lebe ich schon zwei Jahre hier auf dem Land, doch eine wirkliche Beziehung dazu hab‘ ich nicht, außerhalb der eher beschaulichen Freude am reinen Anblick, am physischen Erleben von Sonne, Wind und Wetter. Immerhin konnte ich feststellen, dass es nicht mein Traum ist, zu gärtnern oder gar Landwirtschaft zu treiben, so schön und erhohlsam ein paar Stunden im Garten auch sind. Und dreimal im Jahr fahre ich – ziemlich angeödet vom Land – in die Stadt…

Mein Feind ist die eigene Trägheit und der damit verbundene Irrtum, daß es eine „Endlösung“ für meine Bedürfnisse gäbe, ein optimaler Ort, der alle Wünsche befriedigt: Lebensweise? Gefunden und abgehakt, wenden wir uns also Wichtigerem zu… Völliger Quatsch. Ich muß von meinem optimal ergonomischen Sessel aufstehen und mich mehr bewegen! Ganz physisch, aber auch im übertragenen Sinne. Die Frage der Lebensweise ist Stunde für Stunde, Tag für Tag ein Thema und niemals „für immer“ zu beantworten. Obwohl ich immer schon ein eher aktiver Mensch war, recht umtriebig in meinen Projekt-Aktivitäten, ist meine Grundhaltung die des Beobachters, und das ist auch ganz in Ordnung so. Falsch daran ist, ein immer bequem sitzender Beobachter sein zu wollen, viel besser wäre es, zu wandern. Sowohl Natur als auch Stadt erlebe ich wandernd, mich bewegend am intensivsten – und weit angenehmer, als wenn ich irgendwo Zelte aufschlage und einen Kleingarten anlege, gar meinen Claim verteidige, mich in die Scholle einbohre, wo immer sie gerade liegt.

Das „Problem“ ist nicht der Ort, sondern daß ich am Ort klebe und mich kaum mehr rühre, wenn ich mal gut sitze. Komisch, dass mir diese Gedanken gerade in diesen Tagen kommen, völlig lahmgelegt von den Blasen an den Füßen!

Übrigens: Berlin ist nicht mehr diesselbe Stadt, die ich 1999 verlassen habe. Eine vierte Dimension hat sich über sie gelegt, in der ich mich wie ein Fisch im Wasser bewegen kann: DAS NETZ ist lokal geworden, endlich! Man muß nicht mehr den TIP oder die Zitty kaufen, wenn man mal was unternehmen will, sondern kann täglich seine Fühler über den Cyberspace ausstrecken – zu Menschen, Gruppen, Aktivitäten aller Art. Auf einmal hängt alles mit allem per Link zusammen. Und das Schöne am Lokalen ist, dass auch Real Life unaufwendig zur Verfügung steht: Ein Fenster unter mehreren, aber unverzichtbar!

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