Claudia am 30. März 2001 — 0 Kommentare

Frühlingsgefühle

Vögel zwitschern, ein Hund bellt, die Bäume ragen in den verhangenen Himmel, als wollten sie die Schale durchbrechen, hinter der die Sonne scheint. Immer.

Frühling? Jeden Abend höre ich Entschuldigungen der Wetterberichter, als läge es in ihrer Hand: Vielleicht morgen, ganz sicher übermorgen, zumindest im Süden, und womöglich endlch mit „zweistelligen“ Temperaturen.

Heute morgen spüre ich den Frühling, Sonne hin, Temperaturen her. Ein Gefühl wie Sekt, nur subtiler. Und spannend, so als würde gleich etwas Großartiges geschehen, die Welt aufreissen, die Blase der Wahrnehmung zerplatzen, und eine innere Stimme sagen: Hey, das bis jetzt, das war nur der Vorfilm!

Ist es nicht immer „nur der Vorfilm“ gewesen? Es gilt als wichtig, gut und heilsam, die Vergangenheit anzunehmen: Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen! Ich finde, wir sollten auch von den Müttern alles mitnehmen, was sie hinterlassen haben – aber dann? Ich bin mein Vater und meine Mutter und alle, die vor ihnen waren, da gibt es nichts zu deuteln – WAS aber füge ich hinzu?

Es gibt nichts Neues unter der Sonne, heißt es. Oder: Du kannst nicht heraus aus deinen Konditionierungen und Bedingtheiten, bist eingeschweißt in die Blase deiner Wahrnehmung und diese ist vorkonfiguriert für alle Zeit. Und doch hat mir eines Tages eine Olive geschmeckt, die ich als Kind ganz abscheulich fand!

„Raus“ ging damals auch noch leicht: vor dem Einschlafen schaute ich auf das Tapetenmuster, bis auf einmal diese regelmäßigen Romben ungeheuer groß und irgendwie „tief“ wurden. Ein unendlicher Raum tat sich auf, in dem NICHTS war, endlose Größe und Weite. Ich „trat ein“ mitten durch diese Formen, gleichzeitig wurde mein Herz heiss und klopfte heftig, ich spürte Tränen, begann zu schwitzen, vielleicht zu zittern, so genau war das nicht festzustellen, denn ich war dabei, mich in den Romben aufzulösen – bis ich mich vergaß. Am nächsten Morgen wachte ich auf und dachte nicht weiter daran. Obwohl es doch das Schönste und Wunderbarste war, von dem ich wußte – und doch NICHTS wußte, nicht mal auf die Idee kam, etwas wissen zu WOLLEN!

Heute weiß ich zu allem ‚was, deshalb ist das Tor geschlossen. Aber es ist noch da. Das merke ich an Tagen wie heute, wenn zwar noch eine fahle, trübe Restwinterstimmung um die kahlen Äste hängt, die Energie des Wachsens aber schon kurz davor ist, alles aufzusprengen, explodieren zu lassen in die Orgie des Lebens.

Besser, jetzt still zu sein, anstatt in äußere Geschäftigkeiten zu verfallen. Ich bin kein Gras, dem nichts übrig bleibt, als in die Höhe zu wachsen, Zentimeter für Zentimeter, dem Licht entgegen. Ich fühle mich groß genug, um selbst zu stehen und den aufrechten Gang zu üben, muß nicht mehr weiter nach oben oder „nach vorn“. Wohin aber dann?

Mir scheint, die Sonne kommt gleich raus. Ich werde mal eben die Hühner besuchen und zusehen, was sie so treiben.

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