Claudia am 23. Februar 2001 — 0 Kommentare

Heute ist gestern

Irgendwo in einer verborgenen Ecke meines Weltbilds habe ich immer noch geglaubt, daß sich alles verändert. Nicht spektakulär oder gar revolutionär, sondern eher langsam, Schritt für Schritt, Jahrzehnt um Jahrzehnt. Dass alle paar Jahre die Mode wieder mit mehrzentimeterhohen Folter-Schuhen daherkommt und die Hosen schon wieder diesen lächerlichen „Schlag“ nach aussen haben müssen, hat mich nicht wirklich irritiert. Schließlich sind die möglichen Formen der Klamotten endlich und was will die Industrie sonst schon machen, um die Leute alle Jahre wieder zum Kaufen zu motivieren?

Berlinbesuch

Gerade war ich in Berlin, meiner alten Heimat, die ich vor fast zwei Jahren müde vom Lärm und gierig nach GRÜN verlassen habe: man spricht ja viel vom NEUEN BERLIN, und wirklich, es schießen ständig neue Gebäude in den Himmel, der Blick auf die zerklüftete Stadtlandschaft wird immer interessanter. Die Stadt hat endlich ihren Stil gefunden: ewige Großbaustelle, Symbol von Veränderung schlechthin. Mein Besuch führte mich aber nach Friedrichshain, ein kommendes In-Viertel, in das man gerne zieht, seit Prenzlauer Berg von Touristen überlaufen und die Kneipen entsprechend unheimelig geworden sind. Dort sieht es nun exakt so aus wie in Kreuzberg vor der Sanierung, damals, Anfang der 80ger, als ich bewegt und begeistert in besetzten Häusern lebte und das Alte, das Kaputte und Verottete voller Inbrunst gegen „das Schweinesystem“ verteidigte.

Schon ein komisches Erlebnis, dies alles wieder zu sehen! Angefangen bei der unsanierten Altbauwohnung mit Ofenheizung, die einrichtungsmäßig zwischen Baustelle und Müllhalde schwankt, über die staubdunklen Gründerzeitfassaden mit Grafitti und abgefallenem Stuck, hin zu den ebenso dunklen Kneipen mit Holztischen und Kerzen drauf, die mit der Gemütlichkeit der 70ger im Jahr 2001 eine Kundschaft anziehen, die ebenso „retro“ wirkt. Hippies, Freaks, Künstler, Literaten, skurrile Gestalten – und man trinkt immer noch Bier, meine Güte, mein letztes Glas ist zwar lange her, aber es fällt mir nicht schwer, da wieder einzusteigen.

Auf der Rückfahrt im Zug lese ich dann den „Salbader“, ein literarisches Magazin im handlichen Westentaschenformat, herausgegeben und geschrieben von humorigen Leuten Mitte dreissig, Prenzlauer Berg-Szene. Und wieder ein Dejavue: Fast alle Texte in ähnlichem Sound, diese Grundstimmung des In-der-Metropole-Gestrandeten, der darauf besteht, dieses „daneben-Leben“ sei nicht nur frei gewählt, sondern das einzig Wahre, was ein aufrechter Mensch im Schweinesystem tun kann. Immer geh’s den Anderen besser! und Die tragische Spassguerilla seien als Beispiel genannt – lobenswerterweise steht das ganze Magazin im Netz, im Volltext!

Alt werden

Ich komme mir vor wie auf einer Zeitreise in die Vergangenheit: Siehe, das warst du! Und DAS ist immer noch da, vielleicht überhaupt IMMER? Es hat etwas Beklemmendes, denn irgendwie gehe ich immer von mir aus, rechne meine Veränderungen hoch auf die Welt und bin optimistisch, wenn es mir gut geht, und verzweifelt, wenn ich mich schlecht fühle. Im Unterschied zu früher weiß ich aber, wie groß mein persönlicher Einfluß auf diese Befindlichkeit ist. Weit MEHR als die Gesellschaft oder gar der „wild gewordene Kapitalismus“ ist mein Wohlgefühl von einfachen Dingen abhängig: richtig essen statt Junk Food, halbwegs Durchblick in der Wohnung, frische Luft und tägliche Spaziergänge im Freien, RICHTIG im Freien, nicht in einem Häusermeer, in dem die laut-bunten Eindrücke dich von allen Seiten anspringen, die Gedanken besetzen und das Herz ergreifen, so daß nichts anderes übrig bleibt, als sich möglichst „dicht“ zu machen, ganz automatisch.

Und das war der wichtigste „Schock“ dieser Reise. Ich hatte mich ja so nach Berlin gesehnt in letzter Zeit. Der lange Winter in der Mecklenburger Provinz ist geistig so ziemlich das Ödeste, was man sich denken kann. Erst recht als „entwurzelte“ Großstädterin, noch dazu aus Berlin WEST. Nun mußte ich aber feststellen: Ich kann nicht mehr! So sehr ich mich nach der Anregung, der Vielfalt, dem GEIST der Metropole sehne, so unfähig ist mein Körper andrerseits geworden, das alles auzuhalten. Ich komme mir vor wie halbtot, wenn ich das Leben in diesen Häuserzeilen auch nur zwei Tage schmecke. Zwangsweise tot ist in diesem Ambiente meine Tiernatur, sie, die mich letztlich aus der Stadt herausgetrieben hat, nachdem ich bis ins 45.Jahr alles ausprobiert hatte, um mehr oder weniger „aus dem Geist“ glücklich zu sein.

Das bewußte Denken, Meinen und Wollen – so seh‘ ich es heute – ist aber nur die winzige Spitze des Eisbergs. Wenn ich von daher den ganzen großen Rest ignoriere, fühle ich mich nicht nur in vieler Hinsicht schlecht, sondern ich verfalle auch geistig unzähligen Täuschungen, indem ich dieses „Schlecht“ auf alles mögliche beziehe, nur nicht auf die simple Tatsache, dass ich alles andere als „artgerecht“ lebe. Und heute – auch das eine seltsame Erkenntnis! – habe ich gar nicht mehr die Wahl, einen Weg der Selbstvergewaltigung zu gehen. Würde ich zum Beispiel jetzt nach Berlin ziehen wollen, würde mir schon nach wenigen Tagen die Kraft, die Energie abhanden kommen, um überhaupt nur den Umzug zu organisieren. Gut, das wenigstens zu erkennen. Wenn es wirklich mal sein muß, bleibt mir ja noch der Stadtrand – oder besser noch ein kleines Dorf im Speckgürtel…

So ist es also, alt zu werden.

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