Claudia am 14. Februar 2001 — 0 Kommentare

bonsaikitten.com: Tierfreunde greifen durch

Webwriting-Magazin Wie schön, daß das Netz für jedes Leid gleich den passenden Trost bereithält! Als ich gestern in einer düsteren Stimmung meine Mitmenschen als bequeme Medienkonsumenten darstellte, die verantwortungslos im kollektiven Kindergarten abhängen, habe ich mich geirrt. Ein schwerer Fehler, das ganz reale Netzleben hat es mir gezeigt und ich bin glücklich darüber!

Entsetzt !!! Tierquäler !!!!! Das Posting von Luicy im Cat-Forum, wo ich zwecks einer wichtigen Fachfrage in Sachen Fellwechsel angekommen war, brachte Schreckliches zu Tage: „Hi, Katzenfreunde! Schaut euch mal www.bonsaikitten.com an !!!!!!!! Das ist Katzenquälerei der Übelsten Sorte!!!“ schreibt die entsetzte Tierhalterin. Ich eile, mir die Schweinerei anzusehen und wirklich: Die Seite, auf der ich lande, übertrifft schlimmste Erwartungen: Ein „Bonsai Kitten webmaster“ gibt detailliert Anleitung, wie es gelingen kann, junge Katzen zu „Bonsai-Kitten“ heranwachsen zu lassen. Da die Knochen zu Beginn noch ganz biegsam seien (Beweis: Wenn man sie auf den Boden wirft, prallen sie zurück! Nicht zu Hause ausprobieren, die Möbel könnten Schaden nehmen!), sei es möglich, sie in beliebige Formen zu bringen. Und das geht so:

Kurz nach der Geburt wird die Katze in eine Flasche verbracht und für die gesamte Wachstumsperiode dort belassen. Ein Luftloch und eine Sonde für die künstliche Ernährung (im angeschlossenen Bonsai-Kitten-Shop preiswert zu erwerben) versorgen das Tier mit allem, was es braucht. Schon wenige Monate später kann der Katzenfreund sein Ergebnis bewundern: Wird das Glas zerschlagen, entsteigt ihm ein vollendetes „Bonsai-Kitten“ in der exakten Form der Flasche! Im Shop werden weitere praktische Formgefäße angeboten: mal quadratisch, mal kugelförmig, bis hin zur „chinesischen Rakete“. Begeisterte Anwender kommen im Forum der Site zu Wort und tauschen Tipps und Tricks. Welch‘ dunkler Abgrund menschlichen Machbarkeitswahns! Seit Alfs Katzenkochbuch ist mir kein vergleichbares Grauen durch den Browser geflimmert.

Doch Hilfe naht, es regt sich massiver Widerstand! Die Teilnehmer des Cat-Forums und andere Katzenfreunde, die nicht einfach wegschauen, sind sofort aktiv geworden, haben die grausamen Einzelheiten dokumentiert, übersetzt und im Netz gegen Tierquäler sofort eine Aktion gestartet („Aktuelles“). PETA (People for the Ethical Treatment of Animals) hat Recherchen angestellt und gemeldet:

„Unsere Kollegen in den USA haben folgendes herausgefunden: mit größter Wahrscheinlichkeit handelt es sich hier um einen ausgesprochen üblen Scherz eines Medien- bzw. Internetstudenten, der versuchen wollte, mit der Verbreitung dieser perversen Form der Tierquälerei Aufsehen in den Medien zu erregen. Die amerikanische „Humane Society of the United States – HSUS“ hat die angegebene Adresse zurückverfolgt, und ist dabei auf die Adresse eines Studenten gestoßen. Dadurch bestätigte sich dieser Verdacht. Bei dem betreffenden Studenten wurden keine Beweise gefunden, dass dieser tatsächlich Katzen oder andere Tiere gequält hat, deshalb liegt bei ihm bedauerlicherweise auch kein Straftatbestand vor.“

Bedauerlicherweise? Ich bin leicht irritiert: Wäre es weniger bedauerlich gewesen, wenn man wirklich „Katzen im Glas“ vorgefunden hätte? Aber auch als „Fake“ sind solche üblen Machenschaften nicht hinzunehmen, wie auch Thorsten im Cat Forum schreibt:

„Das ganze ist (Gott sei es gedankt) ganz offensichtlich nur als eine sehr ueble und zynische ‚Satire‘ gedacht. Erkennt man an den getuerkten eMail Adressen der angeblichen Guestbookschreiber und an den Namensverdrehungen. Der Ueberzuechtungswahn welcher ua. zZt. in den USA herscht, soll damit wohl auf bitterboese Art und Weise auf den Arm genommen werden. Leider Gottes weisst der Betreiber dieser Geschmacklosigkeit aber nicht klar und deutlich / unmissverstaendlich genug darauf hin, dass seine Veroeffentlichung nur als ‚Scherz‘ gedacht ist. Es koennten IMHO in der Tat kranke Elemente auf den Gedanken kommen, dieses tatsaechlich nachahmen zu wollen. Die Protestaktion an das FBI www.ifccfbi.gov welche Frau Schmögner von PETA-Deutschland e.V. vorschlaegt halte ich fuer ausgesprochen sinnvoll. In der Hoffnung, dass dieser Website Schwachsinn ‚Bonsaikitten‘ moeglichst schnell aus dem Web verschwindet, werden meine Frau und ich auch umgehend eine entsprechend deutliche Mail an das FBI schicken.“

So sei es! Widerstand ist machbar, Herr Nachbar. Ob Fake oder nicht Fake: der ganze Schmutz und Schund hat nun lange genug das Web verseucht, das müssen wir uns nicht länger bieten lassen. Oder?

Alles möglich? Alles dasselbe?

Zu Beginn dieses Net-Events (und dieses Diary-Beitrags) fand ich das Ganze nur lächerlich: unglaublich, dass diese Leute den Fake zunächst nicht erkennen. Menschen, die doch mit Katzen zusammenleben, glauben allen Ernstes, die dargestellte „Bonsaisierung“ wäre MÖGLICH. Was sagt das über ihr Verhältnis zur Katze? Zweitens: Auch der jenseits des verrückten Inhalts deutliche Satire-Charakter DER WEBSITE wurde nicht erkannt, obwohl doch zumindest die Mails der „begeisterten Anwender“ keinen anderen Schluß zulassen (wäre die Sache echt, müßten Entrüstungsmails dominieren). Drittens: Auch nach Klärung des Sachverhalts ändert sich die Bewertung der Aktivisten um keinen Deut. Satire hin oder her: Weg mit dem Schund, FBI einschalten, Provider anmailen…

Und viertens: Qualzüchtungen sind Usus. Hierzulande und nicht nur bei Hunden, auch bei Katzen. Man schaue sich nur die „typgerechten“ Perser an: Keine Nase mehr, sondern eine Delle, die Tränenkanäle funktionieren nicht richtig, die Augen tränen und entzünden sich, die armen Viecher wissen zudem nicht, wohin mit all dem Fell. Und das ist nur EIN Beispiel unter vielen. (Ich bin aus diesem Grund in den 70gern aus dem Deutschen Edelkatzen-Züchterverband ausgetreten). Doch gegen diese Formen verfehlter „Tierliebe“ gemischt mit ökonomischen Interessen tritt kaum jemand an, denn die Züchter und Liebhaber der sich immer weiter von der Naturform entfernenden Katzengestalt sind mitten unter den sich empörenden Tierfreunden. Besten Gewissens, versteht sich.

Und nochmal: Man mag mit Recht bonsaikitten.com als äußerst geschmacklose Satire empfinden, insbesondere die Fotomontagen – aber gleich das FBI einschalten? Die Site per Protest beim Provider löschen lassen? Ungeachtet des doch vorhandenen kritischen Realitätsbezugs? Mich gruselt. Vielleicht wird ja bald dieses Diary auf einer schwarzen Liste stehen, weil es Links zu solchen Abartigkeiten bringt? Wenn Ihr übermorgen nur noch 404 File not found seht, wißt Ihr ja, was los ist…

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