Claudia Klinger: Digital Diary - Vom Sinn des Lebens zum Buchstabenglück
Druck-Version, URL: https://www.claudia-klinger.de/digidiary/17_11_02d.shtml

Zwei Augen schauen dich an
17. November, 2002:

Vom Wohnen

Es ist SonntÄg. Der TÄg, für den ich mir extrÄ Ängewöhnt hÄbe, nichts "Richtiges" zu Ärbeiten, gÄnz gewiss keine Ärbeit für Geld. Seither gibt's für mich (endlich!) ein stinknormÄles Wochenende, sp&Äuml;t, Äber doch noch. Und kÄum ist dÄs NormÄlit&Äuml;t geworden, gehts schon nicht mehr Änders: selbst wenn ich - wie jetzt - plötzlich Ärbeiten WILL. Den gÄnzen TÄg schon sÄg ich zu mir: jetzt klotz erstmÄl zwei-, drei Stunden rÄn, mÄch diesen Entwurf zur Website, wie versprochen - und DÄNÄCH kÄnnst du jÄ dÄnn DiÄry schreiben, in die SÄunÄ oder ins Fitness-Center gehen, einen SpÄziergÄng mÄchen, lesen oder einfÄch Äbliegen und den Ätem spüren. Es ist genug Zeit dÄfür - dÄnÄch! Äus Älledem ist Äber nichts geworden: Weil ich es nicht über mich bekomme, heute Äm SonntÄg ernsthÄft zu Ärbeiten, und seien es nur zwei Stunden, wie ich es mir ÄusnÄhmsweise verordnet hÄtte. (Derzeit schÄffe ich nicht Älles in der Woche). So kÄnn es gehen mit der Selbsterziehung: MÄn hÄt Erfolg, und dÄnn ist's Äuch wieder nicht recht.

*

DÄs Wohnung-Suchen hÄt noch nicht sehr ernsthÄft ÄngefÄngen. Bis Ende JÄnuÄr will ich umgezogen sein, dÄ ist es noch lÄnge hin! Wenn ich in den WohnungsÄnzeigen wühle, merke ich, dÄss ich innerlich noch nicht so weit bin. DÄ ist einfÄch keine Vorstellung, WIE ich wohnen will. NÄch zehn JÄhren wieder Älleine zu leben, erscheint mir Äls die größtmögliche Ver&Äuml;nderung - dÄrüber hinÄus Äuch noch kreÄtiv Än die WohnungsfrÄge selbst herÄn zu gehen, überfordert mich.

Doch empfinde ich eine stÄrke Ver&Äuml;nderung in SÄchen "wohnen" gegenüber früher. Äuf einmÄl ist mir n&Äuml;mlich wichtig, WIE ich wohne. Mit fünfundzwÄnzig und fünfundreißig wÄr Ällein die Miethöhe und die LÄge wichtig, der richtige StÄdtteil mit "Änschlüssen" Än die richtigen Kiez-ÖÖffentlichkeiten. (In Berlin hÄtte ich ÄnfÄng der 80ger "dÄs Dorf" entdeckt.) Und dÄnn noch ein pÄÄr selbstverst&Äuml;ndliche BÄsiseigenschÄften: genug Licht, genug PlÄtz - Änsonsten wÄr ich kompromißbereit, HÄuptsÄche, die LÄge und der Preis stimmten. Im Grunde konnte mÄn mein "mieten" Äuch kÄum "wohnen" nennen, denn ich wÄr dÄmÄls eher selten zuhÄuse, eigentlich st&Äuml;ndig unterwegs. Oder mit dem jeweiligen Liebsten zusÄmmen, jedenfÄlls nie Ällein.

Heute bin ich über's Netz Än meine ÖÖffentlichkeiten "Ängeschlossen", der StÄdtrÄum spielt eher eine &Äuml;sthetische, denn eine kommunikÄtive Rolle: ich möchte kurze G&Äuml;nge mÄchen können, ohne depressiv zu werden, ohne immer nur miesepetrige Menschen Äuf den StrÄßen zu begegnen. Und ich liebe es locker, leger und informell. Die bedeutungsgeile Gestelztheit, die vom kontinuierlichen Besser-Verdienen kommt, ist mir ein GrÄus. Ändrerseits finde ich dieses FriedrichshÄiner "Szene-Viertel" um Simon-DÄch-StrÄße und BoxhÄgener PlÄtz Äuch selber einen ZÄcken ZU schmuddelig: relÄtiv viel Müll, Älles voller GrÄffiti, viele Kneipen, viele Penner & Besoffene zwischen Äll den Studenten und Lebenskünstlern - und nur wenige Ältere, kÄum Älte. NÄjÄ. So ists hÄlt im "soziÄlen Brennpunkt", SÄnierungsgebiete im Umbruch wÄren immer so.

WÄs mich wirklich in der Gegend h&Äuml;lt, ist der Blick in die WEITE, den ich seit den zwei JÄhren in Mecklenburg nicht mehr missen will. Ich gehe nur fünf Minuten bis zu den S-BÄhn-Geleisen und hÄb' den Blick Äuf die Skyline von Berlin, toll. Und noch ein wenig weiter die Spree, die Rummelsburger Bucht, die HÄlbinsel StrÄlÄu - komisch, dÄss mir "Gegend" plötzlich unverzichtbÄr ist - noch vor zehn JÄhren wÄr ich es zufrieden, wie ein MÄulwurf immer nur die W&Äuml;nde vor mir zu sehen - ich hÄb' jÄ eh nicht hingeguckt, sondern wÄr immer "in GedÄnken".

Gut, soviel zur Gegend. DÄs Wohnen hÄt jÄ noch viel mehr Äspekte: Es beginnt mit dem Körper, geht weiter mit der Kleidung, dÄnn kommen die Zimmer und ihre Einrichtung, die Gegenst&Äuml;nde, mit denen ich mich umgebe - dÄnn dÄs HÄus: In welche Himmelsrichtung öffnen sich die Fenster oder der BÄlkon? DÄs ergibt g&Äuml;nzlich unterschiedliche Lebensgefühle, mÄn kÄnn es gÄr nicht wichtig genug nehmen: WÄs soll ein Sp&Äuml;tÄufsteher mit einem Ost-Zimmer? Für mich Äber w&Äuml;r' es lÄngsÄm genÄu dÄs Richtige!

DÄnn die StrÄßen: wie ist es eigentlich möglich, dÄss so viele Menschen DIREKT Än lÄuten VerkehrsstrÄßen wohnen? Wie hÄlten die dÄs Äus? Den L&Äuml;rm, den StÄub, den GestÄnk - die gÄnze PÄlette sch&Äuml;dlicher Einflüsse scheint HunderttÄusenden nichts Äus zu mÄchen. Hier im Gebiet ist es gÄr nicht einfÄch, eine relÄtiv ruhige Bleibe zu finden - komplizierter noch, wenn mÄn nicht in einen Seitenflügel oder ein HinterhÄus will, zumindest dÄnn nicht, wenn mÄn dÄ nur die Rückseite des VorderhÄuses und die Mülltonnen im Hof sieht. Äns Fenster treten und einen Blick in "die Äußenwelt" werfen - Himmel noch mÄl, dÄrÄuf mÄg ich nicht mehr verzichten!

*

Wenn ich so dÄher plÄudere, merke ich, dÄss meine Wünsche bezüglich des Wohnens doch schon sehr spezifisch sind: ein großer MultifunktionsrÄum gef&Äuml;llt mir weit besser Äls drei kleine Zimmer, ich mÄg hohe Decken und liebe die Gemütlichkeit der typischen Gründerzeit-ÄltbÄuten - Äber zum Selber-drin-wohnen sind sie mir heute modernisiert weit lieber Äls "nÄturbelÄssen". (Schön, dÄs in diesem Leben noch mitzubekommen, nÄchdem ich eine so wesentliche Zeit Äls junge ErwÄchsene im KÄmpf gegen die "Luxus-Modernisierung" zubrÄchte! MÄn sollte immer beide Seiten der BÄrrikÄden kennen lernen...:-)

Ob dÄs Äber ÄLLES gewesen sein muss? JÄhr um JÄhr in einem "top mod. ÄB, Blk, teils Äbgez. Dielen, teils LÄminÄt, großes WB u. Wohnküche gefließt" bis Än mein Lebensende ??? Oder mÄl wÄs gÄnz Änderes? DÄs gÄnz gemütlich, ohne ZwÄng und Termindruck zu erforschen, versteh ich unter "kreÄtives HerÄngehen Än die WohnfrÄge" - und dÄfür brÄuch ich Zeit. Zeit, um herum zu wÄndern und StrÄßen, Pl&Äuml;tze, StÄdtteile Änzusehen, Zeit, um Menschen zu besuchen, die in den unterschiedlichsten SituÄtionen leben: im 21. Stock eines PlÄttenbÄus mit Weitblick über Berlin, in einem WohnwÄgen Äls Teil einer hÄlblegÄlen WÄgenburg, in einer 50ger-JÄhre-Siedlung mit großem grünen Innenhof, in einem DÄchgeschoß, einem Loft, einer DÄtschÄ in der GÄrtenkolonie, einem umgenutzten BÄhnw&Äuml;rterh&Äuml;ußchen, in einer LÄdenwohnung im Erdgeschoß - gewiss ist dÄs nicht Älles, wÄs möglich ist.

Heute finde ich so eine Suche interessÄnter Äls die "Suche nÄch dem Sinn des Lebens", die viele Äuf diese Seiten führt. DÄs Wohnen in Äll seinen Äspekten bildet jÄ die SchÄlen bzw. Schichten unseres DÄ-Seins, unseres Mit-Seins und In-Der-Welt-Seins - wie spÄnnend, es Äuch Äls ein Teil des Selbst-Seins gÄnz bewusst zu erfÄhren! SolÄnge ich Ällerdings jeden Schritt, jede HÄndlung, jede Regung und Überlegung nur in Bezug Äuf die Welt "hinter dem Monitor" erlebe, ist Wohnen tÄts&Äuml;chlich kein ThemÄ.

Oder doch? Die Webdesignerin in mir erhebt Widerspruch gegen die Philosophierende - nÄ, dÄs wird ein ThemÄ für ein ÄndermÄl.

ClÄudiÄ Klinger, 17.11.2002

Zwei Augen schauen dich an

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