Claudia am 28. Oktober 2014 —

Netz-Frust

Einfach abhauen, im Netz nurmehr die Brotarbeiten erledigen und mich ansonsten auf die „Carbon-Welt“ konzentrieren – am Wochenende war ich nahe dran! Soviel Hass und Aggressivität, überall Feindseligkeiten, Häme, Schadenfreude, Jammern, Schimpfen, Anklagen, der-die-das-muss-weg-Geschreibsel. Ich verzichte auf die belegenden Links, es kotzt mich einfach nur noch an. Mache es aber selber auch nicht viel besser…

Natürlich ist es nicht „das Internet“, sondern die Welt, die sich hier einschreibt und vermittelt. Eine erste Titel-Version hieß „Netz-müde, News-müde, Blog-müde, Politik-müde – und dann…“ – wobei das im Text weiter gegangen wäre mit „…und dann ein Artikel wie dieser: Bruchreif – bestimmt der wichtigste und liebevollste, friedlichste und ehrlichste Text, den ich seit langem rund ums Thema Einwanderung/Migration/Generationen gelesen habe!

Das hilft aber nicht darüber hinweg, dass ich massenhaft hochgradig frustrierende Infos aufnehme, Tag für Tag. Mehr als jemals in früheren Zeiten ausschließlichen TV-, Radio- oder Zeitungskonsums. Darunter viele beängstigende Nachrichten, die den Niedergang der Gesellschaft in Richtung Barbarei illustrieren, wie etwa die Info, dass jeder dritte Jura-Student die Todesstrafe befürwortet und jeder zweite die Folter. Mich trifft das besonders, denn ich hab‘ auch mal Jura studiert, zwar abgebrochen mit „allen Scheinen“, aber doch lange genug drin gesteckt. Schon damals waren die Kommilitonen eher konservativ, Freundschaften entstanden in diesem Studium nicht. Aber dass es mit dem Bewusstsein der künftigen Hüter des Rechts derart abwärts gehen würde, hätte ich nie für möglich gehalten. Nicht bei uns in DE!

Erschienen ist der Artikel in der ZEIT, die darunter keine Kommentare zulässt – vermutlich weil befürchtet wird, dass die „Kopf-ab-Fraktion“ sich lautstark zu Wort meldet. Überhaupt wird das Kommentieren von den „Leitmedien“ unter brisanten Themen kaum mehr zugelassen. Angesichts dessen, was sich in den Kommentaren da oft abspielt, kann ich das sogar verstehen. Gespenstisch wirkt es allemal.

Gespenstisch ist auch die Plattheit der Debatten, die Denkfaulheit der jeweiligen Akteure, wie sie Frank Lübberding grade im Blogpost „Hooligans und Salafisten“ so eindrücklich vorführt. Alles, was er da anführt, hab‘ ich auch gelesen – und immer stehen mir quasi die Haare zu Berge und ich verzweifle schier am Eindruck, den mir all dieser Schrott von meinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern vermittelt. (Ja genau, ich nenne da #ausgründen Frauen explizit mit!)

Ein anderer Aspekt meines gefühlten „Netz-Frusts“ ist die Verteilung der Aufmerksamkeit. Irgendwelcher Pipifax wird massenhaft geteilt, wirklich wichtige, tiefer schürfende Inhalte, die zum Nachdenken anregen kann man mit der Lupe suchen. Aufreger sind grundsätzlich willkommen, manche kommen im Abo, wie etwa das zweimal jährliche Genöhle über die Zeitumstellung oder über zu frühe Weihnachtsartikel in den Supermärkten.

Ja, ich bin selber schuld, schließlich könnte ich viel mehr ignorieren, wegschauen, gar nicht erst hinklicken. Das ist allerdings ein zweischneidiges Schwert, denn man kann ja kaum selektiv auf einen News-Aggregator schauen und „verpasst“ so vielleicht auch nützliche Nachrichten und aufbauende Postings. Zudem geht es in der Welt doch nicht um mein Befinden und „Kopf in den Sand“ ist für kein Problem eine Lösung, oder?

LÖSUNGEN? Wem geht es denn noch um so etwas, könnte ich dagegen halten. In vielen Bereichen scheinen die Menschen wie Scheuklappen-bestückte Automaten aneinander vorbei zu publizieren und zu agieren. Miteinander ernsthaft reden, auf Argumente eingehen, die Haltung des Gegenübers verstehen – wer will denn das noch?

Manchmal wünsche ich mir die fröhliche Ignoranz, wie sie Georg Kreisler in seinem Lied vom „Blumen gießen“ so trefflich besungen hat. Warum gelingt mir das nicht? Warum kann ich mich nicht in ein Hobby versenken und über Stricklieseln, Mode oder Deko-Basteln bloggen? Selbst in meinem Themen-Blog Unverbissen-vegetarisch geht mir das verbreitete Nur-noch-Rezepte-Bloggen der Veggie-Szene auf die Nerven und ich halte mühsam dagegen.

Aber vielleicht ändere ich mich ja gerade. Die Idee, zumindest eine begrenzte Zeit lang mal „aus dem Netz zu verschwinden“ kommt mir immer öfter in den Sinn. Da draußen scheint die Sonne, warum sitze ich nur hier und widme mich mutwillig irgendwelchen gefühlten Missständen?

Verrückt, total verrückt!

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Diskussion

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8 Kommentare zu „Netz-Frust“.

  1. Mir geht es ähnlich wie Dir, liebe Claudia. Immer öfter halte mich raus und sage, bzw. schreibe nichts zu einem Thema, weil man außer Rechthaberei und Beschimpfungen nichts mehr erwarten kann. Ganz im Gegenteil. Der Shitstorm gehört meinem Empfinden nach heute zum guten Ton, Respekt vor den Anderen, Akzeptanz vor anderen Meinungen, Toleranz, Augenhöhe, Wertschätzung… – … ach Mensch, ich glaube, ich gehöre mit meinen paar 40 Jahren schon zu einer aussterbenden Generation.

    Und in absehbarer Zeit wird es nicht besser werden. Langfristig läuft alles auf einen kulturellen, ökonomischen und, das ist das besonders heikle an der Sache, ökologischen Crash hinaus. Genau betrachtet hat dieser Crash schon längst begonnen. Wir hier bei uns merken doch bisher nur die „sanften“ Ausläufer. Nur ein paar tausend Kilometer weiter südlich brennt es schon lichterloh. Und die Feuerwalze rückt immer näher.

    Aber auch „intern“ sieht es nicht gut aus. Zu viele Leute rennen mit dem Feuerzeug rum und zündeln wo und wann es nur geht. Damit meine ich nicht nur die Politik, auch wenn die anstatt des Feuerzeuges meiner Meinung nach mit Fackeln rumlaufen.

    Ich meine auch solche Debatten im Internet von „ganz normalen Leuten“, die Du am Rande schon angesprochen hast; z. B. die unsägliche Feminismusdebatte. Da geht es doch schon längst nicht mehr um die Sache. Da wird nur noch geschrien, beschimpft und beschuldigt. Menschen, deren Meinungen ich noch vor einem Jahr als bemerkens- und nachdenkenswert empfunden habe, sind für mich heute komplett obsolet. Sie haben sich in einen Rechthabewahn gesteigert, der ihnen so große Scheuklappen aufgesetzt hat, dass sie nicht mal mehr ihr eigenes schlechtes Benehmen bemerken können. Hass und Zwietracht auf allen Seiten und Kanälen und mehr und mehr auch im Alltag.

    Das wirklich ärgerliche ist dieser Widerspruch, dass die Menschheit zwar vor noch nie da gewesenen Problemen steht, aber auch jede Menge gute Werkzeuge zur Lösung oder Abfederung dieser Probleme in den Händen hält. Erkenntnisreiche Wissenschaften, Technologie, Erfahrung, Aufklärung. Alles was es bräuchte ist vorhanden. Aber wir nutzen es nicht. Wir lassen uns spalten und schlagen die anderen. Divide et impera. Nach 15 Mio. Jahren im ersten Jahrzehnt des zweiten Jahrtausends zur Vollendung geführt.

    Manchmal wünsche ich mir, der unausweichliche Crash würde bald kommen. Einfach nur, damit das Leiden endlich ein Ende hat. Damit sich die Erfahrung des absolut Schrecklichen (Hitler, Mao, Stalin, Pol Pot u.a.; deren Taten werden gegen die zukünftigen Gemetzel wie Kleinkram aussehen) tief in das menschliche Bewusstsein der Überlebenden eingräbt. Damit diese Überlebenden dann beginnen von der Vernunft geleitet menschlich zu handeln. Dieser Krieg, den die Menschheit gegen sich selbst führt und welcher dem Crash vorausläuft, ist global und wird noch viel grausamer werden, als er es schon ist. Und nicht alles in diesem Krieg wird mit Waffen erledigt. Für vieles benutzt „man“ die Wirtschaft. Für anderes die Politik. Den Rest erledigt die gesellschaftliche Kleingeistigkeit.

    Und weiter? Was können wir tun? Nicht viel, wenn ich ehrlich bin. Wir können nur machen, was wir bisher schon gemacht haben: freundlich und respektvoll miteinander umgehen, sachlich und emotional verständlich miteinander diskutieren, gegenseitig voneinander lernen und Grenzen setzen. Wir können, nein, wir müssen!, das Leben genießen, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Wir müssen versuchen, auf die Anderen abzufärben.

    Sich da mal hin und wieder auszuklinken, um die physische Welt wahrzunehmen und Kraft und Hoffnung zu tanken, ist da nur allzu verständlich. Ich mache das auch manchmal. Es tut mir sehr gut.

  2. Ich glaube, daß das bei Dir nur eine vorübergehende Befindlichkeit ist.
    Auf ähnliche Artikel gab ich Dir mal den Rat (schlechter Begriff) zur WEb-Diät, Die Du aber so nicht annehmen wolltest, weil Du „am Tage drauf“ die Sache schon mit anderen Augen sahst.

    Es ist halt die Frage, was man will.
    Wenn das Web für einen wesentlich ist (aus welchen Gründen auch immer), sollte man es nicht hinterfragen, sondern es so annehmen, wie es ist.

    Ich persönlich würde selektiver werden. Was hast Du denn von all dem Dichabbauenden? Ausser den Schmerzkörper zu nähren? Der Gesichtspunkt des Verpassens von “ vielleicht auch nützlichen Nachrichten und aufbauenden Postings“ überzeugt mich hier nicht.
    Du kannst selektiver werden, ohne gleich über Häkelkurse zu berichten.
    Viel Glück damit!

  3. @Olaf

    „Und weiter? Was können wir tun? Nicht viel,….“
    Das was du in diesem Absatz schreibst, Olaf, das unterstreiche in fast jedem Wort. Ich bin allerdings der Meinung, dass es schon viel ist, was du in diesem Absatz beschreibst und aufzählst – setzt man es ins Verhältnis zum Nichtstun.

    Manchmal habe ich den Eindruck das wir zu oft geneigt sind zu sagen, wenn wir die Welt von heute auf morgen nicht verändern können: „wir können ja doch nichts tun“. In diesem Denken liegt für mich schon die Resignation, bevor wir überhaupt angefangen haben. Einen warmen Kaffee mal einem frierenden Menschen schenken – das ist doch schon ein Anfang, für Herzlichkeit, Menschlichkeit, Geben.

    Nicht immer ist jeder Mensch in der Lage, zu „Geben“. Auch das gilt es für mich selbst zu akzeptieren. Und dann, kommen auch mal wieder bessere Tage.

    Der Artikel „Bruchreif“ ist wirklich sehr schön geschrieben, Claudia. Ich kann das alles sehr gut nachempfinden. Zwar nicht aus dem gleichen Traditionshintergrund, aber aus dem Geist, der in meiner/diesen Familien über alles steht. Aus den vielen gesprochenen Familienanforderungen, aber noch unwirklicher, aus dem vielen „nicht“ gesprochen.
    Nach dem Lesen musste ich darüber nachdenken, wieviel Menschen leben eigentlich in diesem Land mit Migrationshintergrund? Und wenn ich zu den unterschiedlichen Kulturkreisen auch die ehem. DDR zähle, in den denen die Menschen sozialisiert wurden, dann sind das fast 30 – 35 Millionen !!

    Das sind nicht nur fast 40 %, sondern das ist defintiv auch eine riesige Herausforderung.

  4. @alle: danke danke danke – eure Worte empfinde ich als tröstlich!

    „Einen warmen Kaffee mal einem frierenden Menschen schenken“

    sowas Ähnliches hab ich grade spontan gemacht – und fühle mich jetzt selber besser und dankbar, aktuell in der Lage zu sein, ein ganz klein bisschen zu teilen.

  5. Und das hier illustriert auch einen großen Teil meines Netzfrust:

    Studie: Was Wut, Angst und Freude bei Fans auslösen…

    Interaktionen in Form von Likes, Kommentaren, Shares etc. sind der heilige Gral des Social Media Marketings. Von ihnen hängt die Reichweite und Verbreitung der Inhalte ab. Wer auf Facebook gesehen und gehört werden will, muss dafür sorgen, dass die Fans mit dem Content interagieren. Die Interaktionen sind der wichtigste Einflussfaktor für den Algorithmus, mit dessen Hilfe Facebook entscheidet, wie viel Reichweite ein Post erhält und ob die Nachrichten einer Facebook-Seite gesehen werden.

    http://blog.fanpagekarma.com/2014/10/27/emotionen-facebook-social-media-interaktionen-reichweite/?lang=de

    Nun sage mir keiner, man sei ja nicht gezwungen, FB zu nutzen. Mache ich ja auch nicht, schaue nur sehr selten da rein. Das ändert aber nichts daran, dass diese Mechanismen überall wirken – es sind ja die meisten auf FB, während ein paar wenige Versprengte noch sowas Altmodisches machen wie „Blogs lesen“, gar kommentieren.

    Und wenn, dann eher solche Blogs, die mit berührenden Bildern locken…

  6. und wenn..
    und wenn der letzte traum geträumt ist,
    der letzte raum geräumt ist
    und liken mehr als kennen

    dann ja dann ist wirklich
    zappendustrer zapfenstreich
    in all den finstren schädeln.

    wo sind sie hin die freigeflognen worte
    wo die schönen illusionen
    von unbegrenzter machbarkeit
    wo ist die macht der fröhlichkeit
    wo ist nur das umsonst geblieben?

    heraus ans licht ihr träumeträumer
    sagt was wirklich noch zu sagen ist
    spielt das spiel der heiterkeit
    mit allen die noch bleiben!

    noch fliesst umsonst der datenstrom
    ein jeder kann gleichwohl er traute hat
    dem riesenrad das fürchten lehren
    wenns denn sinn macht

    und einen rest von freude.

    mir ist noch immer nicht materie
    nicht greifbar, was mich faszinierte
    damals, ach gott weisst du noch,
    als der donner mich berührte

    eines ist mir sicher doch,
    nie wars der mammon der mich scherte
    es waren ganz im gegenteil
    all die unbekannten geister
    verbunden im gedankenbau
    einer neuen zeit.

    teil zu sein der offnen welt
    einer gegend ohne grenzen
    ein kosmos ohne tellerrand
    mit was wäre wenn als fahrgestell.

    ach was solls,
    mir hilfts, ein narr zu sein
    dem nichts mehr gilt als das
    spiel der worte

    drum vorhang auf
    die bühne frei
    jederzeit ein
    neues altes schauspiel
    narren sterben niemals aus
    sie sind der sand der wege.

    spontan
    gruss aus sz
    ingo

  7. nachtrag: 2 narren , ein gedanke:)
    gefunden bei hardy:)

    https://www.youtube.com/watch?feature=player_embedded&v=f1kk0X4jmAQ

  8. Man wird von dem, womit man sich umgibt, unweigerlich geprägt. Ich dachte immer, ich müsse doch die Realität zur Kenntnis nehmen, die Nachrichten verfolgen, Fakten verstehen, mich dem nicht verschließen, was alltäglich geschieht. Vor kurzem lernte ich die Videos von Vera Birkenbihl kennen, von der ich vorher tatsächlich nichts wußte. Und wenn das so ist, daß man viel mehr von dem beeinflußt wird, dem man sich mental und kognitiv aussetzt, stellt sich die wirklich Frage die Frage der Beschränkung, der informationellen Diät, der Askese in Sachen Nachrichten, die ja zumeist schlechte Nachrichten sind. Bzw. gälte es, die positiven Einflüsse, die uns prägen können, zu verstärken, die Balance wiederherzustellen. Wenn man sich mit so simplen Psychotricks, die Birkenbihl liefert und die tatsächlich funktionieren, autosuggestiv umkrempeln kann, dann, ja, warum tut mans dann nicht öfter im Alltag? Sich aus dieser Schneise des Negativen, das durch die Allgegenwärtigkeit, wenn man dauernd im Netz unterwegs ist, erstickend auf uns wirken muß, herausschlagen. Für mich sind solche Ruhepunkte, solch ein Gegenpol vor allem die Musik, auch die Literatur. Und ich praktiziere in der Tat diesen albernen Psychotrick, mich so oft wie möglich für 60 Sekunden vor den Spiegel zu stellen, die Mundwinkel hochzuziehen, mechanisch zu lächeln. Oder ich ziehe mich solch ein Video rein. ;-) https://www.youtube.com/watch?v=iggLSKWeKW4