Claudia am 03. Juni 2014 — 4 Kommentare

Sich selbst ermutigen, anderen Mut machen – wie geht das?

Johannes vom Jazzlouge-Blog ruft zur Mutmachparade auf. Er möchte diesen Zeiten, „die von Aussitzerei und frucht- wie endlosen Diskursen geprägt sind, aber zupackendes Handeln zur Ausnahmeerscheinung verkommen lassen“ etwas Positives entgegen setzen und fragt:

„Wie sprecht ihr euch selbst Mut zu, wie ermutigt ihr andere? Was sind Erlebnisse, in denen ihr euch ein Herz gefasst habt und eigene Grenzen überwunden oder anderen bei der Überwindung ihrer Grenzen geholfen habt? Wie weit seid ihr dabei gegangen und wie ist es euch damit ergangen?“

Spontan hatte ich einen Beitrag zugesagt, doch immer wenn ich darüber nachdachte, was mein Thema sein könnte, schreckte ich zurück. Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich, wenn es darum gehen soll, eigenes Handeln zu rühmen, es gar als „mutig“ zu bezeichnen. Selbstkritik wäre ja so viel einfacher!

Dabei hat es durchaus „mutige Momente“ in meinem Leben gegeben. Ein Haus besetzt, auf den Balkon getreten und das Transparent ausgerollt, während die Mannschaftswagen mit Polizisten in „Kampfmontur“ eintrafen. Das Jura-Studium „mit allen Scheinen“ abgebrochen und nach Berlin gezogen, ohne Plan. Vor 500 Leuten eine Rede gehalten, obwohl ich noch aufs mündliche Abi aus Prüfungsangst verzichtet hatte. Eine gute Stelle im quasi-öffentlichen Dienst aufgegeben, als ich Mitte der 90ger Internet entdeckt hatte und mir nichts wichtiger war als dieses „Neuland“ zu erkunden.

Genug!!!!!!!!!! Noch immer empfinde ich eine unzeitgemäße Scham, wenn ich derlei Highlights eines selbst bestimmten Lebens erwähne. Aber egal, es soll ja um das „wie“ gehen und nicht ums „was“: Wie hab‘ ich mir also Mut gemacht, wenn es denn sein musste?

Die geistige Grundlage, die Erlaubnis für eigenständiges Handeln, das auch mal aneckt und den Rahmen des Üblichen bzw. Erwarteten sprengt, hat mir meine Mutter mit auf den Weg gegeben. „Kind, kümmer‘ dich nicht darum, was andere sagen, sondern mach‘, was du für richtig hältst!“. So eher beiläufig ermuntert, traute ich mich, gegen den Vater zu rebellieren und eigene Entscheidungen zu treffen, obwohl ich sah, dass sie nicht immer in der Lage war, diesen Rat für sich selbst umzusetzen.

Was droht?

In vielen Entscheidungssituationen hat mir dann auch meine Erfahrung mit dem Schachspiel geholfen. Drei Jahre hatte ich recht engagiert in einem Verein gespielt bis ich eines Tages spürte, dass „tote Holzfiguren schieben“ mich nicht mehr erfüllte. Geblieben ist mir eine hilfreiche Denkweise, „wenn’s drauf ankommt“:

Überlege, was droht – und dann nimm die schlimmste Möglichkeit als gegeben an und akzetiere sie!

Beispiele?

  • Wenn ich ihm jetzt sage, was ich denke, könnte er mich verlassen. Ok, dann bin ich eben wieder alleine und werde nicht dran sterben!
  • Wenn ich mich jetzt beim Reden verhaspele und den roten Faden verliere, werden alle über mich lachen. Na und? Ich lache mit und sage am besten gleich, dass mir „reden vor Leuten“ Angst einjagt.
  • Wenn ich jetzt kündige, finde ich vielleicht nie wieder so einen angenehmen Job. Womöglich muss ich Sozialhilfe beantragen… Und? Ist das denn so schlimm? Schließlich kenne ich Menschen, die so leben und nicht etwa Trübsal blasen!
  • Wenn ich mich weigere, dieses nervige Klicki-Bunti in eine Webseite einzubauen, werde ich den Auftrag verlieren. Na und? Verhungern werde ich deshalb nicht und vorzeigen mag‘ ich so eine Seite sowieso nicht!
  • Wenn ich jetzt dieses Projekt starte, könnte es scheitern. Vielleicht interessiert es niemanden, vielleicht verliere ich selber nach der Startphase die Freude an der Sache. Ja, kann sein, aber wäre das wirklich so schlimm? Was habe ich konkret zu verlieren – im Vergleich zu „gar nicht erst starten“?

Im Vorausdenken der schlechtesten Möglichkeit und ihrem Annehmen mache ich mich immun gegen weiteres Grübeln, Bedenken tragen, Ängste schieben. Das Thema ist dann innerlich abgehakt und ich kann entsprechend handeln.

Atmen!

Das zweite „Werkzeug“ zur Selbstermunterung ist kein Denken, sondern ein konkretes Verhalten in brisanten Situationen. Durch meine Yoga-Erfahrung weiß ich, dass alle Ängste und Emotionen eine körperliche Basis haben: Verspannungen aller Art im Bauch, im Solar-Plexus-Bereich, in Schultern und Nacken haben ihre physische Entsprechung. (Es ist z.B. UNMÖGLICH, einen Wutanfall zu bekommen, ohne den Bauch zu verspannen). Wenn also meine Entscheidungsfindung (s.o.) gelaufen ist, entspanne ich mich, konzentriere mich auf den Atem, mache den Kopf leer – und aus dieser entspannten Leere heraus geschieht dann das Handeln. Nicht als „kopfloses Handeln“, wie man jetzt denken könnte, sondern als konzentriertes Tun, zu dem auch Gedanken gehören mögen, aber eben nur jene, die für die Umsetzung erforderlich sind – nicht alle möglichen Zweifel und Bedenken, die in diesem Moment nur verunsichern würden.

Anderen Mut machen

„Tschakka, du schaffst es!“ – diese Art der Ermunterung ist schon vielfach auf die humorige Schippe genommen worden. Zu Recht, denn Menschen mit Selbstzweifeln werden so höchstens auf alleroberflächlichste Art kurzzeitig ermuntert. Sobald der Coach bzw. die tragende Gruppe weg ist, wird der Effekt nachlassen, womöglich entsteht sogar eine kontraproduktive Abhängigkeit vom Ermunterungs-Guru, wer immer das gerade sein mag.

Auch das sehr persönliche „Du schaffst das schon, ich glaub an dich“ von Seiten des Lebensgefährten oder guter Freunde kann den Druck, den jemand fühlt, eher noch verstärken. Was, wenn man den Erwartungen dieser Nächsten nicht entspricht? Zur Angst vor dem Wagnis kommt so noch die Sorge um die Reputation bei den Allerliebsten hinzu – nicht bei allen, aber bei manchen Menschen, denen es nicht leicht fällt „an sich zu glauben“. Schon gar nicht, wenn es sich um Aufbrüche handelt, die ins bisher Unbekannte, noch nicht Erlebte führen. Das bisher bekannte „Ich“ ist ja genau dieses „Ich“, das Ängste schiebt und Zweifel spürt. Ratschläge, doch einfach darauf zu vertrauen, können geradezu zynisch klingen.

Was also dann? Natürlich kenne ich kein Rezept, das bei allen Menschen „ermunternd“ wirkt. Schon das Wort „Rezept“ führt auf die falsche Fährte, denn der eigene Wille, jemandem nun unbedingt „Mut machen“ zu wollen, kann dem Erfolg im Wege stehen. Sobald ich nämlich meine, genau zu wissen, was für den Anderen gut ist und mich anstrenge, ihn oder sie zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, diene ich nicht der Selbstfindung und Selbstermächtigung des Gegenübers, sondern bin am manipulieren. Selbst wenn das richtig gut gemeint ist, entsteht so allenfalls Gehorsam, aber nicht eigener Mut zum Wagnis. Und wenn es dann schief geht, bin ich womöglich sogar „schuld“, weil die Entscheidung nicht wirklich eine eigene war.

Auf wirksame Formen der „Ermunterung“ bin ich aus Langeweile am Smalltalk gekommen. Situationen, aus denen ich mich nicht entfernen kann oder mag, wo man sich zu zweit, zu dritt oder als kleine (!) Gruppe gesprächsweise zusammen findet – am Rande einer Party, beim Besuch von Freunden von Freunden, nach einem Meeting – wo auch immer. Es liegt nichts Konkretes mehr an und man ist dabei, Oberflächlichkeiten auszutauschen: Meinungen, Infos des Tages, Urlaubspläne, Scherze, Konsumthemen – nach einiger Zeit ödet mich das dermaßen an, dass es fast schmerzt.

Zuwenden, zuhören, nachfragen

Wenn ich mich dennoch nicht entferne, bleibt nur die Möglichkeit, das Gespräch interessanter zu gestalten. Also hake ich bei irgend einer Bemerkung ein und frage nach, zur Not auch in der banalen Form von „und was machst du sonst so?“
Der Ton der Antwort lässt mich wissen, ob das Gegenüber mit dem Erwähnten im Reinen ist oder nicht. Wenn nicht, frage ich weiter nach, frage, wie es ihr damit ergeht, was ihn daran stört oder zweifeln lässt. Eigentlich frage ich „wer bist du?“ und der Andere spürt dieses gelassen (!) vorgetragene Interesse an seinem wahren Ich.

Gelassenheit beim Fragen ist wichtig, denn nur so fühlt sich das Gegenüber nicht „ausgefragt“ und frei, zu antworten oder auch nicht, bzw. auf der Smalltalk-Ebene zu bleiben. Die meisten Menschen nehmen dann nach kurzem Zögern die Gelegenheit wahr, von sich zu sprechen. Denn im Grunde wollen wir ja alle Aufmerksamkeit, warum also das Geschenk nicht nutzen?

So kommen ganz beiläufig ziemlich tief gehende Gespräche zustande. Mein Fragen und aufmerksames Zuhören (!) ist dann der Spiegel, in dem sich die Person besser sehen kann als zuvor. Wer gesprächsweise dazu ermuntert wird, die eigenen Möglichkeiten, Zweifel, Bedenken und Hoffnungen in Worte zu fassen, kommt dadurch zu mehr Klarheit über sich selbst. Und Klarheit über das eigene wahre Wünschen und Wollen ist eine gute Voraussetzung für den Mut zum Handeln.

Den kann ich dann noch mit den eigenen Mut-mach-Rezepten verstärken, indem ich mit „was droht?“ und „was wäre dann?“ das Wagnis auf überschaubare Dimensionen schrumpfe, dabei aber jegliche Übergriffigkeit („du solltest…“) vermeide.

Wie weit dieser sanfte Einfluss mittels gerichteter Aufmerksamkeit reicht, kann ich nicht immer sagen. Manchmal bekomme ich später mit, dass es offensichtlich geholfen hat, dass anstehende Entscheidungen im Sinne der in unserem Gespräch erkundeten „wahren Wünsche“ getroffen wurden. Dann freue ich mich, klar! Für mich ist es aber auch schon ein Erfolg, wenn ich jemandem dazu verhelfe, hier und jetzt sich selbst besser zu sehen. Das ist 1000 mal spannender als jeder Smalltalk dieser Welt, ist das Gegenteil von „Zeit tot schlagen“. Eine Win-Win-Situation im besten Sinne.

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Andere Beiträge zur Mutmach-Parade findet Ihr unter dem Initial-Artikel auf der Jazzlouge aufgelistet.

Das Hashtag zur Parade lautet #mutmachparade.

Diskussion

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4 Kommentare zu „Sich selbst ermutigen, anderen Mut machen – wie geht das?“.

  1. […] Claudia :: Sich selbst ermutigen und anderen Mut machen, wie geht das? […]

  2. Mut machen, indem man den anderen in seiner selbstverantwortung lässt und ihn nur an seine gestaltkraft erinnert.
    Danke für diesen beitrag!

  3. Ein Lebenskunst-Beitrag, der mir sehr gefällt, mir zusagt, mich anspricht. Ich sage DANKE dafür und erlaube mir, Deine Gedanken beizeiten zu verlinken.
    Gruß von Karin

  4. […] Claudia :: Sich selbst ermutigen und anderen Mut machen, wie geht das? […]

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