Claudia am 01. Mai 2014 — 9 Kommentare

Lese-Tipps fürs superlange Wochenende

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
9 Kommentare zu „Lese-Tipps fürs superlange Wochenende“.

  1. Diese 10 Regeln zum Verbleiben im Unglücklichsein sind ja sehr anziehend und auf den ersten Blick überzeugend – doch schon bei der 1. Regel: „Fliehe die Angst“ wäre eine Umkehrung der Regel in der Regel regelrecht fatal. Man kann nicht jeder Angst trotzen, einfach so und – drauflos trampeln – Beispiele sind hier nicht vonnöten.
    Man sollte die Angst analysieren und, etwa bei Platz-oder Höhenangst verhaltentherapeutisch drangehen.

    Beim Schmerz, einem weiteren Punkt, gehe ich mehr d’accord.
    Wenn der 12378te Hassgedanke über die Verflossene daherkommt oder über die alte Schikane im Büro, muß man sich nicht damit befassen, sondern ihn weiterziehen lassen. Ich denke, das muss man üben!

  2. @Gerhard: sei bedankt für diesen Beitrag, den ich sehr stimmig finde. Es ist ja keine Kritik, sondern ein weiter spinnen, ergänzen…

    Und ich spinne weiter: Bei Platz- oder Höhenangst ist gewiss Verhaltenstherapie eine gute Wahl (die ja auch mit Konfrontation arbeitet). Aber das Wesentliche an diesen Ängsten ist doch ihr Charakter als „Todesangst“ – und der Tod ereilt uns alle.

    Die Phobie bringt also nur etwas drastisch ins Erleben, was hintergründig immer da ist. Und es ist eine Lebensaufgabe, damit umgehen zu lernen – auf eine Weise, die Glück nicht allein dank Verdrängung möglich macht.

  3. @Claudia, wenn man auf „die Angst“ als solche guckt, wird man finden, daß manche Grenzüberschreitung, also Negierung der Angst, heftig destabilisieren kann. Da habe ich selbst in meiner Vita ein, zwei Beispiele. Die Folge solcher Destabilisierungen ist, daß man nun definitiv solche Wagnisse nicht mehr eingeht! Das Grenzüberschreiten befreit also nicht unbedingt hin zu mehr Wagnis. In der Erfolgsliteratur findest Du natürlich Beispiele, wo eine umfassende Befreiung durch ein spezielles Wagnis eingeläutet wurde. Das liest sich wie selbstverständlich.

    Zum Tod: Ich machte einst einen tantrischen Workshop mit, der nach einigen Erfolgserlebnissen plötzlich ein totales Blackout und Versagen bescherte: Dieses Elend entwurzelte mich völlig. Ich musste in einer Meditation am nächsten Tag aus dem Raum flüchten. Der Therapeut kam mir erstaunlicherweise nach und sagte zu mir “ Stürzt jetzt das Haus ein? Droht Dir der Tod?“. Dadurch wich die Beklemmung und mein Elend wurde deutlich kleiner und ich konnte weiter teilnehmen.
    Ich bin überzeugt, daß dieser Mensch auch eine Antwort parat hatte auf die finale Bedrohung. Eine überzeugende. Denn was ist unser Dasein? Welche Bedeutung hat es eigentlich?

  4. Tod hin oder her, das ändert ja z.B. nichts an der Freude, die ich empfinde, wenn jemand mal tiefer einsteigt, der sonst eher nicht zum erzählen neigt… ;-)

    Toller Therapeut! Jaaaa, ein Ebenenwechsel zurück ins bodenständig Pragmatische zur rechten Zeit kann sehr hilfreich sein – sogar befreiendes (!) Gelächter anstoßen.

    Das reicht ja vielleicht auch als Antwort. Wo ich bin, ist kein Tod – warum sich also einen Kopf machen? Warum über Jenseits- und Anderwelten, gar „Wiedergeburt“ spekulieren?

    Nun, so lässt sich leicht reden von unserer Position aus, als Menschen, die seit 60 Jahre in Frieden und relativem Wohlstand lebten – und Gelegenheit hatten und haben, das eigene Leben weitgehend selbstbestimmt zu gestalten.
    Wer aber echte Not leidet, in Armut lebt, ohne Perspektiven, womöglich mit Stress, Gewalt, Krieg… da ist schon verständlich, dass man sich zumindest ein besseres Jenseits erhofft.

    Zur Angst noch: ich hatte/habe ja Flugangst. Die ersten beiden Male erlebte ich da kurze Phasen richtiger, Panik-geneigter Todesangst. Ich konzentrierte mich aufs Atmen, schaute auf den Boden, krümmte mich vor, hielt mir Augen und Ohren zu… dann waren die Turbulenzen vorüber und es ging wieder. Die nächsten Male hatte ich dann keine fühlbare Angst, ich konnte recht „locker“ fliegen, dabei lesen, dösen.. aber wenns mal wackelte, konnte es durchaus wieder anklingen, wenn auch nicht mehr so heftig.

    Ähnlich in Tunnel im Zug. Wenn der mitten drin mal hält und es dauert… das ist noch virulenter als die Flugangst, passiert zum Glück selten, ich reise ja nicht oft.

    Bei diesen Ängsten kann ich es also „per Konfrontation“ dahin bringen, dass sie mich nicht mehr überfallen, sie nicht mehr einfach so von innen kommen wie eine schwarze Wand. Sitze im Flugzeugt und spüre in mich hinein: Wo ist sie, die Angst? Und: nichts!

    Was aber bleibt, ist das Bewusstsein, das Wissen darum, dass diese Angst das Normale ist, das Natürliche für ein lebendiges Wesen aus Fleisch und Blut, wenn es sich 10 Kilometer über den Boden erhebt und einer großen Maschine vertraut… Das nicht mehr wahrzunehmen, ist so gesehen zivilisatorische verkopfte Dekadenz! :-))

  5. „Was aber bleibt, ist das Bewusstsein, das Wissen darum, dass diese Angst das Normale ist“.
    Das möchte ich aufgreifen. Unlängst, beim Lesen eines Buches zum Trendthema Gehirnwissenschaft, dachte ich mir: Wie fein abgestimmt ist doch die Gehirnchemie, wie sicher alles „programmiert“, daß nichts Abstruses im Gehirn passiert. Wie leicht könnte es doch eigentlich theoretisch sein, daß man Fehlwahrnehmungen, plötzliche grundlose Ängste, Mißempfindungen ect. erlebt. Aber offenbar gibt es da im Gehirm eine mehrfache wirksame Blockade gegen solche Dinge. Ohne das gäbe es keine Grundsicherheit.

  6. Das ist ja leider keine Theorie, sondern leidvolles (und manchmal auch schönes) Erleben vieler Menschen. Die Natur ist aus krummem Holz – ich hab vergessen, wer das zuerst sagte, aber richtig ist es auf jeden Fall. Z.B. die „klinische Depression“, die nicht mehr nur „normales Unglücklichsein“ ist, sondern etwas anderes – und nurmehr mit Medis bekämpft werden kann.
    Oder die Kriegstraumatisierten, die noch nach vielen Jahren oder sogar erst DANN von den angerichteten Schäden im Fühlen/Denken/Erinnern betroffen sind.

    Dann die Synästhesie: Töne sehen, Farben riechen oder hören – das kann toll sein, sicher aber auch sehr lästig sein (hab ich mal in der wilden Jugend während einer bewusstseinsverändernden Drogensession erlebt – wundervoll! Ravi Shankars Musik tanzte vor mir als unglaublich komplexe 3-D-Grafik…).

    Ein Schlag auf den Kopf kann einen auch zum Musiktalent machen oder ein epileptischer Anfall ein Mathe-Genie hervorbringen, das aber leider rechts und links nicht mehr unterscheiden kann.

    Ein irres Teil, dieses Gehirn..

  7. Liebe Claudia, davon brauchst Du mir nicht zu erzählen ;-)
    Ich selbst habe eine 15-monatige schwere Depression erlebt , aus der mich letztlich meine künstlerische „Neigung“ rettete.
    Davon will ich eigentlich grundsätzlich nicht erzählen, so furchtbar war diese Zeit. Und für mich nur noch in Ansätzen ab und an nachempfunden. Aber ich weiß sehr genau davon.

    Natürlich hatte ich das alles nicht bedacht, als ich Dir zuvor über Gehirnchemie schrieb.

  8. Lieber Gerhard, „im Prinzip“ willst du nicht davon erzählen… da scheue ich mich dann auch vor Nachfragen! Aber danke, dass du es erwähnt hast.

    Ganz allgemein interessiert mich bzgl. Depression, wie und wann man denn eigentlich unterscheidet, ob das lebensweltlich entstandenes Unglücklichsein ist oder tatsächlich ein „Durcheinander in der Chemie“ des Gehirns.

  9. Das kann man wohl in vielen Fällen nicht so ohne Weiteres festlegen. Lebensgeschichtliche Misere oder/und „geneigte“. Gehirnchemie, wer mag das beurteilen?
    Um Unglücklichsein handelte es sich bei mir nicht direkt. Ich war unglücklich aufgrund der Depression, aber Depression selbst ist Lähmung, Angst, Gefangensein.

Was sagst Du dazu?

*) Pflichtfelder. E-Mail wird nicht veröffentlicht