Claudia am 17. Dezember 2012 —

Heute kommentiert zum Thema „Autisten als Amokläufer“

Dieses Medienereignis ist an mir vorüber gegangen, da ich einen Tag nicht online war. Nun kann ich den Ausgangstext auf SPON nicht mehr selber lesen, da sie ihn offenbar „wg. Shitstorm“ entfernt haben.

Aber ich kann mir genug aus den erschienenen Postings und Kommentaren zusammen reimen. Und ja, ich finde auch, dass die Sensations-geile Presse, die News aus Nichts kreieren will, um uns Klickvieh Futter zu geben, sich üblerweise keine Gedanken macht, was ihr Zusammengeschustere bewirken mag.

Dennoch: Ich glaube NICHT, dass es wirklich funktioniert, mittels der bloßen Reihung von wahren oder unwahren Behauptungen (er sei Autist, Asperger oder was auch immer…) das gesellschaftliche Image der jeweils Benannten neu zu definieren!

Wäre er Moslem gewesen, DANN hätte die Benennung dieses Fakts Gemütswellen verstärkt, die bereits da sind. Aber mal ehrlich: AUTISTEN mit Gewaltbereitschaft zu verbinden .- meint Ihr ernsthaft, das könnte gelingen?

Autisten – ich kenne keine/n persönlich – haben aus meiner Erfahrung ein ganz ANDERES IMAGE: Irgendwie verrückte Leute, die ein Problem mit Kommunikation und menschlicher Nähe haben, weil ihre Wahrnehmung ihrer selbst und der Welt eine andere ist. Diesem “Nachteil” stehen oft diverse geniale Benefits gegenüber – zumindest in der “kolportierten” gesellschaftlichen Erzählung, die ja auch von Medien der letzten 30 Jahre geschaffen wurde.

Platt gesagt, ordnet man die Autisten eher den Schüchternen zu, die lieber gar nicht mit der Mitmensch-Welt in unübersichtlichen Kontakt kommen wollen. Sondern sich an irgendwelchen Ordnungen festhalten, seien es wiederholte Verhaltensweisen, Repetieren von Bewusstseinsinhalten oder die Neigung für abstrakte Gedankenweltem wie Schach, Mathematik o.ä.

Die Autisten umweht ein Geheimnis: “auto” heißt “selbst” – und Autisten sind sich anscheinend selbst genug. Das ist etwas, was “Normalen” nicht so leicht fällt, vorsichtig gesagt – insofern ist der gesellschaftlich imaginierte Autist auch ein Faszinosum.

Wie gesagt: ich habe keine Ahnung von realen Autisten. Kenne nicht mal einen Freund, dessen Freund einen Autisten kennt. Aber hier geht es ja gerade um ein MEDIEN-Ereignis – genau wie das von mir geschilderte “Bild des Autisten” durch MEDIEN erschaffen wurde.

Dass eine Autistin bloggt, wundert mich jetzt z.B. – andrerseits auch nicht, weil das ja eine sehr kontrollierte Form des Umgangs mit der Mitmenschwelt ist (die ich selber auch sehr schätze!).
Langer Rede kurzer Sinn: Ich glaube, Angst ist nicht angebracht. Das etablierte Bild der Autisten ist so FERN von Gewaltbereitschaft, dass ein einziger blöder SPON-Artikel daran nicht wirklich kratzen wird.

***

Mehr dazu:

  • Doch wieder da: der Urspungsartikel auf SPON (diese Benennung eines Links wäre z.B. SICHER im Sinne des künftigen „Leistungsschutzrechts“, das die Verleger durchdrücken wollen. Ziemlich arm, findet Ihr nicht?

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Diskussion

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8 Kommentare zu „Heute kommentiert zum Thema „Autisten als Amokläufer““.

  1. Besagten Spiegel-Artikel in mehrfach editierter, relativierter und redigierter Form finden Sie aktuell unter http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/adam-lanza-litt-der-amoklaeufer-von-newtown-am-asperger-syndrom-a-873088.html Wäre er entfernt, wäre ich schon längst still.

    „Aber mal ehrlich: AUTISTEN mit Gewaltbereitschaft zu verbinden .- meint Ihr ernsthaft, das könnte gelingen?“

    So traurig es ist, aber ja. Und es gelingt nicht erst seit diesem Artikel. Das ist keine Theorie, sondern unsere Erfahrung als Autisten.

    „Wie gesagt: ich habe keine Ahnung von realen Autisten. Kenne nicht mal einen Freund, dessen Freund einen Autisten kennt.“

    Und genau da liegt ein Problem. Viele haben keine Ahnung, weil sie keine Autisten kennen. Das wäre nicht so schlimm, wenn nicht genau aus dieser Unkenntnis heraus die abenteuerlichsten Geschichten entstehen. Sowohl im Positiven wie im Negativen.

    „Dass eine Autistin bloggt, wundert mich jetzt z.B. – andrerseits auch nicht, weil das ja eine sehr kontrollierte Form des Umgangs mit der Mitmenschwelt ist (die ich selber auch sehr schätze!).“

    Eine Autistin, die bloggt? Viele! :) Und das Tollste: Ich kann sogar sprechen. Fließend und in ganzen Sätzen. *ironie off* Entschuldigen Sie, aber das ist etwas, was man als Autist oft zu hören bekommt – da hilft dann nur noch Sarkasmus…

    „Ich glaube, Angst ist nicht angebracht. Das etablierte Bild der Autisten ist so FERN von Gewaltbereitschaft, dass ein einziger blöder SPON-Artikel daran nicht wirklich kratzen wird.“

    Angst sicher nicht. Aber unkommentiert kann man das auch nicht stehen lassen. Denn ich kenne viele Autisten. Und viele Eltern autistischer Kinder. Die oft mit einem geballten Nicht-Wissen, gepaart mit eben solchen Vorurteilen konfrontiert werden und sind. Und genau in diese Kerbe schlagen solche „einzelne“ Artikel. Kommen diese dann von einem vermeintlich seriösen Medium wie spiegelonline, verbreitet sich die Nachricht in rasender Geschwindingkeit und vermittelt zudem einen gewissen Glaubwürdigkeitscharakter.

  2. Als ich meinem Vater vom bei mir bestehenden Autismusverdacht berichtete, war seine erste Reaktion, dass ich unmöglich Autistin sein könne, weil Autisten doch aggressive Menschen sind, die durch hohes Gewaltpotential auffallen und ich ja nicht gewalttätig sei. Insofern glaube ich dir gerne, dass deine Vorstellung vom Autismus an dieser Stelle ein andere ist, kann aber die Ansicht nicht teilen, dass dies gesamtgesellschaftlich der Fall sein soll…
    Die Quelle dieser Sichtweise auf den Autismus ist vermutlich ein anderes Mosaiksteinchen des Bildes, das du beschreibst: Das mangelnde Einfühlungsvermögen. Dazu, was es damit in der Realität auf sich hat, wurde an anderer Stelle schon viel geschrieben, ich möchte mich an dieser Stelle nur zur medialen Theorie äußern, die da lautet, dass jemand, der nicht mit anderen mitfühlen kann, auch kein Problem damit hat, andere zu verletzen. Das ist absoluter Blödsinn, ist aber eben auch ein Teil dessen, was die Medien immer wieder und in diesem Fall leider auf die Spitze getrieben über den Autismus erzählen. Leider bleibt genau dieser Aspekt auch bei vielen Menschen hängen…

  3. Ich wäre wesentlich beruhigter, wenn diese entsetzlichen Taten nicht sofort personalisiert würden und dann Randgruppen, in diesem Falle die Austisten, als Blitzableiter für ein gesellschaftliches Problem verwendet würden, das nur ganz offen zeigt, zu welchen Auswüchsen gesellschaftliche Ausgrenzung führt. Die Menschen haben alle die Grenze der menschlichen Gefühle überschritten. Aber es handelt sich um Menschen, die man dazu gemacht hat, nicht um welche die schon immer so waren.
    Auch ist es immer wieder erschreckend, dass sofort jede Art von Mobbing verneint wird und damit jede wirklich fruchtbare Diskussion von vorneherein vermieden wird.

  4. Bei der nennen wir es mal Berichterstattung von Spon ist mir einiges aufgestoßen. Die haben praktisch im BLÖD-Stil jeden noch so kleinen Fitzel an Informationen zu einem Text verwurstet. Das fühlt sich ziemlich sicher nach Leichenfledderei an.

    Aber zurück zum Qualitätstext von Frau Briseno: Erstmal hat sie sich ja wohl die ‚Diagnose‘ aus sehr dünner Faktenlage gebastelt (um jetzt mal nicht zu mutmaßen aus welcher Körperöffung sie sich das gezogen haben könnte), dann verallgemeinert sie grob, oder einfacher gesagt: Alle Verallgemeinerungen sind immer völlig falsch. Und auch bei den Fakten ist der Text erstaunlich ungenau. Bei einer Journalistin aus dem Wissenschaftsbereich würde ich erwarten, dass sie weiß, dass Asperger und Autismus als Spektrum zu betrachten sind, wo an einem Ende die „Normalen“ sind, während am anderen Ende die besonders auffälligen Autisten (spontan fällt mir der Film „Rain man“ ein) sind. Und dazwischen gibt es ungefähr so viele Abstufungen wie im Regenbogen Farben. Ich seh ja ein, dass sich mit einem fundierten Text weniger Klicks einfangen ließen als mit dem BLÖD-Format, aber sollte das nicht ein Zeichen von Journalismus sein? Und spätestens, wenn Betroffene sich melden, hätte man ja mal auf die Idee kommen können, dass an der Kritik vielleicht etwas dran sein könnte. Sich dann immernoch beharrlich weigern, den Text zu ändern oder noch besser: komplett zu löschen, spricht für mich jedenfalls nicht von Seriosität.

    Davon mal abgesehen springt mich bei der URL die Formulierung „litt der Attentäter an Asperger“ an. Das ist die gleiche Denke, nach der Rollstuhlfahrer an den Rollstuhl „gefesselt“ sind.

  5. […] im Taxi (556) 66. Zeitgeschmack Fashionblog (561) 67. Berufebilder (568) 68. Freischreiber (574) 69. Digital Diary (589) 70. Pornoanwalt (593) 71. Der Schockwellenreiter (628) 72. Digitale Leinwand (636) 73. […]

  6. […] von Spiegel Online Meet Autismus Offener Brief von AutZeit wundervoller Spiegel-Online-Artikel Heute kommentiert zum Thema “Autisten als Amokläufer” Küchenpsychologie, heute: […]

  7. Einen Jungen mit Aspergersyndrom hatte ich zwei Jahre lang in der Grundschulklasse. Desolate Familienverhältnisse. Großeltern Ärzte. Er war IMMER Opfer. Er schnallte fast nichts. Hatte einen IQ von 135, nachgewiesen. Er meldete sich niemals, rief einfach rein, was er wusste- und er wusste viel. Fremdworte, die kein anderes Kind verstand. Niemand konnte sich erklären, woher er das hatte. Er beschäftigte sich stundenlang mit kleinsten Dingen, baute Versuchsanordnungen aus Hölzchen, Radiergummis usw. oder malte seltsame Zeichen mit großer Ausdauer. Rechnen super. Schrift unleserlich, Aufsätze bekam er nicht hin- manchmal ließ ich ihn mir was diktieren: wie aus fernen Welten.
    Seine Mutter musste mehrere Arbeitsstellen haben, vor allem nachts, das Haus verwahrloste, die Kinder auch, der Junge kam immer ohne Essen, manchmal mit verschimmeltem Anorak…Das Jugendamt half- zum Glück- und er kam nach der vierten Klasse in ein Internat, wo solche Kinder gefördert wurden! Ich werde mal nachfragen, wie es ihm jetzt geht. Gewalt kam nie, er gestand mir nur mal schlimme Fantasien gegenüber seinem älteren, kräftigen Bruder, der ihn immerzu quälte und demütigte….
    Gruß von Sonja