Thema: Liebe, Beziehung, Geschlecht

Claudia am 16. Juni 2001 — Kommentare deaktiviert für Über das Männliche

Über das Männliche

In jedem Frühling erscheinen neue Bücher und Rezensionen über Männer. Offensichtlich gibt es da immer noch jede Menge zu reflektieren. Mann ist sich selber ein Problem, genau wie Frauen sich lange Zeit mit Geschlechtsrollen auseinander setzten – nur: Mann hat irgendwie schlechtere Karten, zumindest ideologisch betrachtet. Ein paar tausend oder hunderttausend Jahre Patriarchat (über Zeiträume will ich nicht streiten) sind nicht so ganz easy wegzustecken, zumal eine Gleichverteilung von Macht und Einfluss zwischen den Geschlechtern auch heute nicht überall verwirklicht ist.

Ich spüre immer wieder, vor allem bei Männern meiner Generation (Post-68er) und den Älteren, dass sie das Männliche verurteilen: In der Welt, wo es vorgeblich so viel Schaden anrichtet (Krieg, Unterdrückung, Umweltzerstörung…) und natürlich auch in sich selbst. Dass einige – anstatt psychisch stets Trauer zu tragen – dann in einen offensiven Machismo oder resignierten Zynismus verfallen, kommt gelegentlich vor, ist aber auch nur Reaktion. Ganz beiläufig gilt vielen das Männliche als das Böse und Zerstörerische – im Unterschied zum rundum positiv erscheinenden Weiblichen. So schreibt mir zum Beispiel ein guter Freund über Wissenschaft:

„Im Westen ist die Wissenschaft (und Technik) eine männliche Wissenschaft – im Osten ist sie eine weibliche: Mitgefühl, Liebe, Einfühlung, Gewaltlosigkeit, Akzeptanz, Selbstbescheidung – dagegen: Wille, Durchsetzungskraft, Ego, Selbstsucht, Unabhängigkeit, Auflehnung.“

Arme Männer, kann ich da nur sagen! Moralisch völlig unten durch. Ich glaube aber nicht, dass der Geschlechterkampf enden kann, solange Männer und Frauen eine der beiden Seiten in sich diskriminieren.

Früher suchte ich selber immer den „Menschen im Mann“, als wäre der Mann etwas zu Überwindendes, ein archaischer Restbestand, bedauerlicherweise noch wirkungsmächtig. Heut‘ freu‘ ich mich über jedes bißchen „Mann“, das noch in der Packung ist! Und wenn die Männer selber das Männliche an sich mögen, ist es noch besser.

Natürlich ist alles, was man jeweils als männlich oder weiblich zu fassen meint, „nur“ eine Zuschreibung – gefestigt durch Jahrhunderttausende Tradition, oder meinetwegen auch codiert in den Genen… Doch jede und jeder trägt alles in sich und muss – zugunsten des eigenen Seelenheils – die je andere Seite in sich finden und lieben lernen.

Ich brauche mir nur die Urszene vor Augen führen, um zu erkennen, wie diese Traditionen und Zuordnungen entstanden sind, davon ausgehend, dass Menschen „ursprünglich“ (nicht historisch, sondern absolut: bevor je ein Mann und eine Frau einander begegneten und aneinander zu Vater und Mutter wurden) gleich sind, und keine verschiedenen Tierarten, die sich zufällig miteinander paaren können.

Urszene: Frauen werden schwanger und bekommen abhängige, pflegebedürftige Kinder. Wesen, die einige Zeit an ihnen hängen bleiben, das ist ja bei allen Säugetieren so. Dadurch teilt sich automatisch eine Arbeit das aller erste Mal: Die einen kümmern sich um die Kinder, die anderen passen auf, dass kein Angreifer kommt, bzw. bekämpfen die Angreifer, sofern doch welche kommen. (Daß man sich dabei langweilen kann und selber mal losgeht, ‚rüber zur nächsten Horde, wo die anderen Frauen sind, ist auch verständlich..)

Beides ergibt gleich überlebenswichtige, unverzichtbare und moralisch völlig gleich zu bewertende Eigenschaften: das Kämpferische am Mann, Beziehungswerte bei der Frau. Die Grundfrage des Mannes ist immer: „Was droht? Will mir hier einer an den Karren fahren? Wo steht der Feind?“ Und die weibliche Frage heißt: „Schadet das der Beziehung?“ (was immer es ist, das kann gut auch mal der Weltuntergang sein…).

Weil alle Menschen eine Mutter haben und also zunächst von Beziehungswerten existieren, ist es leicht zu erklären, dass dieses Beziehungsverhaftete (=weibliche) als das grundsätzlich Gute, Wahre und Schöne durchgeht, zumindest in der ganz individuellen Erfahrung sich so einprägt. Wogegen das Männliche erst später bemerkt wird. Dazu muß nämlich der Verstand schon erwacht sein, bevor das Kind den väterlichen Anteil am Überleben (=die erfolgreiche Verteidigung, das Siegen im Kampf) überhaupt bemerken kann. Hier ist der „abwesende Vater“ noch der GUTE Vater.

Dazu gibt es auch eine persönliche Geschichte. Rein vom Denken kommt der Friede leider nicht, und deshalb erzähl‘ ich die hier, ganz kurz:

Als älteste Tochter eines Vaters, der Frauen eigentlich hasste, war mir das alles nicht leicht gemacht, der Umgang mit Geschlechtsrollen mehrfach „ver-rückt“. Er behandelte mich eher wie einen Sohn, verlangte vor allem Stärke und – wenn das schon nicht klappte – wenigstens Intellekt. (Wissenschaft ist vom Mann her gesehen also schon zweite Wahl) Er diskriminierte das Weibliche im mir, wollte nicht mal, dass ich mir die Haare wachsen lasse. Ganz spät erst wurde mir klar, dass er so reagieren musste, weil er mit seinen sexuellen Gefühlen gegenüber der Tochter nicht zurecht kam (und sich für diese auch noch verachtete…) .

Im Ergebnis lebte ich in der ersten Lebenshälfte fast nur den männlichen Aspekt, ohne dass ich das als „das Männliche“ hätte anerkennen können: das Zupackende, Aktive, ja, Agressive und Kämpferische, mutiges, gelegentlich selbstzerstörerisches Kriegertum eben. Und ich kämpfte – einig mit der Frauenbewegung – gegen die Zuschreibung, die diese Eigenschaften als männlich betrachtet, sozusagen okkupiert und uns vermeintlich vorenthält. Eine Einstellung, die uns auch noch als „unweiblich“ dastehen lässt, wenn wir uns für eine gute Sache einsetzen… Schließlich ist eine Löwin, die ihre Jungen verteidigt, auch recht kämpferisch!

Als ich mit der „männlichen“ Art dann so Mitte dreißig nur noch an Wände lief und schließlich das Kämpfen erstmal von mir abfiel, änderte sich alles grundstürzend. Ich erkannte die „weibliche“ Seite der Welt, befand mich mitten drin, stellte auf einmal fest, dass ich nun Eigenschaften meiner Mutter lebte, die mir sogar als großer „Fortschritt“ erschienen. Es dauerte allerdings ein paar Jahre, bis ich im neuen Leben die neuen Werte als „weiblich/mütterlich“ erkennen konnte, ich verstand es eher als eine Art Erleuchtungsfortschritt. (ja, lacht nur!).

Erstaunlich war, dass meine „Führungskraft“ in Gruppen und Arbeitszusammenhängen dadurch gewonnen und nicht etwa verloren hatte. Es ging jetzt nicht mehr darum, mich durchzusetzen oder meine Stellung zu behaupten („Wer will mir hier an den Karren fahren?“), sondern ich konnte jetzt anstrengungslos von mir absehen und – ganz unverbissen – einer Sache bzw. einer Gruppe dienen. Auf einmal hatte ich auch keine Angst mehr, womöglich als „autoritär“ angesehen zu werden, was mich vorher immer schreckte, wenn ich mal wieder irgendwo sagte, wo’s denn lang gehen soll. (Seltsamerweise hat mich niemals mehr wieder jemand als autoritär bezeichnet.)

In einer Gestalt-Therapiegruppe hatte ich zu dieser Zeit Erlebnisse, die mich das Männliche in Reinform (bzw. das, was es für mich ist), in mir selbst sehen und spüren ließen. Ich sah mich in einem gefühlsgeladenen inneren Bild als Kriegerin – und fand mich wunderbar! Sah mich gleichzeitig von außen (als moralische Instanz, ganz wach) und spürte das wunderbare Gefühl, das man (und auch frau) haben kann, wenn der Kampf beginnt.

Das ist, wenn man das Visir herunterklappt und es wirklich los geht! Dann ist das Diskutieren nämlich zu Ende, sei es, um sich mit Gruppen abzustimmen, sei es im eigenen inneren Dialog der Rechtfertigungen und Abwägungen. Das Visir klappt zu und jetzt geht es nur noch um eines: Gewinnen, siegen! Und man ist ganz allein, ganz auf sich selbst gestellt, nicht einmal mehr Gott ist da gefragt, wenn die volle Aufmerksamkeit allein auf den Gegner und dessen Niederringen gerichtet ist. (Der meldet sich allenfalls hilfreich zu Wort, wenn man zweifelt und sich nicht traut, wie etwa bei Arjuna in der Baghavadgita)

Durch das Visir sieht man die Welt nur noch durch kleine Schlitze, ein schönes Symbol. Es ist eine spezifische geistige Verengung, die dafür nötig ist, kämpfen zu können. Man gibt dabei sehr viel auf, was den Menschen ausmacht, und wir könnten es gar nicht leisten, würden wir uns dabei nicht auch ein Stück weit selbst erfahren und verwirklichen – indem wir in jedem Kampf neu dem Tod und dem Unbekannten entgegen treten.

Es ist die – schreckliche UND schöne – andere Seite derselben Verengung, für die „das Weibliche“ steht: Beziehung als oberster Wert, also persönliche Liebe, Bindung, Fürsorge, Hingabe. Aspekte, ohne die die Welt nicht bestehen könnte, aber gleichzeitig so beschränkt – genau gleich beschränkt wie das Kriegerische.

Heute liebe ich das Männliche in der Welt, seit ich eben weiß, dass es die eine, unverzichtbare Hälfte ist, die aber ohne die andere wenig Glück zustande bringt, genau wie umgekehrt.

Im Lauf des Lebens – so kommt es mir wenigstens vor – geht der Gang eher vom Männlichen hin zum Weiblichen, oder besser und weit richtiger: das Männliche geht von außen (=Front) nach innen, das weibliche den umgekehrten Weg. Im besten Fall wirke ich dann nach außen weich, harmonisch, liebevoll – doch im Inneren ist große Klarheit und Stärke, unkorrumpierbar, ohne Wahl.

Was die Welt im Ganzen angeht, wundere ich mich nicht, dass ein paar wenige Jahrhunderte noch nicht alles geändert haben – aber die Zeit arbeitet für den Ausgleich, für das Weibliche, denn Beziehungswerte werden immer wichtiger. Gerade in einer globalisierten und immer mehr vernetzten Wirtschaft.

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Claudia am 03. Dezember 2000 — Kommentare deaktiviert für Sex als Dienstleistung

Sex als Dienstleistung

Endlich rückt das Aufstehen in die Frühe vor: Heute immerhin schon um sieben vor dem PC angekommen! Meine Idee, die einem echten Bedürfnis entspringt, nämlich die Zeit der Helligkeit mehr in Richtung Mitte der wachen Zeit zu legen, verwirklicht sich langsam. Ich hoffe, im Lauf dieses Winters nochmal auf sechs, wenn nicht fünf Uhr Aufstehzeit zu kommen!
Sowas hätte ich vor 20 Jahren für vollkommen irre gehalten. Wie die meisten Jungen war ich Langschläferin und NACHTMENSCH, wie man von sich gerne sagt. Freiheit bedeutete zu allererst, ausschlafen zu können, solange ich mochte. Komischerweise reflektierte ich nicht, wie frei oder unfrei ich eigentlich davon war, täglich bis vier Uhr morgens in die Kneipen zu rennen. Na, so ändern sich die Zeiten. Heute finde ich es geradezu abenteuerlich, einfach in mich hineinlauschen zu können und von daher meine Schlafens- und Wachzeien zu wählen. Im Prinzip…. :-) Faktisch nimmt man ja doch Teil am kollektiv Gewohnten, und sei es nur durch die abendliche Tagesschau, die ich noch immer nicht durch Radio oder Internet-Schlagzeilen ersetzen mag.

…und jetzt das mit dem Sex.. :-)

Apropos Schlagzeilen: Wichtige Veränderungen kommen manchmal auf leisen Sohlen daher. Das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin in Sachen Cafe „Pssst“, dass Prostitution heute nicht mehr in jedem Fall als sittenwidrig angesehen werden kann, ist so ein Fall. Endlich der erste kippende Domino-Stein, der vermutlich all die in Gesetze und „ständige Rechtsprechung“ gegossenen Diskriminierungen und Ausgrenzungen, Lügen und Heucheleien rund um den käuflichen Sex zu Fall bringen wird.

Im Einzelfall, der zu entscheiden war, ging es mal wieder um die Frage, ob die Betreiberin einer Bar an selbständige Huren stundenweise Zimmer vermieten darf, ohne sich der „Förderung der Prostitution“ schuldig zu machen. Bisher ging das nicht, die Zimmervermietung mußte über einen Strohmann laufen, um nicht zum Verlust der Konzession zu führen. Auch durfte das Ambiente keinen „gehobenen Eindruck“ machen, alles, was die Arbeitsbedingungen der Huren normalisiert und angenehmer macht, war (und ist in vielen Punkten immer noch) verboten.

Ein Ende dieses verrückten Zustands ist jetzt in Sicht. Rot-Grün plant ein Anti-Diskriminierungsgesetz, das es Huren ermöglichen wird, voll versichert und rechtlich rundum anerkannt zu arbeiten. Ihre Dienste werden als ganz normale Dienstleistungen bewertet, ähnlich wie Massage und Krankengymnastik. Richtig so!

Warum ich mich darüber freue? Schließlich könnte man auch darüber trauern, dass offenbar der real existierende Porno-Markt und die gesamte verlogene Übersexualisierung in den Medien nun dazu führt, dass sogar der offizielle „Maßstab der Sitten“ sich ändert. Ich ziehe es vor, das anders zu sehen: Die Entkriminalisierung und Enttabuisierung der bezahlten sexuellen Dienstleistungen hat vielleicht eine befreiende Wirkung. Wenn deren Nähe zum Schmuddligen, Verbotenen, jedenfalls politisch Unkorrekten tendenziell abnimmt, dann können sich vielleicht in Sachen Sex entspanntere Verhältnisse entwickeln – NICHT NUR im Bereich der Käuflichkeit!

Die Energie, die immer da ist

Um über Sex zu reden, muß man seine Grundeinstellung dazu mitteilen. Was ich „damals ’68“ als 14-Jährige einem oberflächlichen Underground-Mainstream ahnungslos nachplapperte, ist mir im Lauf eines erfahrungsreichen Lebens – dem gesellschaftlichen Rollback entgegen – zu tiefster Gewissheit geworden: Sex ist zuvorderst kein Zeichen der Liebe oder gar Unterpfand für Bindung und Geborgenheit, sondern ein Grundbedürfnis wie Essen & Trinken, eine Energie, die IMMER da ist, mal weniger, mal mehr spürbar, mal angenehm, mal eher unangenehm. Das Wegdrücken der Sexualität in nur ganz schmale erlaubte Bereiche, das die Gesellschaften immer schon pflegten, hat viele Gründe, für die es im Einzelnen Pro und Contra geben kann, doch mit Wahrheit hat das alles nichts zu tun. Zudem sind diese Unterdrückungs- und Kanalisierungsmechanismen allermeist unbewusst, es gab und gibt da kein Kollektiv wacher und bewußter Menschen, die sagen: Wir wollen das so!

Weite Bereiche der Sexualität werden so in eine Schmuddelprostitution gedrängt, von der kein Mann (und erst recht keine Frau) behaupten kann, er oder sie pflege hier den aufrechten Gang. Oder ist es etwa möglich, während einer Party mit Arbeitskolleginnen (!) und Kollegen zu sagen:

„Hey, ich war da gestern abend bei Mona in der Bleibtreustraße. WOW, die konnte mich für eine Eeeeewigkeit knapp vor dem Point of No-Return halten! Ich konnte alles vergessen, sogar mich selbst, es war großartig…
Sie nimmt übrigens keine Kreditkarten, sie meint, es sei ihr zu teuer und zu umständlich, bis das Geld wirklich da ist.“

Ganz ähnlich also, wie man zum Beispiel einen guten Koch oder ein neues Restaurant rühmt und dann zu anderen Themen übergeht.

Warum nicht?

Fakt ist, dass das ganz normale Geschlechterverhältnis entlang der sexuellen Ebene noch immer belastet ist wie eh und je. Auch der angeblich „kostenlose“ Sex liebevoll verbundener Paare ist gewöhnlich alles andere als easy; zuvorderst deshalb nicht, weil er (wie die Beziehung selbst) als regelmäßig und dauerhaft, als friedlich-verläßlicher „Normalzustand“ erwartet und gewünscht wird. Was normal ist, wird dabei auch noch an der Zeit der heftigsten Verliebtheit gemessen, wo man nicht viel anderes im Sinn hat, als möglichst viel Zeit miteinander im Bett zu verbringen. Aber kaum ist das abgeflaut und mensch beginnt, die Welt wieder wahr- und das eigene Leben wieder aufzunehmen, wirkt das auf den Partner als Entzug, gar als ungewollte Verstoßung, jedenfalls als eine Art BEWERTUNG. Schau an, es gibt wieder andere Prioritäten!

Selbst dann, wenn er oder sie selber schon heftig nach Luft schnappt und wieder mehr Raum und Energie für die Eigenbewegung braucht, geschehen diese negativen Bewertungen, es geht jetzt um Bedeutung und nicht mehr ums Erleben. Der Sündenfall ist da, das Kind im Brunnen. Es herrscht jetzt der Psycho, nicht mehr Eros oder Pan.

Das Erlebnis, größer werdende Teile der Aufmerksamkeit des endlich gefundenen und geliebten Partners auch wieder zu verlieren, macht junge Menschen verständlicherweise agressiv, traurig, ängstlich oder verbittert. Schließlich hofft man da noch, beim Anderen alles Heil zu finden, das man in diesem seltsamen Leben auf einer unerklärlichen Welt nötig haben könnte. Und wenn schon das nicht, so ist er (oder sie) doch wenigstens ein verläßlicher Verbündeter im Unbekannten – oder etwa doch nicht?

Hier geht es nicht mehr um Sex. Ich denke, das ist leicht erkennbar. Es geht um ganz andere Aspekte des In-der-Welt-Seins, der Sex wird mit ihnen nur unzulässig befrachtet. Leider geht das immer so weiter, springt von einem Thema zum nächsten, wird zur Methode der nichtmentalen Kommunikation. Das Bewerten des sexuellen Aufeinander Zugehens oder Fernbleibens im Hinblick auf Bedeutung für Anderes tötet das ursprüngliche und Unverfügbare der Erfahrung, macht einen Teil davon (den jeweils postiv bewerteten) zur möglichen Währung, den anderen Teil zum möglichen Sanktionsmittel. Und wer sich ganz unerwartet mit solchen Machtmitteln ausgerüstet sieht, müßte schon ein Heiliger oder eine Heilige sein, um sie niemals zu benutzen, meint ihr nicht auch? (Und was war mit der Hure? fragt der innere Assoziationsblaster…)

Nähe – sexuell ein Flop?

Wie immer: die sexuelle Dimension vieler Paare ist auch deshalb belastet, weil sie früher oder später erleben, dass die im besten Fall zunehmende geistig-psychische Nähe, aus der echte Verantwortung und dauerhafte Bindung entsteht, auf sexuellem Gebiet eher kontraproduktiv ist. Man fühlt sich verbunden, will aber immer weniger voneinander. Spirituell ist das ein Gewinn, sexuell eher ein Verlust, denn das Wesen des Sexuellen enthält auch etwas Forderndes, ja, agressives. Eben das, was verschwindet, wenn man sich wirklich nahe kommt. (Das Leiden am sog. „Kuschelsex“ hat hier seinen Ursprung.)

Wenn man sich erinnert, dass Sexualität ja doch ursprünglich im Zusammenhang mit Fortpflanzung entwickelt wurde, ist der agressive Aspekt nicht weiter verwunderlich. Schließlich mussten sich die Zweigeschlechtlichen Wesen bis ins 20ste Jahrhundert physisch recht nahe kommen, um sich fortzupflanzen zu können (einzig der Mensch macht da neuerdings einen „FORT-Schritt“). Und das als verteidigungsfähige erwachsene Einzelwesen, aus der Grabbelgruppe lange ‚raus! Unter den Spinnen überleben das manche Männliche nicht. Sex war nie NORMAL.

Es ist unsere Schuld, wenn wir Sexualität technisch von der Fortpflanzung lösen (uns davon „befreiend“), dann aber nicht neu interpretieren und nur armselig oder überhaupt nicht kultivieren. Unser Fehler, wenn wir immer noch das Märchen von der lebenslangen Liebe mit der regelmäßigen und erfüllten Sexualität (hier und nirgends sonst!!!) glauben oder im Zuge des neuen Konservatismus wenigstens wieder herunterbeten – damit die Welt im globalisierten Sodom und Gomorra nicht ganz vor die Hunde gehe.

Meiner Generation (den Post-68ern) hat AIDS die Sprache verschlagen. Wir sind zugunsten des Überlebens von der richtigen Einsicht abgewichen, die wir im realen Leben sowieso nicht „durch Verordnung“ verwirklichen konnten. Das ist keine Schande, aber in den Zeiten von BSE muss man wieder Worte finden.

Die genannten und weitere eigentlich unerotische (Paar-)Verstrickungen zeigen jedenfalls eines: Kostenlos ist das alles nicht. Man kann gut verstehen, dass viele gerne Geld zahlen, um frei von all diesem Ballast Sexualität zu erleben. Um dafür auch die allen wohlgefälligen „guten Sitten“ entwickeln zu können, darf Sex als Dienstleistung jedenfalls nicht mehr als „sittenwidrig“ gelten. Gelobt sei das Verwaltungsgericht Berlin! Der ‚heiligen Hure‘ Felicitas, die es mit vollem persönlichen Einsatz durchgeboxt hat, gebührt dagegen ewige Dankbarkeit.

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Claudia am 10. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Tauschgeschäfte

Tauschgeschäfte

Vor den Zeiten des Netzes dauerte mein längster Job gut zwei Jahre, eine kleine Ewigkeit. Per Netz arbeite ich nun seit 1996, lange voller Euphorie über die Bequemlichkeit und Effektivität, mit der ich von zuhause aus heute dieses und morgen jenes tun kann. Web-Aufträge dauern nicht lang, dazwischen passen eigene Projekte, bei denen ich tun kann, was ich will. Ein Paradies! So dachte ich lange, sehr sehr lange. Jetzt vergeht das fünfte Jahr, der dritte Computer rumpelt, der zweite Monitor strahlt 19 Zoll breit, der dritte und teuerste Bürostuhl meiner Sitz-Karriere schont meine Wirbelsäule – und seit einem guten Jahr sitze ich sogar in der gewünschten Wohnung auf dem Land. Und jetzt? Weiter → (Tauschgeschäfte)

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Claudia am 09. Mai 2000 — Kommentare deaktiviert für Geschlechterkampf

Geschlechterkampf

Im TV schau ich mir gerade noch die Tagesschau und ab und an einen Fernsehkrimi an: Tatort, Polizeiruf, K3 etc.. In jedem einzelnen Film fällt mir auf, dass ihr gesellschaftliches Hauptthema – neben der eigentlichen Krimihandlung – das Geschlechterverhältnis ist. Und zwar aus der Sicht von Männern zwischen 40 und 60, die stets und ständig mit fähigen erfolgreichen Frauen konfrontiert werden und auf unterschiedliche Weise daran kranken, mal mehr, mal weniger humorig dargestellt. Frauen als Kommisarinnen, Staatsanwältinnen, Sonderkommisionsleiterinnen, Ausbilderinnen, Gerichtsmedizinerinnen – und Frauen in der Wirtschaft, an Top-Positionen, souveräne Frauen mit vielen Fähigkeiten, die, wenn sie denn mal in die Rolle der Verfolgten geraten, den Täter letztlich selber erledigen – der retten-wollende Mann kommt immer zu spät. Die Heldenrolle ist – für Männer – passé, zumindest im deutschen Fernsehkrimi. Weiter → (Geschlechterkampf)

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Claudia am 09. Januar 2000 — Kommentare deaktiviert für Mail & Geschlecht

Mail & Geschlecht

In den letzten 14 Tagen bin ich (fast) täglich meinen Impulsen gefolgt. Keine Brotarbeit, kein eigenes Projekt-Engagement – nichts von allem, was dem Fortkommen (wohin denn nur?) dient. Ein Glück, daß das möglich war, denn ohne solche Zeiten würde ich zur Mensch-Maschine, die nur noch Pflichten abarbeitet. Und ohne Bezug zum „Dasein ohne Ziel“ ist zielgerichtetes Handeln die reine Maloche und letztlich gar nicht möglich. Weiter → (Mail & Geschlecht)

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Neuere Einträge