Thema: Leben & Arbeiten

Claudia am 15. November 2004 — Kommentare deaktiviert für Mit dem Notebook im Bett

Mit dem Notebook im Bett

Zum ersten Mal bin ich mit dem Computer im Bett. Ein lieber Freund hat mir einen Notebook geschenkt, weil er meine Klagen über das Leiden am langen Sitzen nicht mehr hören mochte. Schon einmal hatte ich ernsthaft ins Auge gefasst, künftig liegend oder halbliegend zu arbeiten und mir dafür auch eine Möbelkonstruktion ausgedacht. Aber damals hörte ich letztlich auf den Rat eines Geliebten, der meinte, unzählige Menschen verbrächten täglich viele Stunden am Monitor, ohne deshalb krank, behindert oer missgelaunt zu werden. Es läge an mir, eine gesunde Herangehensweise zu entwickeln, anstatt die zeitgemäße Standardstellung zu vermeiden. Mehr Bewegung, öfter ins Fitness-Center, bessere Ernährung – ich weiß, ich weiß!

Aber ich tu’s nicht, bzw. nicht genug. Der Mausarm und die Druckschäden an gottlob nicht so wichtigen Nerven werden nicht etwa besser. Doch davon soll jetzt nicht die Rede sein, ich habe keine Lust mehr, mich öffentlich am Riemen zu reißen und Ermunterndes über die Zukunft zu sagen. Eine Zukunft, die sobald sie Gegenwart wird, mich doch wieder auf dem Stuhl vorfindet…

Hierjetzt aber liege ich im Bett, Kissen unter dem Rücken und unter den Knien eine Rolle, geformt aus der zweiten Bettdecke – toll! Ich habe darauf geachtet, keine eierlegende Wollmilchsau zu erstehen, sondern ein schlankes, leichtes Gerät, dessen Gewicht (nur 1,8 Kilo!) ich jetzt kaum spüre. Die Maus hab‘ ich gar nicht erst dran gesteckt, nur das Netzteil.

Zur Verwendung des Notebook kam mir schnell die Idee, ihn NICHT in meine Arbeitswelt einzubinden, KEINE zweite Fassung meines Tower-PCs zu erschaffen mit allem, was ich so brauche – und vor allem keinen Internet-Zugang! Dann könnte ich nämlich E-Mail lesen, wäre für alle erreichbar, hätte alle meine halb erledigten Aufgaben und Werke griffbereit – es wäre ein zweiter Arbeitsplatz und dessen Forderungen könnte ich mich nicht entziehen. Ich würde noch mehr arbeiten, halt jetzt in liegender Stellung.

Lieber nicht! Ich habe nicht vor, meine Arbeitszeit zu verlängern, das Reich der Pflichten und Ziele noch weiter wachsen zu lassen, sondern ich sehne mich nach Zeit für mich. Für mich am PC! Dazu komme ich kaum noch, denn wenn ich alles geschafft habe, was ich schaffen muss, bin ich üblicherweise viel zu malträtiert vom Sitzen, als dass ich da nun noch ein bisschen schreiben, bildbearbeiten oder eigene Webseiten entwerfen wollte (auch ein Grund für die Diary-Flaute). Und schon morgens mal eben drei Stunden in ein Thema versinken, bevor ich die Außenwelt an mich heran lasse, kann ich mir derzeit nicht leisten.

Mit dem Notebook steht mir nun auch außerhalb der „Sitzzeiten“ ein PC zur Verfügung – eine Zuflucht, die mir signalisiert: hier befindest du dich im nicht vernetzten Sektor. Tu, was du willst!

Oh nein, bitte nicht schon wieder! Überall muss ich tun, was ich will, muss mit den Gegebenheiten interagieren, um es zu erreichen, muss es pflegen und erhalten, wenn es dann da ist, muss immer Neues wollen und Neues schaffen – und weiter und weiter. Es ist ok, ich kann nicht klagen, im Gegenteil, meine Arbeit macht mir Freude. Und das ist keine Schönrederei, denn zum Beispiel der gerade laufende Kurs „Erotisch schreiben“ ist der spannendste, der bisher stattfand. Ich genieße die entstehenden Texte, das offene und friedlich-lustfreundliche Miteinander von Männern und Frauen, das gelegentliche erotische Knistern – kann Arbeit schöner sein? Auch im Webseiten-Sektor baue ich gerade an einem Projekt, das mir gefällt. Ok, alles könnte etwas einträglicher sein, aber daran arbeite ich ja, oder bilde mir das zumindest ein.

Umso besser es gelingt, in selbst geschaffenen Feldern und Formen zu arbeiten, mich „zu verwirklichen“, wie man so sagt, umso sinnvoller erscheint die Frage, ob es eigentlich noch mehr gibt als DAS. Wenn ich es mal abstrahiere, besteht mein Leben daraus, Misstände zu bemerken und zu bereinigen, mich vom Gegebenen inspirieren zu lassen, Änderungen und Verbesserungen ins Werk zu setzen, die jedoch auch immer wieder verbesserungsbedürftig sind, zu weiterem Bearbeiten heraus fordern – und immer so weiter. Ein übergeodnetes Ziel gibt es – zum Glück! – nicht, ich bewerte meinen Erfolg oder Misserfolg anhand der Resonanz, die ich erfahre, und daran, ob das, was ich tue, nun auch das ist, was ich mir erträumt habe, als ich damit anfing. Ich bin die Maus in einem zu großen Teilen selbst gebauten Laufrad, das eingebunden ist ins große Räderwerk, das unsere Welt am laufen hält. Nichts dagegen, aber ist das schon alles?

Der Raum des Schreibens

Mir scheint, ich bin reif für die Insel. Doch nicht das entlegene Eiland im Pazifik, nicht der Urlaub, die Kur, die Ayurveda-Wellness-Woche locken mich, sondern ein immaterieller Ort des Innehaltens, den ich gelegentlich aufsuche, um frei von Zielen und Zwecken dem nachzuspüren, was Dasein sonst noch bedeutet. Einfach Ruhe, Beruhigung der bewegten Oberfläche, egal in welchen Formen das stattfindet – aber KEINE Sitzmeditation!!! (Wenn ich DARAN denke, fällt mir die ganze Absurdität auf, die darin liegt, Menschen, die in der Mehrzahl den ganzen Tag sitzen, zum Zweck der Besinnung dazu anzuhalten, noch mehr zu sitzen!)

Der „Raum des Schreibens“ jenseits eines „Um-Zu“ war mir im Zuge der mehr werdenden Arbeit entglitten. Gleichzeitig hatte ich in diesem Sommer damit aufgehört, „alles, was mich bewegt“ und doch nicht ins Diary passt, an jenen fernen Geliebten zu mailen: diese alte Geste des Mich-Mitteilens, die ich einst auch jahrelang gegenüber meinem Yogalehrer pflegte, passt nicht mehr. Besser gesagt, hat sie Nebeneffekte, die zunächst nicht auffallen, aber im Lauf der Zeit eine Art „Zweitrealität im Kopf“ erschaffen, die mit den real existierenden Beziehungen zwischen Sender und Empfänger kaum mehr etwas zu tun hat. Ich nenne es die „Internet-Verstrickung“: das Ausbluten der Realität zugunsten der Virtualität. Was „der Möglichkeit und Kraft nach vorhanden“ ist, ist dennoch nicht WIRKLICH vorhanden – aber das ist oft kaum mehr spürbar, bis das Reale sich zurück meldet und klar wird, was bloßer Gedanke ist und was Fakt.

Heute kommuniziere ich anders, beziehungszentrierter. Der Wunsch, schreibend etwas auszudrücken, was mich beeindruckt, hat im Web und anderen, an ein allgemeines Publikum gerichteten Medien den rechten Ort – nicht aber in der persönlichen Kommunikation, deren Charakter immer dialogisch bleibt, auch wenn man bis zum Abwinken und in beiderseitigem Einverständnis monologisiert. Denn was der Andere nicht sagt, denke ich mir dazu, lege ich in sein Schweigen hinein, ob ich mir dessen bewusst bin oder nicht. Ich öffne mich, zeige mich, ergründe die letzten Winkel meiner Seele – und das Schweigen des Gegenübers interpretiere ich als liebevolles Zuhören: Er versteht mich, wie niemand sonst.. und das ist nur die erste einer Reihe aufeinander aufbauender Annahmen, die zusammen ein Gebäude ergeben, das nicht auf Grund steht, sondern ein Luftschloss ist. Herrlich anzuschauen, aber nicht real!

In dieser Irrealität erlebte ich ein Gefühl der Geborgenheit, das mich inspirierte, die Selbstentblößungen auf ungekannte Gipfel zu treiben. Gleichzeitig dümpelte die „Außenseite“, nämlich dieses Webdiary in zunehmender Langweiligkeit vor sich hin. Ich habe ja kein Interesse daran, mein Denken und Erleben zu „diskutieren“: es ist, wie es ist, und je näher mir etwas geht, desto weniger möchte ich mich mit Lesern auseinander setzen müssen, bei denen ich vielleicht anecke. Wozu sollte das gut sein? Ich schreibe ja nicht, um mir Rat zu holen, jemanden zu meiner Sicht der Dinge zu bekehren, oder um zu streiten, sondern … ja WARUM DENN???

Hier stockt der Schreibfluss und mir fällt nichts ein. Ich schreibe, weil ich schreibe – ich projiziere meine Deutungen in die Leere und das tut mir gut.

Was ich an Nähe und Geborgenheit in einer „tief gehenden“ und schrankenlosen persönlichen Kommunikation erlebe, das bin ich selbst, das ist einfach das „bei mir sein in Wahrheit“. Es kommt nicht vom Anderen, wie man meinen könnte. Der Andere bietet lediglich einen „geschützen Raum“, vergleichbar dem, den ich in meinen Kursen und privaten Coachings errichte.

So ein „geschützter Raum“ ist wundervoll: er gibt Gelegenheit, sich selbst zu begegnen, ohne Angst haben zu müssen. Auf Dauer aber muss man ihn verlassen, genau wie man irgendwann den Sandkasten verlässt, um die Welt zu gewinnen.

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Claudia am 09. November 2004 — Kommentare deaktiviert für Diary-Flaute unterm Gerüst

Diary-Flaute unterm Gerüst

Die vierte Woche unterm blickdicht verhangenem Gerüst ist rum. Hab‘ ich mich dran gewöhnt? Der Bauarbeiter vor meinem Fenster wuchtet gerade eine Platte in den vierten Stock, ich sehe grobe, farbverkleckerte Schuhe und ebensolche Hosen, höre dumpfe Stimmen sich etwas Unverständliches zurufen. Die laute Geschäftigkeit hält erfahrungsgemäß etwa eine Stunde an, dann machen sie ihre erste Pause.

Gleich werde ich die Texte der Teilnehmer aus dem Kurs „Philosophieren in der ersten Person“ kommentieren. Die neuen Szenen der „Erotiker“, wie ich die Mitschreiber aus „Erotisch schreiben“ bei mir nenne, hab‘ ich gestern nacht noch geschafft. Auch die beiden Coaching-Klienten sind versorgt, warten jedoch auf neue Schreibimpulse, genau wie alle Anderen.

Vor einem guten Jahr hab‘ ich mit Schreibimpulse.de angefangen: das erste eigene Webprojekt im kommerziellen Sektor. Ein gänzlich neuer Versuch, dem, was ich gerne tue, die Form einer Dienstleistung zu geben, die zu meinem Einkommen beiträgt. Wenn gute Nachrichten auch langweilig sein mögen: es ist ein Erfolg! Zwar ist nicht jeder Kurs ausgebucht, denn meine Werbemöglichkeiten sind beschränkt, doch ist der Spaßfaktor in jeder neuen Runde hoch: Es ist wunderbar, dabei zu sein, wenn sich Menschen ihren „wesentlichen Themen“ öffnen, wenn sie schreibend Neues, gar Brisantes riskieren – auch wenn es mal schlaffe Phasen gibt, kommt immer wieder ein Text, der alle berührt, der MICH berührt und aus dem „Alltagsschlaf“ heraus reißt.

Es ist das erste Mal, dass ich zwei Kurse und einige Einzelpersonen gleichzeitig betreue. Liegt es daran, dass hier im Digital Diary wochenlange Flaute herrscht? Ja und nein. Ich empfinde ein Gefühl der Verpuppung, passend zum verhangenen Gerüst, das mir den Blick nach draußen versperrt, passend zum November, den ich spüre, aber kaum sehe. Jahrelang war ich mit der Form, die ich fürs eigene Schreiben in Gestalt des Digital Diary wählte, vollkommen zufrieden: es war nie ein Tagebuch, das vom Frisörbesuch am Morgen und vom Problem mit dem Lebensgefährten berichtet, auch kein Blog, das mit ein paar Sätzen mehrmals am Tag bekannt macht, dass es mich noch gibt, sondern im wesentlichen eine Plattform für meine „Gedanken über die Welt“: unsortiert, ohne Zwang, mich selbst in eine Schublade einzuordnen, weder, was die Textsorte angeht, noch von den Themen her.

Im Moment habe ich das Gefühl, aus der selbst geschaffenen Mega-Schublade heraus zu wachsen. Was ich über die Welt, das Leben, und mich selbst denke, reizt mich zur Zeit nicht zu Artikeln für die Allgemeinheit. Es wird vielleicht durch die Kurse und die damit einher gehenden Privatgespräche „dialogisch verbraucht“, bzw. sinnvoll genutzt. Zudem begegne ich im Erotik-Kurs der Faszination des belletristischen Schreibens. Schien mir das früher belanglos, bloßes „Werke schaffen“, dem ich mein mich tief befriedigendes „Philosophieren in der ersten Person“ entgegen setzte, so erkenne ich jetzt das Potenzial, das in solchem Schreiben steckt: nicht mehr am Faktischen, selbst Erlebten kleben und gedanklich um Einordnung und Bewertung ringen, sondern im freien Spiel der Worte dem Form geben, was man ausdrücken will: es ZEIGEN, nicht SAGEN!

Als ersten Schritt, diesem Schreiberleben Gestalt zu geben, werde ich auf Schreibimpulse.de ein erotisches Webzine eröffnen: mit Teilnehmertexten, eigenen Beiträgen und Einsendungen frei schweifender Autorinnen und Autoren. Der Plan bringt mich ein Stück „back to the Roots“: 1996 bis 1998 gab es die Cyberzines „Human Voices“ und „Missing Link“ mit Gedichten, philosophischen Prosa-Texten und einer aktiven Community rund ums Geschehen. Ich bin gespannt, wie das neue Projekt im Vergleich dazu werden wird! (Wer dazu Beiträge einsenden will, kann sie mir bereits schicken: ich wähle allerdings nach eigenen Kriterien aus, welche ins Webzine kommen).

Und das Digital Diary? Die Flaute wird vorüber gehen, wenn das Neue festere Konturen gewonnen hat. Es ist noch jedes Mal weiter gegangen, auch wenn ich immer mal wieder dachte: Was soll ich denn da noch schreiben? Ich hab‘ doch eigentlich alles gesagt!

Jetzt ruft mich die Arbeit: im Moment pflege ich einen wenig nachhaltigen Stil, esse unregelmäßig, ignoriere das Fitness-Center, gönn‘ mir nicht mal Sauna und war prompt über zwei Wochen schwer erkältet. „Mich-selbst-am-Riemen-reißen“ kommt derzeit allein den festen Pflichten zugute. Ansonsten überlasse ich alles seiner Eigendynamik, bemühe mich nicht ums „gesunde Leben“ oder andere Meta-Ziele: in der Verpuppung löst sich alles, was war, vollständig auf – zumindest ist das bei Raupen so, wie es bei mir ist, wird sich zeigen.

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Claudia am 08. September 2004 — Kommentare deaktiviert für Von der Lust an der Arbeit

Von der Lust an der Arbeit

Mein Problem mit der Selbstdisziplin, von dem der letzte Beitrag handelte, ist wieder einmal vom Tisch: einfach weggefegt, aufgelöst in der Begeisterung für ein neues Projekt, das mir diesen gewissen „Geschmack von Abenteuer“ bietet, der mich beflügelt. Ein Kurs „Erotisch schreiben“ – hätte mir jemand zum Start meiner Schreibimpulse-Kurse vor einem Jahr prophezeit, dass ich „so etwas“ machen werde, ich hätt’s nicht geglaubt! Wie ich dann doch dazu gekommen bin, steht im Artikel „Erotisch schreiben – vom Spannungsfeld zwischen Lust und Literatur“. Bemerkungen, Tipps, Fragen und Meinungen zu dieser Kurspräsentation sind sehr erwünscht! (auch per Privatmail).

* * *

Wenn ich mein Verhältnis zum Arbeiten insgesamt betrachte, dann sehe ich, dass ich Arbeit als „notgedrungenes Muss“ immer schon gern vermeiden wollte. Lange Zeit glaubte ich, ich sei schlicht „faul“, weil es ja so normal zu sein schien, Dinge zu arbeiten, an denen man nicht das geringste persönliche Interesse hat. Verwaltungskraft in einer Behörde, Mitarbeiterin in einer großen Firma – nichts fand ich abschreckender als so einen „9 to 5-Job“, von denen ich einige während des Studiums aus der Nähe besichtigen konnte.

Also versuchte ich zeitlebens, mit dem Geld zu verdienen, was mir gerade Spaß machte. In den Jahren des Stadtteil-Engagements hatte ich „prekäre Honorarjobs“ auf niedrigem Niveau. Geld und Sicherheiten waren mir egal, ich ging in der Arbeit auf, was wollte ich mehr? Als es mir dann mal gelungen war, einen großen öffentlichen Auftrag für unseren Verein an Land zu ziehen, stellte ich mich selber für ein halbes Jahr an – und ab da kam ich in den Genuss der „originären Arbeitslosenhilfe“: unbefristet wie nirgendwo sonst, im Grunde eine lebenslängliche Rente, in die man bequem „zurückfallen“ konnte, wenn ein befristeter Job zu Ende war. In einer solchen „Lücke“ entdeckte ich dann 1996 das Internet und arbeitete mich begeistert ein. Meine selbst organisierte „Umschulung und Weiterbildung“ zur Webworkerin führte schon bald zu ersten Aufträgen, zudem schrieb ich nebenbei für Printmedien: schlecht bezahlt, aber ich konnte so ziemlich schreiben, was ich wollte: Hauptsache Internet!

Anfang ¨98 konnte ich dem Arbeitsamt ade sagen. Es lief so gut, dass ich nicht einmal das Übergangsgeld in die Selbständigkeit beantragte: Zuviel Papierkrieg für Peanuts! Ein einziger Auftrag brachte mir mehr als die Förderung für ein halbes Jahr ausgemacht hätte, also verzichtete ich dankend. Ich war „auf dem Markt angekommen“ und was ich da erlebte, gefiel mir sehr. Alles lief „wie von selbst“, ich hatte immer wieder neue, interessante Webprojekte, die Kunden fanden sich von alleine ein. 1999 streifte mich sogar der „Net-Hype“: ich verdingte mich als „Art-Directorin“ bei einem kleinen Start-Up-Unternehmen. Als „feste Freie“ verdiente ich ganz kurz soviel wie noch nie zuvor und fühlte mich auf einmal als „besser Verdienende“. Dass ich um das Honorar kämpfen musste, weil mein Auftraggeber von Beginn an an der Pleite entlang schrammte (wer zu spät kommt, den bestraft das Leben), bestätigte allerdings meine Vorurteile: sobald es richtig Geld gibt, beginnt das Hauen & Stechen – dazu hatte ich keine Lust, musste mich schwer überwinden und war dann richtig froh, dass ich den Vertrag kündigen konnte.

Obwohl es nun nicht mehr ganz so locker Aufträge regnete, hatte ich weiterhin mein Auskommen. Doch immer wieder beschäftigte mich die Frage: Soll ich anstreben, zum Geld verdienen „Brotjobs“ zu machen, um daneben dann Zeit zu haben für das, was mir wirklich Spass macht? Oder soll ich versuchen, von dem, was mich am meisten inspiriert und Herzblut kostet, auch zu leben? Beide Vorgehensweisen haben Vor- und Nachteile. Zudem sind sie nicht wirklich zu trennen, solange ich nicht mit einem „Herz-Projekt“ so erfolgreich bin, dass ich nichts Anderes mehr brauche. Doch selbst, wenn das eintritt: Wie lange fasziniert es mich, Monat um Monat dasselbe zu tun? Schnell werde ich zur Angestellten des eigenen Projekts und sehne mich wieder nach „Freiheit“. So richtig „in den Griff“ bekomme ich das Thema Arbeit bisher nicht. Es bleibt ein Spannungsfeld zwischen Lust und Notwendigkeit, auf dem ich mir manchmal vorkomme, wie auf dem Hochseil; insbesondere dann, wenn ich mit Dingen, die es so noch nicht gab, frischfröhlich dem Markt ins kalte Auge sehe (wie jetzt mit dem neuen Kurs).

Harz 4 – der erzwungene „Ruck“

Die unbefristete Arbeitslosenhilfe, die mir einst Zwischenfinanzierung und Starthilfe war, ist nun abgeschafft. Ohne sie hätte ich 1996 meinen befristeten Projektleiter-Job nicht auslaufen lassen, sondern halbtags weiter gemacht. Ich hätte dann eben in der anderen Tageshälfte das Netz erforscht, weniger gemütlich, aber so begeistert, wie ich war, wäre das kein Problem gewesen. Selbst mit Sozialhilfe hätte nichts mich davon abhalten können, meinem Dämon zu folgen…

Ich denke oft an die vielen Menschen, die jetzt genötigt sind, auf die Schnelle etwas zu finden: einen Mini-Job, eine Ich-AG oder was immer. 500.000 sollen es sein, die plötzlich gar keine „Stütze“ mehr bekommen. Diejenigen mit Vermögen und Besitz tun mir weniger leid als diejenigen, die auf einmal vom Einkommen des Partners leben sollen. Was für eine Belastung für die Beziehung, wenn diese bisher keinerlei gegenseitigen Unterhalt umfasst hat! Man hat ja aus guten Gründen nicht geheiratet – und nun das! Ich würde auf jeden Fall lieber auseinander ziehen anstatt zur „Bedarfsgemeinschaft“ zu werden.

Druck von außen – ob er dazu führen wird, dass sich mehr Menschen aufs Neue fragen: Was will ich eigentlich wirklich? Was macht mir Freude? Was ist mein UREIGENES Ding, das mich so fasziniert, dass es mehr Spiel als Arbeit ist?

Ein Freund von mir lebt lange schon von Sozialhilfe und hat von Harz4 (erst mal) nichts zu befürchten. Wir sprechen gelegentlich darüber, was das alles für Wirkungen haben wird, aber auch über das Arbeiten ganz allgemein. Er hält sich für faul, doch ich meine, dieselbe „Pseudo-Faulheit“ in ihm zu erkennen, die mich auch selbst überkommt, wenn mich anödet, was ich da tun soll.

Ich glaube, das merke ich in diesen Gesprächen, dass es für jeden Menschen etwas gibt, was er gerne tut. Aber der Schritt, es auch zu suchen und niemals – arbeitend und nicht arbeitend – nachzulassen, kommt vielen gar nicht in den Sinn. Das wundert mich richtig, denn ein solches Leben im ungeliebten Job oder in der „sozialen Hängematte“ kann ich mir nicht vorstellen. Wo würde ich meine „Kicks“ finden, meine Abenteuer erleben, meine Fähigkeiten ausprobieren und weiter entwickeln? Auch auf das Gefühl, an der Gestaltung der Welt mitzuwirken, das eigene „für besser halten“ tätig einzubringen, könnte und wollte ich nicht verzichten. Auch nicht, wenn ich morgen eine Million auf dem Konto hätte: der Kurs „Erotisch schreiben“ würde trotzdem stattfinden!

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Claudia am 25. August 2004 — Kommentare deaktiviert für Das Rätsel der Disziplin

Das Rätsel der Disziplin

Seit zehn Jahren bin ich nun schon selbständig, arbeite in und mit den Netzen und verbringe den Großteil der Tage vor dem Monitor. Arbeitsfelder und Aufträge entstehen entlang an meinen sich verändernden Interessen, niemand sagt mir, was ich falsch oder besonders gut mache und wo es hingehen soll. Zudem lebe ich allein, muss niemanden versorgen und meine materiellen Bedürfnisse sind bescheiden. Meine Wohnung in Berlin Friedrichshain besteht aus einem großen Arbeitszimmer und einem ebenso geräumigen Wohn- und Schlafzimmer -zum Arbeiten muss ich das Haus also gar nicht erst verlassen: paradiesisch, so hab‘ ich es mir immer gewünscht.

Man sollte meinen, dass alle Probleme, die durch diese Arbeitssituation entstehen können, lange bekannt und gelöst sein müssten, aber weit gefehlt! Ja, ich hab‘ das Gefühl, in mancher Hinsicht bisher nur an der Oberfläche gekratzt zu haben und nicht wirklich in die Tiefe der diversen Schwierigkeiten gedrungen zu sein, die mich immer wieder mal heimsuchen.
Nach der kreativen Flaute der letzten Wochen scheint es jetzt, als gelinge ein neuer Einstieg ins Arbeiten, der mir neue Blickwinkel eröffnet. Zum Beispiel den, dass es bei der Selbständigkeit nicht das Problem ist, die eigene Chefin zu sein, sondern die eigene Angestellte. Für mich eine seltsame Erkenntnis, da mein gesamtes bisheriges Arbeitsleben gerade DAS weiträumig zu umschiffen versuchte.

Immer wieder geht’s um „Disziplin“ – ein mir seit den aufmüpfigen Jugendzeiten eher verhasster Begriff. Natürlich bin ich mittlerweile „gereift“, lebe ziemlich ordentlich, kann zum Beispiel Chaos in meiner Wohnung gar nicht mehr tolerieren, Termine halte ich immer schon pünktlichst ein, sogar in den Papieren nimmt die Ordnung zu. Nur wenn es darum geht, allein aus mir heraus alte und neue Arbeitsfelder zu strukturieren und diese dann auch tatsächlich „abzuarbeiten“, dann beginnen die Probleme. Es ist so leicht, sich vom „eigenen Plan“ ablenken zu lassen, da ist ja niemand, der sagt: Hey, du MUSST das aber bis morgen früh geschafft haben! Ich muss es mir selber sagen – und oft glaub ich mir einfach nicht: Wieso „muss“ ich? Wieso bis morgen???

„Was hältst du von der Disziplin als solcher?“ fragte mich ein Diary-Leser in ähnlicher Situation. Dankbar, den Ball mal von jemand anderem zugeworfen zu bekommen, dachte ich ein wenig drüber nach: Disziplin ist ja eine sogenannte „Sekundärtugend“. Sie dient Zwecken, kann nicht selbst Zweck sein. Darin liegt auch ein Teil meines Problems: ich glaube immer, ich müsste erst großartig „das Ziel wählen“, den Weg und die Stationen bestimmen, und dann…. dann könne ich auch ausreichend Disziplin aufbringen, um das Anstehende zu leisten. Das stimmt sogar, nur dass ich das, was ich tue, wenn ein klares Ziel (am besten mit Termin!) in Sicht ist, nicht mehr wirklich „Disziplin“ nennen kann, sondern eben nur: viel arbeiten… Es braucht dann keine Disziplin mehr, weil ich eben „drin“ bin und jeder Schritt sich aus dem vorherigen ergibt, nach und nach Verbindlichkeiten und Termine auftauchen, die eingehalten werden müssen… kein Problem!

Muss ich? Will ich? Und was eigentlich?

Ein klares Ziel ist üblicherweise ein Auftrag oder ein Schreibkurs. Darüber hinaus fällt es mir schwer, eigene „Meta-Ziele“ zu bestimmen, wie etwa: Wieviel will ich im Jahr verdienen? Wie soll sich das auf die Arbeitsbereiche verteilen? Wie soll mein Leben im günstigsten Fall aussehen? Solche Überlegungen gehören zur Grundausstattung des „Existenzgründer-Wissens“, aber erst jetzt, wo ich es mir wirklich für die eigene Situation auszumalen versuche, geht mir die Komplexität der Frage richtig auf.

Da ich allein selbst bestimme, was ich anstrebe, kann ich ja jederzeit umdenken. Mir ist außerdem bewusst, wie sehr meine LUST an einzelnen Arbeitsbereichen schwanken kann – warum sollte ich mich da „disziplinieren“??? Hab‘ ich nicht mein Leben lang dran gearbeitet, mich zu „befreien“, mich nicht festnageln zu lassen auf langweilige Routinen des Immergleichen?

Man kann hier gut beobachten, wie eine jahrzehntelang gepflegte „Eigen-Konditionierung“ bei Erfolg ins Negative umschlagen kann: Irgendwann ist wahrhaftig genug „befreit“! Wenn die disziplin- und planungsfeindliche Grundhaltung dann einfach beibehalten wird, wird sie zu einer Beschränkung des eigenen Potenzials.

Im Moment versuche ich, mich aus dem vor der Sommerpause beschriebenen „kreativen Leerlauf“ heraus zu bewegen, indem ich an drei Punkten ansetze: bei der „Arbeitsstimmung“, bei den „Zielen“, und beim „Durchfluss der Werte“.

Es wird ja immer gern geraten: Stell dir deine Ziele verwirklicht vor, male dir den Idealzustand aus, dann hast du die psychische Energie, die Mühen der Ebene durchzustehen! Dem hab‘ ich mich bisher nach nur kurzer Prüfung verweigert, weil es meinem Selbstbild und der Art, wie ich es gewohnt war, mit mir selber umzugehen, widerspricht. Schließlich bin ich ganz erfolgreich darin, mit dem, was ist, glücklich und zufrieden zu sein. Diesen „Seelenfrieden“ soll ich des schnöden Mammons wegen wieder aufs Spiel setzen? Bewahre! Schließlich hab‘ ich kaum materielle Wünsche, sehne mich nicht nach mehr Konsum – und das ist doch gut so! Oder doch nicht?

Hätte ich nicht immer wieder finanzielle Durststrecken, könnte man ja meinen: ok. Lass‘ alles, wie es ist, klappt doch gut! Da dem NICHT so ist, stimmt zwangsläufig auch etwas am Selbstbild und an den Umgangsweisen mit den Problemen nicht: Zumindest soviel Einkommen sollte sein, dass ich mich auf meine Wunsch-Arbeiten konzentrieren kann und nicht ständig davon abgelenkt werde. Das ist doch ein durchaus materielles Ziel! Und – darauf bin ich erst neuerdings gekommen! – wenn mir nicht genug „Verbesserungswünsche“ für mich persönlich einfallen, dann ist es vielleicht angesagt, endlich die Bauchnabel-Perspektive zu verlassen und an Andere zu denken. Nicht zuvorderst im Sinne des Spendens für soziale oder andere bedürftige Projekte, sondern ganz konkret im Freundeskreis. Ich würde gerne Geld und materielle Gegenstände VERSCHENKEN können – und zwar ohne dass es mir weh tut! Gerne würde ich auch mal teurere Aktivitäten unternehmen, nicht allein, sondern mit Anderen, die sich „so was“ nicht leisten können oder wollen. Und kaum beginne ich, SO zu denken, fallen mir jede Menge Wünsche ein!

Geben & Nehmen

Im Kleinen hab‘ ich schon angefangen, Dinge abzugeben. Gegenstände, die etwas wert sind, die ich selbst aber nicht mehr dringlich benötige. Sie weiter zu geben an Leute, die sie gut brauchen können, ist sehr viel glückbringender als das Verkaufen und Restwert einstecken. Ich bin ja selbst im Lauf des letzten Jahres von verschiedenen Menschen reich beschenkt worden – da will ich auch mal mitmachen können!

Ich spüre, wie mich jeder Akt des Abgebens motiviert, meine Arbeits- und Einkommenssituation zu verbessern – und damit habe ich allen Grund, den „Nehmern“ dankbar zu sein. Das Nehmen fällt nämlich vielen genauso schwer, wenn nicht schwerer, als das Geben. Das hab‘ ich ja selber erst lernen müssen, hab‘ es mir Anfang 2003 regelrecht verordnet wie einem kranken Gaul: Jetzt sagst du mal zu allem „Ja“, was sich dir anbietet, nimmst alles an, was dir geschenkt wird, überwindest endlich dein Misstrauen, eingekauft und eingefangen zu werden!

Die Unfähigkeit, Geschenke anzunehmen, weil man Verstrickungen und Pflichten fürchtet, findet im eigenen Kopf statt – und DA hab‘ doch eigentlich ICH das Sagen!

Die so erreichte Veränderung der inneren Haltung hat dazu geführt, dass ich in der Folgezeit gewaltig beschenkt wurde, man glaubt es kaum! Und nicht nur von einer Person, nicht einmal nur von Nahestehenden. Es wirkte wie eine Art Wunder – und jetzt kann ich nicht nur annehmen, sondern hab‘ auch große Lust, abzugeben. Es ist, als erzeugte ich durch das Abgeben einen Sog, dass wieder etwas herein kommt: Egal wie, unter anderem mittels eigener Arbeit, zu der ich „wie durch Zauberhand“ auf einmal weit besser motiviert bin.

Es muss – um mal einen gesellschaftlichen Bezug herzustellen – nicht JEDER arbeiten, um so „sein Glück zu schmieden“. Es genügt, dass diejenigen, die wie ich GERNE arbeiten, genug verdienen und genug abgeben. Der innere und äußere Reichtum einer Gesellschaft zeigt sich darin, wie viele Nicht-Arbeitende sie sich leisten kann. In anderen Kulturen erhält die arbeitende Bevölkerung zum Beispiel einen hohen Prozentsatz von Nonnen und Mönchen – und zwar mit Freude! Daran sollten wir uns ein Beispiel nehmen und nur versuchen „Arbeitswillige“ in Arbeit zu vermitteln – und nicht sämtliche „Arbeitsfähigen“.

Die Stimmung macht’s…

So richtig „diszipliniert“ bin ich immer noch nicht. Letztlich weiß ich gar nicht, was für ein inneres Potenzial damit eigentlich gemeint ist. Selbst jetzt, wo ich wieder einmal eine neue Art teste, meine Arbeitswoche zu strukturieren, um effektiver zu sein, empfinde ich das nicht als harte Disziplin, weiß gar nicht, wie das geht. Wenn ich zu arbeiten beginne, setze ich mich erst still hin und lausche in mich hinein. Stelle mir die Dinge vor, die jetzt anstehen und betrachte sie eine kleine Weile. In dieser „Kurz-Versenkung“ entfalten die Vorhaben dann eine Eigendynamik, werden farbiger und verlockender, zeigen ihre abenteuerlichen Aspekte – und damit ist der Punkt erreicht, an dem ich loslege.

Ist das Disziplin? Vermutlich nicht. Aber ich muss mit dem leben und arbeiten, was ich kann, nicht mit dem, was ich können sollte.

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Claudia am 30. Juli 2004 — Kommentare deaktiviert für Vom kreativen Leerlauf

Vom kreativen Leerlauf

In meinen Schreibkursen gebe ich manchmal die Aufgabe, den „inneren Kritiker“ zu Wort kommen zu lassen. Es entstehen dann lustige Texte, in denen sich diese „Teilwesenheit“, die nichts im Sinn hat außer Nörgeln und Niedermachen, voll ausleben darf. Besonders für Anfänger ist es eine tolle Übung, sie befreit von der Dominanz dieses Kritikers und zeigt, dass niemand anders als der Autor bzw. die Autorin in den inneren Welten letztlich das Sagen hat. Der Kritiker ist Dienstpersonal, man kann ihn rufen, wenn man ihn braucht, ihm aber auch für eine gewisse Zeit den Mund verbieten.

Für mich ist dieses spezielle „Gespenst“ kein Problem mehr, dafür kann mich eine andere Teilwesenheit aus dem inneren Kosmos zur Weißglut treiben: die „Kreative“. Ich sollte sie vielleicht besser die „Kreativ-Maschine“ nennen, eine, die sich selber einschalten kann und nur mit größter Mühe zum Stoppen zu bringen ist.

Ideen haben, womöglich ganz neue, Konzepte und Projekte entwerfen, die einigermaßen Hand und Fuß haben, all das gilt in der Infogesellschaft als hoher Wert. Ist ja auch schön, wenn einem leicht „was einfällt“, etwas, das tatsächlich „umsetzbar“ erscheint und gleich auch Spass, Spannung, ja sogar Möglichkeiten, Geld zu verdienen in Aussicht stellt.

Was aber, wenn sich solche Ideen und Projekte „am laufenden Band“ ins Bewusstsein drängen? Wie soll ich damit umgehen? Kaum ein lockeres Gespräch, zu zweit oder zu mehreren, in dem meine Ideenmaschine nicht anspringt: man könnte doch auch… wie wäre es denn mit… mal angenommen, man würde… – und schon bin ich mitten drin, im Kopf entsteht ein tolles „Projekt“, fächert sich auf in schillernde, verführerische Möglichkeiten. Je nachdem, wer gerade mein „Kreativpartner“ ist, entwickeln sich in Windeseile ganze Jahresprogramme möglicher Aktivitäten, die sich, wenn ich sie einzeln bedenke, durchaus weiter auffächern in noch mehr „interessante Projekte“. Im Kopf hab‘ ich so schon jede Menge Arbeitsplätze geschaffen – warum zum Teufel wird davon sowenig Wirklichkeit?

Können? Wollen?

Es liegt nicht an mangelnden Fähigkeiten. Ich KANN umsetzen, wenn ich… ja WAS???? Was ist es, das aus Ideen und Plänen Wirklichkeit schafft? Ich beobachte das schon lange, versuche, heraus zu spüren, was es ist, das mich zu Taten treibt oder, wie in den meisten Fällen, einfach zur Tagesordnung übergehen lässt, bis zum nächsten „Anfall“.

Erfolge kann ich bei dieser Beobachtung noch kaum vorweisen. Es ist, als stocherte ich in einer Nebelbank herum, die mir die Sicht vertellt. Wenn ich nichts sehe, kann ich nur denken, nur spekulieren, und das ist ein sehr begrenztes Instrument in Sachen Selbsterkenntnis.

Immer wieder erlebe ich, dass meine Ideen nur wenig später von anderen verwirklicht werden. Klar, es gibt viele kreative Geister und die Themen liegen quasi „in der Luft“. Einerseits fühle ich mich dadurch bestätigt: Ich spinne nicht nur wild herum, meine Ideen sind tatsächlich „machbar“. Andrerseits frag ich mich: Warum machen es Andere, während ich weiter hier herum sitze, meine üblichen Aufgaben abarbeite und zeitweise lieber nicht auf den Kontostand gucke?

Bin ich schlicht zu faul? Was ist Faulheit? Ich gehöre zu denen, die lieber arbeiten als ausspannen, denen der reine Müßiggang nur kurze Zeit Freude macht. Gelegentlich muss ich mich geradezu zwingen, mich vom Computer zu entfernen und mir mal die Beine zu vertreten. Vor dem Monitor bin ich „im Cockpit der Macht“ – aber was MACHE ich wirklich? Jetzt zum Beispiel schreibe ich Diary, zuvor war der morgendliche Mail-Check dran, eine kurze Antwort an jemanden, der vielleicht demnächst seine Website umgebaut haben will. Mehr „Arbeit“ war da fürs erste nicht. Nachher werde ich die Texte meiner Kursteilnehmer kommentieren und neue Schreibaufgaben stellen. Meinen alten PC muss ich heut‘ auch noch verpacken, denn mittags holt ihn ein befreundeter Familienvater ab, der ihn dringlich für seine Kinder braucht. Wie schön: ich kann einer Familie nützen, ein bisschen Stress abbauen helfen mit einem Gerät, das bei mir nur sinnlos Platz wegnimmt.

Und dann? Das ist für heute das „Minimum“. Jeder Tag beinhaltet so ein Minimum absolut zwingender „To-Dos“, die ich auf jeden Fall abarbeite. Jenseits dieser unaufschiebbaren Dinge liegt dann das Feld der „auch noch anstehenden“ Aufgaben: weniger dringliche, aber doch klar definierte Arbeiten: ein Update auf Schreibimpulse.de, ein bisschen Pflege für eine Kunden-Website, ein Brief ans Finanzamt (ihhhh!) – wenn ich länger überlege, kommt da einiges zusammen, teils sind es reine Idiotenarbeiten, teils Dinge, die mich kreativ fordern und auch Freude machen, wenn ich erst mal „drin“ bin. WENN….

Heute ist Freitag, sagt eine innere Stimme. Wochenende! Gönn dir einen frühen Schluss, geh‘ raus und genieße den Sommer! Richtig ranklotzen reicht auch ab Montag noch gut – und wenn’s dir danach ist, kannst du ja auch Samstag mittag oder Sonntag früh was tun, in diesen wunderbar stillen Stunden, in denen niemand aus der Arbeitswelt mit Recht etwas von dir wollen kann!

Je nachdem, wie erfolgreich diese Schluss-für-heut-Stimme ist, komme ich an einem ganz normalen Tag von den unaufschiebbaren Arbeiten zu mehr oder weniger „anstehenden“ Aufgaben. Und dann gelüstet es mich nach „Freizeit“, wobei es mir meistens reicht, mal kurz einkaufen zu gehen, mir was zu kochen oder draußen zu essen. Wenn ich dann nicht verabredet bin, lande ich schon bald wieder vor dem PC, auch mal vor der Glotze, oder ich leg mich mit einem Buch ins Bett. Ah, endlich nicht mehr sitzen!

So sind meine „ganz normalen Tage“.. Sie haben ihre eigene Schwerkraft, ihre beflügelten und eher langweiligen Phasen. Ich schaffe mehr oder weniger, bin entsprechend zufrieden oder unzufrieden mit mir – aber dahinein nun allein aus mir heraus ein neues Projekt zu platzieren, scheint so entlegen, wie zwischendurch mal eben auf den Teufelsberg zu steigen. Ja, der Teufelsberg ist tatsächlich näher, denn er bietet immerhin körperliche Abwechslung.

Begeisterung und innere Filter

Für ein neues Projekt brauche ich auch fürs Umsetzen den inneren Kontakt zur Begeisterung, die ich beim „Ausspinnen“ empfinde. Zumindest, um damit zu beginnen. Bin ich mal drin, entfaltet sich die Freude am kreativen Tun von selber, da muss ich mich dann nicht mehr groß kümmern. Aber wie gelange ich dahin, zu diesem ernsthaften „Beginnen“?

In vielen Fällen zeigt mir ein nüchterner Blick auf das neulich noch so begeistert entwickelte Ideen-Werk: Ja, das ist gar nicht schlecht, sogar durchaus realisierbar – aber will ich das? Will ich tatsächlich im Rahmen dieses Vorhabens monatelang arbeiten und Verantwortung tragen? Wird mir das Tun als solches wirklich Freude machen? Will ich die Menschen, die ich dafür treffen muss, wirklich sehen und für sie arbeiten? Es ist eine Sache, eine „Zielgruppe“ ins Auge zu fassen, die vielleicht diese oder jene Dienstleistung gut brauchen könnte – eine andere Frage ist, ob ich mit dieser Zielgruppe persönlich etwas zu tun haben will.

Oder, das kommt auch vor, die Idee führt mich zu weit weg von den Arbeitsfeldern, die ich gut kenne. Luxuswohnungen an reich gewordene Chinesen zu verkaufen ist gewiss eine gute Idee, zum Marketing fällt mir auch jede Menge ein – aber meine Erfahrungen und Kompetenzen als Immobilienhändlerin sind nun wahrlich nicht groß! Klar, ich könnte mit meinen Ideen zu einem Makler gehen, der solche Wohnungen anbietet – aber es ist erst mal eine „Hürde“, ein neues Feld, auf das ich mich innerlich einstellen müsste. Und meistens liegt es dann weit näher, „das Übliche“ zu tun und nicht das Neue.

Der Druck, Geld zu verdienen, motiviert mich nicht dazu, mit neuen Projekten anzufangen, sondern drückt mich eher dahin, die schon vorhandenen Dienstleistungen auszubauen: neue Webdesign-Kunden finden, wenn man eine lange Latte Referenzen zeigen kann, erscheint sehr viel erfolgversprechender als das mit den Chinesen! :-) Endlich die Schreibkurse für den Herbst ins Web stellen liegt weit näher, als einen „Gedicht-Shop“ zu realisieren (nein, nicht einfach Gedichte verkaufen, das läuft nicht – aber…. das verrat ich jetzt nicht, vielleicht mach‘ ich’s ja doch noch mal!).

Träge Sommertage

Entweder, die Ideen scheitern aus solchen Gründen, oder aber – meistens! – versacken sie einfach im Alltag. Sobald ich morgens Mail abrufe, bin ich mitten drin im Business as usual, und damit auch in einem Bewusstseinszustand „wie gewöhnlich“.

Aber im Gewöhnlichen erschafft sich das Neue nicht! Wenn ich das will, muss ich mir nicht nur „einen Ruck geben“, sondern dafür sorgen, mir den Zustand der Begeisterung zu erhalten, bzw. ihn neu zu erzeugen, wenn ich mit der Arbeit beginne.

Einmal hat das schon gut geklappt. Ein lieber Freund hat mich als Coach dazu bewegt, morgens nicht mit „dem Üblichen“ zu beginnen, sondern mit dem Neuen: Frech das eigene, gerade mal als Ideensammlung vorliegende Vorhaben mitten in die Hauptarbeitszeit legen. Das hat es gebracht! So ist im Sommer 2003 das Kursprojekt schreibimpulse.de entstanden, das ich auch tatsächlich als „zweites Bein“ in meiner Arbeitswelt etablieren konnte. Es macht wirklich Freude und ich entwickle es weiter, aber ich kann es zeitlich nicht so verdichten, dass es mehr Einkommen bringt. Mein inneres Potenzial, mit Gruppen zu arbeiten, ist begrenzt, ich kann mich nicht vervielfachen, brauche Pausen und Phasen „ohne Gruppe“.

Also wär‘ eigentlich das nächste Projekt dran. Ein „drittes Bein“ – aber welches? Unermüdlich arbeitet die innere Kreativ-Maschine, nutzt jeden inspirierenden Dialog, um ihre Einfälle in die Welt zu bringen, die dann auf die beschriebene Weise an den persönlichen „Filtern“ scheitern oder im Alltag versacken.

Der Sommer ist eine Zeit allgemeiner Verlangsamung. Das Draußen lockt, viele sind in Urlaub, alles Organisatorische zieht sich länger hin als sonst – es ist, als hätte die Welt auf einmal einen längeren, entspannteren Atem. Eine schöne Zeit! Aber gleich danach, das kenn ich schon gut, folgt eine Phase verstärkter Aktivität. Im frühen Herbst geht es wieder richtig los. Und ja, ich würde gerne mitgehen, zu neuen Ufern aufbrechen, eines meiner Projekte umsetzen – aber WIE überwinde ich nur dieses innere „Hängertum“?

Es beobachten ist das erste, drüber schreiben das zweite. Schon viele Male hat sich dann „etwas ergeben“, als gäbe es eine innere Instanz, die man nur genug in den Hintern treten muss – oder sie anbetteln: Nun mach doch bitte mal!!! Und irgendwann passiert er dann ganz plötzlich: der „Ruck“, der erste Schritt in die Verwirklichung, der die nachfolgenden leicht macht.

Na, ich arbeite dran und hoffe das Beste. Noch ist ja Sommer…

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Claudia am 03. Juni 2004 — Kommentare deaktiviert für Kein „Ruck“ – aber die Blockade zerbröselt

Kein „Ruck“ – aber die Blockade zerbröselt

Über Geld spricht man nicht – woher stammt eigentlich diese seltsame Volksweisheit, die selbst im Jahre 2004 noch immer jedem einfällt, wenn man es doch einmal tut? Eine Teilnehmerin in einer Frauenliste fand es sehr problematisch, dass ich so „offenherzig“ über meine Situation schreibe wie im letzten Diary-Artikel. Sie sei Kauffrau und würde nun ganz gewiss erst länger recherchieren, bevor sie mir einen Auftrag gibt, und dann versuchen, die Preise zu drücken. Das war aber auch schon die einzige negative Resonanz! Ansonsten konnte ich mich über allerlei Zuspruch und Ermunterung, konkrete Ideen und Angebote freuen – bis hin zu einer hilfreichen Spende. 1000 Dank!

Dass ich sogar das Kühe-Hüten in Betracht zog, brachte mir eine Anfrage, ob ich mich nicht um eine offene Stelle in einer Bergbauern-Initiative bewerben möchte. Und eine ehemalige Bauernmagd setzte mir auseinander, dass der Sennerinnen-Job ein Knochenjob sei – man „hütet“ ja nicht nur, sondern muss auch melken und Käse machen. Dafür gibt’s zwar in der Schweiz 100 Euro/Tag, aber man schafft es körperlich nur bis ungefähr 30. Naja, so ganz ernsthaft war ich in Sachen „Kühe hüten“ ja nun doch nicht…

Besser gefällt mir die Idee, „problematische Immobilien“ für Menschen zu verkaufen, die keine Lust auf Makler haben. Das ist mir schon mal im Leben zugestoßen und war eine interessante Erfahrung in einem Metier, das mir doch ziemlich fremd ist. Mit dem Honorar konnte ich dann eine Stadtteilkneipe eröffnen, die mir auch eher „zuflog“, als dass ich mich drum gerissen hätte. Gern würde ich auch hochpreisige Liebhaberobjekte im Web präsentieren – hier in der Nähe gibt’s so ein Gebiet mit interessanten Neubauten, darunter einige, die offensichtlich bisher keine Käufer oder Mieter fanden. Wenn ich mal ausrecherchiere, wie die im Web angeboten werden, treffe ich nur auf langweiligst gestaltete Datenbanken mit ein paar Angaben und je einem winzigen Bild. Muss das so bleiben?

Motivationskrise

Ach ja, es gibt viele Möglichkeiten – auch solche, die ein bisschen näher dran sind an meiner bisherigen Arbeit. Es ist ja nicht so, dass ich in den letzten Wochen schwer gewirbelt hätte, um bestimmte Angebote an den Mann bzw. die Frau zu bringen, eher war ich außerstande, meine „To-Do-List“ mit all den Ideen wirklich abzuarbeiten. Eine Art Motivationskrise, in der es absolut nichts gebracht hat, endlos über Möglichkeiten und Ursachen zu grübeln. Trotz aller Sorgen vergingen die Tage, ohne dass ich „effizienter“ wurde. Erst das immer neue Scheitern am Versuch, mich erfolgreich anzutreiben, führte zu einem inneren Loslassen. Ein paar Tage tat ich wirklich NICHTS – und zu meinem Erstaunen hab‘ ich auf einmal wieder Lust!

An den äußeren Bedingungen, z.B. am mittlerweile grundstürzend gewandelten Internet, ändert das zwar nichts – wohl aber kann ich mit Freude an der Sache wieder kreativ auf geänderte Bedingungen antworten (toi toi toi!). Einfach „irgendwas machen“, ohne einen Funken von Begeisterung, das konnte ich auch vor den Zeiten der Netze nicht. Hab‘ es ausprobiert, schon gleich nach dem Abitur und als Studentin. In den Semesterferien-Jobs lernte ich viele Unternehmen und Behörden von innen kennen und kämpfte ständig mit dem Einschlafen. Damals herrschten in Sachen Arbeit noch paradiesische Zeiten („Kommen Sie zu uns, Sie können gleich mit BAT 2A anfangen, wenn Sie Ihren Abschluss haben“), aber in so einer Behörde anzuheuern, erschien mir nur als lebendiges Begraben-Sein.

So ist es halt ein Patchwork-Lebenslauf geworden und keine Beamtenlaufbahn, wie mein Vater es sich gewünscht hätte. Die letzten acht Jahre – also die Netz-Zeit – waren verdammt spannend und abwechslungsreich. Ich bin gespannt, wie es weiter geht!

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