Als Trump am letzten Donnerstag seine „Rede an die Nation“ hielt und nicht etwa aktuelle Probleme thematisierte sondern über das Wahlsystem der USA schwadronierte, dachte ich gleich: Der will die Midterms angreifen, genau wie er immer noch von einer „gestohlenen Wahl“ spricht, als Byden und nicht er gewählt wurde.
Aber was heißt „angreifen“? Unsere Hauptmedien analysieren Trumps Behauptungen (z.B. ZDF) und seine Forderungen nach neuen Gesetzen, der SPIEGEL titelt „Mit dieser Rede legt Trump den Grundstein, um die Midtermwahlen anzuzweifeln“ (Text hinter Zahlschranke) – aber das Ziel ist ja nicht nur, dass irgendwer ein bisschen am Ergebnis zweifelt! Trump bereitet m.E. ein Art Putsch vor, denn er weiß, dass er bis zu den Wahlen nicht mehr aus dem Keller kommen, sie sogar krachend verlieren wird.
Zu dieser meiner Befürchtung passt die neue Sein-und-Streit-Folge des DLF von heute vormittag, die sowohl zum Nachhören als auch als Volltext vorliegt:
Curtis Yarvin und die Versuchung der smarten Tyrannei (DLF)
„Curtis Yarvin träumt vom Ende der Demokratie und einem amerikanischen Autokraten. Seine autoritären Ideen treffen den Nerv einer erschöpften Zeit und begeistern rechte Eliten wie Tech-Milliardär Peter Thiel oder US-Vizepräsident J.D. Vance. „
Ja, ich hatte schon vor diesem Feature das eine und andere von dieser „Zusammenarbeit“ interessierter Kreise zur Abschaffung der US-Demokratie gelesen, es aber insgesamt doch als zu entlegen, verstiegen, irgendwie irreal empfunden: Geht so bestimmt nicht…
Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher, vieles ist ja schon geschehen, was im Plan stand. Zur Inspiration hier noch ein Langzitat, das mir der DLF hoffentlich nicht übel nimmt:
„In den schattigen Zwischenzonen des Internets, wo Silicon-Valley-Idealismus auf postdemokratischen Zynismus trifft, hat sich ein Denker etabliert, der wie kaum ein anderer den Zeitgeist der rechten Intelligenzija prägt – Curtis Yarvin, dessen Karriere unter dem Pseudonym Mencius Moldbug begann.
Yarvin ist kein Faschist, kein Populist, kein einfacher Ideologe – er ist ein Systemingenieur des Autoritären. Sein Vorschlag: Die liberale Demokratie sei ein irreparabler Codefehler – langsam, korrupt, uneffektiv. Was es brauche, sei ein „CEO-Monarch“, der ein Land wie ein Start-up regiert.
Der Bürger? Kein Mitbestimmer mehr, sondern Kunde mit Kündigungsrecht. Wählen könne man zwar noch, indem man umzieht in einen anderen souveränen Kleinststaat. Die Zeit der großen Nationen ist für Yarvin nämlich vorbei.
Was wie Science-Fiction klingt, ist längst politischer Wirkstoff: Seine Ideen durchdringen Netzwerke um Peter Thiel, J. D. Vance, Marc Andreessen – Männer mit Macht, Geld und einem Hunger nach Ordnung.
Dabei funktioniert Yarvins Theorie nicht nur als radikales Staatsmodell, sondern als ästhetisches Angebot: Es ist das Versprechen, jenseits der liberalen Langeweile etwas Großes, Reines, Starkes zu denken – autoritär, aber intelligent. Seine Leser sind junge Männer, ironisch gebildet, moralisch müde, süchtig nach Struktur.
Dass er damit heute Einlass zu Empfängen der Macht erhält – in Washington, bei der Biennale, in Thiels Wohnzimmer –, ist kein Unfall. Es ist das leise Klirren einer kommenden Ordnung, die keine Massen mobilisieren muss, sondern ein paar reiche Männer und ein bisschen Code.“
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Und sonst:
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2 Kommentare zu „Dringender Hör- und Lesetipp: Curtis Yarvin und die Versuchung der smarten Tyrannei (DLF)“.