Claudia am 19. Juli 2026 — 8 Kommentare

Dringender Hör- und Lesetipp: Curtis Yarvin und die Versuchung der smarten Tyrannei (DLF)

Als Trump am letzten Donnerstag seine „Rede an die Nation“ hielt und nicht etwa aktuelle Probleme thematisierte sondern über das Wahlsystem der USA schwadronierte, dachte ich gleich: Der will die Midterms angreifen, genau wie er immer noch von einer „gestohlenen Wahl“ spricht, als Byden und nicht er gewählt wurde.

Aber was heißt „angreifen“? Unsere Hauptmedien analysieren Trumps Behauptungen (z.B. ZDF) und seine Forderungen nach neuen Gesetzen, der SPIEGEL titelt „Mit dieser Rede legt Trump den Grundstein, um die Midtermwahlen anzuzweifeln“ (Text hinter Zahlschranke) – aber das Ziel ist ja nicht nur, dass irgendwer ein bisschen am Ergebnis zweifelt! Trump bereitet m.E. ein Art Putsch vor, denn er weiß, dass er bis zu den Wahlen nicht mehr aus dem Keller kommen, sie sogar krachend verlieren wird.

Zu dieser meiner Befürchtung passt die neue Sein-und-Streit-Folge des DLF von heute vormittag, die sowohl zum Nachhören als auch als Volltext vorliegt:

Curtis Yarvin und die Versuchung der smarten Tyrannei (DLF)

„Curtis Yarvin träumt vom Ende der Demokratie und einem amerikanischen Autokraten. Seine autoritären Ideen treffen den Nerv einer erschöpften Zeit und begeistern rechte Eliten wie Tech-Milliardär Peter Thiel oder US-Vizepräsident J.D. Vance. „

Ja, ich hatte schon vor diesem Feature das eine und andere von dieser „Zusammenarbeit“ interessierter Kreise zur Abschaffung der US-Demokratie gelesen, es aber insgesamt doch als zu entlegen, verstiegen, irgendwie irreal empfunden: Geht so bestimmt nicht…

Mittlerweile bin ich mir da nicht mehr so sicher, vieles ist ja schon geschehen, was im Plan stand. Zur Inspiration hier noch ein Langzitat, das mir der DLF hoffentlich nicht übel nimmt:

„In den schattigen Zwischenzonen des Internets, wo Silicon-Valley-Idealismus auf postdemokratischen Zynismus trifft, hat sich ein Denker etabliert, der wie kaum ein anderer den Zeitgeist der rechten Intelligenzija prägt – Curtis Yarvin, dessen Karriere unter dem Pseudonym Mencius Moldbug begann.
Yarvin ist kein Faschist, kein Populist, kein einfacher Ideologe – er ist ein Systemingenieur des Autoritären. Sein Vorschlag: Die liberale Demokratie sei ein irreparabler Codefehler – langsam, korrupt, uneffektiv. Was es brauche, sei ein „CEO-Monarch“, der ein Land wie ein Start-up regiert.
Der Bürger? Kein Mitbestimmer mehr, sondern Kunde mit Kündigungsrecht. Wählen könne man zwar noch, indem man umzieht in einen anderen souveränen Kleinststaat. Die Zeit der großen Nationen ist für Yarvin nämlich vorbei.
Was wie Science-Fiction klingt, ist längst politischer Wirkstoff: Seine Ideen durchdringen Netzwerke um Peter Thiel, J. D. Vance, Marc Andreessen – Männer mit Macht, Geld und einem Hunger nach Ordnung.
Dabei funktioniert Yarvins Theorie nicht nur als radikales Staatsmodell, sondern als ästhetisches Angebot: Es ist das Versprechen, jenseits der liberalen Langeweile etwas Großes, Reines, Starkes zu denken – autoritär, aber intelligent. Seine Leser sind junge Männer, ironisch gebildet, moralisch müde, süchtig nach Struktur.
Dass er damit heute Einlass zu Empfängen der Macht erhält – in Washington, bei der Biennale, in Thiels Wohnzimmer –, ist kein Unfall. Es ist das leise Klirren einer kommenden Ordnung, die keine Massen mobilisieren muss, sondern ein paar reiche Männer und ein bisschen Code.“

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Und sonst:

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Diskussion

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8 Kommentare zu „Dringender Hör- und Lesetipp: Curtis Yarvin und die Versuchung der smarten Tyrannei (DLF)“.

  1. Der will die Midterms angreifen, genau wie er immer noch von einer „gestohlenen Wahl“ spricht, als Byden und nicht er gewählt wurde.

    Ich könnte mir vorstellen, dass er damit auch sicherstellen wollte, dass die nächsten Präsidentschaftswahlen im Voraus entwertet werden und er somit am Ende seine eigene Präsidentschaft noch behält. Dem traue ich alles zu.

    Das Neue und Erschreckende sind im Grunde die finanziellen Mittel, die Trump selbst (durch Korruption) und seine Freunde Yarvin, Thiel, Musk, Zuckerberg, Bezos und so weiter zur Verfügung stehen. Wie selbstverständlich Döpfner Thiel den „Axel-Springer-Award 2026“ verleiht, passt zu einem Denken, das mich nur noch entsetzt. Es geht doch nicht um die Leistung eines Unternehmers, sondern um eine Botschaft, eine Politik, die alles was wir in vielen Generationen aufgebaut haben, zerstören wird. Ob man das nun Faschismus oder anders nennt, ist mir dabei schnurzpiepe. Das sind gefährliche Leute gegen die kein Kraut gewachsen zu sein scheint.

  2. Die dystopischen Technokratie des Silicon Valley fasziniert mich. Die 3-teilige Doku, bei der auch Jarvis vorkommt, habe ich in meinem kleinen Posting. https://buecherlei.de.cool/esb/misz81.htm#control

    Gestern hörte ich einen Vortrag zur Krise der Demokratie, wo der Redner auch die Tech-Elite aufgreift. https://buecherlei.de.cool/esb/misz84.htm#demokr

  3. „Aber was heißt „angreifen“?“

    Das frage ich mich übrigens gerade nach Lesen des ZDF Beitrags auch. Identitätsnachweis für Wähler, etwas was für deutsche Wahlen normal ist, soll im Falle der USA dann ein Angriff sein?
    Mir ist zwar klar, dass Amerikaner keine Personalausweis haben, aber dafür halt andere Mittel des Ausweises.
    Darüber hinaus scheint sein SAVE-Act ja noch nicht einmal Aussicht auf Erfolg zu haben.
    Und Wahlmaschinen sind imo tatsächlich problematisch. Dazu publizieren z.B. netzpolitik.org und/oder der CCC mittlerweile seit Jahrzehnten.

    Oder habe ich was übersehen und die Kernkritik bezieht sich auf etwas anderes?

  4. Hi Yossarian, er bereitet alles vor, um die Wahlen dann nicht anzuerkennen – mit welchen Folgen werden wir sehen. Momentan versucht er noch die Voraussetzungen zu schaffen, dass möglichst wenige überhaupt zum Wählen gehen (die „anderen Mittel“, um sich auszuweisen, müssten dann aber beim Wahlbüro anerkannt werden).

  5. @Claudia: Da sind wir wieder an dem Punkt der Systemfrage. In einer stabilen Demokratie mit einem funktionierendem Rechtsstaat und Gewaltenteilung sollte es egal sein, ob ein abgewählter Präsident meint seine Abwahl anerkennen zu müssen oder nicht, was es ja auch nachweislich bei Trump bereits war, denn die Anschuldigungen hatte er schon bei der vorherigen Wahl angebracht.
    Darüber hinaus habe ich jetzt mal versucht mich ein wenig in das Thema reinzulesen. Der SAVE Act ging am 10. Juli 2024 durchs Repräsentantenhaus (also schon mal nicht unter der Präsidentschaft von Trump), Quelle hier:
    https://www.congress.gov/bill/118th-congress/house-bill/8281
    Abstimmungsliste hier: https://clerk.house.gov/Votes/2024345

    Es scheint also ein Projekt der Republikaner zu sein. Das bestätigt sich auch, wenn ich mir anschaue wer die Personen sind, die sich dafür eingesetzt haben:
    https://www.billtrack50.com/billdetail/1736134
    Ich kann hier nicht erkennen, dass das eine reine Trump Idee war. Wenn dann müsste man den Republikanern in Summe unterstellen, dass sie die Wahlen zu ihren Gunsten beeinflussen wollen. Das ist wahrscheinlich noch nicht mal ganz abwägig, weil solche „Spielchen“ scheinen z.B. bei der Formung der Wahlbezirke in den USA durchaus nicht unüblich zu sein (jedenfalls nach dem, was ich dazu mitbekommen habe).

    Zu „andere Mittel“: Das Gesetz verpflichtet die Bundesstaaten dazu Verfahren einzuführen, die einen sicheren Identitätsnachweis ermöglichen. Das sind logischerweise dann auch solche Staaten, die von den Demokraten geführt werden. Wieso sollten die Verfahren etablieren, die nur den Republikanern helfen?

    Sorry, aber die ganze Geschichte wirkt auf mich völlig aufgebauscht (allein schon, weil es als gescheitert gilt). Es gibt wirklich verdammt viel an Trump zu kritisieren, aber niemandem hilft es, wenn man mit solch schwachen Nummern in die Offensive geht…

  6. Also ich hab das so kommentiert mitbekommen, dass das Gesetzt „hängt“, eben weil SELBST ETLICHE REPUBLIKANER es für schlechte Politik halten.

    Bisher hab ich schon allerlei gelesen, wie die Reps durch Neuzuschnitt der Wahlbezirke versuchen, die Dinge zu ihren Gunsten zu beeinflussen – woraufhin auch die Demokraten damit anfangen wollten, So ganz genau hab ich die Sache aber nicht weiter verfolgt, ich halte das US-Wahlsystem insgesamt für dysfunktional und mit vielen Mängeln behaftet. Historisch gewachsen noch dazu, was sich z.B. im System der „Wahlmänner“ zeigt, die man früher brauchte, weil es bei den weiten Entfernungen kaum machbar war, dass alle zum selber Wählen anfahren – heute natürlich eigentlich unnötig.

  7. Dann muss es einen Schwenk bei den Republikanern gegeben haben, denn laut Abstimmungsliste https://clerk.house.gov/Votes/2024345 ist das eindeutig eine republikanische Idee gewesen, die eine breite Unterstützung hatte.

  8. Übrigens noch als Ergänzung zum Thema Demokratie und in welcher Form sie gefährdet ist:
    In Deutschland gibt es mittlerweile immer mehr Fälle, wo AFD Mitgliedern durch Wahlausschüsse das passive Wahlrecht vorenthalten / entzogen wird. Angefangen hatte es in Ludwigshafen, aber das mehrt sich nun spürbar. Das ist eindeutig grundgesetzwidrig.
    Also kann man ja den Rechtsweg gehen oder?
    Nein, hat bisher leider nicht geholfen. Im Fall von Ludwigshafen bot das keine Abhilfe, da das Gericht einen Eilantrag abgelehnt hatte, wodurch eine Teilnahme von Joachim Paul an der Wahl praktisch nicht mehr möglich wurde.

    Trump ist weit weg, DAS passiert aber direkt vor unserer Haustür.

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