Claudia am 30. März 2004 — Kommentare deaktiviert für ENIGMA – oder WER ist der Andere?

ENIGMA – oder WER ist der Andere?

Nur selten erlebe ich ein Theaterstück. Die „Hochkultur“ der Opern, Konzerte, Theater, Museen und „Lesungen“ ist mir eher fremd geblieben. Wer da nicht „reinsozialisiert“ ist, fragt sich auch später nicht aus eigenem Antrieb: Sollte ich mal ins Theater gehen? Das, was ich mir dann doch ansah, weil Freunde mich mal mitschleppten, hat auch nicht recht begeistert. Die Geste der Klage und Anklage ödet mich an, das bemühte Skandalisieren und Provozieren ebenso. In Stücken aus ferner Vergangenheit schlafe ich fast ein, es erinnert mich an den Deutschunterricht, in dem es mir ebenso ging: Was will uns der Dichter damit sagen? Und dann dieses stockende Gewürge, wenn die Lehrerin versuchte, aus den uninteressierten Teenys ein Verständnis im Sinne eines „Zeitbezugs“ herzustellen – meist ohne Erfolg, denn wir lebten ja noch gar nicht „in unserer Zeit“.

Später dann faszinierte mich kurzzeitig die Berliner Schaubühne mit Stücken von Botho Strauss, inszeniert von Peter Stein. Da gab es „Zeitbezug satt“ – meist ging es um das Scheitern von Beziehungen, das ins Leere laufen aller Erwartungen an „den Anderen“, die Personen redeten grundsätzlich aneinander vorbei, und zwar so, dass das auch alle Zuschauer mitbekamen und sich im Spiegel sahen. Zwei, drei mal ist das ganz schön, aber DANN frage ich mich doch: Warum soll ich mir das immer wieder antun? Das „Bewusst machen“ dessen, was ist, ist ein endliches Vergnügen. Ich bin nun mal keine Dauerkonsumentin negativer Gefühle, sehe nicht ein, für den kunstvoll generierten Blick auf Scheitern und Hoffnungslosigkeit auch noch Geld zu bezahlen! Bye bye Theater, ich BRAUCHE dich nicht!

Neulich dann das Renaissance-Theater. Wieder hat mich ein Freund „mitgeschleppt“ und weil es ein Stück mit Mario Adorf war, ging ich das Risiko ein. Es war wider alles Erwarten ganz wunderbar, deshalb erzähl ich hier davon. Aber Achtung: Wer vor hat, das Stück noch anzusehen, sollte besser nicht weiter lesen! Denn es lebt einerseits von den genialen Schauspielern, aber auch von verblüffenden Wendungen, die natürlich nicht mehr verblüffen, wenn man sie schon kennt.

Als denn:

ENIGMA
Zwei-Personen-Stück mit Mario Adorf und Justus von Dohnányi
Regie: Volker Schlöndorff

Ein gealterter Großschriftsteller, Nobelpreisträger, hat sich auf eine Insel im Norden zurückgezogen, um den Banalitäten des Mensch-Seins möglichst ferne zu bleiben. Als sein 21. Buch ist soeben der Briefwechsel eines Liebespaars erschienen, das nur wenige Monate „im realen Leben“ zusammen war. Dann hatte ER, der Protagonist des „Romans in Briefen“ die Trennung verlangt – und dass die beiden ihre Leidenschaft nur noch schreibend leben, um sie so zu erhalten. SIE willigte letztlich ein und der Briefwechsel währte tatsächlich 15 Jahre. Wo er dann ohne Erklärung abbricht.

Einem Journalisten gelingt es, beim Literaturgenie einen Interviewtermin zu bekommen. Der Großschriftsteller hat das zwar vergessen, als er ankommt und schießt zunächst auf ihn – aber der Besucher erreicht das Haus doch noch lebend. („Wenn Sie vor meinem Haus sind, sind Sie der Feind, wenn sie drin sind, mein Gast“).

Es entspinnt sich ein vielschichtiger Dialog mit mehreren „Schocks“, die jeweils die Grundlagen der Situation vollständig verändern. Dabei staunte ich über die drastischen Bezüge zu philosophischen „Netz-Themen“, ohne dass je explizit ein Bezug zu „Real bzw. Virtual Life“ hergestellt wird.

In den Dialogen des Stücks wird Literatur und Leben, Wahrheit und Lüge genial diskutiert und variiert. Das „Erlebte“ bzw. Geschehen der Geschichte ist dann aber weder Wahrheit noch Lüge, ist beides und nichts davon, sondern vollendete Virtualität. Das „Virtuelle“ entfaltet sich in einer Reihe aufeinander folgender „Schocks“, die jeweils die Realität völlig neu und anders darstellen.

Und das geht so:

Eingangs löchert der Journalist den Schriftsteller, er möge doch zugeben, dass der Briefwechsel etwas mit seinem Leben zu tun hat. Was dieser entrüstet abstreitet (Literatur ist „Erfindung“, ist Poesie, nicht schnöder Alltag…) – später aber doch zugibt, um das Interview zu verlängern. Offensichtlich freut er sich doch, mal ein Gegenüber zu haben, ist in Wahrheit nicht ganz glücklich auf seiner einsamen Insel im Norden, wo es sechs Monate Tag und sechs Monate Nacht ist.

Es stellt sich heraus, dass der Journalist aus derselben Stadt kommt (und wohl nur deshalb diesen Termin bekam!), wie die ferne Geliebte des Schriftstellers. Ja, er kennt sie sogar – es ist nur eine recht kleine Stadt.

1. Schock

Auf einmal outet sich der Journalist als Ehemann der fernen Geliebten. Vor 15 Jahren (!) haben sie geheiratet..

Der Schriftsteller ist durch diese Nachricht zunächst etwas verstört, dann aber schwer erbost: War es doch über all die Jahre eine wahrhaftige, intensive und umfassende Kommunikation! Sie schrieben sich täglich, erzählten sich ALLES! Und nun muss er erkennen, dass SIE ihm diese Ehe verschwiegen hat. Er entrüstet sich, hadert, tobt, wütet – und gibt dem Jüngeren auf, ihr all seine Vorwürfe zu überbringen. Sie könne auch gerne alle Rechte und Einnahmen am Buch übernehmen, schließlich sei SIE die Autorin, die Lügnerin!

Der Journalist muss das ablehnen, denn

2. Schock

Helene ist TOT! Nach ihrem Tod hat er die Briefe in ihrem Schreibtisch gefunden. Auch die, die sie NICHT abgeschickt hat. Die, in denen sie mehr Nähe und Miteinander verlangt hat als bloß diese Schreiberei. Er überreicht dem Älteren dessen ungeöffnete Briefe aus den letzten Monaten.

Der Schriftsteller bricht nun zusammen, trauert, bedauert – und willigt ein, seine Insel zu verlassen und dem Witwer in die kleine Stadt zu folgen, um IHR Grab zu besuchen. Betont allerdings, dass er lediglich „wegen Helene“ diese Reise unternehme, dass zwischen ihnen beiden niemals so etwas wie Freundschaft sein könne…

Nichtsdestotrotz lässt er sich von dem Jüngeren die Tasche packen, ist selber zu unbeholfen, das Miteinander wirkt jetzt sehr anrührend, fast liebevoll.

Beiläufig dann, beim Hinaus-Gehen, lässt der Jornalist (der seine Zeitung nur erfunden hat) die nächste Bombe platzen:

3. Schock:

Helene ist tot, ja. Sie starb vor zehn Jahren an Krebs. Er fand die Briefe, schlüpfte in ihre Rolle und schrieb sie weiter – SO blieb sie für ihn noch „irgendwie lebendig“.

Der Großschriftsteller ist nun wahrhaft verstört. Schwer irritiert. Seit zehn Jahren korrespondiert er also nicht mit „Helene“, sondern mit ihrem Witwer! Fassungslos greift er zu Buch 21 und zitiert daraus erotische Stellen (Ich streichle deine Schenkel, spürst du das Kribbeln, dort, wo das Weiche beginnt?): „Und DAS haben SIE geschrieben?“

Ja, er hat. Und fragt unschuldig: „Bei mir ist das so, bei Ihnen nicht?“

**

Was für ein wunderbares Stück! Für diejenigen, die einer klaren Botschaft bedürfen, fällt der Satz „Die Liebe hat kein Geschlecht“. Gewiss, das ist ein Aspekt des Ganzen, doch für mich transportiert es viel mehr. Ich erinnerte mich auf einmal an die Enttäuschung, als ich vor vielen Jahren jemanden traf, mit dem ich bereits Monate lang Mails getauscht hatte. Er war nicht etwa unsympathisch, hässlich, verschroben oder sonst etwas, das meine Enttäuschung hätte begründen können. Er war nur einfach anders als der, den ich mir „imaginiert“ hatte! Deutlich anders. Ich fiel in eine Art emotionales Loch, denn: WO war jetzt dieser Andere, mit dem ich mailend eine starke Beziehung entwickelt hatte? Trauer überkam mich – fast, als wäre jemand gestorben, doch es war im Grunde schlimmer als das: Es hatte ihn NIE GEGEBEN!!!

Wer ist „der Andere“? Hat er eine eigene Wirklichkeit, oder ist er vollständig das, was ich mir erdenke, vorstelle, imaginiere? Die Frage gilt keinesfalls nur in Bezug auf Brief- und Mailbeziehungen, dort ist sie lediglich besonders gut erlebbar. Der ANDERE – bin ich das letztlich selbst? Ein Rätsel, ein Geheimnis: ENIGMA.

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Claudia am 28. März 2004 — Kommentare deaktiviert für Das Irrationale

Das Irrationale

Sonntagmorgen. Die Welt ist seltsam still, der Himmel verhangen, nur selten höre ich ein Auto vorbei fahren. Ich trinke Kaffee, arbeite einige Mails ab, die in der Woche liegen geblieben sind. Starre auf den Eingangsordner, während sich die SPAM- und Virenmails mit ihren voluminösen Anhängen hereinquälen – ob es noch mal dazu kommen wird, dass man gar nicht mehr mailen kann?

Das soll mich jetzt nicht interessieren! Sechs Stunden Zeit liegen vor mir, die ich nutzen will, um liegen gebliebenen Papierkram zu erledigen. Hinterher werde ich ein gutes Gefühl haben: Alles wieder im Griff, alle Bälle zurück gespielt, Behörden und andere „Gegner“ mit Stoff versorgt: ich werde wieder „im Reinen“ sein. Nicht mit mir, aber mit denen, die etwas von mir wollen, das aus dem täglichen Tun heraus fällt.

Warum nur fällt es mir so schwer, diese Dinge rechtzeitig zu erledigen? Warum lasse ich immer wieder kleine und mittlere Stapel auflaufen, die mir dann dieses unangenehme Gefühl des „Ich müsste jetzt aber…“ geben? Je höher so ein Stapel wächst, desto weniger erinnere ich mich an seine einzelnen Vorgänge und Inhalte. Dadurch verstärkt sich das miese Gefühl noch einmal, denn es entgleitet das Wissen darum, „was droht“. Und Ungewissheit ist eine der stärksten Drohungen, der sich das verwaltete Individuum ausgesetzt sieht.

Selber schuld. Immer wieder. Warum mache ich es nicht endlich besser? Es kann doch kein Problem sein, die wenigen Schriftstücke und Formulare, die ich so pro Vierteljahr an die Welt verteilen muss, rechtzeitig zu verfassen! Statt dessen folge ich den Impulsen des Augenblicks – und zwar ganz besonders dann, wenn ich „den Papierberg“ vor mir sehe.

WER ist das, der sich so verhält? Immer, wenn Sein und Sollen (oder auch Sein und Wollen) auseinander klaffen, stellt sich diese Frage neu. Bin ich vielleicht nicht eine, sondern zwei oder gar viele Personen? Diese Antwort kann recht inspirierend sein: Ich gebe den einzelnen Wesensteilen, die sich so unterschiedlich ausdrücken, verschiedene Namen und beobachte, wann sich welcher Aspekt an die Steuerknüppel des Daseins drängt. Anstatt alles, was jenseits des „vernünftigen Denkens“ lebt und handelt, zu verurteilen und wegdrängen zu wollen, schließe ich Frieden mit „Mrs. Hide“. Es fließt dann keine Energie mehr ins Verdrängen und Verleugnen, das ist schon mal ein Fortschritt. Ja, ich bin nicht nur „die Vernünftige“, die immer alles problemlos hinbekommt. Ich bin auch die Ver-rückte, die sich gehen lässt, die nicht ans Morgen denkt und aus dem Augenblick heraus dies und das anstellt – oder einfach nur „stört“, z.B. wenn’s ums Abarbeiten ungeliebter Verwaltungsdinge geht.

Eine andere Antwort wäre: Da ist gar nichts: kein „Ich“ nirgends! Das Ich ist nur ein Gedanke – was ja auch den Tatsachen, den „Hard Facts“ entspricht. Und als Teil des Denkens ist die Wirkungsmächtigkeit dieses Gedankeninhalts eben äußerst beschränkt: es gibt das „Ich“ genauso lange, wie ich es denke. Drastisches Beispiel: Wenn jetzt neben mir der Blitz einschlägt, gibt’s in diesem Moment KEIN ICH. Es gibt nur Gewahrsein und das Geschehen – wobei die Frage, ob Gewahrsein/Geschehen noch zwei verschiedene „Tatsachen der Welt“ sind, philosophisch zwar interessant ist, aber in diesem Augenblick gänzlich unwichtig.

Bringt mich diese Antwort weiter? Ja und nein. Sie ist einfacher als die Vorstellung des „inneren Zoos“, diese Versammlung unterschiedlicher Wesensteile, denen ich ja doch wieder in der Haltung eines „Dompteurs“ gegenüber stehe. Und Einfachheit ist ein hoher Wert. Andrerseits enteignet sie mich weiter: Immer nur im Denken bin „ich“ da – der große Rest ist einfach Geschehen, aus dem heraus immer wieder das Denken aufblitzt. Veränderungen sind nicht machbar, sagte mir heut morgen ein Freund am Telefon. Alles Geschehen verhält sich im Gegenteil so wie ein Fluss: Jahrelang fließt das Wasser über Geröll – und irgendwann ist der Untergrund dermaßen gelockert, dass der Stein ganz plötzlich aus seiner bis dahin festen Lage fällt und in eine neue Situation gerät.

Ich werde jetzt eine Runde um den Block laufen. Und dann, sofern sich das Denken durchsetzen kann, die Umsatzsteuervoranmeldung machen – endlich!

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Claudia am 24. März 2004 — Kommentare deaktiviert für Genug gefastet

Genug gefastet

Eine Woche gefastet, drei Kilo abgenommen, raus aus den achtlosen Gewohnheiten beiläufiger Völlerei. Es war gut, aber für dieses Mal hat es mir gereicht. Fastend erlebe ich eine Verlangsamung, eine „meditative Verinnerung“, die mich psychisch und geistig vom Alltag abzieht. Sie lenkt den Blick auf das Wesentliche, stellt alles in Frage, lässt mich immer wieder inne halten – ein Zustand, den ich am Fasten eigentlich schätze, doch diesmal spürte ich, dass ich ihn nicht verlängern oder vertiefen will. Hätte ich eine Arbeit, die mehr Routine beinhaltet, wäre es vielleicht anders. So aber kehre ich gerne in die „Welt der Essenden“ zurück.

Trotz der Kürze hat mich das Fasten inspiriert: ich verfolge eine neue Idee, die den bisherigen Rahmen meiner Netz-Publikationen erweitern und bereichern wird. Ja, für „etwas Neues“ in 1000 Gestalten ist Fasten genau richtig, es untergräbt die verfestigten Denk- und Fühlweisen des Gewohnten und öffnet für neue Möglichkeiten. Mich dann aber tatsächlich aufraffen, neben dem Alltäglichen auch das Neue umsetzen (und endlich mal meinen aufgelaufenen Verwaltungskram abarbeiten), dazu brauch‘ ich Kraft, Willen, Konzentration.

Ich stellte fest, dass mir fastend das Gefühl der „Kraft“ nicht mehr so ohne Weiteres zur Verfügung stand. Als hätte ich eine Rüstung abgelegt, die ich für den alltäglichen „Kampf uns Dasein“ und auch fürs kreative Spielen brauche. Aus früheren Fastenzeiten weiß ich, dass dieses Empfinden nicht physisch bedingt ist, sondern auf Gedanken beruht. Es schlägt bei längerem Fasten wieder um in andere Formen von „Stärke“. Doch darauf zu warten hatte ich keine Geduld: zu drängend erscheinen mir die Dinge, die ich abarbeiten und angehen muss. Mir fehlt die „äußere Ruhe“, um mich intensiver aufs Fasten einzulassen.

Beeindruckt hat mich auch die soziale Bedeutung des Essens, die erst richtig bewusst wird, wenn ich es mal ein paar Tage weglasse. Was tut man mit einem oder mehreren anderen Menschen, wenn „nichts Besonderes“ anliegt? Man geht essen. Irgendwie reicht es nicht, einfach da zu sitzen und zu reden, es fehlt das gemeinsame Erleben von etwas „Drittem“. Gemeinsam speisen ist das Simpelste, ohne Anstrengungen und Irritationen zu verwirklichen. Alle tun es, es bedarf keiner Begründung. Wogegen fast alle anderen physischen Aktivitäten (laufen, tanzen, Sex, massieren, singen…) eine spezielle Beziehung oder besondere Vorbereitungen und Umgebungen benötigen. „In Bewegung kommen“ ist deshalb erst mal ein einsames Unterfangen, gesellschaftlich kaum unterstützt.

Jetzt werde ich frühstücken. Ein bisschen Obst reicht mir für den Anfang.

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Claudia am 19. März 2004 — Kommentare deaktiviert für Fasten, Tag 5: Kein Schreiben „zum Termin“

Fasten, Tag 5: Kein Schreiben „zum Termin“

Die Idee, hier anzusagen, dass ich alle zwei Tage schreibe, solange ich faste, ist ein ziemlicher Flop. Diary-Schreiben ist die freieste meiner öffentlichen Aktivitäten, gerade hier ein Terminkorsett zu platzieren, wirkt kontraproduktiv. Wenn ich schreiben muss, weil ich es versprochen habe, fällt mir zum richtigen Zeitpunkt nichts ein – jedenfalls nichts, was ich wirklich sagen möchte. Klar, ich könnte ausführlich über „Darmreinigung“ schreiben oder andere „Fasten-Themen“, nur um Wort zu halten – aber so würde mir das Diary zur Auftragsarbeit! (was sein Ende wäre, schließlich bezahlt mich hier niemand).

Ich nehme also Abstand von dieser Idee und schreibe weiter, wann immer ich Lust habe.

Die Lust zum Schreiben ist schon vorhanden, deutlich mehr als sonst, doch ergießt sie sich gerade eher in Privatmail. Ein persönliches Gespräch ist oft der „Anstoß“ für einen Diary-Artikel zu einem „Herzblut-Thema“ – aber der kommt dann verzögert, in anderem Gewand, und gewiss nicht nach Terminplan.

Gestern fuhr ich mit U-Bahn und Bussen durch die halbe Stadt. Dabei ist mir verschärft aufgefallen, dass an allen Orten, wo die Bewegung stockt, Imbisstände stehen. Einfach irgendwo stehen bleiben und nichts tun, wie etwa an einer Bushaltestelle, ist offensichtlich so unerträglich, dass es viele vorziehen, jetzt etwas zu essen. Mich erinnert das an die zunehmende Zwangsbeschallung: bloß nirgends Stille aufkommen lassen! Neuerdings ist auch in der Sauna meines Fitness-Centers Musik – und auch im „Ruheraum“.

Vor was hat man eigentlich Angst?

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Claudia am 19. März 2004 — Kommentare deaktiviert für Fasten, Tag 2: Einstieg mit Hindernissen

Fasten, Tag 2: Einstieg mit Hindernissen

Eigentlich wollte ich schon vorgestern mit dem Fasten beginnen. Auch erst mal gut gestartet: nach dem Aufstehen kein Kaffee und keine Zigarette, sondern Wasser, Tee, ein Löffel Honig. Im Bioladen kaufte ich Gemüsesaft, Gemüsebrühe und „Kindersaft“, eine Obstsaftmischung, die ich sehr gerne mag. Mittags Brühe, vor- und nachmittags ein Glas Saft – das ist „Buchinger-Fasten“, schonender als das totale Fasten, das nicht mehr so empfohlen wird.

Der völlige Verzicht auf die üblichen Gifte fiel mir nicht schwer – am Vortag hatte ich zum „Abschied“ vom ungesunden Leben ein kleines Fest mit mir selbst und einer Flasche Weiswein veranstaltet. Das nimmt die Lust auf Rauchen am nächsten Morgen erst mal weg und auch nach Kaffee, meinem üblichen Wachmacher, gelüstete es mich nicht.

Schon nach wenigen Stunden spürte ich „die Umschaltung“: es war, als hätte die Zeit sich ein wenig verlangsamt. Alle körperlichen Empfindungen wurden stärker, draußen tobte der Frühling, mein Interesse, vor dem Monitor zu sitzen, sank, und so gönnte ich mir schon bald einen Spaziergang, der im Fitness-Center endete: nicht an den Geräten, sondern in der dortigen wunderschönen Sauna. Ich genoss die Reinigungsrituale, das Schwitzen, das kalte Wasser, das Abliegen in Nahezu-Trance – wunderbar! Hinterher ging ich gleich noch zum Frisör, ließ acht Zentimeter Haare abschneiden, fühlte mich leichter und leichter und wanderte dann durch die sonnigen Straßen Richtung Heimat.

Und dann plötzlich der Einbruch: ich kam an einer Metzgerei vorbei und wurde von eine Welle heftigen Appetits geradezu überwältigt. Gier hatte mich im Griff – erst widerstand ich noch, ging weiter, kaufte in einem kleinen Lädchen etwas ein – und dann kehrte ich doch um, betrat die Metzgerei und verfiel dort kurzfristig einer letzten Völlerei!

Was hatte mich bewegt, das geschehen zu lassen? Natürlich die plötzliche Gier aufs Essen, doch sie allein kann erfahrungsgemäß nichts ausrichten, mein Geist muss „ja“ dazu sagen. Ich hätte bloß weiter gehen müssen und nach wenigen Minuten wäre die Anwandlung verflogen. Warum gab ich also nach? Ich erinnere mich nur an den totalen Unwillen, zu kämpfen. Keine Lust darauf, mich als gespalten zu empfinden in diejenige, die jetzt einen Imbiss will und die Andere, die sagt: Nein, du sollst doch fasten!“ Ich soll überhaupt nicht, ich will – und wenn ich das Gefühl des „ich will“ nicht durchgängig verspüre, dann lasse ich es lieber.

Also gut, ich verbuchte es unter „letzte Sünde“ und verbrachte den Rest des Tages „vorschriftsmäßig“. Als ich dann jedoch abends mit einem Freund aus dem Theater kam und wir durch die warmen, frühlingshaften Straßen wanderten und nicht recht wussten, was tun, hing ich das Fasten-Vorhaben für diesen Tag an den Nagel und ging doch noch mit ihm Essen. Komischerweise hatte ich jetzt keinen Appetit mehr und aß nur eine Kleinigkeit.

So war mein Einstiegstag also volle Kante gescheitert, und ich fragte mich ernsthaft: Will ich wirklich fasten? So ein Fragen heißt nicht Grübeln, es ist eher eine Art In-mich-hinein-horchen. Gerade Fasten kann ich nicht einfach „machen“, denn es greift tief in alle Wesensteile ein. Wenn dann ein Teil von mir der Meinung ist, dass es nicht in Frage kommt, ist der Kopf letztlich machtlos. Klar, man kann sich mühevoll kasteien – aber das ist nicht das Fasten, das ich meine. Schließlich hab‘ ich mich danach gesehnt!

Seit gestern morgen nun bin ich „drin“. Die Saft-, Brühe-, Tee- und Honig-Zufuhr verlief zwar noch ein bisschen chaotischer als „nach Vorschrift“, aber das störte mich nicht: besser ein holpriger „Übergang“ ins Fasten, als wegen marginaler Startschwierigkeiten den Versuch abbrechen.

Jetzt stimmt soweit alles, nur vom Rauchen bin ich noch nicht ganz weg. Auch das wird noch geschehen, am Wochenende, wenn ich viel Zeit habe, mich zu bewegen und das „andere Gefühl“ zu genießen, das mich schon aufgrund der bisherigen „Verzichte“ tief verändert. Zum Beispiel ist die Wirkung von Kaffee wirklich heftig! Das merke ich erst, wenn ich ihn weglasse: erst mal eine stundenlange Fast-Trance, ein „ausgelaugtes“ Körpergefühl: offensichtlich ist dann jede Zelle damit beschäftigt, ihren Stoffwechsel umzukonfigurieren – und das schlaucht. Schlaucht aber auf eine angenehme Weise, fast so, als wäre man nach einer Gartenarbeit „rechtschaffen müde“.

Die Notbremse ziehen

Und nun zum Wesentlichen: Ich bin wirklich froh, die Kurve doch gekriegt zu haben! Erst das Abseilen von all den täglichen „Inputs“ zeigt mir, wie extrem ich in letzter Zeit am Äußeren gehangen habe, wie sehr ich „aus dem Kopf“ lebte. Damit meine ich diese Nichtachtung des Ganzen, wenn ich arbeite oder sonst etwas Zielgerichtetes tue: das MUSS jetzt – und wenn die „anderen Wesensteile“ ihr Recht verlangen, werden sie mit irgend etwas gestopft! Fastend bestehen zunächst all diese Gewohnheiten weiter: ganz automatisch kommt mir die gewohnte Idee, jetzt an den Kühlschrank zu gehen, und… aber es ist bereits nur noch ein Gedanke, den ich mit Verwunderung betrachte. Wer Fasten kennt, weiß, dass man ab dem zweiten, dritten Tag keinen Hunger mehr hat: der Körper schaltet auf Selbstversorgung um und lebt problemlos von seinen angesammelten Reserven. Da ist also einerseits die Idee, etwas zu essen, doch gleichzeitig ist deutlich spürbar, dass der Körper nicht danach verlangt. WER will das also? Wozu brauch ich das?

Es ist fast nie der physische Hunger, der mich treibt, mir irgend etwas einzuverleiben (den warten wir in der Regel gar nicht ab). Sondern eher ein „Erlebnishunger“, bzw. ein Ablenkungsbedürfnis. Das, was ist, scheint „nicht genug“ – und anstatt diesem „Nicht-Genug“ nachzuspüren, es anzusehen, darin zu verharren, bis es mehr von sich erzählt, wähle ich normalerweise das Essen. Etwas fehlt, also nehme ich etwas zu mir. Essen ist das Selbstverständlichste, die schnelle Lösung für Missempfindungen aller Art: ich gönn mir erst mal was! Es ist auch eine Art, sich selbst zu streicheln und zu belohnen, es braucht dazu keine Anderen und keine Fantasie, keine Konzentration und keine große Achtsamkeit.

Und „Essen“ ist nur die deutlichste Form, so zu verfahren. Genauso verhält es sich mit Rauchen, Trinken, die Glotze einschalten – auch „E-Mail abrufen“, auf Webseiten herum surfen und Zeitung lesen kann so benutzt werden. Irgend etwas in mir giert nach mehr, nach Anderem, nach Veränderung des Status Quo – und anstatt mich darauf einzulassen, probiere ich ein Pflaster nach dem anderen aus. Und keines hilft nachhaltig, denn auf diese Weise wird der Grund des Geschehens gar nicht berührt.

Natürlich faste ich jetzt auch, um mein Sommergewicht zu erreichen – zum Winter hin hab ich mir ein paar Kilo zuviel angefressen, die mich wirklich belasten. Hauptsächlich aber sehe ich dieses Fasten als eine Art „Notbremse“: Es katapultiert mich heraus aus dieser schlampigen und unachtsamen Art, mit mir und meinem täglichen Leben umzugehen, rettet mich aus der völligen Veräußerung, in die ich über den Winter zunehmend geraten bin. Ohne mich groß dem entgegen zu stellen. Ich bin wie gesagt nicht bereit, dauernd „mit mir zu kämpfen“. Lieber gehe ich in alles tief hinein, auch ins Schädliche und Ungesunde, bis es seine Folgen spürbar ausbreitet – erst dann sind auch „die anderen Wesensteile“ bereit, Änderungen mitzutragen. Das mach‘ ich schon immer so und bin damit in Frieden. Ja, es scheint mir der effektivste Weg zur Veränderung – für mich.

Heute abend geh ich ins „Liquidrom“: Klassische Musik unter Wasser. Man lässt sich in einem großen Schwimmbad treiben und von unten her kommt die Musik. Eine Sauna gibt’s auch. Ich war noch nie dort, doch jetzt bin ich auch durch das Fasten motiviert, neue Dinge zu erleben. Und wenn diese Tabak-Packung alle ist, ist auch mit Rauchen Schluss – dann werde ich der Leere noch intensiver begegnen als bisher.

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Claudia am 14. März 2004 — Kommentare deaktiviert für Frühlingserwachen – erst mal allein

Frühlingserwachen – erst mal allein

Was für eine unangenehme Jahreszeit! Immer schon ist mir diese Phase ein Graus: nicht mehr Winter, aber noch nicht Frühling. Gelegentlich spürt man einen Hauch des Kommenden, fast nur ein Versprechen – und dann zieht sich das doch noch etliche Wochen hin. Es gibt da einen deutlichen Unterschied zwischen dem Norden Deutschlands und den südlicheren Gefilden, in denen ich aufgewachsen bin. Vielleicht erlebe ich es deshalb so genervt, weil ich „eigentlich“ der Meinung bin, Frühling solle im März beginnen. Und gleich richtig!

Die Jahreszeit als Grund für allerlei Missbefindlichkeiten anzusehen, ist dem Seelenfrieden dienlich. Ich muss dann nicht groß grübeln: Was ist nur mit mir los? Was könnte ich dagegen tun? Sondern ich gehe davon aus, dass es sowieso vorüber gehen wird, ganz von selbst.

Und doch: ganz reicht mir das zur Zeit nicht. Zwar sind die im letzten Beitrag erwähnten „Sitzprobleme“ derzeit im ertragbaren Rahmen, ich kann meine Arbeit machen, ohne dabei sehr zu leiden. Aber insgesamt ist irgendwie der Wurm drin. Die Harmonie zwischen den einzelnen Arbeiten (Webdesign, Schreibkurse), meinen sonstigen Aktivitäten (Diary, Mailinglisten, privates Schreiben, Coachingrunde Berlin) und allem, was ich diesseits des Monitors tue bzw. tun könnte und sollte, ist deutlich gestört. Der Berg an unerledigtem Papierkram spricht Bände – selten hab ich mich solange diesem Reich der Notwendigkeit verweigert. Na, zum Glück nicht ganz, ein bisschen geht’s schon voran. Aber der „grüne Bereich“, in dem ich mich wohl und up-to-date fühle, ist noch ein ganzes Stück weit weg.

Die Gesundheitstipps, die ich zum Thema „zuviel Sitzen und die Folgen“ erhielt, sind durchweg gut und bedenkenswert. Einiges werde ich vielleicht ausprobieren, danke jedenfalls allen herzlich, die dazu etwas geschrieben haben, im Forum oder privat.

Tatsache ist, dass es (leider!) kein „Wissensproblem“ ist, wenn ich über eine längere Zeit so „disharmonisch“ herum lungere und mich mit allerlei Defiziten und Zipperlein herum schlage, nicht richtig in die Gänge komme, zerstreut und unkonzentriert bin, von diesem zu jenem hüpfe, anstatt die Dinge richtig, freudig und vollständig zu erledigen und sie dann hinter mir zu lassen. Es ist eine Art Motivationsloch, eine Leere an der Stelle der Psyche, von der ich üblicherweise meine Kraft und mein Engagement beziehe. Ich bin nicht be-geistert, bzw. immer nur viel zu kurz und sprunghaft, sondern der Geist ist unruhig und zersplittert.

Was tun? Ich weiß, dass ich im Grunde nichts tun kann. Jedenfalls nicht auf dieselbe Weise, wie man ein äußeres Problem üblicherweise löst: Da tropft der Wasserhahn, also muss eine neue Dichtung rein. Das funktioniert hier nicht, denn „ich selber“ bin kein durchschaubares und zur Gänze überblickbares System, dem nur irgendwo ein Teil oder ein Schmiermittel fehlt. Ich glaube nicht dran, dass diese oder jene konkrete Veränderung wirklich hilft, ich weiß ja nicht einmal, was „helfen“ hier eigentlich bedeuten könnte. Aber – das weiß ich sicher – es wird den Zeitpunkt geben, an dem ich feststelle: es ist vorbei!

In Bewegung kommen

Wenn es kein konkretes „Tun“ gibt, das sich anbietet, um einen missliebigen Zustand zu verändern, dann liegt es nahe, zumindest etwas zu lassen: Mal alles, was „herein kommt“ auf ein Minimum herunter fahren und so der gesamten Leiblichkeit (Körper + Psyche + Geist) die Chance geben, aus sich heraus mittels der dann weitgehend ungestörten Lebenskraft ins Lot zu kommen.

Es passt, dass der Schreibimpulse-Kurs „Frühlingserwachen: Fasten, Schreiben und in Bewegung kommen“ nicht zustande gekommen ist. Es gab zu wenige Anmeldungen und einige weitere Interessenten wollten zwar die Themen (Gesundheit, Schönheit, Fitness…), aber nicht selber fasten. Also hab ich den erst mal abgesetzt und darüber nachgedacht, wie ich ihn umkonzeptionieren könnte: Fasten nur als Möglichkeit, aber nicht als „Gruppenzwang“ – oder vielleicht auch ganz ohne Bezug zum Fasten.

Dieser Kurs war einfach nur „eine gute Idee zum Thema Frühling“ gewesen. Dass er nicht zustande kam, zeigt mir, dass die immer angestrebte „Einheit von Leben und Arbeiten“ nun tatsächlich weit gediehen ist: Womit ich selber noch Probleme habe, womit ich aktuell selber kämpfe, das kann ich nicht allen Ernstes als Kurs anbieten! Natürlich wäre es möglich, das einfach im selben Stil wie die anderen Kurse „durchzuziehen“, vermutlich würde kein Teilnehmer merken, dass mein persönliches Sein in Bezug auf die Kursthemen gerade selber im Argen liegt. Schließlich hab ich schon gefastet und mich mit all diesen Themen des öfteren auseinander gesetzt. Und doch: es genügt nicht!

Dass der Kurs nicht zustande kam, liegt oberflächlich gesehen ja z.B. daran, dass ich ihn nicht so beworben habe, wie es hätte sein müssen, um genug neue Interessenten für dieses Thema zu finden. Warum wohl nicht??? Weil ich mir selbst nicht klar und sicher war, was ich da will, was ich da suche und was ich geben kann. (Und ob ich wirklich FASTEN will…) Völlig anders als in den anderen Kursen, in deren Themen ich schwimme wie ein fröhlicher Fisch im Wasser. Transfer 2004, das Philosophieren und Visionieren zum Jahreswechsel, war so genau „meins“, dass ich den Kurs gleich fürs nächste Jahr auf die Website setzte und sogar schon Anmeldungen habe. Auch „Kommunikation im Internet – Webdiarys und mehr“ werde ich wieder ansetzen – es ist ein Thema, in dem ich weiß, was ich tue und was ich vermitteln will. Kann es auf tausenderlei Weise variieren – kein Problem!

„Fasten, schreiben und in Bewegung kommen“ muss ich aber wohl erst mal selber. Nur für mich. Und JETZT hab ich auch Lust dazu. Alles weglassen, was belastet, was ablenkt und durcheinander bringt: das Essen, das Rauchen, jegliche geistigen Getränke und andere Genussgifte – allenfalls Tee werde ich gelegentlich trinken, falls ich das Gefühl bekomme, allzu sehr in meditative Trance zu fallen. Und natürlich mich bewegen! Wobei es nicht darum geht, einfach ein Programm durchzuziehen, das ich mir immer mal wieder verordne und es dann doch nur kurz durchhalte, sondern auf die Suche nach der FREUDE in der Bewegung zu gehen. Das braucht Fantasie und Konzentration – und dafür ist dann auch Zeit und Energie da, die ich sonst mit Essen, dessen Einkaufen und Zubereiten verbringe.

Und ich werde darüber schreiben, hier im Diary. Täglich, oder zumindest jeden zweiten Tag.

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