Thema: Leben & Arbeiten

Claudia am 22. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Kleine Mitteilungen am Rande

Kleine Mitteilungen am Rande

Krieg

Eigentlich sind große Worte gefragt, ich weiß. Ein Leser mailte mir: „Du schweigst zum Irak-Krieg? Ich mag dich trotzdem!“ Sorry, mir ist nicht danach und ich werde mich jetzt auch nicht zu „Stellungnahmen“ aufraffen. Es reicht mir schon völlig, wieder zu erleben, wie der Geist des Krieges Mailinglisten und Webforen ergreift. Es verschlägt mir jede Lust, dazu etwas zu schreiben. Zumindest für jetzt.

Gespräch

Im Forum ist ein philosophisches Gespräch ausgebrochen. Eines von der Art, das jeden Bezug zum eigenen Leben, zum Hier & Jetzt in Windeseile hinter sich lässt. Im Beitrag „Achtung, Philosophen“ versuche ich, es ein wenig einzudämmen.

Go East

Im Diary wird es einen Gast-Autor geben: Danny Fundinger zieht für ein paar Monate nach Russland, um dort zu leben und zu arbeiten. Seine gelegentlichen Berichte, die er von einer Südamerika-Tour an Bekannte schickte, haben mir so gut gefallen, dass ich anlässlich der ersten aktuellen Mail „Der lange Weg nach Russland“ auf die Idee gekommen bin, die neue Serie im Diary zu bringen. Er ist einverstanden, also: demnächst an dieser Stelle!

Rauchen & Selbst

Seit fast zwei Wochen rauche ich wieder. Nach zehn Monaten „ohne“ wundert das, auch mich hat es verwundert, zu erleben, wie ich ohne Stress, ohne Konflikt, ohne „belastende Situation“ auf einmal Zigaretten kaufte. Da ich aber zur Zeit auf allen Ebenen meinen Impulsen folge, um mir anzugucken, was es mit ihnen auf sich hat, machte ich keinerlei Versuche, mich zu bezähmen. Und siehe da: es gibt immer noch etwas zu entdecken!

Rauchenderweise arbeite ich seither mit einer Leichtigkeit und Begeisterung, die ich gar nicht mehr von mir kannte. Ich tanze auf verschiedensten Hochzeiten, plane ein tolles neues Projekt, nehme lange vernachlässigte Fäden auf, mache mich an die Neugestaltung einiger Webwerke, die es nötig haben, schreibe viel und bediene mehrere Kunden gleichzeitig. Alles geht leicht von der Hand, strengt mich nicht mehr an, nichts zieht mich ständig „ab in die Sauna“ – ein ganz bestimmter „Elan Vital“, der mich lange verlassen hatte, ist zurück! Ich dachte schon, es sei das zunehmende ALTER und ich müsse mich halt damit abfinden, so langsam in die „innere Kündigung“ zu gehen. Jetzt weiß ich es besser! Es ist nicht das Alter, sondern DAS NIKOTIN, bzw. dessen Fehlen.

Wer bin ich? Mit einem gewissen Grausen stelle ich neu fest: Das, was ich im Leben hauptsächlich war und bin, das, womit ich mich am meisten identifiziere und auf das ich keinesfalls verzichten will: das bin gar nicht ICH! Bzw. das bin nur „ich mit Nikotin“.

Wie kann das sein? Ich will jetzt nicht darüber reflektieren, dass das „Ich“ nur ein Gedanke ist, davon gehe ich aus. Doch ist es schon erschütternd, zu bemerken, in welchem Maße das eigene innerste Wesen, bzw. das, was ich dafür gehalten habe, sich letztlich der steten Verfügbarkeit eines Stöffchens verdankt, das sich seit dem 15. Lebensjahr in meine psychophysische Leiblichkeit eingebaut hat. Und das – mit allen anderen Stoffen und Einflüssen zusammen – die Identität, die ich als „ich“ kenne, erst schafft und aufrecht erhält. Nimmt man den „Baustein Nikotin“ heraus, wie ich es erfolgreich getan habe, ist das, was bleibt, nicht mehr dasselbe!

Was tun? Auf die Dauer, das merke ich jetzt schon, halte ich Rauchen nicht mehr aus. Ich bekümmere mich gerade darum, heraus zu finden, ob Homöopathie vielleicht an der Lage etwas ändern kann. Wenn nicht, werde ich das Nikotin „in Reinform“ zu mir nehmen, mal sehen, auf welchem Wege.

Denn: ICH WILL diejenige sein, als die ich mich „mit Nikotin“ kenne! Das habe ich jetzt in aller Deutlichkeit bemerkt – das irgendwie nebenbei noch „falsch“ zu finden, bringt mir nichts, also schenk ich es mir.

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Claudia am 02. März 2003 — Kommentare deaktiviert für Digital Diary – wie geht es weiter? Auch DU bist gefragt.

Digital Diary – wie geht es weiter? Auch DU bist gefragt.

Demnächst möchte ich mal wieder was verändern. Ich lade Euch ein, an der Zukunft dieser Seiten mitzuspinnen und mich ein bisschen zu beraten.

Wer das Diary kennt, weiß, dass ich es nur sehr selten ändere, denn ich möchte ein winziges Gegengewicht zur Welt setzen, in der sich alles immer schneller und unvorhersehbarer verändert. Daher mute ich hier niemandem ohne guten Grund Neuerungen zu – so langsam aber gibt es sie, die guten Gründe.

Schon länger beobachte ich nämlich, dass mich der Aufwand schreckt, einen neuen Beitrag zu bringen: neben dem Artikel selbst (den ich mit ungebrochener Freude schreibe, keine Frage!) mache ich immerhin jeweils drei neue Webseiten (Index-Seite, Permanent-Seite, Druckversion) und ändere eine Menüdatei, hinzu kommt der Text selber, der separat als Textdatei vorliegt und in diese drei Seiten erst beim Aufruf eingebunden wird. Fünf Dateien also – und zum Monatswechsel sind es noch zwei kleine Pflichten mehr, die jeder Schreibanfall zwangsläufig nach sich zieht.

Einerseits denk ich also darüber nach, wie ich diese langweilig technoide Arbeit reduzieren könnte –
andrerseits hab ich auch wieder Lust, Themenseiten aufzubauen, also Texte unter je eigenen Projekt-Homepages mit spezifischer Optik zu versammeln – ZUSÄTZLICH zu ihrem Erscheinen im Diary. Und das bedeutet natürlich noch MEHR technoide Idiotenarbeit pro Beitrag. Was wiederum noch mehr abschreckt!

Das Digital Diary ist historisch entstanden aus meinem einstigen Unwillen, mich immer weiter in selbst geschaffene Schubladen (magazinartige Webzines mit Rubriken, wie z.B. Missing Link) einzusortieren: wenn diese Schubladen veralteten, inhaltlich oder optisch, musste ich alles umarbeiten, neu sortieren und ins erneuerte Design „nachziehen“ – was für ein Aufwand! Die Lösung bestand in einem immer gleich bleibenden Umfeld und der Sortierung nach Datum: Problem abgehakt, das Digital Diary war geboren! Inhaltlich handelten meine Artikel unverändert von Gott und der Welt, waren also meist nicht besonders „Tagebuch-artig“. Immerhin gab mir das neue Arrangement mehr Freiheit, persönlicher zu werden. Ein Prozess, der sich stetig vertieft, bei dem ich aber nur ungern in bloßem Berichten aus dem Alltag enden würde. Ein Blick über den Tellerrand – nach innen, nach außen, nach oben oder ganz unten – soll schon dabei sein. Mal sehen, ob mein Daily Life ihn weiterhin hergibt, das kann man ja nicht auf Dauer inszenieren.

Heute finde ich es jedenfalls wieder schade, die Diary-Artikel nur chronologisch zu erschließen. Damit sind sie so gut wie weg, wenn das Menü den aktuellen Monat nicht mehr anzeigt und werden allenfalls zufällig über Google gefunden. Dieses baldige Versacken aller Inhalte im Nirgendwo reizt nicht dazu, Themen zu vertiefen. Mit jedem Betrag fange ich im Prinzip bei Null an, aus dem Nichts, ohne etwas voraus zu setzen oder auf ein MEHR hin zu führen – und das reicht mir nicht mehr. In mir „leben“ bereits Themenseiten zu meiner Umgebung, zu Berlin, zu Wellnetics bzw. zum „Guten Leben“, wie ich es verstehe – alle mit einer originären Optik aus eigenen Fotos und Collagen – ich hab ja wieder so Lust drauf! ABER ich will nicht mehr im Code versacken, sondern an den INHALTEN arbeiten.

Die Technik ist ja nun glücklicherweise so weit, dass das Einbinden gleicher Inhalte in mehreren Umfeldern an sich kein Problem mehr ist. Allerdings wären das dann NOCH MEHR Dateien, die ich anfassen muss, wenn ich was geschrieben habe – was wiederum den Abschreckungsfaktor erhöht! Und: Soviel Aufwand ums eigene Geschreibsel? Da vereinigen sich Faulheit und Reste anerzogener Bescheidenheid in entrüsteter Ablehnung: Kommt überhaupt nicht in die Tüte! Siehe oben.

Die Würze der Kürze: ein Blog?

Weiter: oft hab ich Lust, was deutlich Kürzeres zu schreiben als so einen Diary-Artikel. Die MÜSSEN aber von meinem Gefühl her so lang sein, um den erforderlichen AUFWAND zu rechtfertigen, den ich ja nun nicht wegen drei Absätzen machen will – obwohl ich mir durchaus drei unterhaltende Absätze zutraue, die einen Kurzbesuch wert sind!

Also: muss vielleicht ein Weblog her? Zusätzlich, daneben, darüber? Seit Jahren seh ich die rasante Entwicklung dieser schnellen Homepage-Nachfolger: eine Art „Diary Light“ mit Kommentarfunktion pro Beitrag, die ich bisher nicht zu brauchen glaubte. Schließlich KANN ich HTML, dacht‘ ich mir immer, nicht bedenkend, dass ich vielleicht auch mal genug davon gesehen habe!

Allerdings stimmt es mich immer bedenklich, Teile meiner Webseiten auszulagern. Vielleicht sind die Fremdanbieter mit dem Weblog-Server morgen pleite oder werden kostenpflichtig! Womöglich hab ich dann eine Lesercommunity um Seiten herum erzeugt, die plötzlich verschwinden oder zu Geiseln fremder Geldverdiener werden – Horror!!! Und DIE TEXTE selber könnten auch verschwinden, wenn ich das bei Kurztexten auch leichter verschmerzen könnte als bei mehrseitigen – trotzdem ist es eine unangenehme Vorstellung, so abhängig zu sein.

Sollte ich es vielleicht dabei bewenden lassen, ein Blog zu „simulieren“?? Das einzige, was dabei problematisch wäre, ist die Kommentarfunktion – und brauch ich die wirklich ??? Ich frag mich sowieso immer, wenn ich das anderwo sehe: Wie merken die Leute, dass jemand gerade uralte Beiträge kommentiert hat??? Vermutlich tut das ja sowieso niemand oder man bekommt vom Server eine Mail. Viel
Besser fand ich bisher ein richtiges Forum, weil es diesen gewissen Saloncharakter hat und die Leser auch miteinander reden. Na, mal sehen, ich bin durchaus offen für neue Erfahrungen und andere Bedürfnisse.

Hallo, es gibt was Neues!

Weil es zur Zukunft dazu gehört, erzähl ich der Vollständigkeit halber auch vom Newsletter. Den gab’s als „Info-Mail“ und „Claudia Klinger-News“ seit den Zeiten von Missing Link – und er wurde nur sehr sporadisch ausgesendet. Dies auch noch „händisch“, immer 150 Adressen im BCC pro „Mailpaket“, was nicht wenig Aufwand bedeutet, deshalb das seltene Erscheinen. Seit zwei Tagen hab ich ihn nun endlich ins Newslettertool meines Providers überführt, in Zukunft kommt er also öfter.

Früher dachte ich zum Thema Leser-Benachrichtigung: wenn ich alle zwei Tage einen Beitrag schreibe, kann ich nicht wirklich auch alle zwei Tage einen Rundbrief versenden, das nervt. Heut hat sich das entspannt, ich schreibe im Schnitt alle Woche einen richtigen Artikel und für einen Blog-Eintrag würd‘ ich natürlich keinen Newsletter versenden, sondern sowas Neu-Schickes wie RSS-Feeds anbieten (damit können Leser, die das wollen, neue überschriften auslesen, OHNE das Diary besuchen zu müssen).

Brauch ich die eierlegende Wollmilchsau?

Wie also weiter? Soll ich weiter „händisch“ meine Seiten stricken und umstricken? Wieder Rubriken/Themenseiten schaffen und zig Dateien anfassen müssen, um da irgendwo längere oder kürzere Texte unter verschiedenen Oberflächen mit verschiedenen Techniken an verschiedene Adressaten zu
verteilen? Eigentlich will ich ja SCHREIBEN und Bilder machen, und nicht mich mit der technischen Seite zu Tode langweilen.

„Ich weiß, was du brauchst!“, sagt an dieser Stelle nun fast jeder, der auch schon ein bisschen länger dabei ist. „Nimm Zope, Plone oder Webedition! Probier das Multi-Blog mit integriertem Newsletter. Vielleicht auch Moveable Type oder DingensBumens! Schau dir an, *was es alles gibt und teste es aus!

Publishing-Tools, Redaktionssysteme, Content-Management – ja, die Zauberworte fliegen mir seit längerem zu, doch bisher hab ich mich verweigert. Himmel, ich habe eine gewachsene Webseitenlandschaft, durchsetzt von Tools meines Providers, die ich mir jeweils an meine Bedürfnisse anpasse – und da soll ich jetzt eine fremde eierlegende Wollmilchsau drüber lassen? Deren Zähmung mich vermutlich Tage kostet – und das nur, um die zehn Minuten zu sparen, die ich pro Diary-Eintrag Dateien basteln und Code angucken muß? Lohnt sich das? Bisher war die Antwort NEIN. Aber vielleicht ändert sich das gerade. Denn ich bin am Ende der Geduld in Sachen Seiten-Pfriemeln und habe trotzdem Lust, wieder MEHR zu machen. Aber wie?

Der Traum: mein Mini-CMS

Vielleicht GIBT es ja schon ein Programm für meinen Bedarf, eines, das mich weder völlig entmündigt, noch mich arm macht und auch keinen Horrorcode in die Welt entläßt? ODER ist vielleicht der erforderliche Aufwand gar nicht so groß und ich könnte mir ein Mini-CMS für MEINE Anforderungen schreiben lassen?? Vielleicht hat’s einer der mitlesenden Programmierer zuhause in der Schublade und braucht nur eine Stunde, es soweit zu ergänzen, dass es genau das tut, was hier gebraucht wird?

Das Klinger-CMS sähe folgendermaßen aus:

Die Eingabe-Maske hätte die Felder Headline, Subheadline, Kurzbeschreibung, Text und Datum. Da schreib ich dann rein, wenn’s mir danach ist. Sofern das Tool auf dem Server läuft, könnte ich sogar von überall aus schreiben, nicht nur von zuhause aus! Nach der Eingabe kreuze ich eine oder mehrere Auswahlboxen für die verschiedenen Webseiten an, wo der Text erscheinen soll, z.B. auf den dann locker ins Werk gesetzen Web-Projekten:

Klinger-Blog [],
Digital Diary []
Vom Guten Leben []
über die Liebe zu Berlin []
Ergonomics []
Was ist neu? []…

Und nach dem Absenden bzw. Uploaden erscheint mein Text in den vorgesehenen Seiten (und in deren Menüs). Das Programm hat sich die jeweilige Vorlage gegriffen, hat die spätere Textseite erstellt, bindet dazu die jeweilige überschrift als Link ins je zugehörige Menü ein. (Das ließe sich auch als „Suchanfrage“ und deren Ergebnis realisieren). Und aus der so nebenbei fortlaufend aktualisierten Seite „Was ist neu?“ (wo natürlich NICHT jeder Volltext, sondern nur die Kurzbeschreibung erscheint), generiere ich dann alle zwei Wochen oder einmal monatlich den Newsletter.

Sehnsucht nach Ordnung und Klarheit

Das wär der TRAUM!!! Mein Problem ist nicht, dass ich 10.000 Features brauche, sondern nur ganz wenige, vielleicht drei bis fünf. Und für die Diary-Struktur inklusiv Blog braucht es (unter der Haube) eine andere Verlinkungsweise als für die geplanten Themenseiten. Dem Programm soll es dann aber egal sein, auf wieviel Themenseiten ich es NOCH anwende – ich möchte jederzeit zusätzliche Webprojekte einbinden können, auf die ich meine Texte ebenfalls auf diese praktische Art verteile.

Ja, das wär‘ wirklich wunderbar! Es würde meinem Schreiben einen Schub geben, denn endlich hätte ich dabei ein Gefühl von Ordnung und Klarheit, was das Veröffentlichen, also den Kanal zur Leserin und zum Leser angeht. Oh, ich könnte wieder neue Seiten entwerfen, richtig designen – träum…!!! Und sogar die CD-ROM, die ich gerne mal gemacht hätte, rückt dann in den Bereich des arbeitstechnisch möglichen!

Das Produzieren der Inhalte war für mich nie das Einzige – zwar im Vordergrund, aber wenn das Drumrum im Chaos versackt oder auch nur irgendwie mängelbehaftet wirkt, überträgt sich da eine Unzufriedenheit auch auf das Schreiben. Ähnliche Probleme seh‘ ich beim Surfen durch fremde Web-Labyrinthe, deren Eigner/innen evtl. viel Sorgfalt in die Texte fließen lassen, aber um diese zu finden, muss man in sechs verschiedenen Text-Konglomeraten unter unterschiedlichen überschriften Menüs durchwühlen, um das Neueste zu finden. Womöglich hat das eine Projekt ein Logfile, ein weiteres bietet einen Newsletter, irgendwo schreibt der Mensch vielleicht ein Blog – aber WO um Himmels Willen ist der aktuelle Artikel??? Tja – soooooviel Treue erwarte ich von kaum einem Leser!

Gib mir einen Tip..

…oder erzähl mir deine eigenen Erfahrungen mit deinem Weblog oder Content-Management-System – gerne auch im *Forum. Vielleicht schaff ich dann auch einen Artikel dazu im *Webwriting-Magazin, mal sehen. Natürlich erst, wenn das Problem für mich gelöst ist.

Bevor mich nun kommerzielle Angebote erreichen, sag ich gleich dazu: dies ist erstmal noch ein Gedankenspiel – und wenn ich vom „Selbstgestrickten“ wirklich wegkommen will, dann werde ich versuchen, eine Tauschlösung, also eine nützliche symbiotische Beziehung zum gegenseitigen Nutzen anzustreben. Meine Kunden brauchen solche Lösungen ja gelegentlich auch!

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Claudia am 12. Februar 2003 — Kommentare deaktiviert für Alles neu. Fasten, Tag 13.

Alles neu. Fasten, Tag 13.

Die dritte Woche in der neuen Wohnung. Einerseits fühl‘ ich mich, als wohnte ich schon sehr viel länger hier, so vertraut sind mir diese typischen Berliner Altbauzimmer: der zigmal übermalte Stuck an den Decken, die immer etwas zugigen achtteiligen Kastendoppelfenster, die beim Renovieren so wahnsinnig Arbeit machen, die angenehm großzügige Raumhöhe, die es langjährigen Bewohnern praktisch verunmöglicht, je wieder in einen Neubau zu ziehen – wie konnte ich nur allen Ernstes daran denken, in ein Hochhaus zu ziehen!

Andrerseits gibt’s kein Wasser in der Küche! Im letzten Diary-Eintrag war ich noch begeistert von der Instandsetzungswilligkeit der Hausverwaltung, die doch tatsächlich daran denkt, fast durchgefaulte Bodendielen zu erneuern. Nun aber zieht sich das bereits in die dritte Woche und noch immer ist kein Handschlag getan. Gelegentlich erscheint ein Handwerker, schaut sich alles an, berät mit dem Hausmeister und will angeblich einen Kostenvoranschlag machen – und dann höre ich nichts mehr davon. Es könnte mich kalt lassen, doch kann ich, solange die Bodendielenreparatur ansteht, keine Spüle aufstellen. In den ersten Tagen hab ich trotzdem noch ein bisschen gekocht und eben im Bad gespült, doch ist das eine ausgesprochen sperrige und umständliche Prozedur, da lasse ich es lieber ganz.

Hab‘ ich dann auch gemacht und so ist heute mein 13.Fastentag: Wasser, Kräutertee, je ein halber Liter Obst- und Gemüsesaft, dazu täglich 30 Gramm Honig. Nennt sich „Buchinger-Fasten“ und braucht weder Herd noch Spüle! Schon lang hatte ich vor, mal wieder zu fasten, bin dann aber doch nie dazu gekommen, fand den Einstieg nicht, fühlte mich dem Essen in all seinen Bedeutungen auch viel zu fest verbunden, als dass ich es hätte loslassen wollen. Jetzt bin ich froh, dass es geklappt hat, es ist wunderbar, mal ganz ohne diesen vielfältigen Zauber rund ums Essen auszukommen und sich auch noch wohl zu fühlen.

Das war nicht die ganze Zeit so. Ich litt phasenweise unter starken Konzentrationsmängeln, fühlte mich in den 10.000 Angelegenheiten, mit denen ich mich befassen sollte, könnte, müßte, geradezu am Versacken. Meine To-Do-Listen vervielfältigten sich und waren nicht mehr zu bewältigen – bis ich es mir erlaubte: Ok, bist halt mal unkonzentriert! Die Welt wird deshalb nicht wirklich gleich einfallen… und wie durch Zauberhand verwandelte sich der Leidenszustand in wohlige Gelassenheit, gepaart mit einer gewissen Neugier auf die weitere Entwicklung. Ja, immer wieder beeindruckt mich dieses Wunder, dass durch ein „Ja“ zu dem, was ist, die „gefühlte Negativität“ verschwindet, wegschmilzt wie der letzte Schnee an einem sonnigen Tag.

Nun hab ich gestern sogar meine Umsatzsteuervoranmeldung geschafft! Etwas, was ich immer gerne vor mir herschiebe und üblicherweise nur unter innerem Fluchen und Schimpfen zustande bringe. Im Diary dagegen, das ich immer mit Freude weiter schreibe, ist eine ungewöhnlich lange Pause eingetreten – ich konnte mich definitiv nicht für ein Thema entscheiden, nichts fesselte mich länger als ein paar Augenblicke und dann stand mir auch wieder die To-Do-List im Wege. Fakt ist, dass mein ganzes Leben, wie es noch bis vor kurzem war, sich aufgelöst hat. Alles ist neu und will erstmal erfahren werden, bevor ich drüber schreiben kann. Ich fühle die erstaunliche Freiheit, aber auch die Dringlichkeit, eigene Strukturen in ein Nichts hinein zu erschaffen. Alle Routinen haben sich verabschiedet, einschließlich der Rythmen, die das Kochen & Essen dem Tag aufprägt. Nun ist es nicht mehr damit getan, den Schwerpunkt auf „Beobachten“ zu legen oder auf die Befindlichkeit beim Einfach-so-weiter-machen. Da ist im Moment kein „einfach so“ mehr. Ich muß mich wirklich fragen, was ich eigentlich will und wie – ein recht neuer Gedanke, aber auch irgendwie abenteuerlich! Alles scheint möglich….

…aber immerhin ruft noch die Arbeit! Deshalb war es das für jetzt – möge die Sonne auf Euch scheinen, wenn nicht von außen, dann eben von innen!

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Claudia am 30. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Umzug geschafft: Vom Wohnen und Gestalten

Umzug geschafft: Vom Wohnen und Gestalten

Tag 5 in der neuen Wohnung. Gleich kommt der Hausmeister mit einem Tischler, um in der Küche ein paar Dielen zu erneuern. Das machen die ganz ohne dass ich sie dazu aufgefordert hätte, einfach so, weil sie „durch“ sind! Ich bin positiv überrascht über soviel instandhalterisches Engagement von Seiten der Hausverwaltung, dabei ist es nicht einmal ein frisch saniertes Haus, wo verbliebene Mängel eher mal beseitigt werden, sondern ein ganz normaler Berliner Altbau.

Blick auf den Rudolfplatz

Das Einräumen und Einrichten ist jetzt erstmal geschafft, die (neun!) Umzugskísten sind ausgepackt, die wenigen Möbel verteilen sich gut in den beiden großen Räumen und der Küche. Das Gefühl von Weitläufigkeit bleibt glücklicherweise erhalten, passend zu diesem wunderbaren Blick aus dem dritten Stock raus auf den Rudolfplatz. Vorhänge braucht es eigentlich nicht, denn es gibt kein Gegenüber. Meine Vormieterin hatte auch keine, doch aus Gründen der Gemütlichkeit will ich von dieser Tradition abweichen. Der erste Versuch war allerdings ein Flop, in zwei Zentimeter Tiefe trifft der Bohrer auf Eisen. Na, mal sehen, es muß ja nicht alles in der ersten Woche passieren.

Ich glaube, in dieser Wohnung werde ich lange bleiben. Sie ist wie für mich gebaut und bietet (fast) alles, was ich im Laufe meiner bisherigen Wohn- und Umzugserfahrung als angenehm und schön erlebt habe: hohe Altbaudecken mit Stuck, Flügeltüren, abgezogene Dielen, ein großer Erker und ein Balkon. Dazu nach vorne und hinten jede Menge Aussicht, ich bin richtig entzückt! Im Frühling wird es in den großen verbundenen Höfen, die sich hinter dem Haus bis zur Spree erstrecken grünen soweit das Auge reicht. Ein Geschenk!

„Das ist deine erste eigene Wohnung, die ein bißchen Stil hat“, sagte mein liebster Freund, als er herumging und begutachtete, wie ich die Gegenstände in den Räumen verteilt hatte. Das ist ein großes Lob. Von uns beiden ist nämlich er immer derjenige, der es locker hinbekommt, aus nichts eine gute Atmosphäre zu schaffen – mir scheint, ein bisschen habe ich im Lauf der zehn Jahre des Zusammenwohnens doch von ihm gelernt.

Dabei hab‘ ich noch fast gar nichts GETAN, nichts angeschafft, Vorhänge und ein Teppich fehlen – aber zuwenig ist bei weitem besser als zuviel! Das ist eine der Maximen angenehmen Wohnens, hinter der ich jetzt voll stehe: Erstmal mit dem Nötigsten einziehen, nur alles benutzbar machen und sonst nichts weiter verändern. Indem ich mich dann in den Räumen aufhalte und den „Spirit of Place“ erlebe, ergeben sich die fehlenden, bzw. noch notwendigen Dinge wie von selbst: sie wenden eine Not, die erst einmal gespürt werden will! Wenn ich meine Habe dann in den vorhandenen Regalen, im Sideboard und auf den Kleiderhaken und Ständern verteilt habe, DANN erkenne und fühle (!) ich, ob mir noch ein Schrank oder ein anderes Behältnis FEHLT. Ich kaufe es nicht einfach so, weil es im Laden oder im Prospekt gut aussieht und irgendwo schon noch hinpasst.

zwei leere Zimmer

Wie anders bin ich früher an neue Räume heran gegangen! Einziehen bedeutete immer erstmal voll renovieren. Egal, in was für einem Zustand die Zimmer waren, „Rauhfaser weiß“ und „alles neu“ mußte sein, bedeutete eine Art Aneignung des Ambientes durch mühselige und anstrengende Bearbeitung der Oberflächen. Ohne mir viel Gedanken zu machen, hatte ich dieses Herangehen von meinem Vater übernommen, der ein großer Do-it-Yourselfer war.
Es beschränkte sich nicht aufs Streichen und Tapezieren, mein In-Besitz-Nehmen einer Wohnung war auch immer mit scharfem Gerät, Staub, Lärm und gewaltätigen Eingriffen verbunden: ich eroberte das Gelände sozusagen mit der Schlagbohrmaschine, brauchte überall Regale und Beleuchtungen, Verkleidungen und Podeste an, ohne je Rücksicht auf die Gegebenheiten zu nehmen: ich ERSCHUF die Wohnung, die ich bewohnen wollte, praktisch erst durch mein brachiales Vorgehen – das ja immer auch bedeutete, beim Auszug einen ähnlichen Aufstand machen zu müssen, um alles wieder zu verspachteln und in eine neutrale Ordnung zu bringen.

Wie anders jetzt! Die Wohnung, die wir gerade verlassen haben, erforderte nur ein paar wenige ausbessernde Pinselstriche, minimalste Füllarbeiten und ein bißchen putzen. Sieht nun genauso „topmodernisiert“ aus, wie beim Einzug. Das kommt, weil ich von meinem Lebensgefährten den inneren Ekel übernommen habe, Eingriffe in die Substanz vorzunehmen, die nicht unbedingt sein müssen. Ein Loch bohren? Mit einer Maschine? Gar so, dass man da etwas anbringen kann, was auch ein Gewicht trägt? Um Himmels Willen! Geht es nicht auch anders? Besser, man stellt etwas auf den Boden oder hängt Dinge an vorhandene Leisten, Träger, Rohre, Geländer – jede Alternative ist zu überdenken inklusive des Verzichts, bevor so etwas Heftiges, Lautes und Gewaltätiges wie eine Bohrmaschine zum Einsatz kommt.

Früher hab ich diese Haltung belächelt, oft hat sie mich auch geärgert, denn sie erschien mir als bloße Behinderung: ich hatte meine gestalterische Idee und wollte sie auf die Schnelle – mit allen Mitteln! – umsetzen. Da die Technik das Gerät zur Verfügung stellt und Materialien wie auch Energie erschwinglich sind, spricht doch nichts dagegen, sich seine Umwelt nach eigenem Willen zu gestalten. Warum sollte ich auf diese Möglichkeiten verzichten und mich den Verhältnissen anpassen, wie ich sie gerade vorfinde?

Wer jetzt glaubt, an der Stelle komm ich mit ÖÖko und Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung, täuscht sich. Klar, das alles ist unbestritten lebenswichtig für die Zukunft der Menschheit, aber mal ehrlich: wie nachhaltig wirken diese guten (aber rein „vernünftigen“) Gründe in der eigenen Psyche, wenn es ums ureigene Wohlbefinden, um die Vorstellungen von Schönheit und Glück, vom guten Leben geht?

Lassen wir die Vernunft beiseite, es ist etwas Anderes, das mich dankbar sein läßt, heute nicht mehr immer und überall gleich „durchgreifen“ zu müssen: eben diese VORSTELLUNGEN vom Schönen sind nämlich der Knackpunkt, den es genauer zu betrachten gilt. Wenn ich meine Umgebung nur als zu gestaltendes Material ansehe und nicht als vorhandene Form mit eigener Geschichte und eigenem Recht, woher nehme ich dann eigentlich meine (Wunsch-)Vorstellungen, wie die Dinge aussehen sollen? Offensichtlich wachsen sie nicht in mir, denn mit Bestehendem halte ich mich ja gar nicht erst auf, gebe den Dingen so, wie sie sind, keine Chance, eine Zeit lang auf mich zu wirken. Wenn ich sofort umplane und umarbeite, umgehe ich das FÜHLEN dessen, was ist, kann also gar nicht erkunden, was mich wirklich stört, was mir gut tut und was mir in einer konkreten Umgebung fehlt. Ich bleibe dann im Reich des Denkens hängen: Denke, dass das, was da im Laden oder im Prospekt wunderbar aussieht, auch für mein Arbeitszimmer gut sein müßte; denke, dass die Farbkombination, die in der Ausstellungshalle bei Kunstlicht so exotisch wirkt, auch in meinem hellen dritten Stock gut kommt – und ich irre mich!

Oh, wie oft habe ich mich schon geirrt! Und immer war es mit Aufwand und Kosten verbunden, hat mich angestrengt, mir richtig Mühe gemacht und letztlich war es ein Nichts, ja schlimmer als ein Nichts, denn ich war ent-täucht, weil meine Erwartung, um mich herum etwas Schönes zu schaffen, wieder einmal frustriert wurde. Was wiederum die Aufgabe, ein neues Mal alles umzugestalten, nahe legte – es ist dann nur eine Frage des Geldes, wann es wieder soweit ist.

Natürlich ist das Anspringen auf schöne Dinge in Katalogen, in Läden, in fremden Wohnungen und in Schaufenstern auch ein GEFÜHL. Aber es ist unverbunden mit dem eigenen Raum, ihm wird keine Zeit gegeben, es taucht isoliert auf und entschwindet wieder, bietet jedenfalls keinen wirklichen Anhalt für das Wachsen eines echten Bedürfnisses. Es entsteht in der Regel durch reine Augenlust und bleibt auf den Sehsinn beschränkt – wogegen das Zimmer, in dem ich mich aufhalte, auf meinen ganzen Körper, ja, meine psychophysische Leiblichkeit einwirkt. Und zwar lang und stetig genug, dass ich das dann auch bemerken, in Gedanken und Worte fassen kann. Dann erst WEISS ich, was ich will.

Als nächstes rede ich mit jemandem darüber. Manchmal ist das gut, manchmal eher kontraproduktiv. (Wer die Intuition hat, der eigene Wunsch sei gewiß auch das Richtige, schweigt am besten!) Zum Glück hab‘ ich mit M. erstmal über meine Idee geredet, die hellgrauen Wände in der Küche doch lieber weiß zu streichen, am besten gleich. Die Farbe hab ich mir zwar schon mal gekauft, aber das Projekt „Küchenrenovierung“ ist jetzt ins Frühjahr vertagt. Eigentlich sieht das Hellgrau nämlich gar nicht so schlecht aus, es war einfach ein besonders trüber Tag gewesen, als ich es in der Abenddämmerung zum ersten Mal richtig wahrgenommen und innerlich abgelehnt hatte. Im Frühling kann ich dann auch gleich das Fenster mit streichen, so hab ich nur einmal Baustelle.

Blick aus der Küche

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Claudia am 24. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Noch hier – schon dort – im Nirgendwo

Noch hier – schon dort – im Nirgendwo

Das Zimmer ist nun fast ganz leer, alles ist abgebaut und steht zum Transport bereit. Diesen Text tippe ich nicht mehr am großen Schreibtisch auf dem bequemen Bürostuhl, sondern an einem kleinen runden Holztischchen, das gerade genug Platz für Monitor, Tastatur und Maus bietet. Nachher werde ich ein letztes Mal ins Netz gehen, nach Mail gucken und diesen Beitrag ins Diary stellen, bevor ich alles ausstöpsele und verpacke.

Rudolfplatz

Heut war ein anstrengender Tag, aber er hat mir trotzdem sehr gefallen. Ich war schon um halb neun in der neuen Wohnung, ging dort durch die Räume, die noch wunderbar leer waren, überlegte, wohin ich dies und jenes stellen werde, ging immer wieder zu den Fenstern, um die Aussicht zu genießen. Endlich mal mehr als nur die Hauswand gegenüber – nämlich der Rudolfplatz: ein bißchen Grünanlage, Wiese, Bänke, Gebüsch, ein großer Kinderspielplatz, daneben Kirche (außer Betrieb) und Schule – und gegenüber das Offene, Unbestimmte, Weite… es entzückt mich! Das ist das Erbe von Mecklenburg, ganz bestimmt. Früher hab ich mich für Ausblicke nämlich nicht interessiert. Meine erste berliner Wohnung (ab 1979) lag im Hinterhaus, einhalb Zimmer, Küche, Ofenheizung, Außentoilette – und man schaute auf eine fensterlose Brandwand, nur etwa drei Meter entfernt. Die billige Bleibe hatte ich von dem Regisseur Rudolph Thomè übernommen, der sich später an sie erinnerte und mich bat, für drei Wochen auszuziehen. Ich bekam 1000 Mark und das Filmteam die Wohnung, wo sie einige Szenen für „Berlin Chamissoplatz“ drehten. An der Mauer gegenüber stand dann rot hingesprüht: „Anna, ich liebe dich!“, und meine Wohnung war frisch gestrichen.

Es war ein langer Tag mit viel körperlicher Arbeit: geschleppt, gepackt, geputzt, herumgefahren, Auto einladen, Auto ausladen, runter vom zweiten, rauf in den dritten Stock – viele Male viele Treppen steigen. Das Denken ändert sich dabei, stelle ich fest. Ich plaudere einfach so daher, komme von diesem zu jenem, es hat weniger Schwere, weniger Reiz, weniger Wichtigkeit – ich kann ihm Raum geben und es plappert los, aber es ist angenehm zu wissen, dass es auch wieder aufhört, weil noch viel zu tun ist, morgen, übermorgen – ganz konkrete, anfaßbare Dinge, ausräumen, einräumen, Möbel herumschieben, einkaufen, basteln, ausmessen, Lampen aufhängen, die Küche streichen – das ist so vergleichsweise ruhig, ich kann es schlecht in Worte fassen, aber jetzt verstehe ich besser, warum Kontemplative und Mystiker aller Zeiten einen Hang zu einfachen körperlichen Arbeiten hatten. Das „Übertriebene“ des Denkens verschwindet, man fühlt sich im EINKLANG, wenn man zu dem, was körperlich gerade passiert, den passenden Gedanken hegt: Stelle ich den Herd mehr rechts, oder verschiebe ich ihn eher nach links? Und wenn solche Fragen nicht auftauchen, ist es wundervoll, einfach die Empfindungen zu beobachten. Ja, so ein kleiner Urlaub vom Sitzleben durch das Umziehen ist schon toll!

Mittags dann im T-Punkt: WARUM ist das Telefon noch nicht geschaltet? Das sollte doch am 23. in der neuen Wohnung schon funktionieren! „Tja,“ sagt die Dame und blickt bedauernd in ihren Monitor, „das hat leider nicht geklappt! Aber am 28. ist die Schaltung dann ganz sicher, der Termin steht!“. Sie will nicht, dass ich auch in den Monitor gucke, was für mich erstmal ganz selbstverständlich ist, wenn ich mit ihr zusammen an einem runden Stehtisch stehe, also kein Schreibtisch den Raum in „davor“ und „dahinter“ einteilt. Was sie wohl fürchtet? Dass ich ihrem Arbeits-Interface was weggucke??? Oder erscheinen vielleicht peinliche Meldungen wie „Kunde ist Nörgler und beschwert sich bis zum Vorstandsvorsitzenden“, die sie vor mir verstecken muß? Ich jedenfalls war immer brav, nur die Telekom hat niemals funktioniert, wie versprochen, wenn ich etwas brauchte. Wirklich nicht ein einziges Mal.

Rudolfplatz

Wunderbar geklappt hat heut morgen die Lieferung des Gasherds. Oh, wie hatte ich mir Sorgen gemacht, dass es nicht der richtige Anschluß sein könnte, dass der Schlauch vom Herd genau verkehrt herum sitzt, dass er womöglich nicht funktioniert oder man irgendwo etwas anwerfen muss und ich hab keine Schlüssel – eine Gasetagenheizung hatte ich ja noch nie und was das Kochen angeht, so liegen Jahrzehnte mit E-Herden hinter mir. Zum Glück waren die Sorgen umsonst, es lief alles ganz easy, die beiden gewichtigen Packer hatten sogar gute Laune, wir witzelten herum – ein netter Einstieg in den Tag.

Kaum waren sie weg, kam *Dirk, mein alter Freund aus der Netzliteratur-Szene, der neulich am Telefon unaufgefordert seine Umzugshilfe angeboten hatte. Fand ich klasse – immerhin sind wir aus dem Alter raus, wo man aus Umzügen versucht, eine Art Fest zu machen, viele Leute zusammen trommelt (von denen 80 Prozent auch wirklich kommen), gemeinsam ein paar Stunden schuftet und dann ins große Fressen & Trinken übergeht. Nein, Menschen meiner Altersklasse lassen üblicherweise umziehen, wir schleppen nicht mehr so gern selbst und viele haben auch soviel angesammelt, dass es freiwillige Helfer überfordern würde. Nun, die letzten beiden Male hab ich das auch so gehalten, der lange Weg nach Mecklenburg schreckte mich von der Selbstorganisation doch erfolgreich ab. Aber jetzt, etwa 500 Meter die Straße weiter bis zum Rudolplatz, und dann mit doch deutlich reduziertem Besitztum – Himmel, dafür will ich einfach keine 600 Euro ausgeben!

Also Eigeninitiative – alles, was in den Peugeot von Manfred passt, selber transportieren, für die größeren Sachen kommen morgen zwei Profis mit einem Kleintransporter. Wenn ich mich so umgucke, werden die höchstens zweimal fahren müssen – für zusammen 45 Euro die Stunde, das ist echt zivil. (Wenn man dagegen eine Obdachloseninitiative beauftragt, die in den hiesigen Kleinanzeigenblättern insererit, kostet es 50 Euro pro Helfer PLUS Auto!) Trotzdem war es wunderbar, dass Dirk mir heute geholfen hat. Die Umzugskisten hätten mich sonst überfordert – außerdem ist es netter zu zweit, die ganze Sache ist viel schneller rum. Hinterher waren wir noch gemütlich essen – DANKE DIRK!

Diesem Text mangelt es deutlich an philosophischer Dimension, sorry! Im Moment scheine ich mich am schreiben fest zuhalten, denn danach will ich ja den Stecker ziehen. Vom Netz gehen, das Telefon einpacken, den Kabelverhau auseinander nehmen – es ist mit eigenartigen Gefühlen verbunden, als täte ich etwas Verbotenes. Auch eine Art Verlustangst ist dabei: wenn ich mal draußen bin, werde ich denn wieder REIN kommen??? Rechtzeitig und ohne Verluste und ohne dass ich etwas Wichtiges verpasst hätte??? Das ist alles ganz irrational und nicht besonders ausgeprägt, nur eine „Unterstimmung“ unter den viel stärkeren Gefühlen, die im Rahmen des Umzugs aufkommen. Aber doch unüberhörbar: DER ANSCHLUSS ist das wichtigste! Um den Anschluss herum wird alles andere angeordnet. Egal, in welchem Zustand sich die neue Wohnung dann gerade befindet, sobald „der Anschluß steht“, ist alles in Butter, alles ok, die Sache gelaufen.

Am Dienstag also. Sagt zumindest die Telekom. Ich könnte das ja hier alles stehen lassen und erstmal abwarten, ob es auch klappt. Hab ich mir zuerst jedenfalls so überlegt, dann aber doch Lust auf den „vollen Umzug“ bekommen. Ich mag nicht in diese leere Wohnung zurück gehen und hier mailen und Webseiten pflegen – dann schon lieber ins Internet-Café, das passt viel besser zu diesem wunderbaren „Ausnahmezustand“.

Wer also was von mir braucht in den nächsten Tagen, kann davon ausgehen, dass ich einmal am Tag Mail abrufe. Viel mehr aber nicht.

Und jetzt zieh ich den Stecker. Macht’s gut!

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Claudia am 17. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Und wieder: Wegwerfen, wegspenden, loslassen

Und wieder: Wegwerfen, wegspenden, loslassen

Neben mir stehen jetzt sechs gepackte Umzugskisten, vier kleine, 40 mal 60 Zentimeter und zwei große, 80 lang. Daneben ein Rucksack und noch zwei Taschen, voll mit kleinen Dinge – meine Buddhastatuensammlung, zum Beispiel. Naja, Sammlung, es sind jetzt sieben. Daneben die Fotoausrüstung meines Vaters, eine bestimmt 30 oder gar 40 Jahre alte Rico-Spiegelreflex mit allerlei Zubehör, in Geld betrachtet fast wertlos – nie werde ich sie benutzen, doch ich will sie auch nicht entsorgen, noch nicht. Er hat mir auf vier Seiten eine Gebrauchsanweisung dazu geschrieben, es ist der einzige Brief, den ich noch von ihm habe. Er beschreibt nicht nur die Kamera, nein, es ist eine Anleitung zum Fotografieren überhaupt, auf vier Seiten, zügig durch alle Aspekte bis hin zum Umgang mit dem Verkäufer, wenn man die Papierabzüge reklamiert. Rechtschreibung und Grammatik war dabei weniger wichtig, die Tochter ist schließlich nicht die Behörde. Tja, so war er. Und ich hab‘ viel von ihm!

Unterm Bett liegt das 400-Mark-Keyboard, kaum benutzt und wieder originalverpackt. Hab mir überlegt, es zu spenden, wie den guten Meter Bücher, der nicht mehr ins Regal gepasst hat, mich dann aber doch dagegen entschieden. Könnt ja sein, dass ich nochmal Lust auf die 128 Midisounds habe, vielleicht schließe ich das Board in der neuen Wohnung wieder an. Zweimal zwei PC-Lautsprecher mit integriertem Verstärker stehen auch noch hier herum. Mindestens ein Paar muss ich behalten. Derzeit lebe ich ohne Sound, völlig still im Hier und Jetzt, nur gelegentlich das Quaken des Handys, wenn es Strom tanken will.

Am Dienstag bekomm‘ ich den Schlüssel zur neuen Wohnung, dann kann ich mit dem Umziehen anfangen. Samstag kommt * Erkan-Transport (sehr empfehlensert!) und holt die großen Sachen, das andere mach‘ ich selbst. Es sind ja nur etwa 500 Meter, einmal rüber über die S-Bahn-Geleise, dort, wo man so wunderbar weit bis zum Funkturm sehen kann, dann noch ein paar Schritte bis zum Rudolfplatz, direkt im * Stralauer Kiez, praktisch eine Insellage.

Jedes Mal ein bisschen weniger ?

Seit ich Webtagebuch schreibe, ist dies mein dritter Umzug. Ich kann also nachlesen, wie es mir 2001 erging, als ich voller Freude in die Metropole zurück kehrte, die ich 1999 so völlig überdrüssig verlassen hatte. Da finde ich zum Beispiel den Eintrag Mal wieder: Materie, der davon handelt, wie man das Sammeln, Horten und Anhäufen vermeiden bzw. sich abgewöhnen kann – und wie ich mich im einzelnen mühe, immer weniger zurück zu behalten. Ein Endlos-Thema, denn auch schon beim Umzug aufs Land, im Juni 1999, wollte ich jede Menge Ballast abwerfen (wer nachliest merkt: hier geht’s auch zurück ins historisch gewachsene Diary).

Ist da in Sachen Besitz nun ein Fortschritt festzustellen? Hat das „weniger werden“ geklappt ??? Ich hab mich ja nicht selber vergewaltigt und sozusagen „programmatisch“ alles mögliche weggeworfen. Nein, Dinge wie etwa Papas Kamera schleppe ich ohne Ärger mit, was weh tun könnte, wird nicht entsorgt, mag das auch noch so irrational sein. (Ich BIN schließlich nur in einem winzigen Bereich rational, warum also sollte ich mich da bezähmen.)

Wenn ich mal kurz drüber lese, stelle ich fest: 1999 hab ich sogar noch mehrere Jahrgänge Internet World und andere Magazine nach Mecklenburg umgezogen – in großen Schubern, was für ein irres Gewicht! Die hab ich diesmal dem Obdachlosenbuchladen um die Ecke vorbei gebracht, zusammen mit den bestimmt sechs Tüten bzw. Rucksäcken voll Bücher. Die Andenken, Fotos und Geschenke aus der persönlichen Vergangenheit, die ich bisher nie los werden konnte, hab ich durchsortiert und auf ein Zwanzigstel geschrumpft! Alte Familienalben, alle Negativfilme aus der eigenen Fotografierzeit – alles weg. Auch besitze ich keinen einzigen Brief mehr, nur eine Art „Rollo am Holzstab“, das ein Mann, in den ich vor etlichen Jahren verliebt war, aus unseren Frühlingsbriefen zusammenkopiert und gebastelt hat. Ich hatte das Teil schon in der Hand, die über dem Müll schwebte -. kurz zögerte – dann hab ich mal kurz reingelesen. Das hätt ich nicht tun sollen, jetzt hab‘ ich das romantische Papp-Memorial einer Frühlingsliebe noch ein paar Jahre!

Fortschritt auch bei den am meisten Ego-besetzten Artefakten: alle „früheren Werke“ sind jetzt den Gang alles Irdischen gegangen, die einst herausgegebenen Zeitungen, die Broschüren und Prospekte, auch sämtliche Texte aus unterschiedlichen Schreibgruppen und Workshops. Diesen ganzen Schmodder leichten Herzens endlich los zu lassen, tut ganz besonders gut.

Was bleibt? Die sechs Kisten werden noch etwa acht werden – zum leichteren Tragen durcheinander gepackt mit Büchern, Akten, Kleider und Geschirr – dazu die sieben Buddhastatuen. Geschirr und Klamotten konnte ich in den letzten Tagen auf genau das reduzieren, was ich auch tatsächlich trage und benutze, der Rest ging in die Kleidersammlung.

Möbel ? Nicht viel: Ein Bett mit höllisch schwerer Latexmatratze, zwei Billy-Regale, der Schreibtisch mit Stuhl und Aktenschrank, ein Sideboard und ein Kleiderständer (statt Kleiderschrank, dem ich mich immer schon verweigere), zwei leichte Stoffsessel mit rundem Tischchen, ein kleines Sofa, der Küchentisch mit zwei Stühlen, – sodann die Waschmaschine und der Kühlschrank, ein kleines Stand- und ein Hängeregal für die Küche. Drei Zimmerpflanzen, drei Balkonkästen – war es das? Ach ja, zwei Balkonstühle, auch für Gäste benutzbar, und ein paar kleine Teppiche. Himmel, es bleibt doch immer noch eine ganze Menge übrig, was mensch so durchs Leben schleppen muss in der technischen Zivilisation. Und um in dieser zu navigieren, ist natürlich der PC und das zugehörige Equipment nicht zu vergessen – ja, er ist die „Haupt-Sache“, denn der ganze Umzug ist um „Abbauen des Arbeitsplatzes, Aufbauen drüben“ herum organisiert, das wichtigste DER ANSCHLUSS, möglichst nahtlos und ohne zwischenzeitliche Unterbrechung.

Was die materiellen Gegenstände angeht, hab ich es mit diesem Umzug also nun wirklich dahin gebracht, praktisch jedes Ding zu kennen, das ich besitze – von den Küchenmessern über den Räucherstäbchenhalter bis zum Aktenlocher. Ich könnte also damit beginnen, mir „die letzen Dinge“ zuzulegen: alle diese bisher nur zufällig und ohne besondere Liebe erworbenen oder behaltenen Gegenstände nach und nach durch bewußt gewählte, schöne Dinge ersetzen, zu jedem eine eigene Beziehung aufbauen, Gegenstände mit Gesicht und Geschichte! Anderen ist das in die Wiege gelegt – sollte es mir JETZT noch gelingen, die Liebe zur materiellen Ebene zu entwickeln? Spät ist besser als nie, sag ich mir.

Schön, sinnlich, farbig?

Morgen in einer Woche werde ich also am Rudolfplatz aufgebaut haben, werde angeschlossen sein (toi toi toi!) und aus dem Fenster in die Weite sehen: über den Platz mit Kirche, Schule und Kinderspielplatz, über den Grüngürtel bis hinüber zu den S-Bahn-Geleisen. Seit vorgestern hab‘ ich den Mietvertrag, ich kann’s noch kaum glauben! Es sind 72 Quadratmeter, zwei große, ineinander übergehende Altbauzimmer, eins mit Balkon, das andere mit großem Erker. Renovieren muss ich nicht, alles ist ok, Rauhfaser weiß, abgezogene Dielen, nichts irgendwie schmuddlig, aber auch nicht so gesichtslos „topmodernisiert“ wie in der Wohnung, die ich verlasse.

Wird das jetzt der letzte Umzug oder geht’s in zwei Jahren wieder weiter??? Die Miete immerhin ist bis ins Jahr 2013 im Mietvertrag festgelegt. Und die Wohnung ist recht genau meine Wunschwohnung: ähnlich viel Platz wie jetzt, sogar mehr, denn ich hab wieder zwei Zimmer. Weitblick nach allen Seiten, Balkon, im dritten Stock und also auch richtig hell. Drei Minuten zur U- und S-Bahn, 15 Minuten ins Fitness-Center, nicht viel länger zum anderen Ufer der Spree in den Treptower Park – und direkt daneben ein interessantes Geschäftsviertel, die * Oberbaum-City.

Wünsche? Ich möchte die Wohnung gemütlich haben, es soll schön sein, sinnlich, farbig. Das ist ein neues Bedürfnis, eine neueAufgabe: bisher waren meine Umgebungen immer sachlich-funktional (im besten Fall!), ja kühl.. Ich bin gespannt, ob sich da etwas verändert, bzw. verändert hat. Keinesfalls will ich auf die Schnelle irgend etwas kaufen oder gestalten, nur damit es nicht leer ist! Eigentlich gefallen mir ziemlich leere Wohnungen sogar am besten.

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