Claudia am 17. Oktober 2005 —

Von der Macht der Worte und der Kraft des Schweigens

„Vogelgrippe-Alarm: Türkei-Urlauber bleiben gelassen“ – der Beitrag des RBB, der mit diesen zwischen Fakt und Vorwurf oszillierenden Worten anmoderiert wird, zeigt Reisende, die auf die besorgten Fragen der Reporter befremdet reagieren: Ja, man habe davon gehört, nein, Auswirkungen habe es nicht gegeben, ja, man habe im Urlaub ungestört Hähnchen essen können, nein, niemand habe auf dem Flughafen nach mitgeführtem Geflügel gefragt.

So einfach ist das. Ein paar Fragen mit durchaus erwartbaren Antworten (wer führt schon tote Hühner im Reisegepäck mit?) und schon steht der „Vorwurf an die Verantwortlichen“ im Raum, sich nicht konsequent um die Gefahrenabwehr zu kümmern. Damit kann nun weiter journalistisch gearbeitet werden: Man rufe morgens um 7 ein paar Politiker an und befrage sie zu den noch immer nicht eingeleiteten Schutzmaßnahmen – und schon gibt’s neues Material, „Fakten“ sind geschaffen, zu denen sich andere Politiker wenig später werden verhalten müssen. Das Karussell aus Nachfrage, Antwort, Nachricht, Stellungnahme, Kommentar, Brennpunkt, neue Nachfrage beschleunigt sich, die Woge hysterisierender Meldungen schwillt an und verbreitet alarmierte Erregungszustände, steigert Quote und Auflage. Im Sog
des medialen Katastrophenvakuums zwischen Neuwahl und Erdbeben bot sich die Exhumierung des Vogelgrippen-Themas geradezu an – ich hatte mich schon besorgt gefragt, was wohl aus ihr geworden ist!

Wirklichkeit erschaffen

Immer wieder staune ich, wie aus ein paar Worten Wirklichkeit entsteht: Vor der Elephantenrunde am Wahlabend hätte niemand aus dem Ergebnis heraus gelesen, dass Angela Merkels Aussichten auf die Kanzlerschaft in Frage stünden. Auch knappe Mehrheiten sind und bleiben Mehrheiten – sollte man meinen. Dass sich auch anders denken lässt, lernte die verdutzte TV-Nation erst aus Schröders „Machtworten“, mit denen er sich unerwartet als Sieger inszenierte und ihr den Führungsanspruch absprach, als handle es sich um realitätsferne Träumereien („Man muss doch die Kirche im Dorf lassen!“). Genauere Prüfung der Sachlage ergab, dass Schröder tatsächlich Chancen hätte, im dritten Wahlgang gegen Merkel anzutreten und – mit einigen Stimmen aus der Linkspartei – auch zu gewinnen. Diese „mögliche Realität“ hatte niemand in Betracht gezogen, bis Schröder sie ins Bewusstsein hob: eine Möglichkeit, die zwar den parlamentarischen Gepflogenheiten widerspricht, gleichwohl aber gesetzeskonform wäre. Wie wirkungsmächtig bereits eine solche „mögliche Wirklichkeit“ sein kann, wissen wir heute besser als in den Tagen nach der Wahl: ohne jene markigen Worte hätte die SPD eine schlechtere Verhandlungsposition, sie hätte weniger Ministerien und weit geringere Chancen, ihre Politik in der großen Koalition umzusetzen. Macht neigt eben zum Wachstum, wenn man sie wortstark behauptet.

Dass es so einfach und oft so erfolgreich ist, mit bloßen Behauptungen Realitäten zu erschaffen, liegt daran, dass in einer x-beliebigen Situation nur das gewiss ist, was die sinnliche Erfahrung den Anwesenden jeweils vermittelt: dass da drüben ein Tisch steht, dass es Tag und noch nicht Nacht ist, darauf kann man sich (meistens jedenfalls) problemlos einigen. Alles andere aber, Zukunft, Vergangenheit und sämtliche Zusammenhänge, die zur gerade erlebten Situation führen oder aus ihr folgen mögen, sind Vorstellungen, Erinnerungen und Hoffnungen in den Köpfen der Beteiligten. Die gemeinsame Wirklichkeit entsteht aus der Schnittmenge zwischen diesen Vorstellungen: wenn die Mehrheit einer Gruppe überzeugt ist, dass die Mondlandung niemals stattgefunden hat, dann ist das für die Beteiligten die wahre Wirklichkeit – und alle, die anderes behaupten, sind bloß arme Opfer einer von finsteren Mächten gesteuerten Medienkampagne.

Deine Wirklichkeit – meine Wirklichkeit

Was tun, wenn da ein Mensch vor mir sitzt, der in einen „Privatglauben“ verstrickt und damit sichtlich unglücklich ist?? Früher hab‘ ich mich dann schwer engagiert, ich versuchte alles, ihm die düsteren Weltsichten argumentativ auszureden, in der naiven Meinung, es werde ihm sofort besser gehen, wenn er von seinem Glauben abließe. Statt dessen ging es MIR schlechter, ich rieb mich in sinnlosen Streitereien mehr oder weniger auf, ich spürte, wie sich der Andere mit aller Macht an seine ver-rückte Sicht der Dinge klammerte, die ihn doch – aus meiner Sicht – nur unglücklich machte. Es gelang in keinem Fall, ihn aus dem tiefen Brunnen zu ziehen, im Gegenteil, er zog mich mit hinein. „Worte der Vernunft“ richten nichts aus, wenn es gar nicht um Welt- und Selbsterkenntnis geht, sondern um die Stabilisierung eines Weltbilds, das derjenige offenbar nötig hat, um nicht noch Schlimmeres glauben zu müssen.

Wer zum Beispiel der festen Meinung ist, von unbestimmten Feinden verfolgt und in den eigenen Lebensäußerungen behindert zu werden, mag unter diesem Glauben leiden, doch kann dieses Leiden immer noch „angenehmer“ sein als die Einsicht, fürs eigene Unglück selbst verantwortlich zu sein. Ebenso „nützlich“ sind einfache Weltbilder, von Jehovas Zeugen bis hin zu den wildesten Verschwörungstheorien: wer sie glaubt, weiß immer, wo der Feind steht und muss die Komplexität und Unberechenbarkeit der Wirklichkeit nicht ertragen. ANGST ist der tiefere Grund für die mentale Verstrickung und gegen Angst kommt Vernunft nur sehr selten an, das erlebe ich an meiner eigenen „Angst vorm Fliegen“.

Hier und jetzt spielt die Musik

Das Mittel der Wahl, mit solchen Menschen umzugehen, ist nicht das Argument, der Versuch, das Gegenteil des unglückbringenden Glaubens zu beweisen. Ich musste erst zigmal scheitern, bevor es mir in Situationen absoluter Gesprächsmüdigkeit („dann leck mich doch…!“) unverhofft gelang, vom verbissenen Streit um die „wahre Wirklichkeit“ in eine gelassene, liebevolle Stimmung zu kommen. Das geschieht, wenn ich bei MIR bleibe und nicht versuche, den Anderen zu bekehren: Gut, du meinst, die Welt sei schlecht – aber was machen wir JETZT? Das Wetter ist super, wie wär’s mit einem Spaziergang?

Hier und jetzt ist die wirklichste Wirklichkeit. Das Leiden ist allermeist nur Vorstellung, Bewertung, Voraus- und Nach-denken. Wenn ich mich selber darauf besinne und jeden Anspruch aufgebe, besser zu wissen als mein Gegenüber, was der Fall ist, dann kann ich das Terrain des Denkens und Grübelns verlassen und zum gemeinsamen Erleben übergehen – ein Feld, auf dem es fast unmöglich ist, in miesen Stimmungen zu verharren.

Über die Macht der Worte wollte ich schreiben, doch Worte alleine sind leere Zeichenketten, die nur auf dem Hintergrund von Stimmungen, Ängsten, Wünschen und Bedürfnissen ihre Kraft und Bedeutung entfalten. Manchmal ignoriere ich die Botschaften der Medien für ein paar Tage oder Wochen, dann setzt eine regelrechte „Entwöhnung“ ein, die den Wirkungsgrad der beiläufig aufgenommenen Zeitungsschlagzeilen drastisch herab setzt. Die Welt wird nicht schon dadurch besser, dass ich an jedem der unzähligen Übel inneren Anteil nehme. Im Gegenteil, sie kann sich leicht noch ein wenig verschlechtern, wenn ich ständig empört, wütend, besorgt, geängstigt und verzweifelt bin und ganz vergesse, dass ich zuallererst mein Hier & Jetzt verantworte: mein Körper, meine sinnliche Erfahrung, meine Stimmung, meine Art und Weise, Eindrücke zu verarbeiten und zum Ausdruck zu bringen: vermehre oder vermindere ich damit das allgemeine Unglück? Jeder Mensch ist ein Katalysator und hat die Macht, Stimmungen in diese oder jene Richtung zu verstärken. Worte sind das Mittel dazu, doch die grundsätzliche Entscheidung, ob man positiv oder negativ verstärkend wirkt, fällt in einem Raum vor allen Worten und bleibt oft unbewusst.

Bewusst da sein – geht das ohne Worte, ohne Gedanken??? Im Augenblick intensiver Wahrnehmung denke ich nicht, sondern gehe im Erleben auf. Kaum taucht ein bewertender Gedanke auf, ist das Erleben bereits wieder vorbei: es gibt wieder die Denkende und das Objekt der Betrachtung. Der Verstand ist unfähig, ins Paradies einzugehen, und deshalb verzichte ich – so beobachte ich immer wieder – auf das Erleben zugunsten des Denkens. Diese Reaktion kennen viele, etwa im Gefühl, etwas Schönes TEILEN zu wollen: erlebt man es alleine, erscheint es unvollkommen, bzw. die Vollkommenheit erweckt den heftigen Drang, es jemandem zeigen zu wollen. Ich sehe das als Überlebensstrategie des Verstandes: Drüber reden lässt ihm Raum, bloßes Erleben macht ihn entbehrlich. Und solange ich mich hauptsächlich mit diesem „Ich denke“ identifiziere, bleibe ich ausgeschlossen aus allen Paradiesen des Erlebens, treibe mich missmutig und verlangend vor den Pforten herum, nicht realisierend, dass ich mir nur selber im Wege stehe, weil ich das Denken nicht mal für Momente loslassen will.

Vom Schweigen

Eine Betrachtung über die Macht der Worte, Gedanken und Überzeugungen wäre unvollständig ohne einen Blick auf das Schweigen. „Wissen, wollen, wagen, schweigen“ ist eine alte Weisheit abendländischer Magie-Tradition. Da ich ziemlich gerne rede hab‘ ich lange nicht verstanden, um was es in dem Satz geht: Worte und Gedanken verbrauchen Energie – nicht nur die physikalische Energie, die man in den Aktivitäten des Gehirns messen kann, sondern vor allem psychische Energie. Wenn ich eine gute Idee habe, eine Eingebung oder Intuition, die mittels weiterer Gedankenspiele zum PLAN für ein Handeln reift, dann tue ich gut daran, das nicht gleich auszuposaunen. Denn die Begeisterung, die mich zum Handeln treibt, könnte nicht besser vernichtet werden als durch aufgeregte Mitteilungen: „Hey, stell dir vor, was mir grade eingefallen ist! Ich könnte doch….“ – meist entspinnt sich dann ein engagiertes Gespräch über mein Vorhaben, an dessen Ende mir die Lust aufs Verwirklichen vergangen ist. Und nicht etwa deshalb, weil der Andere quasi automatisch den Advocatus Diaboli spielt und meine Plänen kritisch hinterfragt, sondern weil die Entwicklung und Mitteilung der „Geistgestalt“ des Vorhabens bereits dieselben Gefühle erzeugt, die ich mittels der Realisierung erleben würde. Das REICHT mir dann oft schon: die Idee ist vorgetragen, der Plan in Worte gefasst, ich habe Bestätigung und Anerkennung erfahren – warum nun noch die Mühen der Ebene auf mich nehmen? WAS könnte jetzt noch zur Verwirklichung motivieren? Irgendwie ist „die Luft raus“, das Vorhaben schafft es vielleicht noch auf die ToDo-List, wo schon die anderen „gesprächsweise verbrauchten“ Ideen schlummern und irgendwann ausgesondert werden.

Nicht zu sprechen, etwas erst mal für sich behalten, ist für sehr kommunikative, mitteilungsfreudige Menschen eine schwierige Übung. Umso spektakulärer sind die Ergebnisse, denn das Selbstgefühl verwandelt sich im Schweigen: Man spürt, wie die Idee gleich einem Samen zu keimen beginnt, man traut sich erste Schritte, ohne irgend eine Bestätigung von irgendwem zu brauchen – ein innerer Vorgang, bei dem man zusehen kann, wie Kraft entsteht und größer wird, Kraft, von der die Macht der Worte zehrt, die ansonsten als bloßes Geplapper zu Nichts zerrinnen.

Dieser Artikel wurde gefördert von Zitate online zitate-online.de. 1000 Dank! Ich habe die mir so geschenkte „Schreibzeit“ sehr genossen!

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