Claudia am 23. September 2026 — 13 Kommentare

Test: Emotionale Ansprache für unpopuläre Reformen – ein Formulierungsversuch

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

Ihr fragt Euch vielleicht, warum wir „Reformpakete“ schnüren, die vor allem aus Einsparungen bestehen und verständlicherweise nicht gut ankommen. Seid versichert: Sehr gerne würden wir auf all das verzichten und staatliche Unterstützungen lieber steigern als streichen! Das bringt mehr Zustimmung, keinen Ärger und mehr Wählerstimmen – also alles, was wir Politiker/innen in verantwortlichen Ämtern schätzen. Und was wahr ist, auch wenn uns das viele von Euch nicht glauben: Wir wünschen uns, dass unser Land so gut funktioniert, dass es möglichst allen gut geht!

Warum machen wir das also? Ehrlich: Weil wir müssen! Und: wir haben Angst!
Angst davor, wichtige, aber megateure Systeme ins unbezahlbare Chaos laufen zu lassen, wenn wir nichts ändern. Vermutlich wisst Ihr, dass unsere Wirtschaft seit sieben Jahren nicht mehr wächst, wodurch auch die Steuereinnahmen nicht mehr wachsen. Und gewiss habt Ihr an den Ladenkassen gespürt, dass in diesen Jahren wirklich ALLES sehr viel teurer geworden ist! Das gilt nicht nur für die Waren des täglichen Bedarfs, sondern z.B. auch für die Gehälter in der Pflege, die den Menschen in diesem fordernden Beruf wirklich zu gönnen sind.

Dass immer weniger Junge die Renten von immer mehr Alten bezahlen müssen, habt Ihr sicher auch schon als Problem erkannt. Deshalb finanziert sich die Rente schon lange nicht mehr nur aus den Beiträgen: stolze 30% der Gesamtkosten kommen aus dem Bundeshaushalt als Zuschuss! Das können wir nicht einfach erhöhen, weil wir schon jetzt diesen Haushalt nur mit immensen Schulden finanzieren müssen. Allein in diesem Jahr sind es insgesamt 181,5 Milliarden Euro neue Schulden, die zweithöchste Summe in der Geschichte. Und eine Besserung ist nicht in Sicht, es wird im Gegenteil immer mehr werden.

Na und? Geht doch, denkt Ihr vielleicht! Aber wer Kredite aufnimmt, muss auch Zinsen zahlen – und die steigen zurzeit deutlich. Die Folge: Der Staat muss einen immer größeren Anteil der Steuereinnahmen als Zinsen bezahlen. Geld, das für wichtige Sozialausgaben und für die Verbesserung der teils maroden Infrastruktur fehlt. Wenn wir jetzt nicht „mit Augenmaß“ sparen, dann muss bald jeder zweite verdiente Euro von eurem Brutto für die Sozialkassen abgezogen werden, sofern wir deren Leistungen überhaupt aufrechterhalten können. Das wollt Ihr nicht? Wir auch nicht, wirklich nicht!

Aber lasst uns Tacheles reden! Das früher so hoffnungsvolle Wort „Reform“ heißt für Euch allzu häufig: weniger im Portemonnaie. Das ist keine Fehlwahrnehmung, es ist die Wahrheit, die wir nicht länger schönreden wollen. Aber schaut bitte genau hin: Es gibt im für diesen Herbst geplanten Reformpaket auch ein paar Punkte, die Euch entlasten: Der steuerfreie Grundfreibetrag steigt, ebenso der Kinderfreibetrag und das Kindergeld, sowie der Arbeitnehmerpauschbetrag. Was durch die Einsparungen erhalten bleibt ist die verlässliche Rente, eine Pflege, die nicht wegen Personalmangel zusammenbricht und eine Infrastruktur, die wir endlich nach und nach sanieren können.

Das findet Ihr selbstverständlich? Ist es leider nicht, denn wir können ja kein Geld drucken, wenn die Wirtschaft nicht mehr genug abwirft und die Steuereinnahmen nicht reichen. Was wir aber können: Unsinn aus dem Reformpaket streichen, denn Gesetze werden noch immer im Bundestag gemacht, nicht in Expertenkommissionen. Zum Beispiel das mit der „Krankschreibung ab dem 1. Tag“: Da sieht doch jeder auf den ersten Blick, dass das nicht praktikabel ist! Auch weitere Maßnahmen, die einige von Euch besonders treffen, werden wir nochmal prüfen und schauen, ob wir die Härten abpuffern können – im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten.

Das reicht euch nicht? Wir verstehen eure Wut, aber wahr ist eben auch:  Eine Politik, die „mehr statt weniger“ für alle bringt, können wir in diesen Zeiten leider nicht mehr versprechen. Was wir aber versprechen können ist Ehrlichkeit. Es wird keine Ankündigungen mehr geben, die wir nicht halten und keine Zahlen, die wir extra schönrechnen. Wir können nur darauf hoffen, dass Ihr dann manches besser versteht, was wir auch gerne anders hätten!

***

Zu diesem (eigenen, nix KI) Versuch einer „emotionalen Ansprache“ hat mich der Blogpost „Weiter so, wir sind auf dem einzig richtigen Weg“ von Boris Stumpf inspiriert:

„Das scheint das aktuelle Narrativ zu sein, auf das sich die Führungsebene(n) der CDU verständigt haben… Fehler hat man allenfalls in der Kommunikation gemacht. Die Bürger haben sich offensichtlich nicht mitgenommen gefühlt, weil man ihnen die objektiven Notwendigkeiten, die man als Bundesregierung erkannt und in Angriff genommen hat, nicht (emotional) richtig erklärt hat.“

Wie fändet Ihr eine solche Rede?

***

Und sonst:  

Diesem Blog per E-Mail folgen… (-> Sidebar)

Diskussion

Kommentare abonnieren (RSS)
13 Kommentare zu „Test: Emotionale Ansprache für unpopuläre Reformen – ein Formulierungsversuch“.

  1. Die Aussagen in diesem Artikel können nicht ernst gemeint sein. Das Wort „interpretieren“ kann ich kaum ausbuchstabieren. So klar ist das Gegenteil. Ein nicht ganz neues aber jetzt bundesweit sichtbares Thema, das die Hauptstadt noch richtig beschäftigen wird. Ich empfehle Ronzheimers Video mit Ahmad Mansour.

  2. Das Problem mit dem ganzen Mist, der uns jeweils als Reform verkauft wird, ist doch, daß es immer die trifft, die sowieso nicht viel haben. Daß von unseren deutlich überbezahlten Politikern mal ein Signal kommt, daß auch sie verzichten – und zwar so, daß sie es merken -, oder daß sie sich auch mal am Gemeinwohl beteiligen, beispielsweise, indem auch sie in die Rentenkasse einzahlen und auch mal auf Diätenerhöhung verzichten oder gar mal ihre Bezüge kürzen, sehe ich leider nicht. Stattdessen ist man arrogant, von oben herab, labert was von Nutznießern und Faulpelzen und erweckt den Eindruck, in einem anderen, sehr gut bezahlten Universum zu leben.
    Die (fiktive) Rede gefällt mir trotzdem – da könnte so mancher ins Nachdenken kommen. Aber sie wird sicher fiktiv bleiben…

  3. Wie fändet Ihr eine solche Rede?

    @Claudia, deine Rede hat mich auf jeden Fall lange und intensiv zum nachdenken angeregt, defintiv mehr, als alle Aufmerksamkeit-Erregende Einlassungen. Es ist eine Rede aus dem Stil, Geist und Art, wie die meisten heute Ü60/70 miteinander umzugehen pflegen. Ich bin mir aber unsicher, ob ich, wenn es um die Rentenreform geht, überhaupt der richtige Adressat bin, denn es betrifft mich nicht mehr! Entscheiden müssen das die Menschen, deren Zukunft es formt und dabei ist jedes altkonservative CDU-Kreuz aus meiner Lebensgruppe ein Eingriff in deren Gestaltungsfreiheit ihrer Zukunft.

    Eine solche Rede ist auf jeden Fall eine Rede von Claudia. Und wenn Claudia sagt: „Was wir aber versprechen können ist Ehrlichkeit. Es wird keine Ankündigungen mehr geben, die wir nicht halten…“ – dann glaube ich das Claudia. Sofort und Unbenommen. Wenn das aber F. Merz sagt, hat dieser Satz nicht mehr Wert für mich als wenn der Alkoholiker zu seiner Frau sagt: Ab morgen trink ich nicht mehr. Die Vertrauensbasis ist massivst beschädigt. Ich gehe in diesem Gedanken sogar so weit das ich denke, vielleicht sollte Merz genau darüber fallen, als Mahnmal für alle ihm Nachfolgenden – was man auf keinen Fall tun sollte.

    Bei deiner Rede denke ich auch, wenn sie F. Merz halten sollte, wäre das die richtige und wichtigste Rede hauptsächlich an Klingbeil und Bas, denn mir scheint, dass diese beiden charismatischen, leidenschaftlichen und extrem authentisch wirkenden Kämpfertypen die Einzigsten beiden sind, die noch nicht verstanden haben, um was es geht und jetzt schon das sinkende Schiff verlassen.

    Ich glaube nicht, dass die Menschen in diesem Land reformUNwillig sind. Wenn dringend notwendige Reformen aber als Wahlgeschenk rein zum Spielball von Wahlen gemacht werden, wie jetzt von den 3 CDU MP`s und Schwesig vorgemacht, dann kann ich junge Menschen schon besser verstehen wenn die sagen: Reformen ja, aber mit dieser Mannschaft. Nee.

    Ich glaube was mir deine Rede gezeigt hat ist, das es zu spüren ist, wenn es Menschen ehrlich mit der „Sache“ meinen oder wenn die „Sache“ für andere Zwecke benutzt wird.

  4. Danke für diese fiktive Ansprache an die Bürger, inspiriert von meinem Blogartikel. Mir fehlt inzwischen die Fantasie für so etwas. Ich kann das ganze festgefahrene Gebaren dieser Regierung nur noch als schlechtes Theater begreifen.

    Würde in diesen Tagen einer der aktuellen Führungspolitiker genau diese Rede halten, würde ich ihn fragen, warum ich ihm glauben sollte. Warum??

    Denn gleich vorweg: „Goodwill“ und Vertrauen habe ich nicht mehr übrig… nach Jahrzehnten (mehr oder weniger vorsätzlich) fehlgeleiteter Politik von CDU/CSU und SPD. Nichts von dem, was wirtschaftlich, sozial und politisch hier im Land läuft, ist zufällig, unfallartig geschehen oder unerwartete Folge von Ereignissen. Es ist alles Folge von Politik.

  5. @alle: herzlichen Dank für eure Kommentare zu meinem „Formulierungsversuch“. Natürlich ist mir klar, dass eine solche Rede nicht von heute auf morgen verlorenes Vertrauen wieder herstellen könnte – aber es sollte mal ein Beispiel sein, wie ich mir Kommunikation von Seiten der Amtsträger wünschen würde. Vielleicht könnten ja neue Akteure, die irgendwann die jetzigen ablösen, damit anfangen… Mir fehlt regelmäßig der Kontext von ungeliebten Maßnahmen, den viele Politiker/innen offenbar als selbstverständlich voraussetzen, oder sie halten die Leute für dumm und unbelehrbar und lassen das auch spüren.
    Dass eine solche Rede nur bei Alten ankäme, wie @Menachem meint, glaube ich nicht. Der Bezug zu eigenen Gefühlen ist ja gerade unter jungen Menschen sehr üblich.
    Auch die Presse hat m.E. einen großen Anteil an der verfahrenen Lage, denn es wird stets nur skandalisiert, aus dem Zusammenhang gerissen, das Negative aufgebauscht, das Positive nicht erwähnt. Clickbait halt: Empörung, Wut und Angst bringen mehr Aufmerksamkeit – ein Elend! Dabei ist vieles, was ich so lese, nicht mehr „Kontrolle der Macht“, wie es die Pflicht der „4.Gewalt“ ist, sondern begeistertes „niederschreiben“ – grade wieder zu besichtigen an der Schmutzkampagne gegen die LINKE in Berlin. Aber das ist einen anderen Blogpost wert.

  6. @Claudia, das die Rede nicht bei den Jungen ankommen würde, war von mir weder inhaltlich noch stilistisch gemeint, sondern bezog sich auf den Kommunikationsweg, der für junge Leute ja hauptsächlich über die sozialen Medien geht und dafür dort plaziert und aufbereitet werden müsste.

  7. Die die da adressiert sind, lesen das nicht. Bin da bei Menachem.

  8. @Gerhard: Dieser Text ist nicht an eine bestimmte Gruppe „adressiert“, sondern versucht, einen emotionaleren Ton anzuschlagen, die Leute nicht für dumm zu verkaufen und die Lage, wie sie sich finanziell darstellt, in aller Kürze und auch Härte zu formulieren – mit Rückbezug zu den eigenen Gefühlen dazu,
    Menachem meinte lediglich, dass Jüngere keine Blogs lesen und man es anderswo bringen müsste, um deren Reaktion zu ermitteln.

  9. @Claudia, wo würdest du es bringen wollen? Darum geht es doch. Die meisten Influencer senden von ihrer Couch. Deinen Text würden sie da kaum bringen wollen.

  10. Gern gelesen, geschmunzelt, als ich am Ende las „nicht mit KI“, weil ich bei den allzu verständnisvollen Formulierungen dran dachte.
    Ich vermute aber auch, zu lang, als dass jemand länger zuhören oder lesen würde-aber ja, ist ja nicht als solche gedacht.

  11. @Gerhard: diesen Text habe ich fürs Diary geschrieben und nie daran gedacht, es sonstwo zu bringen, damit bestimmte Zielgruppen es lesen!

    @Thomas: genau, es ist als „Rede“ gedacht – und Politiker reden sogar gerne noch länger!

  12. Da bin ich bei Holly.

    Während wie in anderen Beiträgen bereits erwähnt die „Last“ für die Vermögenden systematisch reduziert wird und mindestens seit Schröder einerseits Arbeit immer „billiger“ gemacht wird, während dadurch das Einzahlen in die Sozialsysteme weniger wird, wirft man für Nonsens endlos Kohle aus dem Fenster.

    Gleichzeitig wird ständig die Leier gedreht, dass Staat oder öffentliche Hand nicht wirtschaften kann, während privat das Nonplusultra ist. In echt sieht das meist so aus, dass private Unternehmen vom öffentlicher Hand Topsaniertes über nimmt und ab dem Zeitpunkt, wo wirklich investiert werden muss, steigt man aus und überlässt den Plunder wieder den Kommunen, Ländern und dem Bund. Die krassesten Beispiele stammen aus der Zeit der PPP, an denen etliche noch heute knabbern.

    Bei der Rente sollte man immer bendenken, dass die jetzigen Beiträge auch den jetzigen Rentnern ausgezahlt werden und die Bescheide der Rentenanstalt mehr oder weniger Prognose sind. Das dabei die Kinder aka zukünftige Einzahler fehlen, hat ja auch Gründe und die jetzt so gehypte, fondbasierte Rente mehr genau wie bei Riester und Rürup erstmal die Konten der Banken und Aktienanleger mit ebenfalls ungewissen Ausgang, wie man am jüngsten Flop bei den Krankenkassen sieht. Wie ein ohnehin Geringverdiener überhaupt noch etwas abzweigen soll, verraten die ganzen Initiateure auch nicht.

    Aus meiner Sicht wird da eher eine suggestive Angst geschürt, die bei einem vernünftigen Rentensystem wie vor Schröder gar nicht oder nicht in diesem Umfang nötig wäre, sondern sich ggf. mit einem etwas höheren Rentensatz durchaus auch lösen liesse, vorausgesetzt, Arbeit wird vernünftig bezahlt. Nur wirft das eben auf der anderen Seite weniger ab und da könnte der Hase im Pfeffer liegen. Ist natürlich mit einer Regierung Merz nicht zu machen und sollten die blaubraunen Brüder im Geiste übernehmen, dann wird´s sowieso ganz anders…

  13. @Siewurdengelesen: mein Blogpost ist, wie der Titel sagt, nur ein Formulierungsversuch, wie Regierende „emotionaler“ argumentieren könnten. Natürlich hab ich dafür die aktuellen Inhalte genommen, die zu den Reformpaketen vermittelt werden.
    Du schreibst eine inhaltliche Antwort – auf die gehe ich jetzt nicht ein, es sind zu viele Themen auf einmal und jedes einen eigenen Blogpost wert!
    Hab einen schönen Sonntag!

Was sagst Du dazu?

*) Ein Name muss angegeben werden. Wenn du keine Mailadresse angeben willst, lass das Feld frei. Wenn du aber weitere Kommentare abonnieren willst, musst du natürlich auch eine Adresse angeben! Auch wäre es NETT, eine anzugeben, weil ich gelegentlich mal nicht öffentlich antworte. IP-Adressen werden nicht gespeichert. Was mit Daten auf diesem Blog passiert, erfährst du in der Datenschutzerklärung.