Claudia am 17. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Und wieder: Wegwerfen, wegspenden, loslassen

Und wieder: Wegwerfen, wegspenden, loslassen

Neben mir stehen jetzt sechs gepackte Umzugskisten, vier kleine, 40 mal 60 Zentimeter und zwei große, 80 lang. Daneben ein Rucksack und noch zwei Taschen, voll mit kleinen Dinge – meine Buddhastatuensammlung, zum Beispiel. Naja, Sammlung, es sind jetzt sieben. Daneben die Fotoausrüstung meines Vaters, eine bestimmt 30 oder gar 40 Jahre alte Rico-Spiegelreflex mit allerlei Zubehör, in Geld betrachtet fast wertlos – nie werde ich sie benutzen, doch ich will sie auch nicht entsorgen, noch nicht. Er hat mir auf vier Seiten eine Gebrauchsanweisung dazu geschrieben, es ist der einzige Brief, den ich noch von ihm habe. Er beschreibt nicht nur die Kamera, nein, es ist eine Anleitung zum Fotografieren überhaupt, auf vier Seiten, zügig durch alle Aspekte bis hin zum Umgang mit dem Verkäufer, wenn man die Papierabzüge reklamiert. Rechtschreibung und Grammatik war dabei weniger wichtig, die Tochter ist schließlich nicht die Behörde. Tja, so war er. Und ich hab‘ viel von ihm!

Unterm Bett liegt das 400-Mark-Keyboard, kaum benutzt und wieder originalverpackt. Hab mir überlegt, es zu spenden, wie den guten Meter Bücher, der nicht mehr ins Regal gepasst hat, mich dann aber doch dagegen entschieden. Könnt ja sein, dass ich nochmal Lust auf die 128 Midisounds habe, vielleicht schließe ich das Board in der neuen Wohnung wieder an. Zweimal zwei PC-Lautsprecher mit integriertem Verstärker stehen auch noch hier herum. Mindestens ein Paar muss ich behalten. Derzeit lebe ich ohne Sound, völlig still im Hier und Jetzt, nur gelegentlich das Quaken des Handys, wenn es Strom tanken will.

Am Dienstag bekomm‘ ich den Schlüssel zur neuen Wohnung, dann kann ich mit dem Umziehen anfangen. Samstag kommt * Erkan-Transport (sehr empfehlensert!) und holt die großen Sachen, das andere mach‘ ich selbst. Es sind ja nur etwa 500 Meter, einmal rüber über die S-Bahn-Geleise, dort, wo man so wunderbar weit bis zum Funkturm sehen kann, dann noch ein paar Schritte bis zum Rudolfplatz, direkt im * Stralauer Kiez, praktisch eine Insellage.

Jedes Mal ein bisschen weniger ?

Seit ich Webtagebuch schreibe, ist dies mein dritter Umzug. Ich kann also nachlesen, wie es mir 2001 erging, als ich voller Freude in die Metropole zurück kehrte, die ich 1999 so völlig überdrüssig verlassen hatte. Da finde ich zum Beispiel den Eintrag Mal wieder: Materie, der davon handelt, wie man das Sammeln, Horten und Anhäufen vermeiden bzw. sich abgewöhnen kann – und wie ich mich im einzelnen mühe, immer weniger zurück zu behalten. Ein Endlos-Thema, denn auch schon beim Umzug aufs Land, im Juni 1999, wollte ich jede Menge Ballast abwerfen (wer nachliest merkt: hier geht’s auch zurück ins historisch gewachsene Diary).

Ist da in Sachen Besitz nun ein Fortschritt festzustellen? Hat das „weniger werden“ geklappt ??? Ich hab mich ja nicht selber vergewaltigt und sozusagen „programmatisch“ alles mögliche weggeworfen. Nein, Dinge wie etwa Papas Kamera schleppe ich ohne Ärger mit, was weh tun könnte, wird nicht entsorgt, mag das auch noch so irrational sein. (Ich BIN schließlich nur in einem winzigen Bereich rational, warum also sollte ich mich da bezähmen.)

Wenn ich mal kurz drüber lese, stelle ich fest: 1999 hab ich sogar noch mehrere Jahrgänge Internet World und andere Magazine nach Mecklenburg umgezogen – in großen Schubern, was für ein irres Gewicht! Die hab ich diesmal dem Obdachlosenbuchladen um die Ecke vorbei gebracht, zusammen mit den bestimmt sechs Tüten bzw. Rucksäcken voll Bücher. Die Andenken, Fotos und Geschenke aus der persönlichen Vergangenheit, die ich bisher nie los werden konnte, hab ich durchsortiert und auf ein Zwanzigstel geschrumpft! Alte Familienalben, alle Negativfilme aus der eigenen Fotografierzeit – alles weg. Auch besitze ich keinen einzigen Brief mehr, nur eine Art „Rollo am Holzstab“, das ein Mann, in den ich vor etlichen Jahren verliebt war, aus unseren Frühlingsbriefen zusammenkopiert und gebastelt hat. Ich hatte das Teil schon in der Hand, die über dem Müll schwebte -. kurz zögerte – dann hab ich mal kurz reingelesen. Das hätt ich nicht tun sollen, jetzt hab‘ ich das romantische Papp-Memorial einer Frühlingsliebe noch ein paar Jahre!

Fortschritt auch bei den am meisten Ego-besetzten Artefakten: alle „früheren Werke“ sind jetzt den Gang alles Irdischen gegangen, die einst herausgegebenen Zeitungen, die Broschüren und Prospekte, auch sämtliche Texte aus unterschiedlichen Schreibgruppen und Workshops. Diesen ganzen Schmodder leichten Herzens endlich los zu lassen, tut ganz besonders gut.

Was bleibt? Die sechs Kisten werden noch etwa acht werden – zum leichteren Tragen durcheinander gepackt mit Büchern, Akten, Kleider und Geschirr – dazu die sieben Buddhastatuen. Geschirr und Klamotten konnte ich in den letzten Tagen auf genau das reduzieren, was ich auch tatsächlich trage und benutze, der Rest ging in die Kleidersammlung.

Möbel ? Nicht viel: Ein Bett mit höllisch schwerer Latexmatratze, zwei Billy-Regale, der Schreibtisch mit Stuhl und Aktenschrank, ein Sideboard und ein Kleiderständer (statt Kleiderschrank, dem ich mich immer schon verweigere), zwei leichte Stoffsessel mit rundem Tischchen, ein kleines Sofa, der Küchentisch mit zwei Stühlen, – sodann die Waschmaschine und der Kühlschrank, ein kleines Stand- und ein Hängeregal für die Küche. Drei Zimmerpflanzen, drei Balkonkästen – war es das? Ach ja, zwei Balkonstühle, auch für Gäste benutzbar, und ein paar kleine Teppiche. Himmel, es bleibt doch immer noch eine ganze Menge übrig, was mensch so durchs Leben schleppen muss in der technischen Zivilisation. Und um in dieser zu navigieren, ist natürlich der PC und das zugehörige Equipment nicht zu vergessen – ja, er ist die „Haupt-Sache“, denn der ganze Umzug ist um „Abbauen des Arbeitsplatzes, Aufbauen drüben“ herum organisiert, das wichtigste DER ANSCHLUSS, möglichst nahtlos und ohne zwischenzeitliche Unterbrechung.

Was die materiellen Gegenstände angeht, hab ich es mit diesem Umzug also nun wirklich dahin gebracht, praktisch jedes Ding zu kennen, das ich besitze – von den Küchenmessern über den Räucherstäbchenhalter bis zum Aktenlocher. Ich könnte also damit beginnen, mir „die letzen Dinge“ zuzulegen: alle diese bisher nur zufällig und ohne besondere Liebe erworbenen oder behaltenen Gegenstände nach und nach durch bewußt gewählte, schöne Dinge ersetzen, zu jedem eine eigene Beziehung aufbauen, Gegenstände mit Gesicht und Geschichte! Anderen ist das in die Wiege gelegt – sollte es mir JETZT noch gelingen, die Liebe zur materiellen Ebene zu entwickeln? Spät ist besser als nie, sag ich mir.

Schön, sinnlich, farbig?

Morgen in einer Woche werde ich also am Rudolfplatz aufgebaut haben, werde angeschlossen sein (toi toi toi!) und aus dem Fenster in die Weite sehen: über den Platz mit Kirche, Schule und Kinderspielplatz, über den Grüngürtel bis hinüber zu den S-Bahn-Geleisen. Seit vorgestern hab‘ ich den Mietvertrag, ich kann’s noch kaum glauben! Es sind 72 Quadratmeter, zwei große, ineinander übergehende Altbauzimmer, eins mit Balkon, das andere mit großem Erker. Renovieren muss ich nicht, alles ist ok, Rauhfaser weiß, abgezogene Dielen, nichts irgendwie schmuddlig, aber auch nicht so gesichtslos „topmodernisiert“ wie in der Wohnung, die ich verlasse.

Wird das jetzt der letzte Umzug oder geht’s in zwei Jahren wieder weiter??? Die Miete immerhin ist bis ins Jahr 2013 im Mietvertrag festgelegt. Und die Wohnung ist recht genau meine Wunschwohnung: ähnlich viel Platz wie jetzt, sogar mehr, denn ich hab wieder zwei Zimmer. Weitblick nach allen Seiten, Balkon, im dritten Stock und also auch richtig hell. Drei Minuten zur U- und S-Bahn, 15 Minuten ins Fitness-Center, nicht viel länger zum anderen Ufer der Spree in den Treptower Park – und direkt daneben ein interessantes Geschäftsviertel, die * Oberbaum-City.

Wünsche? Ich möchte die Wohnung gemütlich haben, es soll schön sein, sinnlich, farbig. Das ist ein neues Bedürfnis, eine neueAufgabe: bisher waren meine Umgebungen immer sachlich-funktional (im besten Fall!), ja kühl.. Ich bin gespannt, ob sich da etwas verändert, bzw. verändert hat. Keinesfalls will ich auf die Schnelle irgend etwas kaufen oder gestalten, nur damit es nicht leer ist! Eigentlich gefallen mir ziemlich leere Wohnungen sogar am besten.

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Claudia am 12. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Richtungswechsel – eine Zwischenbilanz

Richtungswechsel – eine Zwischenbilanz

Seit einer knappen Woche lebe ich wieder allein – nach etwa zwölf Jahren Zweisamkeit! Nur noch ein paar wenige große Möbel meines liebsten Freundes stehen im Nebenzimmer, am Montag früh ist der Abtransport. Er hat eine Wohnung in Kreuzberg gefunden, ich bleibe in Friedrichshain, ziehe aber ein paar hundert Meter weiter: rüber über die S-Bahn-Geleise, näher an die Spree, direkt neben die Oberbaumcity. Alles verläuft ganz organisch, es geschieht, was geschehen muss und wir sind es beide zufrieden. Eine gute Erfahrung, daß nicht jede wichtige Veränderung unter Hauen & Stechen stattfinden muss.

Beim Verein der Freunde alter Menschen bin ich im November ausgestiegen: für ein paar wenige alte Menschen Kaffeenachmittage zu organisieren ändert nichts an der Situation in den Alten- und Pflegeheimen, auch nicht an der Isolation der Unzähligen die noch in ihren Wohnungen schlecht und recht versorgt werden. Und JA, ich will wieder etwas ändern, wenn ich mich schon engagiere, nicht nur einfach „irgendwas in dem Bereich“ machen und sehen, wie es mir bekommt.

Türen schlagend verließ ich kurz vor Weihnachten auch meinen langjährigen Yoga-Lehrer. Über die verschiedenen Anlässe will ich mich hier nicht verbreiten. Ich verdanke ihm viel und werde das nicht vergessen! Der Zeitpunkt war allerdings länger schon überschritten, an dem ich hätte gehen sollen: der ist immer dann, wenn ich nur noch das „Immerselbe“ erlebe und bereits mehrfach auf alle mir möglichen Weisen reagiert oder eben nicht reagiert habe. Da zu bleiben und das Bekannte endlos weiter zu „konsumieren“ ist dann kontraproduktiv, denn die Punkte, an denen es weiter gehen muss, sind durch diese Konstellation blockiert: bei ihm und durch ihn geht nichts mehr – aber auch nicht mit Hilfe eines Anderen, denn ER ist ja da! Und er macht natürlich SEINS, seinen Yoga, sein Leben, seine Philosophie und seine Weltanschauung – wenn ich wichtige Teile davon ablehne, aber trotzdem dran bleibe, ergibt das nur einfach zunehmende Ärgerlichkeit im zwangsläufigen Stillstand.

Gut, dass es jetzt zu Ende ist, zehn Jahre sind vermutlich auch genug. Mit ihm zu streiten wäre müßig. Ganz abgesehen von der Frage, ob er Kritik und Auseinandersetzung auch einmal zulassen würde, bin ich ja nicht gekommen, um IHN, den zwanzig Jahre Älteren zu ändern, sondern um MICH mit seiner Hilfe ändern zu lassen. Wenn allerdings in mir keinerlei Verlangen mehr brennt, in dieser oder jener Hinsicht zu werden wie er, dann läuft da nichts mehr. Lange schon nicht!

Form wird Leere, Leere wird Form

Es gab auch noch ein paar weniger bedeutende Trennungen in letzter Zeit, die alle ein Grundmotiv gemeinsam haben: die Phase, in der ich nur beobachtetete, wie die Außenwelt mich formt, in der ich immer nur übte, möglichst ohne Widerstand ein Maximum an innerer Flexibilität zu realisieren, ist vorbei. Lange lebte ich aus der Mitte dreissig gewonnenen, damals ungeheuer befreienden Einsicht: Ich bin niemand, also bin ich (potenziell) alles. Kann daher zu allem JA sagen, denn nichts stellt mich in Frage. Weil da ja kein substanzielles Ich existiert , weil „ich“ nur eine Denkweise ist, definiert mich auch nichts außer mir selbst – ich kann es also gleich ganz lassen und einfach nur Beobachterin sein. Beobachterin auch eigener Gedanken, Gefühle und Aktionen, die einfach stattfinden weil ein Tag dem anderen folgt und immer irgend etwas geschieht.

Demut, Hingabe, Gelassenheit – diese Haltungen kamen in meinem ersten Lebensentwurf nicht vor: der zeigte mich als Macherin meiner Welt, als stets Betroffene und Verantwortliche, die mit vollem Einsatz kämpft und um Macht und Einfluß ringt; natürlich immer für die Menschheit und die Weltrettung und niemals für sich selbst – zumindest in der Selbsteinschätzung, also in fast völliger Blindheit.

Als diese Art des In-der-Welt-Seins dann auf selbstzerstörerische Weise zum Ende kam und vor nun fast dreizehn Jahren endlich zusammen brach, bewegte es mich wie in einer Pendelbewegung hin zum anderen Ende er Dualität: Nicht ICH mache, sondern ich werde gemacht – alles geschieht immer schon ganz ohne dass ich die Welt auf meinen Schultern trage. Etwas Konkretes wollen, etwas Bestimmtes meinen, ja, alles Meinen und Diskutieren, Argumentieren und Grübeln – all das sind nur Formen der Unfreiheit und Selbstfesselung. Nur nie mehr versuchen, eine Form zu verteidigen!

Ich kann kaum schildern, was das für eine Umwertung alle Werte bedeutete – und was für ein spektakulär anderes Lebensgefühl. Es war eine Art zweite Geburt. In der ersten Zeit schwebte ich denn auch wie auf Wolken, und auch später ging es mir durchgehend besser als je zuvor: anstrengungslos ergriff ich Möglichkeiten, die sich mir anboten. Menschen wollten etwas von mir, also tat ich das – das Leben wurde ungeheuer einfach und erstaunlicherweise lebte ich in jeder Hinsicht besser, auch was Arbeit und Einkommen angeht. Offensichtlich war ich in meiner Macher-Phase selbst der Urgrund all meines Unglücks und meiner Verzweiflungen gewesen.

Die „Entdeckung der Gelassenheit“ war allerdings nicht das Ende, wie ich heute merke. Das Pendel hält nicht etwa an, sondern schwingt weiter von einem Pol zum andern – vermutlich werden nur die Ausschläge kürzer und ein Leben ist (im niemals real existierenden Idealfall) dann vollendet, wenn es in der Mitte zur Ruhe kommt.

Weit entfernt von dieser mittigen Ruhe erlebe ich derzeit wieder den Richtungswechsel: von der Leere zur Form, vom Nichts zum Alles, vom Loslassen zum Zupacken, vom Forschen und Beobachten zum Erschaffen und Pflegen. Es fühlt sich an wie eine Häutung, alles Erleben ändert seinen Geschmack, alle Wahrnehmung ist anders, eben noch in einer alten Routine steckend merke ich ständig: hey, auch DAS ist ja nicht mehr so, wie gehabt! Auch hier ist etwas neu und ich muss es mir genauer ansehen, muss einen neuen Umgang damit finden.

Aus der Wüste zu den Sternen

Wie ist das gekommen? Was hat sich verändert? Der Umschlag hat sich schon lange Zeit angebahnt, so seh ich das zumindest jetzt. Einige Jahre fühlte ich mich schon wie in einer Art Wüste: keine Wünsche mehr, keine wirklich ernst gemeinten Projekte, keine Gedanken an Zukunft (weil die sowieso nicht existiert..) – und der verrückte Versuch, immer mehr zum Nichts zu werden, eine Art Nullstelle im Dasein, allenfalls ein paar vielleicht hilfreiche Beobachtungen absondernd, die aufgrund eigener Interesselosigkeit einen ganz besonderen Anspruch auf Wahrheit anzumelden hätten – wie absurd! Was für eine Selbtvergewaltigung!

Während mein Yogalehrer sein Buch über „Daseinsgefräßigkeit“ vorbereitete, verging mir so langsam aller Appetit aufs Leben. Und im Zusammenwohnen in einer um jeden Preis friedlichen Zweisamkeit scheiterte ich zeitgleich mit dem Bemühen, als Form, als Jemand, an dem der Andere anecken, sich irgendwie stören könnte, zu verschwinden. Mich immer weiter zurücknehmend konnte ich es locker bis zur konturlosen grauen Maus bringen, die in einem unauffälligen Loch sitzt und den Kopf einzieht, um nur nicht Stein irgend eines Anstoßes zu sein – nichts wollend, nichts meinend, nichts wünschend – und doch alles zwecklos! Der Andere stößt sich trotzdem, das kann gar nicht anders sein, wenn man sich so nahe ist.

Das eigene Verschwinden ist nun aber nicht wirklich machbar, selbst der Symbolisierung und Virtualisierung in einem Online-Leben sind natürliche Grenzen gesetzt. Wenn also die eigentlich „beziehungstypischen“ Auseinandersetzungen vermieden werden sollen, bleibt als einzige Möglichkeit, die alltägliche Zweisamkeit zu beenden und eine größere Distanz einzunehmen. (….jetzt freu ich mich schon wieder, wenn er zum Kaffee kommt!)

Seit dies beschlossen ist, also seit ein paar Monaten, zerbröckeln eine ganze Menge innere Mauern, die ich offensichtlich gegen Veränderungen errichtet hatte. Es ist machbar, ja sogar leicht, etwas Wesentliches zu verändern: Anstatt zugunsten Anderer wegzuschrumpfen, kann ich mir auch einfach mehr Raum nehmen. Ja, irgendwann bleibt einfach nichts anderes mehr übrig, selbst wenn ich „eigentlich“ nichts derartiges vorhatte, ja, sogar ängstlich davor zurück schreckte..

Es macht einen wichtigen Unterschied, dies an sich selber erneut zu erleben, anstatt es nur zu wissen bzw. zu erinnern. Wie Dominosteine purzelt nun alles in eine andere, eine neue Richtung: wenn ich an diesem allerwichtigsten Punkt meines Lebens nicht anders kann, als SO zu entscheiden, dann ist nicht mehr einzusehen, warum ich mich in weniger wichtigen Bereichen weiter um die eigene „Nichtung“ mühen sollte!

Als wäre die Sehne eines Bogens überspannt worden und letztlich gerissen, drehe ich mich um 180 Grad, schwinge mit dem Pendel wieder in die andere Richtung und fühle voller Freude: Ich bin völlig ok, meine individuelle „Form“ ist gut so! Sollen doch diejenigen, die immer gerne an mir herumkritisieren, erstmal dahin kommen, sich mit sich selbst so wohl zu fühlen wie ich. Mein Atem ist mir lang genug, warum zum Teufel soll ich ihn eigentlich NOCH weiter verlängern??? Wenn nicht gerade jemand an mir zieht und mir vermittelt, ich sei irgendwie falsch, geht’s mir super! Sogar unabhängig vom Stand des Bankkontos, vom Wetter und von kleinen Zipperlein wie Mausarm, Tietzesyndrom und Probleme mit dem Nerv aus L5/L6 ! Richtig krank bin ich nie, meistens sogar gut gelaunt, in meinem Kopf geben sich weder Ängste und Bedenken die Klinke in die Hand, noch füllen Klage und Anklage über Selbst und Welt alle Speicher, die doch für das Wunder der Wahrnehmung und ein freudvolles schöpferisches Handeln in der – tatsächlich verbesserungsbedürftigen! – Welt weit besser genutzt werden können.

Und das will ich nun auch tun. Es geht mir nicht darum, irgend eine Wahrheit zu demonstrieren oder gar zu verteidigen. Wesentlich wichtiger ist das Gefühl der inneren Ruhe und Klarheit, dieses Ganz-bei-sich-Sein, egal, was da für Turbulenzen im Äußeren toben mögen. Das Pendeln zwischen den Polen der Dualität – zwischen Form und Leere, Wille und Hingabe, zwischen Zeitlichkeit und ewigem Augenblick – ist die Bewegung des Lebens. Auf immer neuen Ebenen erlebe ich sie, vielleicht lerne ich ja doch, einfach freudig mit zu tanzen.

Dass im Scheitel des Pendels, im „Auge des Orkans“, absolute Stille herrscht, hat damit überhaupt nichts zu tun.

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Claudia am 05. Januar 2003 — 1 Kommentar

Beobachtung: der hundertprozentige Flop

Gestern war ich auf der Post, ein Paket aufgeben. Die Filiale ist in einer überdachten Passage, Läden, Restaurants und ein Hotel bilden eines dieser recht auswechselbaren „Essembles“, in denen man heute Stadt erleben soll. In der Mitte des Platzes, um den sich alles ordnet, führt eine Treppe ins Untergeschoß, vermutlich zu den Tiefgaragen. Mensche liefen eilig hin und her – und auf einmal sah ich mehrere große Kuverts auf den Boden fallen. Die Passanten gingen einfach weiter, niemand schien es zu bemerken. „Hallo“, rief ich laut einer Frau hinterher, die gerade auf die Treppe zusteuerte, „haben Sie diese Umschläge verloren?“ Mir schien, sie war die nächste, die dafür in Frage kam. Die Frau schaute mich ganz kurz an, dann guckte sie auf den Boden und ging weiter – wie ein Roboter! Ich dachte mir noch nichts weiter, sondern rief noch einmal lauter und bestimmter, denn offensichtlich hatte sie nicht gemerkt, dass sie GEMEINT war. Noch einmal ein irritierter Blick, ganz so, als hätte sie etwas Schlimmes verbrochen, sie errötete heftig, senkte wieder den Kopf, beschleunigte die Schritte und verschwand im Untergeschoß.

Ich war perplex! Wieder einmal hatte ich erlebt, was mich jedes Mal ein bißchen verstört: Jemanden spontan ANGESPROCHEN, und derjenige schafft es nicht, darauf in einer „normalen“ Art und Weise zu reagieren. Sie hätte doch bloß den Kopf schütteln brauchen! Vielleicht mit einem Anflug von Lächeln, aber darauf will ich ja gar nicht bestehen. Dass die Menschen notorisch schlecht gelaunt mit Leidensmienen durchs Leben gehen, wundert mich nicht mehr, es gehört hierzulande einfach zum guten bzw. schlechten Ton. (=Alles Leben ist Leiden, und wer lächelt und zum Anderen freundlich ist, ist gewiss ein Heuchler oder nicht ausreichend informiert.) Nein, das meine ich jetzt nicht, sondern diese echten Ausraster, die mir das Gefühl geben, da drüben sei eigentlich gar kein Mensch, sondern etwas irgendwie Grusliges.

Schwitzen, aber schweigen

Ich erinnere mich mit Schrecken an den Wintertag, an dem ich in einen U-Bahn-Wagen einstieg, aus dem mir so extreme Hitze entgegen schlug, dass ich fast rückwärts wieder rausgesprungen wäre. Statt dessen sagte ich laut zu den vielen Menschen, die vor mir dicht an dicht in den Gängen standen, der nächste nur eine halbe Armlänge von mir weg: „Himmel, ist das heiß hier! Ist die Heizung kaputt?“. Einige schauten kurz in meine Richtung und dann zu Boden, es blieb still. Noch einmal legte ich nach, fragte: „Was ist los, merkt Ihr denn nichts ??“ – ein bißchen lauter und erstaunter jetzt, schließlich war ich von den vielleicht 40 Grad Raumtemperatur einigermaßen irritiert. Aber wieder keine Reaktion, sie standen wie eine Wand aus Schweigen und einigen war für Augenblicke anzusehen, dass es sie verstörte, sie irgendwie „betreten“ machte, als hätten sie Grund zur Angst oder würden sich schämen. Dann erstarrten die Gesichter wieder, jeder schaute am anderen vorbei, irgendwo in die Ferne oder an eine Wand.

Ja, was haben die denn alle, um Himmels willen??? Sie reagieren wie das Publikum im Theater, wenn die Schauspieler versuchen, ohne Vorwarnung jemanden in die Handlung einzubeziehen. Oder wie Gäste auf einer Party, wenn ein Spiel beginnt, zu dem JEDER etwas beitragen muss. Manche wirken so verstört, als wären sie eben noch gemütlich im Kino gesessen und hätten erst beim Blick in die Mündung einer Pistole plötzlich begriffen: DIES IST WIRKLICHKEIT!

Eine Art Stupor ist das. Kein irgendwie geartetes Fehlverhalten, sondern der AUSFALL von Verhalten überhaupt – und dann die Gefühle, die dem folgen: Scham, Angst, peinlich-berührt-sein, und schließlich das „militante“ Wegsehen. Man möchte vergessen, dass „so etwas“ jemals passiert ist, wünscht sich weit weg, an einen neuen Anfang, mindestens.

Und selbst genauso…

Oh ja, ich hab es auch an mir selber schon erlebt, zumindest ganz ähnlich: spät Abends am Boxhagener Platz, ich laufe den breiten Gehweg entlang zwischen dem Gebüsch, das den Innenraum des Platzes begrenzt und der Baumreihe zur Straße hin. Es ist menschenleer, mir entgegen kommt ein Mann mit einer Bierflasche in der Hand. Wird er mich anpöbeln? Mir die Handtasche abnehmen? Mich anbetteln und vollabern? Es ist so düster, ich gehe schnellen Schrittes auf ihn zu – und als er dann vor mir stehen bleibt und den Mund aufmacht, hebe ich schon die Hand zu einer abwehrenden Bewegung, schüttle den Kopf, will ihn einfach nur aus der Welt haben, ganz egal, wer er ist und was er will. Er sagt seinen Spruch auf, eher schüchtern, will mich um einen Euro anschnorren mit einer wenig originellen Geschichte – doch ich sage nichts, reagiere nicht, gehe einfach weiter, bin irgendwie peinlich berührt, weil ich spüre, dass mein Verhalten verrückter ist als seines. Ein sozialer Flop, aber volle Kanne!

Programm „Sozialverhalten“ abgestürzt

Gemeinsam ist diesen Erlebnissen neben dem menschlichen Versagen in einer konkreten Situation das Unvermögen, bzw. der Unwille, daran noch irgend etwas zu ändern, es sozusagen zu „heilen“. Man könnte sich ja entspannen und – aus dem Stupor bzw. der Verweigerung erwachend – ein normaleres Verhalten anknüpfen, etwas Verbindliches sagen, lächeln, einen Witz machen, winken – was auch immer. Aber genau DAS geschieht nicht, und das ist das eigentlich gruslige: Wir gehen hier nicht menschlich mit anderen Menschen um, indem wir ihnen als Person begegnen und die Folgen unserer Handlungen oder Nichthandlungen verantwortlich auf uns nehmen – sondern wir handeln, als wären wir Teil eines Programms: einmal „abgestürzt“, gibt es kein Weiterkommen mehr, allein ein Neustart hilft. Wenn die Gesichter in Ignoranz erstarren, ist das die innere „Cancel-Taste“ bzw. der Blue Screen: Mit DEM bzw. in DIESER Situation hab ich’s verpatzt, Mist – die nächste bitte!

Sich wegzappen aus einer Situation – das ist es, was hier versucht wird. Der Andere, an den man aneckt, bzw. der einem auf irgend eine unberechenbare Weise plötzlich nahe tritt, wird als Gegenüber negiert. Warum?

Nicht aus Feindseligkeit, vermute ich, sondern aus Erschrecken darüber, dass im jeweiligen Augenblick der innere Film ganz plötzlich unterbrochen wird, das übliche Vor-sich-hingrübeln, wünschen, lästern, planen, urteilen, interpretieren, fürchten und begehren. Ihhhh, da ist ja noch eine Welt „da draußen“, oh Gott, die will ja was von mir – nix wie weg hier!

Es geschieht einfach so, ist nicht etwa böse Absicht. Und deshalb auch nicht durch gute Vorsätze zu ändern. (Wie übrigens das meiste Versagen und sogar die meisten übergriffe auf andere Personen!) Ich beschreibe diese verstörenden Verhaltensausfälle denn auch nicht in der Hoffnung, die eigene Moral zu bessern oder bei anderen ein schlechtes Gewissen zu erzeugen – sondern einfach, weil ich diese Erlebnisse bemerkenswert finde. Interessanter jedenfalls als Geschichten von Außerirdischen, die jemanden entführt und untersucht haben sollen – das wär nämlich vergleichsweise menschlich!

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Claudia am 03. Januar 2003 — Kommentare deaktiviert für Gutes Neues!

Gutes Neues!

Ein bißchen spät, der Neujahrseintrag, aber mir war einfach nicht nach Diary in diesen stillen Tagen und Nächten, die so sehr zum nachdenklichen Nichts-Tun einladen. Und Nachdenken ist eigentlich auch schon zu viel gesagt, ich meine so ein inneres Verharren, schlichtes Aussetzen, das bloße Dasein genießen – es war jedenfalls schön!

Anders als in den letzten Jahren kommt jetzt allerdings kein Alltag zurück: mein liebster Freund ist dabei, auszuziehen und ich hole gerade Kostenvoranschläge für meinen Umzug in der letzten Januarwoche ein. (Braucht jemand zwei Bäderliegen? Ein fast unbenutztes Keyboard? Einen Jahrgang Internet World?) Am 15. gibt’s den Mietvertrag und Ende Januar werde ich umgezogen sein. Himmel, was für eine Veränderung! Zwar geht’s nur einen halben Kilometer weiter, über meine geliebte Modersohnbrücke mit dem tollen Weitblick auf die Skyline Berlins hinüber ins Rudolfkiez unterhalb der Oberbaum-City. Da es jedoch meine erste „Single-Wohnung“ seit zwölf Jahren sein wird, ist es doch eine große Umstellung – nicht mal einen Fernseher werde ich zu Anfang haben, mal gucken, vielleicht schaff‘ ich ja gar nicht erst einen an.

Hab ich Vorsätze? Fürs neue Jahr oder überhaupt? Ich wünsche mir, nicht so schnell von neuen Routinen verschluckt zu werden, das ist das einzige. Indem alles Gewohnte und lang Bekannte sich in letzter Zeit von mir verabschiedete, kommt ein anderes Lebensgefühl auf, das – wenn ich mich ihm zuwende – weit wunderbarer ist als alles, was mich „üblicherweise“ durch den Alltag begleitet. Der nächste Tag, die nächste Stunde, der nächste Augenblick kann das „ganz Andere“ bringen – es ist nichts Konkretes, einfach ein Gefühl, das mir sehr gut gefällt – es IST schon das Ganz Andere! Und doch werde ich vermutlich bald bemerken, dass ich wieder eine Reihe „verläßlicher Routinen“ einübe, die mich durch die Tage tragen, weil es einfach bequemer ist, sich nicht ständig mit dem „alles-ist-möglich“ zu konfrontieren. Mal sehen, vielleicht gelingt es ja, den Freiraum der „gefühlten Unsicherheit“ zumindest zu erweitern.

Und die Krise? Das soziale Netz? Der Standort? Ich kann alles in allem einfach nicht begreifen, dass hierzulande bei einem – verglichen mit vielen anderen Weltgegenden – geradezu obszönen Reichtum die Laune derart im Keller ist, und zwar nicht erst seit der „Krise“. Die Weinerlichkeit, das Selbstmitleid, das Gejammere, die ständigen Schuldzuweisungen an Andere, diese Mut- und Ideenlosigkeit – man hat allen Grund, ein Misantrop zu sein! Allerdings: seit kurzem macht es mir keinen Spaß mehr, und da ich bei meinem „Blick auf die Welt“ immer von mir ausgehe, hoffe ich, dass es nicht nur mir so geht. Zeiten der Veränderung sind doch auch sehr spannende Zeiten – und vielleicht ist der Konsumismus ja doch nicht das letzte Wort zur Frage nach dem richtigen Leben gewesen?

Mir scheint, heut‘ will mich die Muse nicht richtig liebevoll küssen, ich wende mich also besser dem zu, was anliegt: Steuer 2001, oh je! Knietief steh ich im Papierkram, noch zwei, drei Stunden vielleicht. Wie ich das hasse und deshalb immer wieder vor mir her schiebe, schrecklich!!!

Ich wünsch Euch ein wunderbares 2003 und freu‘ mich über gelegentliche „Besuche“ an dieser Stelle. Ach ja, ein interessanter Spruch ist mir in einem Mail-Footer begegnet: „flexible Weisheit wird genutzt, unflexible zur Schau gestellt…“ – es lohnt, darüber ein wenig zu meditieren.

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Claudia am 25. Dezember 2002 — Kommentare deaktiviert für Vom Mausarm – ein Leiden mit Sinn

Vom Mausarm – ein Leiden mit Sinn

Nach vier einschlägigen Texten ist es also wirklich Weihnachten geworden – jetzt aber will mir nichts „Weihnachtliches“ mehr in die Tasten fließen. Macht nichts, denk ich mir, wer jetzt durchs kühle Web surft, anstatt zuhause in Lichterglanz, Süßigkeiten und Geflügel zu versacken, sucht vermutlich sowieso nicht nach „mehr vom gleichen“. ;-)

Hey, das war ein Scherz! Ich MAG Weihnachten und meine Entenbrust mit Schwäbischen Breitband-Nudeln an Wintergemüse war großartig. Draußen ist es unendlich still, als hielte die Welt den Atem an, die Straßen sind leer und es gibt jede Menge Parkplätze, wo man sonst zwanzig Minuten um den Block kreisen muss. Die Studies sind daheim bei ihren Eltern, andere sind abgeflogen in den Süden, Berlin Friedrichshain wirkt ziemlich öd, erst recht, wenn weder Schnee noch Sonnenschein von den unzähligen Hundehaufen ablenken, die die Gehsteige zieren. Wie schön, ich zieh ja bald ein Stück weiter, in eine etwas Hunde-ärmere Gegend!

Auf der Suche nach Inspirationen hab ich gerade in der Vergangenheit „geblättert“ und den Beitrag vom 26. Dezember 2001 gelesen: „Weihnachten, ein Opferfest“. Wie seltsam! Zwar ist die Beschreibung des ausgestorbenen Stadtteils fast wörtlich identisch, doch ansonsten ist es ein Artikel, wie ich ihn jetzt ganz bestimmt nicht mehr schreiben würde. Was für eine deprimierende Stimmung: verhaltene Verbitterung, Klage und Anklage, weise Entsagung, unterschwellig agressiv, und dann doch wieder dieser in Melancholie auslaufende Sound gepflegter, um Haltung bemühter Hoffnungslosigkeit: „Tote Götter plastern unsern Weg“ – ach je! Dabei ist das gar kein schlechter Spruch, kommt nur drauf an, wie man ihn ausspricht – eher klagend oder als Erfolgsmeldung. Ich finde, Götter, die sich von Menschen zu Tode bringen lassen, sind doch nicht wirklich der Rede wert, oder?

Mit links

Seit über zehn Tagen liegt übrigens meine PC-Maus nun schon links von mir – und ich kann alles machen! Da ich extreme Rechtshänderin bin, bzw. war, ist das ein kleines Wunder. Eines von der Art, die einfach kommen MüSSEN, denn mit rechts verschärfte ich ständig meinen „Mausarm“ und konnte zeitweise nur noch unter großen Schmerzen arbeiten. Wenn ich nun schon auf letztes Jahr zurück blicke, fällt gleich auch der Beitrag Vom Elend des Sitzens ins Auge: dieses Leiden ist lang schon im Anmarsch, und die Idee, mit der Hand zu schreiben und hinterher abzutippen, war nicht wirklich ernst gemeint.

Es ist ein Leiden, das ich nicht einfach aussitzen kann, denn wie sich zeigt, wird es mit der Zeit schlimmer und nicht etwa besser. Trotz Yoga und Fitness-Training, trotz Entspannung in der Sauna und deutlicher Reduzierung der Arbeitszeit (ich sitz nicht mehr 12 bis 16 Stunden am Gerät!) ergreift mich dieses Konglomerat aus Symptomen, die sich um die Arbeit am PC entwickeln, immer heftiger. Falsches Sitzen, zu langes Sitzen – es hört sich einfach an, aber es zu verändern, ist eine sehr komplexe Bemühung, die auf mehreren Ebenen ansetzen muss: beim Gerät, bei den Möbeln, bei den Bewegungsabläufen, bei den Arbeitsrythmen, der Abfolge von Arbeitszeiten und Pausen, von Minipausen und größeren Pausen, bei der Einübung genau passender Dehn- und Entspannungsübungen – es ist fast eine Wissenschaft und ich muss alles selber erforschen. Zwar gibt es Erfahrungen, Tipps und Therapien – aber wie immer sind es zu viele, zu widersprüchliche auch, und jeder muss seinen Weg in die ganz persönliche Ergonomie letztlich doch selber ausexperimentieren.

Und darauf freue ich mich! Schon jetzt mach ich interessante Erfahrungen, denn nie nie nie hätt‘ ich gedacht, MIT LINKS arbeiten zu können! Das ist mir erst aufgefallen, als ich an einem anderen PC wieder auf Maus rechts umsteigen musste – die plötzliche Irritation, das Gefühl des etwas unbequem Ungewohnten machte mir klar: Das Umsteigen hat ja funktioniert! Und das bedeutet wiederum: Selbst drastische Veränderungen sind möglich, nicht nur in jungen Jahren.

Im Rahmen meiner Recherchen in dieser Sache bin ich auch auf ein Wundermöbel gestoßen: den Sitz-Stehtisch, automatisch per Knopfdruck höhenverstellbar. Fährt samt schwerem Monitor zu Stehhöhe `rauf, wo ich weiter arbeiten könnte, bis ich mich müde fühle und wieder sitzen will. Einfach toll! Gerade erforsche ich, wieviele Modelle welcher Hersteller es gibt – ich will nicht bloß so einen Tisch für mich und ganz allein gesunden, sondern verspüre Lust, ein Webprojekt in diesem Themenbereich zu machen, schließlich sind viele I-Worker krank vom falschen Sitzen oder gerade dabei, es zu werden.

Wer weiß, wohin mich die Auseinandersetzung mit diesem Leiden noch bringen wird. Falsch fände ich es, einfach sitzen zu bleiben und mir einzureden, der Widerstand gegen den Schmerz sei das eigentliche Problem. Ich leiste keinerlei Widerstand, betäube mich nicht, lenke mich nicht ab sondern wende mich der Sache zu, beobachte, forsche und nehme alles sehr ernst. Mein Suchen und mein Handeln hat Tiefe und ich fühle den Sinn. Das Leiden gibt mir Orientierung und dient als Schlüssel zu neuen Erfahrungen. Doch nicht, indem ich da sitze und JA, AMEN dazu sage, sondern indem ich Kraft und Sorgfalt darauf richte, es zu verändern

Ich führe das mal so genau aus, weil ich in den letzten Jahren mit dieser Unterscheidung echte Probleme hatte. Voller Angst, wieder in den alten Macherwahn und das zwanghafte Weltverbessern zu verfallen, an dem ich Mitte dreißig so drastisch gescheitert war, hatte ich eigentlich seither gegenüber jedem Tun, jedem Wollen, jedem Begehren und jedem Veränderungswunsch vor allem Bedenken, Einwände, Ja-Abers. Ein gebranntes Kind lernt eben nicht nur dazu, sondern scheut auch das Feuer.
 
Als Feuer-Luft-Temperament geht’s mir allerdings auf Dauer nicht gut, wenn ich mich allzu lange dem Leben verweigere und nur lamentierend auf dem Zaun sitze. Kann schon sein, dass ich mir immer wieder mal die Finger verbrenne oder gegen eine Wand laufe – na und? Ebenso wahrscheinlich ist, dass ich interessante Möglichkeiten zu wunderbaren Wirklichkeiten mache. Und wenn ich – anders als früher – vor allem das tue, was mir nicht erst im Erfolg, sondern im Tun selber Freude macht, kann sowieso nichts schief gehen.

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr…“ – ach ja ?
Im November hab‘ ich mit der Suche angefangen, Anfang Dezember meine Wunschwohnung gefunden und im Januar ziehe ich um!

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Claudia am 20. Dezember 2002 — Kommentare deaktiviert für Weihnachten IV: Durch die Wüste zu den Sternen

Weihnachten IV: Durch die Wüste zu den Sternen

Draußen dröhnt ein Preßlufthammer. Wieder reissen Arbeiter das Pflaster auf, das gerade mal ein paar Wochen seit der letzten Baustelle hinter sich gebracht hat. Zwar nehme ich den Lärm wahr, wenn ich einen Eindruck meiner Umwelt aufschreiben will, doch im Grunde berührt er mich nicht. Seit der Rückkehr aus Mecklenburg im Mai 2001, dem Land der großen Stille und Weite, ist diese Veränderung erstaunlich stabil: Lärm geht einfach durch mich hindurch, da ist nichts mehr, dass sich dagegen sträubt und sagt: Was für eine rücksichtlose Schweinerei! Wie soll ich da bloß arbeiten?

Die eingetretene Veränderung hab‘ ich nicht „gemacht“, beabsichtigt, gewünscht oder gar herbei geübt. Es war auf einmal so, ohne dass ich es auch nur bemerkte. üblicherweise nimmt das Bewußtsein die Abwesenheit eines Ärgers ja gerade NICHT wahr. Erst duch die Beschwerden meines Lebensgefährten ist mir dann aufgefallen: wo ist eigentlich MEIN „Leiden am Lärm“ hin gekommen?

Und hier ist sie nun, die Wegscheide: Soll ich jetzt etwa danach SUCHEN? Soll ich „in mich gehen“ bis ich das verlorene Leiden wieder finde? Soll ich in die hinterletzten Winkel meiner Psyche schauen, ob nicht vielleicht eine bloße VERDRÄNGUNG vorliegt oder ob ich mir das nur EINBILDE? Ob also mein Eindruck des Nicht-vom-Lärm-Betroffen-Seins vielleicht nur Illusion, Selbstbetrug und Heuchelei ist???

Habe ich nicht die Pflicht zu solcher Suche, wenn mir Wahrheit etwas bedeutet? Jahrzehntelang dachte ich so, suchte also ständig nach Unter- und Hintergründen und fand auch immer genug: unter der Oberfläche des alltäglichen So-Seins (meines, deines, unser aller…) liegt eine unerschöpfliche Mine, man kann bis in alle Ewigkeit Gold und Scheiße finden, alles Gefundene mit Staunen betrachten, es gar ausstellen – und dann?

Wer solche Erkundungen niemals angestellt hat, ist gut beraten, bei der näheren Untersuchung eines Leids nicht nur im Äußeren nach den Ursachen zu forschen, keine Frage! Diese Denkweise kann sich allerdings – auf Dauer gestellt – verselbständigen: das beobachtenden Hinterfragen wird zum Selbstzweck und raubt die Kraft und den Willen zum Handeln in der Welt. Sie wird grau und wüstenhaft, ihre Blumen verdorren, ihre Düfte verschwinden und verlieren alle Lockungen, ihre ureigenen Schönheiten verkommen zu weniger als Nichts, zur bloßen Spiegelung eines Ich, das nichts mehr außer sich selbst für wahr und betrachtenswert hält: verliebt in sein Elend weint Narziss seine Tränen am Rand des Brunnens der Wirklichkeit, spiegelt sich darin und seufzt: All das bin ICH!

Wer zur Welt und zu sich selbst immer schon eine negative Einstellung pflegt, wird kein Problem damit haben, in dieser Lebenshaltung bis zum Ende aller Tage zu verharren. Schließlich ist die Welt voller Schrecken und Ungerechtigkeit, ist Fressen und Gefressen werden, ist Kampfzone, vor der uns auch der Sozialstaat nicht mehr wirklich retten kann, wie wir derzeit zur Kenntnis nehmen müssen. Was stünde dem Geistesmenschen besser an als ein Leben im Modus der Klage und Anklage?

Hier müssen wir jeder für sich die je eigene Antwort finden und entscheiden, ob wir unser Glück oder unser Elend schmieden wollen – und damit letztlich auch das „der Welt“. Persönlich ziehe ich das Erstere vor, denn ich habe etwas bemerkt, das ich nicht mehr ignorieren kann: Ich FINDE de Wahrheit nicht nur vor, ich SCHAFFE sie auch! Je leerer ich bin, desto besser sehe ich: schon die geringste Erwartung eines bestimmten innerpsychischen Fakts kann diesen Fakt von der bisher nur gedachten Möglichkeit in die folgenreiche Wirklichkeit katapultieren. (Ein Phänomen, das nicht nur erkannt werden, sondern – es liegt auf der Hand! – auch ANGEWENDET werden kann.)

Wohlgemerkt, ich sage nicht, dass ich die Wirklichkeit NUR schaffe und dass es gar nichts zu finden gäbe! Nach meiner Erfahrung gibt es beides, aber in einem von mir letztlich nicht vollständig analysierbaren Geflecht – wer kann schon sagen, wo „ich“ endet und „Welt“ anfängt??? Im Grunde ist alles Teil der Oberfläche des einen Seins – um es mal ein bißchen mystisch auszuzdrücken. Wie weit „meine“ Wirkungen reichen, kann ich nur von Fall zu Fall ausprobieren – nicht ein für alle Mal erforschen, in Gesetze fassen und mich dann darauf verlassen.

Genau das werde ich jetzt bewußter tun! Nichts macht tatsächlich mehr Freude, als sich ganz in etwas hinein zu geben, von Augenblick zu Augenblick den Impulsen zu folgen und dann zu sehen, was kommt, was ES GIBT. Lass die Füße entscheiden, wohin du gehst, sagt ein alter Weisheitsspruch – in diesem Sinne ist auch der Geist nichts anderes als Fuß: ist er in Erwartung einer Katastrophe, wird sich alles zur Ver-wirklichung der Katastrophe verdichten, ist er in Angst, werden immer neue Monster sich zeigen. Gibt er sich dem Haß und dem Ressentiment hin, werden „die Anderen“ immer feindlich wirken und niemals Freunde sein. Erwartet er jedoch das Glück, das Wunderbare, das Abenteuerliche, und ist voller Freude und Zuversicht, dann können auch die hellen Seiten zur Wirkung kommen, indem sie von der Möglichkeit in die Wirklichkeit umschlagen.

Grübeln und Herumrechten, Bedenken tragen und ohne Ende Motive hinterfragen, mit vorgestanzten Wirkungen rechnen und Absicherungen gegen alle denkbaren Unwägbarkeiten anstreben – all das ist der Grauschleier über dem Leben, ist die selbst gebaute Käfiglandschaft, in der wir (ich, du und alle, die das allzu gern so machen!) dann jammernd auf nicht allzu hohen Stangen sitzen und die Krätze kriegen.

Anstatt zu sehen, dass die Tore immer offen stehen und zu fliegen.

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