Claudia am 18. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Medizin

Medizin

Es ist recht spät fürs Schreiben, den halben Vormittag hab‘ ich nämlich beim Zahnarzt verbracht. Die „Sanierung“ schreitet voran und ich bin immer wieder erstaunt über die fortgeschrittenen Techniken, die heute in Sachen Zahnersatz zum Einsatz kommen. Kritik an der High-Tech-Medizin übt an dieser Stelle niemand, seltsam, nicht? Bzw. allzu verständlich: Wer will schon aussehen, wie die Hexe in Hänsel & Gretel!

Seit ich übrigens beim Zahnarzt Leistungen in Anspruch nehme, die ich zu 50 oder 100 Prozent selber zahle, hat sich meine Einstellung verändert. Ich fühle mich tatsächlich nicht mehr als Opfer einer ominösen Behandlung, die von undurchschaubaren Institutionen so und nicht anders vorgeschrieben ist, sondern empfinde mich als Kundin, die sich einen gewissen Luxus leistet. Klar, dass ich die Ergebnisse des ganzen Aufwands auch schätze und ordentlich pflege! Entsetzt höre ich die Stories, die mir der Zahnarzt erzählt: von Menschen, die nicht mal den Gegenwert eines guten Essens in die bessere Optik investieren, die ihren Mundraum offensichtlich als Bereich empfinden, für dessen Gesundheit andere zuständig sind – nur keine Mark extra und locker versiffen lassen, es wird ja wieder repariert!

Zur „Krise im Gesundheitswesen“ denk‘ ich seit längerem, es wäre angesagt, bei allen leichten und mittleren Beschwerden auf Selbstbeteiligung umzustellen. Natürlich nicht bei Sozialhilfeempfängern und anderen Härtefällen, aber Otto Normalverdiener sollte schon in die Lage versetzt werden, auch finanzielle Gesichtspunkte in Betracht zu ziehen, wenn es darum geht, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern. Dagegen halte ich es für unmenschlich, bei Leuten mit schweren Krankheiten und dauernden Schmerzen an den Medikamenten zu sparen oder Operationen zu verschieben. Der Not-wendige Kern der High-Tech-Medizin sollte für alle zur Verfügung stehen, wogegen z.B. die „alternativen Behandlungsformen“ ruhig weiter privat gezahlt werden können. Es passt ja auch irgendwie nicht zum GEIST vieler Formen von Alternativmedizin, ihr mit einer Versorgungsmentalität zu begegnen.

Manchmal wird in Science-fiction-Filmen gezeigt, wie jemand ziemlich verhackstückt wird und hinterher in einer Krankenstation hast-du-nich-gesehen wieder „gesundwächst“. Mein Zahnarzt sagt, in fünf Jahren schon könnten sie Knochen und evtl. auch Zähne „nachwachsen“ lassen, das ist ja schon nah dran! Mal angenommen, die Medizin entwickelt sich auf allen Gebieten sehr viel weiter und man könnte tatsächlich bis in ein Alter von 100 oder mehr relativ gesund und fit bleiben, vielleicht sogar glatt im Gesicht und mit einem straffen Körper: Wäre das ein Glück oder ein neues Elend? Niemand denkt daran, dass es auch ein psychisches und geistiges Altern gibt. Ein guter Teil davon stellt sich im besten Fall als Weisheit dar – aber ein anderer Teil ist einfach Abnutzung und Niedergang. Das eine vom anderen zu trennen, ist vermutlich unmöglich. Jeder weiß, dass man sich z.B. in den mittleren Jahren nicht mehr so „unsterblich“ verliebt wie mit zwanzig. Zum einen deshalb, weil man das nun schon öfter erlebt hat, die Abläufe kennt und einfach nicht mehr in Stande ist, derart ins Illusionäre abzudriften. Man erkennt, was die Faszination eines anderen ausmacht: sexuelle Anziehung, Aspekte der Macht oder geistige Potenzen, oder auch ganz spezifische Eigenheiten, die an einmal geliebte Menschen erinnern. Man ist realistischer geworden – und kühler. Das alles ist Erfahrung, doch andrerseits ist auch die Hormonlage im Körper eine völlig andere als mit 20. Die Natur hat es schon aufgegeben, noch mit aller Macht zur Paarung anzutreiben, und das macht es leicht, legt es sogar nahe, keine rosa Brille mehr aufzusetzen.

Würde man nun medizinisch den hormonalen Status Quo der Jugend simulieren, um glatt und straff zu bleiben, inwieweit könnte sich die psychisch-geistige Ebene noch so entwickeln? Man denke auch an die Agressivität bei jungen Männern: Will das jemand bei 60-Jährigen Politikern?

Ich glaube, das geistige Chaos wird immer größer werden – und bin mir niemals sicher, ob solche Gedanken nun „richtig“ sind oder selber nur eine Alterserscheinung.

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Claudia am 17. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Der Mainstream deprimiert

Der Mainstream deprimiert

Wie oft habe ich doch schon daran gedacht, mit diesem Diary aufzuhören! Zum Beispiel gestern wollte mir erst gar nichts einfallen, doch als ich dann anfing, über dieses seltsame Gefühl zu schreiben, entwickelte sich ein Text, der mir selber geholfen hat, wieder klarer zu sehen. Dazu muß es mir aber völlig egal sein, ob noch jemand mitliest. Denn gerade bei autobiographischen Themen denke ich, das ödet den Leser gewaltig an. Wenn Boris Becker von seiner Oma erzählt, mag das interessieren, aber die Vergangenheit von XYZ ist doch nun wirklich eine Zumutung.

Bevor ich aber aufhöre, schreibe ich dann doch lieber, was kommt. Und erstaunlicherweise erhalte ich gerade auf solche Artikel interessante Privatmails – das beruhigt mich dann wieder und motiviert dazu, weiter zu machen. Mittlerweile schreibe ich auch schon so lange, daß ich das Digital Diary schwer vermissen würde. Es ist ein stabilisierender Faktor in einer immer chaotischer werdenden Welt.

Gestern Nachmittag hatte ich das erste Mal seit langem wieder Lust, zu arbeiten. Natürlich arbeite ich ständig irgend was, aber seit Wochen mit einem gelangweilt-genervten Grundgefühl, was dazu führt, gerade mal das Nötigste zu tun und auch das noch bis an die Schmerzgrenze vor mir herzuschieben. Ich vermute, das kommt einerseits vom Wechsel der Jahreszeit: Das Absterben der Natur vermittelt so ungefähr das Gegenteil von dynamischem Aufbruch in neue Projekte. Andrerseits liegt es aber auch an der Entwicklung des Webs: Inhalt und Sinn der ganzen Umtriebe sind irgendwie verloren gegangen, abgesoffen in einer immer komlizierter und aufwendiger gewordenen Technik, die im Dienst des E-Commerce alle anderen Intentionen verdrängt. Es REIZT mich nicht, da mitzumachen!

Die durchschnittliche Website ist dreispaltig und ohne Frames, hat aber trotzdem eine lange Ladezeit, weil sie ihre „Contents“ erst aus 17 verschiedenen Datenbanken zusammenstellt. Man landet dort, weil man etwas Bestimmtes sucht, findet aber unter all den blinkenden Bannern und Sonderangeboten, dem ganzen mittlerweile üblichen Verhau aus News, Freemail, Wetterbericht, Auktionen und Börsenkursen kaum noch das, was man eigentlich wollte. Der geballte Angriff zur Zerstreuung meiner Aufmerksamkeit macht einfach nur müde und vernichtet die Motivation, solche „State-of-the-Art-Seiten“ überhaupt noch aufzusuchen. Und ganz sicher will ich sowas nicht produzieren, denn das ist ungefähr so spannend, wie ein buchhalterischer Excel-Job aus vorvernetzten Zeiten.

Es wäre ein gewisser Trost, wenigstens zu hören, daß diese Sites erfolgreich sind und jede Menge Geld scheffeln. Dem ist aber nicht so, die Akteure stehen ratlos vor der Tatsache, daß „inhaltsorientierte“ Sites zwar viele Surfer anziehen, diese dort aber kaum etwas kaufen. Ist ja auch klar: Wenn ich was über die Ebola-Epidemie lesen will, lasse ich mich nicht ablenken und kaufe statt dessen eben mal im E-Shop eine CD. Eine Suchmaschine besuche ich, weil ich bestimmte Webseiten finden will, nicht weil ich eine neue Mailbox brauche oder die Aktienkurse wissen will. (Für die geh ich nämlich gleich zu Consors oder Neuermarkt.de). Kurzum: Der ganze Web-Mainstream geht für mein Empfinden in die Irre und das schon seit einiger Zeit. Dass sich jetzt die Pleiten häufen und Projekte gecancelt werden, bestätigt mich, tröstet aber nicht über die geistige Ödnis hinweg, die sich durch die Ausbreitung der Gemischtwarenläden ergeben hat. Haben sie doch die meisten Leute weggekauft, die früher noch sehr kreativ gearbeitet haben. Selbst der „Nachwuchs“, die Szene der Homepager, ist schwer ausgedünnt, weil sich heute die Leute eher für ein Almosen als Guide bei meome.de oder clickfish.com verdingen und dort versuchen, ein PORTAL zu gestalten, anstatt ihre Power dafür einzusetzen, ihr Interesse im EIGENEN NAMEN zu publizieren. Dabei würden sie mehr lernen und als Person bekannt werden, ohne dass sie die Pleite ihrer Plattform fürchten müßten.

Letztendlich wird sich zeigen, was eigentlich schon immer klar war: Webseiten sind normalerweise KEINE Massenmedien, sondern bedienen ganz spezielle Interessen, das aber perfekter, als alle anderen Medien zusammen. Man kann Unsummen an Werbegeldern ausgeben und allerlei Krempel kostenlos verteilen, um MASSEN anzuziehen – aber letztlich rechnet sich das nicht. Nicht für Unternehmen, die auf Renditen aus sind, wie sie am Aktienmarkt erwartet werden. Ein Netz ist nun mal kein Amphitheater, es eignet sich wunderbar für viele kleine Anbieter, Individuen, die mit viel Engagement „ihr Ding“ machen und dadurch im Lauf der Zeit eine echte Community bilden. Ohne Surfer-Tracking und täglichen Blick auf die Clickraten einzelner Seiten und Banner finden sie ihr Auskommen – WENN sie den Dreh finden, ihre eigenen Interessen so aufzubereiten, dass andere etwas davon haben!

Zum Beispiel die Tinto-Community um Eva Schuhmann. Sie hat angefangen, indem sie ihr Buch Schlank werden – so klappt es! kostenlos ins Netz stellte. Bald fanden sich viele Leser auf einem Webboard ein, Eva bot ihnen das Buch in einer erweiterten Version als Arbeitsmappe (zum kaufen!) an und sorgte durch die Einrichtung thematisch untergliederter Diskussionsboards dafür, dass die wachsenden Bedürfnisse der Community befriedigt wurden. Bald gab es Platz für Selbstdarstellungen, Partnerbörsen für das gegenseitige Coaching und vieles mehr. Und sie begann, Bücher zum Thema zu rezensieren, die man gleich kaufen kann. Dass Eva nicht ihr Leben lang beim Thema „Schlank werden“ stehen bleibt, wundert nicht. Sie hat auch Interesse an Aktien (man kann ihr kommentiertes Depot betrachten), an Gartenarbeit und sie zeigt ihre Lieblingsurlaubsorte.

Nach und nach wirkt die Leitseite rein von der Vielfalt der Themen und Angebote her fast wie einer der üblichen Gemischtwarenläden. Aber nur FAST! Denn man erkennt schnell, dass die „Ordnung“ bzw. Auswahl der Themen nicht abstrakt, nach den Bedürfnissen eines vermuteten Marktes zustande kommt, sondern sich als Web-Geschichte entlang der Intressen eines konkreten Menschen entwickelt hat. Das Ganze lebt von ihrer Person, von ihrem steten Engagement, ihren guten Ideen und ihrer dauernden Kommunikation mit den Usern. Als Meome-Guide hätte sie nie im Leben eine solche Wirkung entfalten können, und ich bin mir sicher, sie nimmt ein Vielfaches von dem ein, was so ein StartUp-Hiwi im besten Fall erreichen kann. Ihre Site muss nicht glatt und durchrationalisiert aussehen und nicht erst 17 Datenbanken abfragen – sie braucht eben auch keine MASSEN, um ihr Auskommen zu haben und mit ihrer Site erfolgreich zu sein. „Erfolgreich“ heisst vielleicht nicht einmal, dass sie wirklich GANZ vom Commerce-Anteil ihrer Site leben kann – doch die Aktivität, die erworbenen Kenntnisses, die entstandenen Kontakte und ihr Ruf haben sicher dazu beigetragen, dass sie finanziell auf anderen Ebenen einen besseren Schnitt macht.

Nun hab ich mich durchs Schreiben wieder selber motiviert, wie schön! Wenn man nur auf den Mainstream blickt, weil der sich in den News und Fachzeitschriften derart breit gemacht hat, als gäbe es nichts mehr anderes, ist es ja kein Wunder, wenn einem die Laune vergeht. 1000 neue Features und Techniken lernen, nur um langweilige Möchte-gern-Massen-Sites mit zu produzieren, war nie mein Ding und wird es auch nicht werden. Das Netz ist groß genug für echte Menschen und ihre Projekte. Dass ihnen der Einstieg heute nicht mehr so leicht fällt wie mir 1996 ist eine Tatsache, die mir allerlei Nischen eröffnet. Kein Grund also Trübsahl zu blasen, nicht wegen dem Web und schon gar nicht wegen dem Herbst. (Gerade scheint wunderschön die Sonne!).

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Claudia am 16. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Autobio: Freiheit?

Autobio: Freiheit?

Jeden Tag ereignen sich Momente, in denen ich mich frage: „Und jetzt? Was soll’s? Warum eigentlich? Was bringt das angesichts des Universums?“ Das sind keine bewußt herbeigeholten Gedanken, sie drängen sich unaufgefordert auf, als würde der Arm eines altmodischen Plattenspielers aus der Rille springen. Ich muß ihn dann wieder richtig einlegen, wobei sich jedes Mal die Frage stellt: In WELCHE Rille? Ich kenn‘ doch schon alle Songs, oder nicht? Und dahinter lauert immer wieder das „warum?“.

Wäre ich unter Druck, hätte ich dieses „Luxusproblem“ nicht. Doch seit ich denken kann, lege ich Wert darauf, ein Maximum an Unabhängigkeit zu bewahren, bzw. erst mal zu erkämpfen. Das hat ganz gut geklappt, nicht nur nach aussen (keine Kinder, kein Besitztum, kein 9-to-5-Job), sondern auch nach innen: Änderungen akzeptieren, nehmen, was kommt, möglichst wenig festhängen an Dingen oder Eigenschaften.

Vom Ekel

Dass ich immer mit dieser Präferenz lebte, ist nicht meine „Leistung“, sondern es ist mir eingewachsen durch den Ekel, den ich in der Kindheit spürte, ohne noch ein Wort für ihn zu haben. Bis zum fünften Jahr wohnte ich im Drei-Generationen-Haushalt, in dem meine Großeltern das Sagen hatten. Es war eine Stadtwohnung ohne die Möglichkeit, die Wohnung als Kind eigenständig zu verlassen. Die Konflikte zwischen meinen Eltern und den Großeltern, wie auch zwischen Vater und Mutter, bekam ich heftig zu spüren ohne sie zu verstehen. Ständig konnte die Situation gewittrig werden, es war sehr bedrückend und machte mir Angst. Ich wurde auch oft „umgezogen“, hin und zurück vom Zimmer meiner Eltern in einen Alkoven bei Oma & Opa, je nachdem, wie mein Vater sich gerade aufführte, der des öfteren mittels einer Saufphase gegen seine Machtlosigkeit in dieser Familie rebellierte. Natürlich erkannte ich das nicht, sondern erlebte ihn als gefährliche Katastrophe, die jederzeit uns alle in den Untergang reissen konnte.

Oberflächlich war trotz allem meistens Friede. Ein Friede, in dem ich mich ständig beobachtet und beurteilt fühlte, denn ich war praktisch nie allein. Ich lernte früh lesen und schreiben, denn wenn ich mit meinen Stiften vor dem Papier saß oder in ein Buch schaute, wurde ich in Ruhe gelassen und mußte auch meine geliebte Großmutter nicht fürchten, die mir gelegentlich mit der Polizei, dem Teufel oder dem Schwarzen Mann drohte. Wenn wir dann mal irgendwohin gingen, ohne dass ich wußte, wohin, und ich an der Hand eines Erwachsenen die Treppen ‚runter stieg, überkam mich so ein Gefühl von Übelkeit, als musste ich gleich erbrechen. Es war aber keine vorrangig körperliche Empfindung, es war Ekel, ein zunehmender Ekel vor dem Leben, vor diesem ausweglosen Eingesponnensein in unerklärliche Mechanismen übermächtiger Gestalten, die ich doch liebte. Die Hand, die mich hielt, die Treppen, die vor mir lagen – unausweichlich, ich spürte meine völlige Machtlosigkeit und fand es einfach zum Kotzen.

Ich nehme an, dass mein dominierender Drang nach Freiheit und Unabhängigkeit in diesen Jahren wurzelt. Keine Liebe und kein einzelner Mensch konnte mich vom Ekel befreien, ja, sie hatten gar keinen Begriff davon, wie ich empfand und natürlich konnte ich es nicht in Worte fassen, nicht mal in Gedanken.

Als wir den großelterlichen Haushalt endlich verließen und von Ulm nach Wiesbaden zogen, wurde einiges besser, anderes schlechter. Es gab jetzt einen Hof mit Wiese hinter dem Haus, ich konnte endlich RAUS! Doch traf ich dort auf eine Kinderbande, die mich als Ausländer behandelte – ich will das nicht vertiefen, Kinder sind grausam, das ist ja bekannt. Unsere Familie wurde größer, mit zwei Schwestern teilte ich ein winziges Kinderzimmer, das Leben war völlig verplant, man kann auch sagen, in „geregelten Bahnen“: Im Frühjahr und Herbst der große Familieneinkauf in den Versandhauskatalogen, dann der Sommerurlaub, auf den wir das ganze Jahr hinlebten und sparten, das immergleiche Ritual zu Weihnachten, das mir mit jedem Jahr peinlicher wurde – und gelegentlich die Saufphase meines Vaters, der als Angestellter in einer Bundesbehörde zwischen BAT 9b und 4a vegetierte. Ist ihm wohl recht langweilig gewesen, doch sagte er, ich müsse ihm nachfolgen. Vor seinen Ausrastern schützten jetzt keine Großeltern mehr…

Es wundert nicht, dass mein bewußtes Leben eine stete Bemühung um Befreiung geworden ist: Befreiung von der Familie, von Bindungen und Plänen, von vorgestanzten Tagesabläufen, von allen auf Sicherheit bedachten Gedanken und von einer Arbeitswelt, die mir zu öde schien, um auch nur ein paar Monate dort auszuhalten. In jungen Jahren befreite ich mich auch von den Männern, mit denen ich lange Beziehungen hatte. Obwohl wir immer beide verkündet hatten, heiraten sei völlig out, haben sie doch meine jeweilige Nachfolgerin geheiratet. Es lag also allein an mir, dass unter meiner Beteiligung keine Familie zustande kam.

Heute fühle ich mich so frei und unabhängig, wie man in dieser Welt nur sein kann. Was ich als Grund zum Widerstand mitbekommen hatte, ist vorbei und nicht neu entstanden. Und auch der Gegenentwurf, den ich als Folge meines Widerstandes entwickelt hatte, ist weg, Mitte dreissig nahe der Selbszerstörung endlich zerfallen.

So stehe ich jetzt relativ jung vor dem Nichts. Irgendwie dachte ich nämlich, man brauche sein ganzes Leben bis ins hohe Alter, um letztlich erst im Tod die Befreiung zu finden. Ich meine keine „absolute Freiheit“, wüßte nicht, was das sein soll, sondern die relative Freiheit von den Dämonen, die sich am Kinderbett einfinden und einen mittels Angst und Ehrgeiz durchs Leben treiben.

Und jeden Tag ereignen sich jetzt viele Momente, in denen ich mich frage: „Und nun? Was jetzt? Was soll’s? Warum? Was bringt das angesichts des Universums?“ Ich frage das nicht ernsthaft, es ist nur wie ein Stocken und Stottern in den Abläufen, von deren psychischen Zwängen ich mich ja weitgehend frei gemacht hatte. Und weil das nicht unbedingt angenehm ist und die Prägungen nach wie vor existieren, entfalten die Schrecken meiner Kindheit manchmal verführerischen Glanz: Such dir Familienanschluß, es gibt genug gestresste Eltern, die dich brauchen (mein Schwester zum Beispiel hat 3 Kinder und kaum Geld…). Such dir mehr Bindungen, übernehme mehr Verantwortung, spinne dich ein in Aufgaben, die dich nicht mehr nachdenken lassen über das Warum und Wozu. Das wird dir neue/alte Freuden und Leiden bringen, vor allem aber BEFREIT es von diesen unbeantwortbaren Fragen, von den Lücken in der Motivation, von allen Momenten der Leere.

Essen, wenn man hungrig ist, muss sein; essen aus Appetit macht immerhin Freude. Aber essen, nur weil da ein Gefühl der Leere im Magen ist, macht dick und krank. Es kann also nicht der Weg sein, einfach in das mühsam Abgelegte zurückzufallen, nur weil mir sonst nichts einfällt.

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Claudia am 14. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Die Hühner, das Kostenlose, die Sauna

Die Hühner, das Kostenlose, die Sauna

Heute bin ich früher aufgestanden, um – vertretungsweise – die Hühner ‚rauszulassen. Halb acht, gar nicht SO früh, doch in letzter Zeit ist es eingerissen, dass ich länger schlafe. Idiotisch, denn je kürzer die Tage werden, desto sinnvoller ist es, die wache Zeit zumindest auf die gesamte HELLE Zeit zu legen. Als ich zum Stall ging, sah ich im Nordwesten den Mond über dem Horizont, rot und riesig, märchenhaft. Wie meist, wenn man etwas ungewohntes tut, gibts gleich eine „Belohnung“. Weiter → (Die Hühner, das Kostenlose, die Sauna)

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Claudia am 12. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Vom Terror des Kostenlosen

Vom Terror des Kostenlosen

Und wieder ein Tag, an dem mir alles geboten wird, was ein Netzmensch so zum Leben braucht, natürlich völlig KOSTENLOS: Webspace bis zum Abwinken, Foren, Gästebücher und Chats sowieso, Umfragetools, Mailinglisten und Reports über mein Ranking bei den Suchmaschinen, Datenbanken, in denen ich meine Leistungen anbieten kann und Mail-Adressen für die nächsten 1000 Jahre. Die Banken wollen mir immer neue Brokerage-Konten eröffnen, kostenlos, wenn ich mich nur rechtzeitig entscheide. Andere Anbieter machen sich daran, meinen PC auszuweiden: Weg mit den Daten von der eigenen Festplatte, ‚rein ins Netz und auf den kostenlosen Backup-Server. Will ich mit einem Team arbeiten, kann ich dafür schöne Arbeitsumgebungen im Web nutzen, kostenlos, versteht sich. Und bald schon soll ich keine Programme mehr installieren, sondern sie im Web „aufsuchen“ – vermutlich erstmal kostenlos, was denn sonst? Weiter → (Vom Terror des Kostenlosen)

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Claudia am 11. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Steuer ’99 – Teil 2

Steuer ’99 – Teil 2

Der Programmpunkt „Einnahmen“ für die Steuer ’99 ist erledigt – ja, das ist der kleinere, weniger arbeitsaufwendige Teil, ich weiß, aber es stimmt mich schon mal froh, daß ich überhaupt in diese lästige Arbeit ‚reingefunden habe. Und meine Laune ist deutlich besser: Sind doch alles nur Papiere, Zahlen…. Oder doch nicht? Weiter → (Steuer ’99 – Teil 2)

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Claudia am 10. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Tauschgeschäfte

Tauschgeschäfte

Vor den Zeiten des Netzes dauerte mein längster Job gut zwei Jahre, eine kleine Ewigkeit. Per Netz arbeite ich nun seit 1996, lange voller Euphorie über die Bequemlichkeit und Effektivität, mit der ich von zuhause aus heute dieses und morgen jenes tun kann. Web-Aufträge dauern nicht lang, dazwischen passen eigene Projekte, bei denen ich tun kann, was ich will. Ein Paradies! So dachte ich lange, sehr sehr lange. Jetzt vergeht das fünfte Jahr, der dritte Computer rumpelt, der zweite Monitor strahlt 19 Zoll breit, der dritte und teuerste Bürostuhl meiner Sitz-Karriere schont meine Wirbelsäule – und seit einem guten Jahr sitze ich sogar in der gewünschten Wohnung auf dem Land. Und jetzt? Weiter → (Tauschgeschäfte)

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Claudia am 09. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Steuer ’99

Steuer ’99

Heut‘ will ich es endlich angehen: Steuer ’99! Wie kaum irgend etwas sonst, nervt mich Papierkrieg jeder Art und eine Steuererklärung ist so ungefähr die größte anzunehmende Schrecklichkeit. Dabei geht es „nur“ darum, die Zettel zu ordnen, die Einnahmen zu listen, die Ausgabe-Arten zu sortieren und den Rest macht die Steuerberaterin. Ich müßte nicht mal sortieren, doch schätze ich den Durchblick, will ungefähr wissen, was droht. Sicherheitshalber rechne ich immer mit dem Schlimmsten: Nicht genug Geld zu haben, um die Steuer nachzuzahlen.

Was dann? Na, verhungern werde ich vermutlich nicht :-). Weil ich es jetzt aber wissen will, hab‘ ich keine Ruhe mehr, hier gemütlich vor mich hin zu schreiben. Himmel nochmal, ich wünsch‘ mir einen freiwillig wählbaren Beta-Status im Steuerwesen: gläsernes Konto für den Staat, von jedem Eingang bucht sich das Finanzamt pauschal ‚was ab und läßt einen dafür aber mit Buchhaltung und Steuererklärung in Ruhe. Das wär’s für mich.

Ich bewundere alle Leute, die keine Probleme mit Papierkram haben und immer gleich alles richtig verdaten und einsortieren. Niemals suchen, niemals Unklarheit, immer den Überblick, wieviel von allem Geld nun wirklich „meins“ ist. Dass ich letzteres praktisch nie erkennen kann, bringt es mit sich, dass ich gar nicht erst in die geistige Haltung des „Geld hortens“ gerate: Wozu mehr verdienen, wenn dadurch die Steuernachzahlung immer größer und unüberblickbarer wird? Meine Beraterin sagt, ich schöpfe meine Vorsorge nicht aus – tja, soll ich deshalb Lebens- und andere Versicherungen abschließen? Noch mehr Verpflichtung, noch mehr Verträge, noch mehr Papierkram? Und wenn dann mal Flaute ist?

Inmitten solcher Gedanken bin ich schon mal richtig neidisch auf Arbeitnehmer und Arbeitslose. Was war das doch für ein sorgloses Dasein!

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