Claudia am 07. Dezember 2000 — Kommentare deaktiviert für Webwriting-Magazin startet

Webwriting-Magazin startet

Eine Erkältung. Gestern nach dem Saunabesuch spürte ich sie kommen, wollte es erst kaum glauben (bin doch abgehärtet!), seit Jahren war ich nicht krank. Ausgerechnet jetzt, wo ich morgen zu einem Symposium nach Romainmotier eingeladen war, auf dem ich über Mitschreibprojekte hätte reden sollen: Alles abgesagt. Meine Lunge ist ein Reibeisen, allein die 12 Stunden Zugfahrt von Schwerin bis hinter Lausanne wären der reine Horror gewesen.

„Ich hab‘ mir eine Erkältung geholt“, sagt der Volksmund und meint damit: Wenn man eine braucht, ist sie leicht zu haben. Doch wäre ich wirklich GERN in die Schweiz gefahren, auch, weil ich da eine langjährige Online-Freundin das erste mal „real“ gesehen hätte – wunderbares Essen, Logis, Anreise und sogar ein Honorar hätte es gegeben. Wie inspirierend ein Treffen beim „Migros Kulturprozent“ sein kann, davon erzählt die Website, die vor zwei Jahren nach dem ersten Wochenende entstanden ist, das ich in RM verbringen durfte: Digitaler Diskurs – als Hypertext leben.

Inspiration – eine wunderbare Sache, doch bei mir ist derzeit eher ein Umsetzungsstau festzustellen. Zum Glück ist zumindest das Webwriting-Magazin endlich begonnen: Der erste Artikel steht:

WWMAGJacob Nielsen’s Webdesign – Der Erfolg des Einfachen.
Durchgelesen und auf Verwendbarkeit geprüft von Michael Charlier.

Das Webdesign ist eine Demonstration gegen die Eintönigkeit des derzeitigen Mainstreams: diese immergleichen Dreispalter mit den überladenen Randstreifen, dem max. 1,5 Bildschirme langen Artikeln (ohne jede Nutzung des Hypertext-Prinzips!), den blinkenden Bannern und Unmengen von EyeCatchern, die vom Inhalt ablenken, sofern überhaupt einer geboten wird. Es ist Webdesign, wie es nur Menschen machen, bzw. für einen spezifischen Inhalt entwickeln können, nicht Programme, die nur noch Daten aus 20 verschiedenen Datenbanken in möglichst simple Vorlagen einsetzen.

Um den Demo-Aspekt noch zu unterstreichen, WÄCHST das Webwriting-Magazin: Artikel für Artikel wird erscheinen und mit den zunehmenden Inhalten werden sich erst Rubriken und Bereiche entwickeln, die wiederkehrenden Designelemente werden klar werden. Irgendwann wird mir ein Logo einfallen, Suchmechanismen und Indizes dazukommen – immer dann, wenn man sie braucht. Dennoch ist das, was im Web zu sehen sein wird, als einzelner Content immer vollständig – nutzloses Surfen in leere Bereiche mit Under-Construction-Schildern wird es nicht geben, keine Sorge!

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Claudia am 03. Dezember 2000 — Kommentare deaktiviert für Sex als Dienstleistung

Sex als Dienstleistung

Endlich rückt das Aufstehen in die Frühe vor: Heute immerhin schon um sieben vor dem PC angekommen! Meine Idee, die einem echten Bedürfnis entspringt, nämlich die Zeit der Helligkeit mehr in Richtung Mitte der wachen Zeit zu legen, verwirklicht sich langsam. Ich hoffe, im Lauf dieses Winters nochmal auf sechs, wenn nicht fünf Uhr Aufstehzeit zu kommen!
Sowas hätte ich vor 20 Jahren für vollkommen irre gehalten. Wie die meisten Jungen war ich Langschläferin und NACHTMENSCH, wie man von sich gerne sagt. Freiheit bedeutete zu allererst, ausschlafen zu können, solange ich mochte. Komischerweise reflektierte ich nicht, wie frei oder unfrei ich eigentlich davon war, täglich bis vier Uhr morgens in die Kneipen zu rennen. Na, so ändern sich die Zeiten. Heute finde ich es geradezu abenteuerlich, einfach in mich hineinlauschen zu können und von daher meine Schlafens- und Wachzeien zu wählen. Im Prinzip…. :-) Faktisch nimmt man ja doch Teil am kollektiv Gewohnten, und sei es nur durch die abendliche Tagesschau, die ich noch immer nicht durch Radio oder Internet-Schlagzeilen ersetzen mag.

…und jetzt das mit dem Sex.. :-)

Apropos Schlagzeilen: Wichtige Veränderungen kommen manchmal auf leisen Sohlen daher. Das Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin in Sachen Cafe „Pssst“, dass Prostitution heute nicht mehr in jedem Fall als sittenwidrig angesehen werden kann, ist so ein Fall. Endlich der erste kippende Domino-Stein, der vermutlich all die in Gesetze und „ständige Rechtsprechung“ gegossenen Diskriminierungen und Ausgrenzungen, Lügen und Heucheleien rund um den käuflichen Sex zu Fall bringen wird.

Im Einzelfall, der zu entscheiden war, ging es mal wieder um die Frage, ob die Betreiberin einer Bar an selbständige Huren stundenweise Zimmer vermieten darf, ohne sich der „Förderung der Prostitution“ schuldig zu machen. Bisher ging das nicht, die Zimmervermietung mußte über einen Strohmann laufen, um nicht zum Verlust der Konzession zu führen. Auch durfte das Ambiente keinen „gehobenen Eindruck“ machen, alles, was die Arbeitsbedingungen der Huren normalisiert und angenehmer macht, war (und ist in vielen Punkten immer noch) verboten.

Ein Ende dieses verrückten Zustands ist jetzt in Sicht. Rot-Grün plant ein Anti-Diskriminierungsgesetz, das es Huren ermöglichen wird, voll versichert und rechtlich rundum anerkannt zu arbeiten. Ihre Dienste werden als ganz normale Dienstleistungen bewertet, ähnlich wie Massage und Krankengymnastik. Richtig so!

Warum ich mich darüber freue? Schließlich könnte man auch darüber trauern, dass offenbar der real existierende Porno-Markt und die gesamte verlogene Übersexualisierung in den Medien nun dazu führt, dass sogar der offizielle „Maßstab der Sitten“ sich ändert. Ich ziehe es vor, das anders zu sehen: Die Entkriminalisierung und Enttabuisierung der bezahlten sexuellen Dienstleistungen hat vielleicht eine befreiende Wirkung. Wenn deren Nähe zum Schmuddligen, Verbotenen, jedenfalls politisch Unkorrekten tendenziell abnimmt, dann können sich vielleicht in Sachen Sex entspanntere Verhältnisse entwickeln – NICHT NUR im Bereich der Käuflichkeit!

Die Energie, die immer da ist

Um über Sex zu reden, muß man seine Grundeinstellung dazu mitteilen. Was ich „damals ’68“ als 14-Jährige einem oberflächlichen Underground-Mainstream ahnungslos nachplapperte, ist mir im Lauf eines erfahrungsreichen Lebens – dem gesellschaftlichen Rollback entgegen – zu tiefster Gewissheit geworden: Sex ist zuvorderst kein Zeichen der Liebe oder gar Unterpfand für Bindung und Geborgenheit, sondern ein Grundbedürfnis wie Essen & Trinken, eine Energie, die IMMER da ist, mal weniger, mal mehr spürbar, mal angenehm, mal eher unangenehm. Das Wegdrücken der Sexualität in nur ganz schmale erlaubte Bereiche, das die Gesellschaften immer schon pflegten, hat viele Gründe, für die es im Einzelnen Pro und Contra geben kann, doch mit Wahrheit hat das alles nichts zu tun. Zudem sind diese Unterdrückungs- und Kanalisierungsmechanismen allermeist unbewusst, es gab und gibt da kein Kollektiv wacher und bewußter Menschen, die sagen: Wir wollen das so!

Weite Bereiche der Sexualität werden so in eine Schmuddelprostitution gedrängt, von der kein Mann (und erst recht keine Frau) behaupten kann, er oder sie pflege hier den aufrechten Gang. Oder ist es etwa möglich, während einer Party mit Arbeitskolleginnen (!) und Kollegen zu sagen:

„Hey, ich war da gestern abend bei Mona in der Bleibtreustraße. WOW, die konnte mich für eine Eeeeewigkeit knapp vor dem Point of No-Return halten! Ich konnte alles vergessen, sogar mich selbst, es war großartig…
Sie nimmt übrigens keine Kreditkarten, sie meint, es sei ihr zu teuer und zu umständlich, bis das Geld wirklich da ist.“

Ganz ähnlich also, wie man zum Beispiel einen guten Koch oder ein neues Restaurant rühmt und dann zu anderen Themen übergeht.

Warum nicht?

Fakt ist, dass das ganz normale Geschlechterverhältnis entlang der sexuellen Ebene noch immer belastet ist wie eh und je. Auch der angeblich „kostenlose“ Sex liebevoll verbundener Paare ist gewöhnlich alles andere als easy; zuvorderst deshalb nicht, weil er (wie die Beziehung selbst) als regelmäßig und dauerhaft, als friedlich-verläßlicher „Normalzustand“ erwartet und gewünscht wird. Was normal ist, wird dabei auch noch an der Zeit der heftigsten Verliebtheit gemessen, wo man nicht viel anderes im Sinn hat, als möglichst viel Zeit miteinander im Bett zu verbringen. Aber kaum ist das abgeflaut und mensch beginnt, die Welt wieder wahr- und das eigene Leben wieder aufzunehmen, wirkt das auf den Partner als Entzug, gar als ungewollte Verstoßung, jedenfalls als eine Art BEWERTUNG. Schau an, es gibt wieder andere Prioritäten!

Selbst dann, wenn er oder sie selber schon heftig nach Luft schnappt und wieder mehr Raum und Energie für die Eigenbewegung braucht, geschehen diese negativen Bewertungen, es geht jetzt um Bedeutung und nicht mehr ums Erleben. Der Sündenfall ist da, das Kind im Brunnen. Es herrscht jetzt der Psycho, nicht mehr Eros oder Pan.

Das Erlebnis, größer werdende Teile der Aufmerksamkeit des endlich gefundenen und geliebten Partners auch wieder zu verlieren, macht junge Menschen verständlicherweise agressiv, traurig, ängstlich oder verbittert. Schließlich hofft man da noch, beim Anderen alles Heil zu finden, das man in diesem seltsamen Leben auf einer unerklärlichen Welt nötig haben könnte. Und wenn schon das nicht, so ist er (oder sie) doch wenigstens ein verläßlicher Verbündeter im Unbekannten – oder etwa doch nicht?

Hier geht es nicht mehr um Sex. Ich denke, das ist leicht erkennbar. Es geht um ganz andere Aspekte des In-der-Welt-Seins, der Sex wird mit ihnen nur unzulässig befrachtet. Leider geht das immer so weiter, springt von einem Thema zum nächsten, wird zur Methode der nichtmentalen Kommunikation. Das Bewerten des sexuellen Aufeinander Zugehens oder Fernbleibens im Hinblick auf Bedeutung für Anderes tötet das ursprüngliche und Unverfügbare der Erfahrung, macht einen Teil davon (den jeweils postiv bewerteten) zur möglichen Währung, den anderen Teil zum möglichen Sanktionsmittel. Und wer sich ganz unerwartet mit solchen Machtmitteln ausgerüstet sieht, müßte schon ein Heiliger oder eine Heilige sein, um sie niemals zu benutzen, meint ihr nicht auch? (Und was war mit der Hure? fragt der innere Assoziationsblaster…)

Nähe – sexuell ein Flop?

Wie immer: die sexuelle Dimension vieler Paare ist auch deshalb belastet, weil sie früher oder später erleben, dass die im besten Fall zunehmende geistig-psychische Nähe, aus der echte Verantwortung und dauerhafte Bindung entsteht, auf sexuellem Gebiet eher kontraproduktiv ist. Man fühlt sich verbunden, will aber immer weniger voneinander. Spirituell ist das ein Gewinn, sexuell eher ein Verlust, denn das Wesen des Sexuellen enthält auch etwas Forderndes, ja, agressives. Eben das, was verschwindet, wenn man sich wirklich nahe kommt. (Das Leiden am sog. „Kuschelsex“ hat hier seinen Ursprung.)

Wenn man sich erinnert, dass Sexualität ja doch ursprünglich im Zusammenhang mit Fortpflanzung entwickelt wurde, ist der agressive Aspekt nicht weiter verwunderlich. Schließlich mussten sich die Zweigeschlechtlichen Wesen bis ins 20ste Jahrhundert physisch recht nahe kommen, um sich fortzupflanzen zu können (einzig der Mensch macht da neuerdings einen „FORT-Schritt“). Und das als verteidigungsfähige erwachsene Einzelwesen, aus der Grabbelgruppe lange ‚raus! Unter den Spinnen überleben das manche Männliche nicht. Sex war nie NORMAL.

Es ist unsere Schuld, wenn wir Sexualität technisch von der Fortpflanzung lösen (uns davon „befreiend“), dann aber nicht neu interpretieren und nur armselig oder überhaupt nicht kultivieren. Unser Fehler, wenn wir immer noch das Märchen von der lebenslangen Liebe mit der regelmäßigen und erfüllten Sexualität (hier und nirgends sonst!!!) glauben oder im Zuge des neuen Konservatismus wenigstens wieder herunterbeten – damit die Welt im globalisierten Sodom und Gomorra nicht ganz vor die Hunde gehe.

Meiner Generation (den Post-68ern) hat AIDS die Sprache verschlagen. Wir sind zugunsten des Überlebens von der richtigen Einsicht abgewichen, die wir im realen Leben sowieso nicht „durch Verordnung“ verwirklichen konnten. Das ist keine Schande, aber in den Zeiten von BSE muss man wieder Worte finden.

Die genannten und weitere eigentlich unerotische (Paar-)Verstrickungen zeigen jedenfalls eines: Kostenlos ist das alles nicht. Man kann gut verstehen, dass viele gerne Geld zahlen, um frei von all diesem Ballast Sexualität zu erleben. Um dafür auch die allen wohlgefälligen „guten Sitten“ entwickeln zu können, darf Sex als Dienstleistung jedenfalls nicht mehr als „sittenwidrig“ gelten. Gelobt sei das Verwaltungsgericht Berlin! Der ‚heiligen Hure‘ Felicitas, die es mit vollem persönlichen Einsatz durchgeboxt hat, gebührt dagegen ewige Dankbarkeit.

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Claudia am 01. Dezember 2000 — Kommentare deaktiviert für Film: Warum immer nur das eine?

Film: Warum immer nur das eine?

Im Kino gewesen: THE CELL angesehen und gestaunt! Den Kritiken kann ich voll zustimmen: Story recht dünn, doch spektakuläre Bilderwelten und Effekte beeindrucken so sehr, dass der Besuch lohnt. Die Rahmenhandlung braucht nur wenig Worte: hübsche Psychologin wird über Hirn/Computer/Hirn-Interface mit häßlichem Serienmörder verschaltet, reist in dessen Bewußtsein, um ihm den Aufenthaltsort seines letzten, noch lebenden Opfers zu entlocken: Der begehbare Frauenmörder als virtueller Freizeitpark für alle. Weiter → (Film: Warum immer nur das eine?)

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Claudia am 30. November 2000 — Kommentare deaktiviert für Yoga – die Fortsetzung

Yoga – die Fortsetzung

Der Eintrag gestern scheint gefallen zu haben: ein paar Mails mehr als sonst, einige Info-Mail-Bestellungen. Vielleicht sollte ich da weiter schreiben, was spricht schon dagegen, auch meine Yoga-Geschichte zu erzählen? Das läßt sich sowieso nicht mehr trennen vom „Rest“: alles, was ich erlebe und schreibe, ist davon geprägt, wenn ich auch immer darauf verzichtet habe, explizit „über Yoga“ zu schreiben. Mit einer Ausnahme: der Artikel „Entspannung“ ist zum Jahreswechsel 1996/97 entstanden und bringt meine erste und wichtigste Erfahrung mit Yoga auf den Punkt: dass der Körper, das Denken und Fühlen nicht drei unterschiedliche „Dinge“ oder Welten sind, sondern Aspekte ein- und desselben Ganzen. Wie viele Yoga-Erkenntnisse hört sich das verdammt banal an, man kann damit kaum im Gespräch glänzen. Aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich glaube, ich sei ein unabhängiges Wesen (genannt „ich“), das eine ebenso unabhängige Welt wahrnimmt, und dann diesen Wahrnehmungen entprechende Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen HAT – oder ob ich weiss, dass das nicht der Fall ist. Weiter → (Yoga – die Fortsetzung)

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Claudia am 28. November 2000 — Kommentare deaktiviert für Yoga – meine Geschichte

Yoga – meine Geschichte

Endlich mal wieder deutlich früher aufgestanden: um sieben anstatt erst um halb acht. In der dunklen Jahreszeit besteht eine Neigung, länger im Bett zu bleiben, doch genau das trägt zum Winterblues bei. Je später man aufsteht, desto kürzer wirkt der Tag, umso länger die Nacht, die jetzt schon kurz nach vier beginnt: Was um Himmels willen soll ich diese ganze lange Zeit tun? Manchmal beneide ich die Bären um ihren Winterschlaf! Die morgendliche Nacht wirkt dagegen inspirierend, die Stille ist voller Versprechen, langsam verdichtet sich die Energie in Richtung Tag, die Morgendämmerung setzt ein, hier draussen noch immer in Stille. Wunderschön.

So ungefähr an zwei Dritteln aller Tage übe ich morgens von 8 bis 9 mit meinem Lebensgefährten Yoga. Eigentlich hatte ich nie vor, das morgens zu machen, doch letztlich hat es sich so ergeben: es ist sehr viel schwerer, einen Tag – und sei er noch so eintönig und ereignislos – zu unterbrechen, um eine Stunde Übungen zu machen, als gleich morgens damit zu beginnen. Das gilt erst recht, wenn es Übungsformen sind, die sowieso einen leeren Geist benötigen, bzw. erst richtig erfahren werden können, wenn das Gedanken-Wandern im Kopf zum Erliegen kommt oder zumindest von der Konzentration auf den Atem dominiert, wenn schon nicht ganz abgelöst wird.

1991 hab‘ ich mit Yoga angefangen, eine wirklich lange Zeit. Ich möchte gar nicht wissen, was aus mir geworden wäre, wie ich heute das Leben spüren bzw. nicht spüren würde und was ich darüber dächte, wenn ich NICHT mit Yoga angefangen und es stets und ständig fortgeführt hätte. Acht Jahre mit Unterstützung meines ZEN-inspirierten Lehrers in seinen wunderbar kleinen Gruppen von jeweils nur vier Schülern! Der einmal-die-Woche-Termin hat sich dadurch als Minimum eingespielt, das ich mit wenigen Ausnahmen all die Jahre durchgezogen habe, auch in lustlosen Zeiten. Doch per „einmal die Woche“ geschieht im Yoga nicht viel. Ich kann von Glück sagen, dass Hans-Peter es fertig brachte, meine Motivation zu Beginn derart zu steigern und regelmäßig neu zu entfachen, dass ich die ersten Jahre fast täglich übte. Allein die Veränderungen der Befindlichkeit, die sich im ersten halben Jahr ergaben, gerieten deshalb spektakulär und taten das ihre, mich weiterhin bei der Stange zu halten. Auch später gab es viele lange Phasen, wo das Üben zumindest in Richtung täglich tendierte oder sich bei zwei bis dreimal pro Woche einpendelte.

Wenn eine Übungsweise mal so weit in einem Leben etabliert ist, gewinnt sie einen ganz anderen Charakter und völlig andere Bedeutungen, als zu Beginn des Engagements. (Da liegt auch der Grund meiner tiefen Dankbarkeit für Hans-Peter-Hempel, denn ohne ihn hätte ich diese Kontinuität niemals aufbringen können). In der Rückschau wirkt manches geradezu komisch, was ich über Yoga zu wissen meinte, bzw. davon erwartet habe, als ich damit anfing. Und es ist ein unverdientes Wunder, ein großes Glück, dass ich dabei geblieben bin, wenn auch mit größtmöglichen Schwankungen in der inneren und äußeren Beteiligung.

Vermutlich ist es ganz egal, was man macht: ob Yoga, Tai Chi, Feldenkrais, QiGong, Bogenschiesen, Karate, KungFu, Sitzmeditation oder Marathon, man muss es nur machen, öfter als einmal die Woche, länger als ein paar Monate. Und nicht mechanisch wie ein sogenanntes „Working Out“, sondern mit aller Sorgfalt, Aufmerksamkeit und Hingabe. Es braucht nun einmal diese Zeit, damit sich die eigentlichen, weniger oberflächlichen Wirkungen dieser Übungen entfalten – auf Ebenen, auf denen man sie gar nicht erwartet hätte.

Es wäre nun zwar möglich, Konkreteres aus meiner Yoga-Geschichte zu erzählen, doch damit wäre der Abgrund nicht überbrückt zu denjenigen, die noch nie eine Geist-UND-Körper-einbeziehende Übungsweise LÄNGER praktiziert haben: Die vielleicht nach drei Monaten Yoga zu TaiChi geweschselt sind, danach Kailash-Besteigung oder Trecking in Nepal, im Winter dann Sitzmeditation, im Frühling das Sportstudio und zur Sonnwende die Schwitzhütten-Zeremonie, als Vorbereitung und Reinigung vor dem Tantra in der Toskana. Oder die, die vom Körper allenfalls Leistung verlangen, aber keinerlei Erkenntnisse – schließlich findet denken im Kopf statt und den behält man am sichersten oben, wenn man sein Leben im Sitzen verbringt.

Das schreibt sich lustig dahin, doch war ich auch nicht viel besser. Mit Yoga hätte ich ganz gewiss nicht angefangen, hätte ich nicht Hans-Peter getroffen, ihn einfach um einen Termin gebeten nach seinem Vortrag über „Buddhismus und Abendland“ an der Berliner Urania.

Hans-Peter Hempel

Hans Peter Hempel,
Yogalehrer, Professor für Politik & Philosophie an der TU Berlin
lehrt einen buddhistisch inspirierten Yoga (ZEN-Yoga), der darauf verzichtet, neue Systeme absoluter Wahrheiten zu errichten.Offene Weite – nichts von heilig
Bücher z.B.

  • „Alle Menschen sind Buddha. Der Weg des Zen“
  • „Im Hier und Jetzt – Unterweisungen im ZEN-Yoga“

Dass er Yoga lehrte, wusste ich gar nicht, sondern hatte aufgrund des Vortrags angenommen, dass er eine Meditationsgruppe leite. Yoga war bei mir „schon durch“ wie vieles andere: Mal ein tolles Buch gelesen, selber mit den Übungen angefangen, nach dem dritten Mal wieder aufgehört, weil ich mir ein bißchen blöd vorkam auf der Matte am Boden meines Zimmers. Das nächste Buch, bitte. Es kann auch gut sein, dass ich das „heiligmäßige Leben“ nicht länger als eine Woche ausgehalten habe, das für meine Begriffe zwingend dazugehörte. Jedenfalls war Yoga für mich kein Thema, als Hans Peter davon anfing: Der Körper sei so unruhig, nervös und verspannt bei uns Westlern, dass es ganz unmöglich sei, aus einem solchen Zustand in Meditation zu kommen. Deshalb lehre er Hatha-Yoga, schlichte Übungen, die jeder machen könne.

Ich hatte meine Zweifel, denn mein Leben lang hatte ich Sport vermieden und erst kürzlich wieder bemerkt, dass ich mich kaum noch ohne Schmerzen bewegen konnte. Ein paar Wochen Krankengymnastik hatten mir gezeigt, wie eingerostet ich mit 36 schon war und das schlimmste wieder hingebügelt. Aber auch sonst war ich weit vom REINEN LEBEN entfernt, das ich als Voraussetzung meinte erstmal leben zu müssen: Der Alkohol war immerhin schon „von mir abgefallen“, nicht aber rauchen, kiffen, zuviel essen, der Kaffee und vieles mehr. Ich – eine Yogini? Unmöglich!

Nicht mehr rauchen? Das könne man nicht verordnen, sagte Hans-Peter. Das müsse alles von selber verschwinden. Und in seiner unendlichen Geduld kreidete er es mir niemals an, dass ich über viele Jahre Raucherin blieb, bzw. es immer wieder wurde. Nur merkte er gelegentlich in der Yogastunde an, dass man es wieder mal sehr stark rieche…
Dass er mich trotzdem angenommen hat, obwohl ich seine Nase beleidigte, dafür bin ich ganz besonders dankbar. Neun Jahre später scheint das Rauchen sich zu verabschieden – eine lange Zeit.

Genug spontane Autobio – die Arbeit lockt…

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Claudia am 27. November 2000 — Kommentare deaktiviert für Geist ist knapper als RAM

Geist ist knapper als RAM

Endlich bin ich ins arbeiten geraten! Es ist schon längere Zeit her, dass ich mal völlig selbstvergessen vor einer entstehenden Webseite sitzen konnte und mich einfach nur um die Harmonie der Optik kümmern: Ist das der richtige Abstand? Hat der Text genug Platz? Wirkt das ganze eher locker und beiläufig selbstverständlich, oder ist alles in eine starre Form gezwängt? Sollte da nicht etwas Rundes auftauchen, wo doch das senkrechte und eckig-quaderhafte technisch bedingt dominiert? ( Und weiter: Wie sieht die Seite auf einem 800x600er Bildschirm aus? Braucht sie irgendwo Bewegung oder lieber nicht? Bloss kein Zappeln in den Augenwinkel, wenn der User wirklich LESEN soll… Weiter → (Geist ist knapper als RAM)

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Claudia am 23. November 2000 — Kommentare deaktiviert für Nachlese zur Gehirnwäsche, Mehltau über dem Web

Nachlese zur Gehirnwäsche, Mehltau über dem Web

Den gestrigen Beitrag Wahrheit oder Gehirnwäsche? hatte ich auch im STERN-Raucherforum gepostet und damit heftigen Wiederspruch geerntet. Dazu muss man wissen, dass dieses Forum ungemein überlaufen ist und extrem schnell durchscrollt – ein Grund, dort allenfalls mal eine URL zu hinterlassen, zum richtigen Gedanken-Austausch ist es viel zu ungemütlich. Umso mehr wundert es mich, wenn dann doch lange „Widerlegungen“ kommen: Warum, um Himmels Willen macht sich da jemand die Mühe, in einem anonymen Rahmen „an Unbekannt“ so ausführlich und voll agressiver Energie zu antworten? Naja, der Schreiber nennt sich immerhin Fumo, das heisst „Rauch“, und das ganze Forum ist ein Raucher- und kein Nichtraucherforum. :-)

Genug davon – für jetzt. Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr dieses Thema manchen langweilt, der damit nun mal nichts am Hut hat. Sorry, aber hauptsächlich schreib‘ ich dieses Diary für mich: als Selbstverständigung, zur Ordnung der Gedanken und Gefühle, und als ein Experiment in der Frage „Wer bin ich?“. Wenn ein Text nämlich mal „draussen“ ist, dann verändert er sich auf geheimnisvolle Weise in einen Beitrag zum Thema „Wer will ich sein?“, auch wenn ich darauf wert lege, halbwegs authentisch zu schreiben und nichts definitiv Falsches einfliessen zu lassen. Diese Tatsache immer wieder zu beobachten, ist schon an und für sich lehrreich. Man kann dabei feststellen, wie Texte es doch niemals vermögen, ein Ganzes abzubilden, bzw. wie dieses Ganze sich eiligst ändert und seinem Begräbnis in den Festschreibungen immer wieder davonläuft. (Glücklicherweise behindert mich keinerlei VERPFLICHTUNG gegenüber unbekannten Lesern, explizit „ehrlich“ zu sein. Ihm oder ihr könnte ich ohne den Schimmer eines Schuldgefühls das Blaue vom Himmel herunterschreiben, schliesslich werde ich hier mehr oder weniger in der Sparte „Unterhaltung“ konsumiert. Andrerseits ist das absichtsvoll Simulierte für mich sehr viel langweiliger und anstrengender als das, was „von selber“ kommt – das mach‘ ich also verständlicherweise nur noch gegen Bezahlung.)

Werkstattbericht: Mehltau über dem Web

Tja, so langsam gerate ich doch wieder ins arbeiten, ein Glück! Zwar ist es nicht der große Motivationsschub, die durchgreifende Veränderung, der ganz neue Elan, – sowas kann man wohl nur im Frühling und nicht im November spüren – doch das Gefühl der Lähmung, der absoluten Ablehnung aller Aktivitäten ist vorbei. Und so langsam beginne ich mich wieder für das zu interessieren, was ich vorhabe. Da ist zuvorderst das Webwriting-Magazin, für das jetzt die ersten Artikel in Arbeit sind. Sowohl die Inhalte als auch das Design des Cyberzines entstehen ganz neu, alles, was vor Monaten schon einmal vorlag, wird links liegen gelassen, allerhöchstens ausgeschlachtet. Anders als bei fast allen vorherigen Projekten steht im Moment auch DESIGNERISCH der Inhalt im Vordergrund, der Text, der Sinn. Der erste Artikel wird über den Webguru Nielsen („Designing Web Usability“) gehen und befindet sich damit inmitten der Kontroverse und der Entwicklungen, die auch zu meiner monatelangen Depression bezüglich der Web-Arbeit beigetragen haben.

Es ist mir aus guten Gründen in der letzten Zeit nicht mehr gelungen, ein neues Magazin-Design zu entwickeln, das meinen eigenen Ansprüchen genügt. Wie ich jetzt bei der Arbeit am Artikel bemerke, lag das daran, dass es grundfalsch war, wieder eine neue SCHUBLADE, bzw. ein REGAL für beliebige Texte schaffen zu wollen. Dieses eigentlich öde Bemühen hat bei mir eingesetzt, als ich 1996 mein erstes Frameset für Missing Link baute (weil es soviel Arbeit spart…) und stellt sich heute webweit so dar, dass Programme beliebige Inhalte aus verschiedensten Datenbanken auf Designvorlagen zusammensetzen, die von den Inhalten völlig unabhängig sind. Genau dieses Herangehen zerschlägt die Einheit von Form und Inhalt, die nun einmal das Ideal ist, das im Herzen eines jeden Autors liegt; noch dazu ein Ideal, das sich – wie gute Webdesigner wissen – im Web sogar verwirklichen lässt, wenn man sich die Arbeit macht.

Die „Magazinform“ als Container hat heute eine Standardisierung erfahren, die jeder kennt, weil sie bei jedem zweiten Mausklick erschient: Dreispalter, links und rechts allerlei Navigation und Werbung, in der Mitte kurz angerissen diverse Artikel, drüber Bannerplatz und Erscheinungsdatum, drunter Impressum, Zusatzangebote…. gähn. Ich verspreche nicht, dass das Webwriting-Magazin letztlich ganz anders sein wird, vielleicht ist das ja die „optimale Form“. Doch erlebe ich jetzt immerhin, dass ich auf jeden Fall ganz anders herangehen muss: nämlich beim LayOut des zentralen Contents beginnend, bei der bestmöglichen Präsentation eines einzelnen Artikels, die Erfordernisse des künftigen Magazins nach und nach darum herum wachsen lassend – und immer erst dann, wenn man sie braucht, nicht von vorne herein ein für alle mal.

Denn, das hab‘ ich schmerzhaft gemerkt: man kann sich monatelang damit befassen, einen Magazin-Mantel mit allem SchnickSchnack zu entwickeln, der heute üblich ist, und sich dabei immer weiter vom ursprünglichen Impuls entfernen, warum man dieses Magazin eigentlich wollte: Um bestimmte Inhalte zu kommunizieren, um Angelegenheiten zu verhandeln und Einfluß auszuüben in einem Sinne, den man für richtig und nützlich, für gut und schön hält.

Ich bin praktisch der Hynose erlegen, die der kommerzielle Sektor über das Web gelegt hat wie Mehltau. Es geht da ja nicht mehr um Kommunikation, nicht einmal um die viel beschworenen NÜTZLICHEN Anwendungen – nein, in aller breit angelegten Ödheit geht es nur noch darum, wie man im Web Geld verdienen kann, und zwar so viel, dass es den Kapitalmarkt dauerhaft interessiert. Ein Bekannter mailte mir gestern:

„…Die ganze momentane Stimmung im Web gefällt mir nicht mehr. Zu viel Cash, zu viel Geballer, zu viel Status Quo, zu viel Phrasendrescherei. Das ist nicht mehr das inspirierende Umfeld, in dem ich mal angefangen habe, sondern kommt mir manchmal eher vor wie die Plastikbank an der Bushaltestelle im Gewerbegebiet …“

Richtig, so ist es. Und ich sage trotzdem: Der kommerzielle Sektor irrt! Der Kaufklick mag alles sein, was ihn bewegt, dies gilt aber bei weitem nicht für den Menschen schlechthin. Ich brauch‘ gar nicht die Pose der Cybervisionärin einnehmen, um vorauszusagen, dass auch in zehn Jahren von hundert Mausklicks (bzw. entsprechenden Akten), noch immer 99 KEINE Kaufakte sein werden! Dem Nemax 50 wäre von daher zu wünschen, dass er demnächst die 2000 Punkte wieder sieht. Vielleicht würde dann allgemein soviel Ernüchterung einsetzen, dass im Web wieder Inhalte erscheinen, die auch von jemandem GEMEINT sind – und nicht nur als Pausenfüller da stehen, weil ja nicht jeder Klick ein Kaufklick sein kann….

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Claudia am 21. November 2000 — Kommentare deaktiviert für Nichtrauchen: Wahrheit oder Gehirnwäsche?

Nichtrauchen: Wahrheit oder Gehirnwäsche?

Das Umdenken, das dafür nötig ist, dauerhaft und ohne spürbare Entbehrungen von der Zigarette loszukommen, macht einigen Leuten ziemliche Probleme. Sie leiden lieber, als dass sie bereit wären, fremde Gedanken zu denken, Gedanken, die denen entgegenstehen, die sie – mehr oder weniger suchtbedingt – während der gesamten Raucherzeit gedacht haben und immer noch denken. Wo käme man da hin, würde man so einfach ganze Gedankengebäude in die eigenen Denklandschaften pflanzen, dafür womöglich selbst gebautes, liebevoll gepflegtes und instand gehaltenes abreissen? Wo bliebe denn das wirklich EIGENE, das ORIGINALE?

Wer auch noch sein Geld damit verdient, die Vorstellung von Eigenheit & Originalität im Denken aufrecht zu erhalten und zu vermarkten, kann nicht einfach all das, was er oder sie über Jahrzehnte für wahr gehalten hat, schlicht fallen lassen, bzw. zugeben, dass es falsch war, und das „nur“, um sich von einer Sucht wie dem Rauchen zu berfreien. Insbesondere Alan Carr, der schon vielen zum Aufhören verholfen hat, zieht von intellektueller Seite viel Ärger auf sich, denn er verlangt das „Verstehen“ einiger Punkte, die zumindest gewöhnungsbedürftig sind, zum Beispiel:

  • Es ist leicht, mit dem Rauchen aufzuhören
  • Zigaretten bringen keinerlei Genuß
  • Zigaretten beruhigen nicht, sondern schaffen die Nervosität erst, die dann mittels der Kippen „bekämpft“ wird.
  • Rauchen macht ganz schnell nikotinsüchtig: bereits mit der zweiten Zigarette kann man drin sein, obwohl die Kippen noch länger nicht einmal schmecken
  • Die Entzugserscheinungen beim Aufhören sind zum Glück gering, ja, kaum wahrnehmbar.

Man kann nun diese Behauptungen „hinterfragen“, also daraufhin diskutieren, ob sie wahr oder falsch sind. Carr tut das in seinem Büchern auch bereitwillig. Er begründet jeden einzelnen Punkt ausführlich mit logischen Argumenten, mit eigenen Erfahrungen und mit den Erfahrungsberichten von Leuten aus seinen Kursen und seinem Bekanntenkreis. Punkt 1 und 5 wird zum Beispiel damit untermauert, dass die physisch spürbaren Folgen des Entzugs tatsächlich geringfügig sind: oder wo wären denn die schlimmen Schwerzen? Hat die schon mal einer erlebt? Nein, vielmehr ist es nur ein Gefühl der Leere und Unruhe, ungefähr so wie Hunger, mehr nicht. Der Rest ist Psycho und diesen Psycho, bestehend aus VORSTELLUNGEN über das Rauchen, die – auch dank der Aktivitäten der Zigarettenindustrie – im Umlauf sind, möchte Carr zerstören, wirkungslos machen, auf dass es uns leicht fällt, mit dem Rauchen aufzuhören.

Geist und Schmerz

Man könnte jetzt so fortfahren und Carr auch mittels Erkenntnissen aus ganz anderen Quellen „beweisen“: zum Beispiel hat die Schmerzforschung festgestellt, dass ein beliebiger Schmerz (oder auch ein Lärm) ganz unterschiedlich intensiv empfunden wird, je nach der subjektiven Einstellung des Betroffenen. Die „gefühlte Intensität“ kann um bis zu 90% und mehr schwanken! Das erinnert mich an eine Online-Freundin, die mich vor einigen Monaten hier besucht hat. Aus ihren Texten und E-Mails hatte ich den Eindruck gewonnen, sie sei schwer krank, von vielfachen Leiden gezeichnet. Tatsächlich war es eine gepflegte, jugendlich wirkende, kerngesunde und meist gut gelaunte Person, die lediglich die unzähligen kleinen Zipperlein, die mensch nun mal ab dem mittleren Alter hat, ständig thematisierte. Sie „litt“ unter diesen Dingen, zumindest, wenn man ihrer Rede glaubte – aber ich saß ihr gegenüber und glaubte eher ihrer gesamten Ausstrahlung: gesunder Luxus-Typ…. :-)

Ein großer Teil eines Unwohlseins oder Schmerzes rührt vom Widerstand her, den man ihm entgegen setzt: Wenn ich diese Pickel einfach nicht akzeptiere, regen sie mich von mal zu mal mehr auf, wenn ich sie sehe. Oder das Symptom links neben dem Brustbein: juckt wie eine alte Narbe, verdammt, es könnte wunder wer weiss was Schlimmes sein, ich will es nicht haben…. und alles verspannt sich rund um das, was ich nicht spüren will, und macht auf diese Weise (ganz physisch REAL!) den Bereich immer größer, der nicht flexibel und dynamisch mit den Gegebenheiten des Augenblicks mitschwingen kann, weil er ja seine Verteidigungs-Verspannung aufrecht erhalten muss. Und immer härter, verspannter, schmerzhafter wird „das Symptom“….

Ja, und so geht es auch mit dem Rauchen und dem Entzug. Wenn ich weiterhin Gedanken hege wie „EINE Zigarette gelegentlich bringt durchaus Genuß“, dann richtet sich dieser Gedanke wie der Focus eines Brennglases auf das vorhandene physisch-reale Gefühl der Leere, gibt ihm Energie, Gestalt, Raum, und bläht es zu schier unendlich wachsender Größe und Stärke auf. Glückwunsch! Jetzt ist es NICHT mehr leicht, mit dem Rauchen aufzuhören…

Und die Wahrheit?

Ja, was ist mit ihr? Persönlich würde ich mir da keine weiteren tiefschürfenden Gedanken machen, solange es „nur“ darum geht, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich war schon immer bereit, umzudenken, wenn ich das, was ich dadurch gewinne, wirklich benötige und durch das Umdenken auch tatsächlich bekomme. Und ich weiss mittlerweile, dass ich es nur dann schaffe, von den Kippen dauerhaft loszukommen, wenn es LEICHT ist. Auf die schwere Weise hat es bisher nicht geklappt.

Und die wirkliche Wahrheit? Die geht so:

Indem ich auf eine bestimmte Weise denke, schaffe ich eine Realität, die sich vollständig anders anfühlt als diejenige, die ich erleben würde, wenn ich anders denken würde.

Das ist unabweisbar wahr. Ich erlebe es nicht zum ersten Mal, sondern kann es täglich auch in Kleinigkeiten beobachten. Wichtig dabei ist, nicht zu vergessen, dass man nicht bei Null beginnt: Die „Start-Realität“ ist auch schon zustande gekommen, durch Gedanken, die täglich, ja sekündlich, von „aussen“ und „innen“ kommend, in einem imaginären Punkt zusammenknallen, den wir gewohnt sind, ICH zu nennen.

Dieses wissend, ist es kein Problem, mit Gedankengebäuden wie das von Alan Carr umzugehen. Ob eine Zigarette ein Genuß sein kann oder nicht, ist keine Frage der Wahrheit, sondern eine der Bewertung, der Definition. Und es erscheint fürs Nichrauchen dienlicher, den sogenannten „Genuß“ als Illusion zu verstehen, als Falle, als hinterhältige Verlackmeierung. Schließlich ist es nicht zu leugnen, dass die Zigarette das Bedürfnis, das sie dann mit vermeintlichem „Genuß“ deckt, dauernd selber erst schafft – zu Lasten unserer Gesundheit, unseres Geldbeutels und unserer inneren Ruhe.

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