Claudia am 20. Oktober 2002 — Kommentare deaktiviert für Herzgeist

Herzgeist

Zum letzten Eintrag „Über Sex und Selbst“ schreibt mir ein Leser:

„Kindsein – und entspannte Sexualität – heißt immer auch verantwortungslose Spontaneität, heißt Unbeständigkeit und Bestechlichkeit“.

Er gibt damit einer verbreiteten Furcht Ausdruck, die oft auch so formuliert wird: Wenn jeder machen würde, was er/sie will, würde doch das Chaos ausbrechen!

Ist das so? Beschreiben diese Befürchtungen eine (allen gemeinsame) Realität? Oder sagen sie allein etwas über denjenigen aus, der sie vorbringt? Das innere „Kind“, das hier gemeint ist, stand in meinem Artikel für das Gefühlswesen, das wir sind, für unsere Verletzlichkeit, Bedürftigkeit und Schwachheit, die wir im äußeren Leben so gerne hinter Masken verbergen – Masken, die sich bei manchen zu so festen Gefängnismauern verdichten, dass sie überhaupt nichts mehr spüren.

Die Verteidigungsanlagen, die wir gegen Angriffe von „außen“ errichten, machen uns fortlaufend einsamer, denn sie trennen uns von den anderen und vom Fluss des Lebens: wenn ich den Schwerpunkt meiner Bemühungen, meiner Energie und Aufmerksamkeit darauf verlege, völlig „cool“ und unangreifbar zu wirken, dann ist genau DAS die Barriere, die mich von menschlicher Gemeinschaft abspaltet.

Das ist allgemein verbreitet und doch völlig absurd: Jede und jeder kann bei sich selber ja leicht feststellen, dass es NICHT die coolen Typen, die unnahbaren Champions und Sieger-Figuren sind, die wir wirklich mögen. Wir bewundern und beneiden sie vielleicht, wollen ihnen nacheifern, sie evtl. besiegen und unterwerfen, wenn wir uns stark genug fühlen – aber fassen wir etwa Vertrauen? Können wir mit ihnen lachen, innerlich locker und fröhlich sein?

Die eigenen Gefühle zulassen – einschließlich Angst, Trauer, Einsamkeit, Verzweiflung – und nicht mehr unter den Vorbehalt zu erreichender Zwecke zu stellen, bedeutet, der reinen Zweckratonalität zu sterben. Ich werde mich nicht mehr „zusammenreissen“ und endlos selber vergewaltigen zugunsten einer Beförderung, wegen eines tollen Auftrags, oder um beim anderen Geschlecht besser anzukommen. Und das nicht etwa aus einer irgendwoher übernommenen Moral heraus, nicht wegen der weisen Worte eines Gurus, sondern weil ich im Lauf des Lebens feststellen konnte, dass NICHTS, aber auch gar nichts, was ich auf diese Weise erreichen und erringen kann, den Einsatz wert ist!

Freude empfinden, Liebe fühlen, Verbundenheit spüren – das sind „Vermögen“, die nicht durch ein Jagen, Raffen, Zupacken und Halten errungen werden, sondern durch ein los- und zulassen dessen, was ist. Wobei ich mit „dem, was ist“ nicht nur „die Welt da draußen“ meine, sondern ALLES, was ich spüre und wahrnehme: Die Traurigkeit genauso wie den Regen, die Wut genauso wie den Bäume-fällenden Orkan, die Schmerzen im Kopf, die Löcher in der Straßendecke, das Verlangen, berührt zu werden, den Milbenfraß auf den weiß blühenden Kastanien, Verspannungen in den Schultern, ausgetrocknete Blätter auf durstigen Bäumen – angst, Melancholie, abendrot, Sonnenschein.

Was mich trennt und wirklich einsam fühlen lässt, ist der „Erfolg“ des rechnenden Denkens. Wir sind von klein auf konditioniert, den Verstand einzusetzen, um uns vor dem Leben und seinen Veränderungen zu schützen, geradezu zu verbarrikadieren. Wir suchen Glück und Ekstase, weigern uns aber, den Schmerz zu spüren – doch es gibt immer nur die ganze Packung.

Es gibt und gibt und gibt, aber wir wollen nichts annehmen. Wir prüfen und sortieren aus, schalten allerlei Siebe dazwischen, bis fast nichts mehr durch die Filter kommt. Nach Sicherheit und Berechenbarkeit verlangend, bauen wir vermeintlich sichere Türme, hohe Zäune, feste Mauern, entwickeln für alles und jedes Vorschriften und DIN-Normen – bis wir die Welt zur Benutzeroberfläche, zur Negativ-Form des eigenen Zugriffs geformt haben, bar jeglichen Inhalts. Und dann erschrecken wir und verzweifeln an der Leere, am selbst gemachten Nichts.

Wieder durchlässig werden, das Zusammenspiel von Körper, Gefühl und Geist wahrnehmen, indem wir es einfach geschehen lassen. Den Atem nicht anhalten, sich dem hingeben, was ist – das bedeutet keinesfalls verantwortungslose „Spontanität“, wie manche es missverstehen. Krasser Egoismus ist geradezu das Gegenteil einer solchen Haltung bzw. Gelassenheit. Wenn ich nämlich nichts tue, um mich gegen schmerzhafte Gefühle abzuschotten, dann ist da keine Trennung zwischen „meinem“ Leid und dem Leiden des anderen. Gefühle sind wie Wogen von Energie, sie fluten durch uns hindurch ohne sich an Körpergrenzen aufzuhalten, wenn wir es zulassen: die angst des Kollegen vor der Kündigung lässt mich nicht unberührt, wenn er mir am Schreibtisch gegenüber sitzt. Die Enttäuschung und Einsamkeit der alten Frau, wenn ich zum versprochenen Besuch nicht erscheine, ist meine eigene Einsamkeit. Die Mutter, die auf der Straße ihr Kind schlägt – macht das nicht jeden wütend, der zusehen muss? Wobei WUT schon ein sekundäres Gefühl ist, eines, das ins Bewusstsein tritt, weil der ursprünglich mitgefühlte Schmerz abgeblockt wurde.

So geht eins ins andere über, nichts ist getrennt, nichts ist unabhängig. Allein unser (be-) rechnendes Denken substantiviert, errichtet eine Welt aus Gegenständen, die uns entgegen stehen, die wir dann lernen, als Bestand zu betrachten, als auszubeutende Ressource, als Mittel zum Zweck.

„Der Weg (das DaO) ist einfach, nur ohne Wahl“, heißt es in der „Meißelschrift vom Glauben an den Geist“, einer meiner Lieblings-ZEN-Texte. Wenn ich mich an der Tür stoße oder mir jemand einen Schlag versetzt, entsteht ein blauer Fleck, der sich dann gelb und grün färbt, bevor er wieder verschwindet. Das bedeutet „ohne Wahl“: mein arm, meine Muskeln, Zellen und Blutgefäße haben nicht die Wahl, diesem Verlauf etwas entgegen zu setzen. Wir aber glauben, wir könnten uns selbst und die Welt vollständig in den Griff bekommen, könnten das Leiden abschaffen und die Freuden behalten. Ein Irrtum, der uns in ein gestresstes freudloses Dasein stürzt – man schaue sich nur um, wie miesepetrig die meisten Leute vor sich hingucken!

Wenn du mir weh tust, weine ich. Wenn du nicht da bist, sehne ich mich nach dir. Wenn du lachst, lache ich mit und wenn du für immer gehst, werde ich lange trauern. So folge ich dem Herzgeist – nicht immer, aber immer öfter. ;-)

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Claudia am 15. Oktober 2002 — Kommentare deaktiviert für Über Sex und Selbst

Über Sex und Selbst

So langsam wird es besser mit dem „Maus-Arm“ – dabei hab‘ ich nur ein wenig die Stellung des Monitors verändert und sitze auch nicht weniger vor dem Bildschirm als bisher. Evtl. haben mir die homöopathischen Kügelchen geholfen, vielleicht ist es auch eine innere Haltungsänderung, die sich nach und nach in mein Leben schleicht und immer spürbarer wird. Warum nicht einfach sein, was ich bin, und tun, was ich möchte? Soll ich denn zehntausend Jahre Bücher lesen, in denen das empfohlen wird, und ansonsten vor allem darauf achten, niemandem auf die Füße zu treten und einen guten Eindruck zu machen? Immer stromlinienförmig, lieb und nett, gelassen und vernünftig: sei berechenbar, tu wenigstens so, als wäre das möglich!

Wer lebt eigentlich nicht „verhalten“, wer spürt um sich her keine „du sollst!“ und „du sollst nicht!“ ? Nicht nur, dass man meist in vorgezeichneten Bahnen lebt & arbeitet, man soll auch auf bestimmte Weise feiern, trauern, lieben, streiten, reisen und sogar meditieren. allein die Lehre vom richtigen Essen und Trinken ist derart komplex und in ständigem Wandel begriffen, dass deren Studium und Beachtung schon ganz allein alle freie Zeit fordern würde. Wir leben in der Info-Gesellschaft, und das bedeutet die Heraufkunft des Wissens, dass es unmöglich ist, sich vollständig von außen nach innen zu in-formieren, sich in Form zu bringen, so dass man passt – dass man in die Vorstellungen der anderen passt, denn diese sind eben auch nur Wunschwelten und angstwelten und keine gelebte Wirklichkeit.

Lothar hat einen rauswunderbaren Artikel über das Selbst-Sein geschrieben, verpackt in eine Geschichte von einem Theaterbesuch mit anschließender Diskussion. Es geht um das Coming Out eines Schwulen – aber eigentlich geht es damit um die Besonderheit, um das Außenseitertum und das Nicht-in-die-Welt-passen eines jeden. Um den Schmerz und die Verletzlichkeit, um das schwach und bedürftig-sein, um die große Diskrepanz zwischen dem üblichen Auftreten des großen welt-kompatiblen ICH verglichen mit dem „Kind“, das hinter den Masken und Schutzschilden lebt.

Dieses Kind zu verbergen ist in der Welt offensichtlich ein Muss – so scheint es zumindest. Nicht, weil wir uns etwa laufend motiviert fühlten, als dieses Kind etwas Besonderes anzustellen oder irgendwie gemeingefährlich oder „sozialschädlich“ zu werden: ich fühl mich schon ganz komisch, wenn ich mal einer Frau ein Kompliment über eine Klamotte mache, die ihr wunderbar steht und in mir die Begeisterung als Welle der Freude hochkommt! Ohne deshalb lesbisch zu sein, möchte ich sie umarmen, den Stoff anfassen, um sie herum gehen und sie ausschweifend bewundern – das ist doch nicht normal, oder?

Nächste Woche bin ich mit einer richtig alten (!) Frau aus dem Grunewald verabredet, wir gehen in ein Internet-Café am Ku’damm und ich zeig ihr die „unendlichen Weiten“, ich freu mich drauf! über den Verein der Freunde alter Menschen kam ich mit ihr in Kontakt. Vorher hab‘ ich jahrelang die Alten eher im Augenwinkel wahr genommen: unerreichbare, aus der Gesellschaft ausgegrenzte Gestalten, keine Ahnung, wie ich mich benehmen sollte, um mich ihnen zu nähern – ja, schon der Wunsch, gelegentlich mit Alten Menschen zusammen zu sein, scheint ein bisschen pervers, oder?

Und die Männer? Was ist mit der Sexualität? Ja, weiß denn noch irgend jemand, was im Kontakt zwischen den Geschlechtern „angesagt“ bzw. gut und wahr und richtig ist? Gerade las ich im „christlichen Blättchen“, das gelegentlich der ZEIT beiliegt, ein Gespräch zwischen Oswald Kolle (74) und Katja Kullmann (32) zum Thema „Ist die sexuelle Revolution überholt?“ (Für die Jüngeren: Kolle ist der große Aufklärer der Nation, der in den 60gern und 70gern den Sex unter der Decke hervor geholt und ins Licht des öffentlichen Bewußtseins gestellt hat).
Katja Kullman hat eines dieser immer gut laufenden Generationen-Bücher geschrieben: „Generation Ally“ zeigt die Überforderung der Um-30-Jährigen, die unter ihren eigenen Ansprüchen schier zusammen brechen. Rundum gefordert, sich überall erfolgreich selbst zu vermarkten und durchzusetzen, sind sie verständlicherweise kaum in der Lage, in der Sexualität Entspannung zu finden, hingebungsvoll zu sein, es einfach locker anzugehen. Und – so meint wenigstens Katja Kullmann – viele lassen es dann lieber ganz! Oder, und das ist nicht weniger irre, sie verfallen dem Romantizismus, sehnen sich nach der Sexualität als Mysterium: wenn schon alles so anstrengend ist, dann soll es wenigstens im Zwischengeschlechtlichen „einfach schnackeln“.

Nun ja, ich wünsch ihr viel Glück beim schnackeln, aber so einfach ist es nicht. Für mich zeigt sich mehr und mehr: Sexualität läßt sich nicht abtrennen vom Leben und in ganz bestimmte Container packen: der Beziehungscontainer, der One-Night-Stand, die kommerzielle Variante, die „Szenen“ – mit Grausen spricht Kullmann von den Swingerclubs als dem Gipfel der Spießigkeit („einen pinkfarbenen Stringtanga anziehen und in die Kneipe Swingerparadies 308 gehen“) und hat vermutlich ganz recht. Der Pornomarkt, der uns auch online als SPaM ständig mit seinen klebrig-langweiligen Inhalten überspült, ist eigentlich auch eher anlaß, die Lust auf Sex verblassen zu lassen – ich frag mich manchmal schon, wie es kommt, dass die Kundschaft mit so wenig zufrieden ist, mit derart „entschärfter Schärfe“! Hab‘ mir selber alles angesehen und muß sagen: ohne einen echten Menschen gegenüber ist das doch schnell öd! allenfalls erotische Geschichten les‘ ich ganz gern, aber die wirklich lesbaren sind tatsächlich dünn gesät: man muß nämlich auch bei Texten über „das eine“ vor allem eines können: schreiben!

Ich schweife ab, aber das Thema ist ja auch eher weitläufig und lädt auf Nebenschauplätze ein. Kurzum: ich sehe es heute eigentlich so, wie man es in den 70gern verkündet, aber nicht wirklich ernst gemeint hat: Sex ist wie essen & trinken, wie atmen und bewegen, – ja, aus entspanntem atmen entsteht ganz von selber eine Welle sexueller Empfindungen, gänzlich unabhängig von Personen, von sozialen Benefits oder sonstigen Verwertungs- und Verbannungsschubladen, in die wir Sex so gerne stecken.

In den Siebzigern hat es ziemlich radikale Gruppen gegeben, die versucht haben, der Erkennntnis „Sex ist etwas ganz normales“ eine soziale Gestalt zu geben: insbesondere Otto Mühls aa0 ist mir in denkwürdiger Erinnerung: eine Kommune mit täglichem Selbstdarstellungsritual und mit einem „Fickplan“. Da man wußte: „Jeder gesunde Mann kann mit jeder gesunden Frau und umgekehrt“, hatten sie einfach einen Terminplan, der festlegte, wer mit wem und wann. Dabei war jedes abgleiten ins Romantische und jedes Sich- Verlieben total verpönt: den Kleinfamilienvirus wollte man als Urgrund allen übels ja gerade austreiben!

Klar, dass das kein Modell für die Zukunft war, wie immer, wenn man aus neuen an- und Einsichten knallharte Rezepte schmiedet, ja Pflichten schafft. Im Grunde war es absurd: man wollte sich BEFREIEN und schuf doch nur neue, geradezu totalitäre Formen der Selbstvergewaltigung. Die sexuelle Bedürftigkeit wurde durch den Bumsstress abgelöst, man könnte lachen, wenn es nicht so traurig wäre!

Nun ja, die aa0 gibt’s lange nicht mehr, aber was sie sagten, stimmt immer noch: Sexualität ist überall und jederzeit existent, schwingt immer mit, mal mehr, mal weniger. Und bis heute ist es unser aller Versäumnis und Versagen, dafür noch immer keine Kultur entwickelt zu haben, die Sex aus den vielfältigen Schmuddelecken und Schubladen heraus holt. Ein Miteinander, das den Pornomarkt auf den Müllhaufen der Geschichte verabschiedet, weil Frauen und Männer sich selber genug sind – ach, was heißt „genug“, ich meine mehr, viel mehr.
 
Genug für jetzt, die arbeit ruft mich immer lauter, ich muß mich dem Reich der Notwendigkeit zuwenden. Sowieso ist das Reich der Freiheit eher keine kollektive angelegenheit, keine Sache, die man an „die Gesellschaft“ delegieren kann. Zunächst und zumeist geht es darum, das Kind sein zu lassen, dass ich immer auch bin und nicht immer alles kontrollieren zu wollen. Wir haben uns selbst und die Welt, die anderen und das Dasein als Ganzes nicht im Griff – wenn wir das endlich einsehen und danach leben könnten, wäre es so viel leichter, einander zu berühren.

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Claudia am 09. Oktober 2002 — Kommentare deaktiviert für Vom Klick, mit dem die Schmerzen kommen

Vom Klick, mit dem die Schmerzen kommen

Dass man vom Tippen und Maus-bewegen eine art „PC-arm“ bekommen kann, wußte ich nicht, spürte es aber schon Monate lang, ohne doch deshalb meine arbeit „am Gerät“ herunter zu fahren. Bin also selber schuld, wenn die Sache jetzt eine Dimension errreicht hat, wo man sie mit Recht Berufskrankheit nennen kann. Oberarm und rechte Schulter tun zeitweise verdammt weh, das Fitnesscenter hab ich idiotischerweise fast ganz gestrichen. Mein arbeitsschub hält immer noch an, so dass ich tatsächlich wie die Maus im Laufrad meine aufgaben abarbeite, nicht links, nicht rechts guckend, und sogar dieses „RSI-Syndrom“ nicht ganz so ernst nehme wie ich sollte – Himmel, ob das mal wieder aufhört???

Interessant, aber auch typisch in dem Zusammenhang, sind meine Recherchen im Web verlaufen: unter „RSI-Syndrom, Tennis-arm, Golferarm“ findet sich der „PC-arm“ schon recht häufig. Was an Behandlungen empfohlen wird, reicht wie üblich von Spritzen über Tabletten bis zur Operation, davor liegt die gewöhnliche Odysse von arzt zu arzt, jede Menge Tests und teure Diagnoseverfahren – gut, hier und dort wird auch eine Physiotherapie empfohlen, aber auch das sind dann komplizierte teure Verfahren unter Einsatz von Spezialgerät (z.B. Reizsstromtherapie). Um all das ranken sich die Berichte von Betroffenen, die mich dann auch zu einer Seite führten, wie man sie mittlerweile – dem Web sei’s gedankt! – für viele Krankheiten vorfindet: die selbstgestrickte Info-Site eines Laien, der aus eigener Erfahrung und dank der Kommunikation mit anderen Leidenden die Sache in prägnanter Kürze auf den Punkt bringt: Berichte, Diagnose, Tests („Ist’s WIRKLICH ein Tennisarm?) und als Therapie ein paar effektive Dehnübungen mit genauen anleitungen. Nach aussagen der Surfer im Gästebuch sollen die übungen nach 3 Tagen bis drei Wochen deutliche Besserung bringen. Was man ruhig glauben kann, denn es handelt sich ja um eine organische Veränderung durch einseitige Körperhaltung und allzu punktuelle Kraftausübung.- was könnte da sinnvoller sein, als die verkürzten Muskeln wieder zu dehnen???

„Diese Tennisarm-Seiten sind nicht kommerziell. Ich bin (war) ein persönlich Betroffener der gerne seine Erfahrungen mit anderen austauscht. Es soll hier nichts verkauft werden. Sie probieren alles auf eigene Verantwortung.“

..schreibt Thomas auf seinen Seiten – und kein Mensch rechnet aus, wieviel Kosten er den Kassen erspart und gibt ihm einen Orden!

Zwar tu‘ ich einzelnen engagierten Ärzten dieser Welt jetzt unrecht, aber sei’s drum, ich sag’s trotzdem mal in dieser Allgemeinheit: das meiste, was man erlebt, wenn man mit einer x-beliebigen Beschwerde zu einem ganz normalen Arzt geht, ist teuer, meistens überflüssig, selten hilfreich, aber gelegentlich gefährlich. Mit Grausen denk ich dran, wie es mal sein wird, wenn ich mal WIRKLICH krank bin und tatsächlich Hilfe brauche – na, auch dann wird es Infos im Web geben, also keine Panik!

Was mich regelmäßig entrüstet, ist der Geist des Absahnens, der sich wie Mehltau über das Gesundheitswesen gelegt hat und der sich hinter angeblich dem Patienten dienenden Regelungen versteckt: zuvorderst die Tatsache, dass auf Kassenkosten jeder auf eigene Faust von Arzt zu Arzt rennen kann, sich dort zig verschiedene Dinge verschreiben lassen, gern auch doppelt und dreifach, und sei es für den Müll oder zur Weitergabe an Dritte. Alte Menschen nehmen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt, bis zu zehn, fünfzahn verschiedene Tabletten pro Tag ein: die Altlast der Arztbesuche aus den letzten Jahren. Arztbesuche, die sie oft nur deshalb unternehmen, weil es für sie sonst keine Möglichkeit gibt, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit eines anderen Menschen zu stehen (einfach reden würde vermutlich oft schon reichen). Welche Nebenwirkungen all diese Medikamente in der Kombination so haben mögen, scheint niemanden zu interessieren, im Gegenteil, das sind ja neue therapierbare „Krankheiten“: Zur Not gibt’s eben noch die 15. Tablette dazu, gegen Magenleiden bzw. Übelkeit.

Meine wenigen eigenen Arztbesuche der letzten zwanzig Jahre waren samt und sonders überflüssig, nutzlos und ohne jede Perspektive auf Heilung der Beschwerde, mit der ich gekommen wahr. überdeutlich nahm ich die Interesselosigkeit, die Eile und Unaufmerksamkeit, oft auch den Zynismus des Arztes wahr, der mich vor allem durch seinen Gerätepark schleusen wollte, schließlich muss der Krempel sich rechnen. Besonders abgestoßen hat mich, daß sie mich auch bei „handfesten“ Zipperlein niemals berührten (wie es für die Ärzte meiner Kindheit noch selbstverständlich war): ich kam z.B. wegen einer gefühlten Schwellung an der Rippe, aber keiner der deshalb aufgesuchten Ärzte hat da jemals hingefaßt, um zu prüfen, ob die Schwellung wirklich da ist oder nur Ausgeburt meiner Einbildung. Statt dessen Bluttests, Röntgen, Ultraschall – ganz egal, ob das evtl schon ein Arzt zuvor hatte machen lassen, danach fragten sie nicht mal. Ich habs dann einfach aufgegeben und lebe mit meinem „Tietze-Syndrom“ seit Jahren in Frieden, ohne dass noch jemand dran verdient.

Na, ich höre jetzt besser mit dem Lästern auf, es könnte über Seiten so weiter gehen, und vermutlich könnten mir Leser locker mehrere Foren und Gästebücher mit ähnlichen Klagen voll schreiben. Wir sind, was die Medizin angeht, in einem absurden Theater: die Versicherungsbeiträge steigen, aber wenn wir wirklich Heilung suchen, müssen wir doch dorthin gehen, wo man selber zahlt: in den alternativen Sektor, bzw. den „komplementären“ Bereich. Nicht, dass dort nicht auch viel Schatten und manche Scharlatanerie das Bild trübt und die Suche schwierig macht: man trifft jedenfalls viel mehr Menschen, die echtes Interesse am Heilen haben – und am Zusammenhang zwischen Heil-Sein und Lebensweise, womit wir die Verantwortung zurück gewinnen für Gesundheit und Krankheit, für Wohlbefinden oder Leiden.

Tja, und damit bin ich wieder beim „PC-Arm“ und bei mir selbst: ich denk‘ ja nicht dran, einen Auftrag abzulehnen, solange ich die Maus noch klicken kann. Bis jetzt jedenfalls nicht, muss ich doch die Flaute vom ersten Halbjahr ausgleichen – und Umziehen will ich demnächst auch, das kostet auch wieder Geld! (Gut, ich mach jetzt deutlich mehr Dehnübungen für den Arm und im Moment schreib ich seltener Diary. Ob das aber schon reicht, damit ich wieder „in Ordnung komme“? Oder ob die Globuli was bringen, die mir ein lieber Freund schicken will?)

Genug für jetzt, die Arbeit ruft. Zum Glück kann ich dem Ruf noch folgen!

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Claudia am 26. September 2002 — Kommentare deaktiviert für Luft holen, Kranke besuchen – und lästern nach der Wahl

Luft holen, Kranke besuchen – und lästern nach der Wahl

Seit gestern ist wieder ein wenig Luft. In den letzen Wochen hab‘ ich von früh bis spät „Webseiten geklopft“, keine Zeit mehr für irgend etwas anderes, kein Gedanke an eine Mailingliste oder an dieses Diary. Naja, ein bisschen schlechtes Gewissen, nun schon über acht Tage nichts Neues, ich glaub, das ist die längste Pause gewesen, seit das Diary existiert – und leider nicht wegen Urlaub!

Umso schöner, nun wieder den Kopf zu heben und zu sehen: Es gibt ein Leben neben den Aufträgen! Natürlich liebe ich meine Arbeit, finde es immer wieder faszinierend, aus dem Nichts eine Webpräsenz erstehen zu lassen, das „Home“ einer Institution, eines Unternehmens oder einer Person mit einem je ganz eigenen Gesicht. Aber wenn es zu dicke kommt, wenn mehrere gleichzeitig darauf warten, dass zumindest der Rohbau ihres neuen Heims im Cyberspace sichtbar wird, dann wird es für mich ein wenig eng – wo ich doch „offene Weite“ gewohnt bin!

Egal, es hat alles geklappt und jetzt geht es wieder ein bißchen gemütlicher zu. Zum ersten Mal seit langer Zeit plane ich sogar ein neues No-Commerce-Projekt, nämlich eine Website für meinen Yoga-Lehrer! Seit vielen Jahren schon bin ich nun bei ihm und immer hab‘ ich es vermieden, zum Thema Yoga eine eigene ernsthafte Seite zu machen. Als hätte ich gewußt, dass ich eines Tages dazu kommen würde, das Original zu verwebben: die Quelle darstellen – die Früchte müssen für sich selber sprechen.

*

Frau B. hab ich im Krankenhaus besucht. Sie ist schmächtig, kaum mehr von dieser Welt, dünn und durchsichtig die Haut, aber ihr Gesicht strahlt wie das einer 13-Jährigen. Fast ein engelhafter Anblick! Wie kann eine 87-Jährige krebskranke alte Frau so JUNG aus den Augen schauen?
Sie begrüßt mich freundlich, findet nichts dabei, daß wir uns nicht kennen und es keinen GRUND gibt, dass ich sie besuche. Gern erzählt sie aus ihrem Leben, auf Nachfrage auch von ihrem Krebs und ihren nächtlichen Schmerzen – ohne Scheu und Scham und ohne das aufdringlich rücksichtlose Vollabern-um-jeden-Preis, das soviele Alte und Junge auch unaufgefordert an den Tag legen, wenn man ihnen den Raum dazu läßt.

Fast zwei Stunden bleibe ich an ihrem Bett, fasse ihre Hände zum abschied, bin dankbar, dass SIE es ist, die ich als erste besuche. Ich will mit alten, Kranken und Sterbenden in Kontakt kommen – aber eine verbitterte und zu Tode geängstigte Person hätte mich zu anfang vielleicht doch abgeschreckt. Frau B. aber strahlt Frieden und Liebe aus – trotz aller Schmerzen. Über niemanden sagt sie etwas Böses nach, nicht eínmal, als sie mir erzählt, wie sie von der letzten Pflegerin zuhause bestohlen wurde. („Wer will denn das Leben einer 20-Jährigen mit einer anzeige belasten!“).

Leider versteht mich Frau B. kaum, altersbedingt ist sie stark schwerhörig. Eigentlich hatte ich gedacht, das würde mich nicht groß stören, denn in meiner Midlife-Arroganz war ich davon ausgegangen, dass ich kein Verlangen haben würde, mit einer Hochbetagten ein richtiges Gespräch zu führen. Erst jetzt wird mir das bewußt, jetzt, wo ich ihr gerne wenigstens ein paar Sätze daürber sagen würde, wer ich bin und warum ich hier bin.

Ich nehme mir vor, beim nächsten Mal zu erforschen, warum sie kein Hörgerät benutzt – im Moment jedenfalls trägt sie keines und schon am Telefon hat sie mich kaum verstanden. Vielleicht könnte ich eine Low-Tech-Lösung ausprobieren? Einen kleinen Verstärker mitbringen, dazu ein Mikro und Kopfhörer – so könnte sie sich Lautstärke, Höhen und Tiefen selber einstellen, während ich ins Mikro rede. Das wäre gewiß besser, als sie anschreien zu müssen!

***

Die Wahl ist ja nun rum, die Probleme sind geblieben. Ich hab‘ grün gewählt, damit Renate Künast die Agrarwende weiter betreiben kann. Was die großen Themen angeht, vermute ich, das alles so weiter geht wie bisher, wobei die wirtschaftliche Lage immer schlechter und schwieriger werden wird. Die Neigung, Problemen auszuweichen und Realitäten einfach nicht sehen zu wollen, ist hierzulande derart verbreitet, dass es noch viel Katastrophisches braucht, damit sich etwas ändert. Über den Wahlkampf haben sich ja viele aufgeregt, weil er so personalisiert und emotionalisiert ablief, anstatt echte Diskussionen zu den wichtigen Fragen zu befördern.

Tja, das ist so, weil die Mehrheiten das so wollen! Augen zu und weiter so. Wenn die Politiker wirklich von den PROBLEMEN reden würden und nicht ängstlich den Schlaf des Volkes schützen, dann würden sie eben einfach NICHT GEWÄHLT:

  • Wer will denn hören, dass wir in Zukunft weit weniger Wohlstand erwirtschaften werden und verteilen können als bisher?
  • Wer will denn wissen, dass für das soziale Netz in Zukunft jeder MEHR aufbringen wird müssen und dennoch WENIGER davon haben – also private
    Vorsorge treffen oder mit MEHR Unsicherheit leben.
  • Wer will denn wahrhaben, dass die Bedingungen, unter denen im öffentlichen Dienst hierzulande (noch) gearbeitet, geurlaubt, krank geschrieben und früh pensioniert wird, eine Götterwelt repräsentieren, die nicht mehr viel mit der Wirklichkeit der anderen Da DRAUSSEN zu tun hat? Und dass da eine zunehmende „Gerechtigkeitslücke“ besteht?
  • Wer breitet denn gern die ganzen erschreckenden Folgen aus, die der Bevölkerungssrückgang in den nächsten 30 Jahren unabwendbar haben wird??? (Die Kitas sind bereits reduziert, viele Grundschulen stehen schon leer – etwa in 2006 werden die Firmen die Lehrlinge suchen und nicht mehr umgekehrt – und dann kann man von Jahr zu Jahr immer besser beobachten, wie der „Knick“ in die produktiven Jahrgänge reinwächst und was das bedeutet…die Arbeitslosigkeit, das wird von manchen Politikern längst heimlich gedacht, kann man vor diesem Hintergrund einfach
    AUSSITZEN)

Nun ja, in diesem Diary werden wir die Fragen auch nicht lösen, zumindest nicht fürs große Ganze. Ganz individuell aber finde ich es mehr als angesagt, sich mal ein paar ernste Gedanken darüber zu machen, wie es in den nächsten 30 Jahren weiter gehen soll: WIR werden keine Renten bekommen wie die Rentner von heute – und auch die Riester-Rente wird uns nicht retten. Wie sollen wir also im alter künftig unser Dasein fristen? Und BIS WANN? Oder – mal auf ein anderes Gebiet geschaut – lohnt es sich z.B., wegen ein bißchen Ziehen in den Oberarmen oder irgend welchen Schmerzen in den Gelenken zu allerlei arzten zu rennen und Diagnosekosten von mehreren 1000 Euro auszulösen? Um heraus zu finden, dass es sich um irgend eine Form rheumatischer Beschwerden handelt, gegen die sowieso nichts auszurichten ist?

Wenn man mal anfängt, über den allgemeinen Wahnsinn zu schreiben, der bei uns noch immer als normal gilt, kommt man so schnell an kein Ende. Für heute muss es hier aber genug sein. Euch hab ich vermutlich sowieso schon die Laune verdorben – sorry, ein andermal geht’s heiter weiter, versprochen!

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Claudia am 17. September 2002 — Kommentare deaktiviert für Und plötzlich ist Herbst

Und plötzlich ist Herbst

Heut‘ mit Frau B. telefoniert, sie liegt im Krankenhaus, wo sie sich dringend wieder hingewünscht hatte. Zuhause, ans Bett gefesselt, allein den Pflegediensten ausgeliefert, sei es furchtbar, sagt Frau B. Nachts hätte sie oft geschrien so laut sie konnte, doch niemand wäre gekommen. Zuletzt hätte die Pflegerin ihr gar gedroht, man könne es ihr auch „reinstopfen“, wenn sie nicht bald schneller essen würde.

Daraufhin hat sie es ins Krankenhaus geschafft, irgendwie. Abgefüllt mit allem, was es so an passenden Medikamenten gibt, wartet sie dort auf die neue Behandlung. Bisher sei sie ganz falsch therapiert worden, sagt Frau B., das habe man ihr angedeutet. Was aber heisst hier falsch? Alle zehn Jahre Krebs, seit 50 Jahren – was ist da falsch? Was richtig? Morgen werde ich sie besuchen, am Telefon verstehe ich sie so schlecht.

Es ist der dritte Montagnachmittag beim Verein der Freunde alter Menschen. Ich bin im Telefondienst, wie alle, die hier anfangen. Und am Samstag werd‘ ich ein paar Alte kennen lernen. Sie werden abgeholt, der Verein hat sie zum Essen eingeladen. Es wird Tafelspitz geben, ich bin gespannt. Kann mich kaum erinnern, wann ich das letzte Mal mit „richtig Alten“ zusammen war!

***

Eine neue Tastatur gekauft, diesmal wieder mit Kabel. Drahtlos ist kein Fortschritt, wie ich bemerkte. Man nutzt die Tastatur auch nicht anders, obwohl man sie hierhin und dahin mitnehmen könnte. Aber warum sollte ich? Soll ich etwa mit der Tastatur mobil sein, wenn doch der Bildschirm steht wie ein Stein? Natürlich nicht, sie lag die ganze Zeit an derselben Stelle, wie alle Tastaturen zuvor. Und ganz plötzlich setzte sie aus, mitten im Schreiben: nichts geht mehr. Wenn es dann NICHT die Batterie ist, kann man gar nichts machen.
Weg damit! Genau wie die zugehörige Funkmaus, die hab ich schon vor zwei Jahren auf dieselbe art verloren. Jetzt bin ich wieder am Draht.

Sie hatte aufgehört, zurück nach K. ziehen zu wollen. Eigentlich hatte sie nie zurück gewollt, sie wäre nur mitgegangen, wenn alles so geblieben wäre wie bisher. ZURüCK zu gehen war nicht ihre Sache, ja, es schreckte sie: Angst vor dem allzu Bekannten, Angst vor den sprechenden Wänden, den Straßen, in denen alte Geschichten hängen wie klebriger Dunst.

Also nicht nach K. Wohin dann? Bleiben? Alleine in einer neuen Wohnung in FH? Eine Freundin hatte ihr die Augen geöffnet, neu geöffnet für die Schönheit, das Bunte, das Wilde. Es gibt Schlimmeres, als unter jungen Menschen alt zu werden. aber bleiben? WAS wollte sie denn hier?

Sie hatte verlernt, etwas Eigenes, etwas Besonderes zu wollen. Vom Wohnen wußte sie auch nicht mehr viel. Solange das kühle Licht des Monitors ihre Tage begleitete, war Wohnen keine Frage, auf die sie antworten mußte. Meistens war sie ja doch unterwegs in den Zeichenwelten, die sie immer hungrig zurück ließen.

Was nun? Vielleicht das oberste Stockwerk einer WBS 70-Platte? Ein Stalinbau in der Karl-Marx-Allee mit diesem melancholischen Charme des untergehenden Roms? Eine Fabriketage mit Blick auf die Spree – was wäre denn für sie das GANZ ANDERE? Der Ort, an dem sie herausfinden könnte, wohin es sie zog. Oder würde einfach nie mehr etwas an ihr ziehen? Ratlos beendete sie das Nachdenken. Es musste sich er-geben, nicht er-grübeln. Draußen war es Herbst geworden und am liebsten würde sie jetzt einfach den Kopf unter die Bettdecke stecken.

– – –

arbeit. Niemals zuvor war soviel Arbeit. Zu viel Arbeit, um noch jemand anderen zu Hilfe zu holen, denn demjenigen müßte ich zuviel erklären. Zuviel Arbeit,um daneben noch anderes zu tun, kein Platz, um nach rechts oder links zu schauen. Wo im ersten Halbjahr die Flaute mich daran denken ließ, einen neuen Beruf zu suchen, erschlagen mich jetzt all die Aufträge. Und alle müssen sie spätestens im Oktober fertig sein. Schöne Projekte, wunderbare Auftraggeber, sinnvolle Webseiten – und ich geh‘ auf dem Zahnfleisch. Es möge mir niemand böse sein, wenn ich mich jetzt nicht melde, nicht mal „Guten Tag“ sage, wenn eine alte Bekannte in einer Mailingliste auftaucht, nicht verläßlich antworte, wenn mir einer schreibt: „Hey, da ist ein Link falsch gesetzt!“

Wird es ein „danach“ geben??? Im Moment kann ich mir nicht mehr vorstellen, wie es ist, wenn ich nichts zu tun habe. Wie lange tu ich eigentlich schon etwas, auch wenn ich nicht muss? Wielange schon gehört es zu meinem Selbstverständnis, gern zu arbeiten, viel zu arbeiten, niemals an ein „danach“, gar an so etwas exotisches wie „Urlaub“ zu denken?

Gerade beginne ich damit, den Montag zu fürchten. Der Blick in den Monitor stimmt mich nicht freundlich und gestern ist die Tastatur ausgefallen, einfach so. Oh Ihr Göttinnen und Götter allen Tuns&Lassens: Lasst mich bitte bitte noch diese paar Aufträge zu Ende bringen! Dann, ja dann mag sich meinetwegen ein „Danach“ entfalten – jetzt ist Disziplin und Energie alles, was ich brauchen kann.

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Claudia am 11. September 2002 — Kommentare deaktiviert für September eleven

September eleven

September eleven

Es ist kurz nach zehn und ich fühl mich so wohlig weh. Traurig, angerührt, erschüttert und voller Sympathie für die Amerikaner. Der Feuerwehrmannfilm zum 11.September, der soeben in 145 Ländern gleichzeitig gezeigt wurde, hat mich gefühlsmäßig voll erwischt. (Ganz so, wie es wohl auch gedacht war). Selbst ein Jahr danach noch sind die einstürzenden Türme des World Trade Center und das, was da angerichtet wurde, weit furchtbarer, katastrophaler, grausiger als alles, was man sonst so mitbekommt: Überschwemmungen, große Flut, Sturmkatastrophen, Kriege hier und dort, das ganze Elend eben. all das berührt mich auch, das eine weniger, das andere mehr – aber über alledem gibt es ein ganz einzigartiges Gefühl des Grauens, ein ganz besonderes WTC-Entsetzen: diese aufschlagenden Körper der Menschen, die gesprungen sind! Die ganze Situation in den oberen Stockwerken, all die letzten Telefongespräche – mein Gott, wie kann man nur „danach“ noch ein Hochhaus bauen, planen, bewohnen oder darin arbeiten???

Es wird nichts mehr so sein, wie zuvor, sagten alle vor einem Jahr. Und es wird doch immer wieder ganz genau so. Nach jeder Katastrophe kehrt die Ignoranz zurück, die Herzen erkalten und jeder kümmert sich wieder nur um sich selbst. Zwischen Stress und Spaß das große Gähnen, sofern nicht die angst die Laune verdirbt: angst um den arbeitsplatz, angst vor armut, Krankheit und alter, angst, nicht mehr stark, gesund und reich genug zu sein, um uns auch weiterhin um uns selber kümmern zu können. Nicht zu vergessen die angst vor dem anderen, der immer erfolgreicher, besser, schneller und auch noch erotischer ist. Zu guter letzt die große angst vor dem Tod, weil wir nichts mehr wünschen, als dass dieses Leben immer so weiter geht. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Einzig nach einer Katastrophe erwachen wir für kurze Zeit aus der gewöhnlichen Verblendung und schnuppern einen Hauch Wirklichkeit. Wie Leben sein kann, wenn man die Probleme gemeinsam anpackt, wenn jeder jedem hilft, „ohne Ansehung der Person“ – nur, weil es auch ein Mensch ist. Inmitten großer Gefahr wird auf einmal klar, wie schön das Leben ist, wie gut es ist, zu atmen und in die Sonne zu sehen. Alles, was man da durch Karriere, Erfolg oder Selbstinszenierung noch dazugewinnen und draufpacken kann, ist vergleichsweise Pipifax! also verblassen die kleinen und großen Unterschiede zu Fußnoten einer faszinierenden Geschichte – einer Geschichte, die immer von Helden handelt, obwohl sie „nichts besonderes“ taten – wie eben diese Feuerwehrmänner am 11.September. Nur das, was jeder Mensch in derselben Situation auch getan hätte – ja doch, wir kennen den Spruch!

aber, und das ist das Problem, wann sind wir schon mal Mensch?

Immerhin haben wir jetzt einen neuen Gedenktag: September Eleven, der erste globale Volkstrauertag. Nicht überall in der Welt wird er im gleichen Geiste begangen, aber auch nicht ignoriert. Da es in der Welt vor allem an gemeinsamen Erlebnissen mangelt, die ins Erleben von Gemeinsamkeit und Gemeinschaft umschlagen können, ist der 11.September, wie er heute – und vermutlich auch in Zukunft – rund um den Globus multimedial zelebriert wird, vielleicht ganz gut. Gut zum Herz-Erweichen – und das hätten wir ja wirklich nötig!

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Claudia am 04. September 2002 — Kommentare deaktiviert für Veränderungen tun weh, Veränderungen tun gut!

Veränderungen tun weh, Veränderungen tun gut!

In Berlin ist die Abstimmung über den neuen Bahnhof verlängert worden: „Zentralbahnhof“, „Berlin Mitte“ oder „Lehrter Bahnhof“ stehen zur Wahl. Der alte Bahnhof an gleicher Stelle hieß immer schon Lehrter Bahnhof – und soweit ich das beobachte, meint eine große Mehrzahl der Berliner, das solle auch so bleiben.. Die Lehrter natürlich auch. Das neue, durchaus attraktive Ungetüm aus Stahl und Glas soll allerdings nach dem Willen der Politiker einen „wichtigeren“ Namen bekommen – was ist schon Lehrte? Ein kleiner Ort in der Nähe von Hannover.

Es kann trotzdem gut sein, dass „Lehrter Bahnhof“ die Abstimmung gewinnt. Schließlich ist sie allein deshalb verlängert worden, weil dieser alte Name bisher in Führung liegt, zum Ärger des Stadtentwicklungssenators. Vielleicht mobilisieren jetzt beide Seiten mehr Postkartenschreiber – ich glaube, der „Lehrter“ wird bleiben, zumindest als Name.

Warum sind die Berliner nur so sperrig? Ist es nicht einsehbar, dass für so ein völlig neu in die neue Mitte Berlins gesetzes neues Bahnhofsgebäude auch ein neuer Name her muß? Ich glaube, der Kampf für den „Lehrter Bahnhof“ ist eine Demonstration, Ausdruck einer Verärgerung, die ungefähr sagen will: Könnt Ihr nicht wenigstens diese paar Buchstaben so lassen, wie sie sind? Die ganze Mitte ist neu, in der Luisenstadt findet man sich nicht mehr durch, die jahrzehntelangen Baustellen werden als „Schaustelle“ ins Kulturleben integriert – es ist einfach verdammt anstrengend, wenn man hier wohnt. Warum zusätzlich noch neue Namen lernen?

Neues strengt an, Neues tut weh, aber ohne Veränderungen langweilen wir uns zu Tode. Leben ist alles andere als vernünftig und wenn ich heute eine Rede gegen die Kreativität halte, einen der antriebe für Veränderung, so fühl‘ ich mich wenige Tage später eher zu einem Loblied aufgelegt, ja, denke womöglich: es geht schon verdammt langsam und allzu gemütlich voran in deutschen Landen!

Ersticken wir nicht unter allzu vielen Vorschriften? Hat nicht jede Interessengruppe ihren Way of Life & Making Money abgesichert bis zum geht nicht mehr? Ist nicht die Krise, die die Arbeitslosenzahlen ins Astronomische treibt, in vieler Hinsicht eine Folge von Verweigerungshaltungen? Ich spreche nicht von schlecht oder gar nicht ausgebildeten Arbeitslosen, die man für schlecht bezahlte Jobs künftig ans andere Ende der Republik hetzen will! – sondern von der Unbeweglichkeit derjenigen, denen es eigentlich ganz gut geht. Man denke nur als Beispiel an die Apotheker, wie sie gleich einen Aufstand inszenieren, weil in ihrem Sektor der Versandhandel zugelassen werden soll. Oder an die Tastsache, dass hierzulande einer, der eine Festplatte ersetzt, einen Meisterbrief braucht.

Im wilden F’Hain

Ich mach‘ lieber nicht weiter mit solchen Beispielen, das kann man schließlich alles in den Zeitungen lesen. Nicht dort zu lesen ist, dass die Lebendigkeit des Stadtteils, in dem ich lebe, zum großen Teil davon herrührt, dass sich Menschen kreativ über Vorschriften hinweg setzen – junge zumeist, aber auch ein paar Ältere, die extra „zugewandert“ sind. Neues macht Freude, Neues tut gut! Zwischen den Gründerzeitfassaden von Berlin Friedrichshain gibt es jede Menge Neues: selbst zusammen geschweißte Balkone, die die Welt noch nicht gesehen hat, Läden, die bis ein Uhr Nachts geöffnet haben, denn sie sind ja auch ein „Imbiß“, ein ehemaliges Reichsbahnausbesserungswerk, das jetzt als RAW-Tempel vielen Künstlern und Bastlern riesige Freiräume bietet: viel viel Platz, ungeregelt, ungestaltet, unbeaufsichtigt – und natürlich die Szene-Kiez-übliche Fassadengestaltung, meist recht öde Grafitti, die ich mich nicht scheue, Schmierereien zu nennen, aber auch wundervoll bemalte Fassaden, geheimnisvolle Schablonen-Sprühereien auf den Fußwegen, unglaublich verrückte Läden und auch die Leute selber sehen nicht unbedingt stromlinienförmig aus, manche sind echte Hingucker!

Abends sammeln sich Menschen wie Schwalben auf den Stahlkonstruktionen der noch im Bau befindlichen Modersohnbrücke (verboten!). Von da aus hat man einen weiten Blick über ein schier unendliches Gewirr aus S- und Fernbahn-Geleisen, dahinter die in dramatische Sonnenuntergangsbeleuchtung getauchte Skyline des neuen Berlins, Oberbaumbrücke, Funkturm, Alexander Platz. Wunderschön! Nach zwei Jahren Mecklenburg wäre es für mich schwer gewesen, in einem Häusermeer ohne Ausblick zu leben, immer nur an die Wand gegenüber starrend. Hier werde ich aufs Beste mit „offener Weite“ bedient, aber nicht genug: ein paar Schritte noch und bin ich an der Spree, muss also nicht mal Wasserlandschaften entbehren.

Erstarren ist so leicht

Jetzt bin ich ins Schwärmen gekommen und weg von meinem Thema, den Leiden und Freuden der Veränderung. Nochmal dahin zurück: Seit zwei Wochen mach‘ ich Telefondienst im Verein der Freunde alter Menschen, telefoniere Montags mit Menschen jenseits der Verfassung, in der man sie „rüstige Senioren“ nennt. Mir fällt dabei auf, wie unglaublich lang einige in ihren Wohnungen leben! Eine 75-Jährige erzählt mir, sie lebe in der „elterlichen Wohnung“, eine andere wohnt in einem „Neubau“ von 1961, wo sie zu den ersten Mietern gehörte. Unglaublich, dieses selbstverständliche Beharren auf dem, was man hat, was man kennt, wo man immer schon ist – ein Verhalten, das zur heutigen Zeit nicht mehr paßt und das auch vielen alten zum Verhängnis wird: sie leiden unendlich, wenn sie – warum auch immer – aus ihren gewohnten Umgebungen gerissen werden.

Viele können irgendwann nicht mehr laufen, für sie wird ihre Wohnung im Berliner Altbau zur Falle, die sie praktisch niemals mehr verlassen. Sie werden dort, solange es geht, gepflegt, und daneben steht jede zweite Erdgeschoßwohnung im selben Stadtteil leer. Würde man als alter Mensch rechtzeitig der Erde näher kommen, dafür auch Umzug und Veränderungen in Kauf nehmen, könnte man sich sehr viel besser die Restbeweglichkeit erhalten, sich länger selber versorgen und sogar noch am öffentlichen Leben teilnehmen. Warum ist das nicht so? Weil die, die HEUTE so alt sind, Veränderungen vermieden haben! Weil sie erstarrt sind, weil sie ganz selbstverständlich ihre Eigenheiten immer eigener haben werden lassen, sich selbst nicht in Frage stellend.

Recht haben – sofern es das überhaupt gibt – wird mit zunehmendem Alter unwichtiger, das ist mein Fazit. Denn auf Recht haben (zum Beispiel mit einer Klage, einer Kritik, einer Polemik etc., aber auch im Sinne „ein Recht haben auf…“) folgt SO-Bleiben, folgt Beharren und Erstarren, folgt der Verlust der Fähigkeit, mit Neuem innerlich zurecht zu kommen – und deshalb sehen viele Alte so verbittert aus. Und das bei einem Rentensystem, das diejenigen, die heute alt sind, doch noch ganz gut bedient!

WIR werden es weniger gut haben! Bleiben wir also biegsam, rasten wir besser nicht ein auf EINE Sicht der Dinge, üben wir Körper und Geist im kreativen Umgang mit Veränderung – wenn nicht’s anderes übrig bleibt, ist es immer besser, man hat Spaß an dem, was ist.

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Claudia am 02. September 2002 — Kommentare deaktiviert für Routine und Gewohnheit – Mangel und Fülle

Routine und Gewohnheit – Mangel und Fülle

„Zwei Wochen weg von allem, das kann ich mir gar nicht mehr vorstellen!“ Ich sage es so dahin, als sie mir von ihrem Urlaub auf Gomera erzählt, höre mich diesen so selbstverständlich klingenden Satz sagen und wundere mich. Was ist dieses „alles“, von dem ich nicht weg will, das mich hält, fasziniert, mir das Gefühl gibt, „am Ball“ zu sein? Zwei ganze Wochen nur Sonne, Meer, Wind, Natur – wär‘ das denn nicht wunderbar? Im Geiste bin ich dort, sehe mich barfuß am Strand, sehe mich über Felsen klettern, den herben Duft südlicher Gewächse atmen, den weiten Blick genießen, der ein Gefühl von Zeitlosigkeit vermittelt: vor einer Million Jahre sah es auch schon nicht anders aus, ewig brechen sich die Wellen, wirbeln Gischt auf, verlaufen und versickern auf dem Sand – was ist Zeit?

„Ich würde in ein Internet-Café gehen“, sag ich zu ihr, bin im Geiste am Ende meiner Wanderung angekommen, hab‘ im Hotel geduscht, das Salz von der Haut gewaschen, mir frische Sachen angezogen und fühle Tatendrang. „Da war ich,“ sagt sie, „zehn Minuten kosten drei Euro. Es ist unglaublich teuer!“.

Der Flug, so hat sie mir erzählt, kostet fast nichts. Ich fliege nicht, also bekomme ich die allgemeine Entwicklung der Flugpreise hin zum Taxi-Tarif nur am Rande mit. Was ich nicht benutze, bedeutet mir nichts, selbst wenn es kostenlos ist. Aber wieder wundere ich mich: Die physische Bewegung durch weite Räume wird immer billiger, und doch zieht es mich überhaupt nicht weg! Das Gefühl, anderswo sein zu wollen, kenne ich kaum noch, erinnere mich nur dunkel, dass es früher immer wieder mal aufkam – doch eigentlich nicht als Verlangen nach Erholung, es war pure Unzufriedenheit mit dem, was gerade ist. Langeweile, Sehnsucht nach Abwechslung, nach neuen, ganz anderen Erfahrungen, nach einem Bruch der Routinen und Gewohnheiten, in denen mein Alltag kreiste.

Lob der Routine

Auch jetzt kenne ich Routinen, doch anders als früher schätze und pflege ich sie. Jeden Sonntag besuche ich M., meinen Ex-Lebensgefährten. Wir gehen spazieren, er kocht, wir essen und plaudern, setzen uns dann vor die Glotze: Lindenstraße, Weltspiegel, Tagesschau, Tatort, Sabine Christiansen – jeden Sonntag dasselbe, ich kann mich richtig aufregen, wenn irgend ein blödes Sportereignis die Gewohnheit durchbricht. Andere Routinen sind nicht so leicht zu haben, ich muss regelrecht um sie kämpfen: zum Beispiel die Mittagspause. Immer noch ist die mal um zwölf, mal erst um zwei. Manchmal koch‘ ich mir was, meistens tun es ein paar Brote, beim Essen lese ich die Tageszeitung, genieße das provinzielle Wir-Gefühl, das aus dem Lokalteil der Berliner Zeitung dräut, genieße auch, dass mir nicht mehr das geringste schlechte Gewissen den Appetit verdirbt, verstoße ich doch regelmäßig gegen das spirituell korrekte „Wenn ich esse, dann esse ich“. Ha! Wenn ich esse, esse ich nicht nur, sondern lese auch Berliner Zeitung! So what?

Routinen und Gewohnheiten lassen sich erst dann in ihrer wohltuenden Wirkung richtig schätzen, wenn es die eigenen sind. Solange ich noch danach strebte, in all meinem Tun und Denken irgendwelchen Idealen nahe zu kommen, höchsten Werten zu genügen, wunderbaren Utopien am eigenen Leib zum Durchbruch zu verhelfen – solange war mir im Grunde alles mühsam, sperrig, widersprüchlich bis hin zum Stress. So entstandene Routinen sind dann nur einzwängende Schubladen, in die man sich selber gesteckt hat, um die Weltrettung oder die ganz persönliche Gesundung voran zu treiben. Alles andere als nachhaltig, immer prekär, immer in Gefahr, plötzlich in irgend einen Exzess zu explodieren, in dem sich das Verdrängte, nicht gelebte zum Ausdruck bringt, dabei alle Gewohnheit und Routine, aber auch Wachheit und Wohlbefinden in den Abgrund reißend.

Vorbei. Keine Lust auf Urlaub, keine Neigung zu Exzessen, keine Sehnsucht nach dem ganz Anderen – was sollte das auch sein? Ich wüsste nicht, von was ich mich noch befreien sollte, und es gibt auch nichts, was ich unbedingt HABEN muss. Manchmal, in psychophysisch bedingt schlechten Momenten, deren Entstehen ich meist sehr gut herleiten kann, ist da ein Erschrecken vor der Leere: Und jetzt? Was soll ich denn nun machen? Wenn mir nichts fehlt, wonach soll ich streben? Wo bitte ist der Kick? In solchen Augenblicken sind Routinen wunderbar, bieten sie doch die Möglichkeit, sich von derart nutzlosen Gedanken einfach abzuwenden. Nicht abzulenken, sondern bewusst abzuwenden. Tomaten klein schneiden, Salz, Pfeffer, Olivenöl, beiläufig die Krümel auf dem Kühlschrank und die Reste der übergelaufenen Milch auf dem Herd wegputzen – locker lässt sich so ein philosophisch daher kommendes, mentales Tief umschiffen, das vielleicht vom zu späten Essen am Vorabend rührt, oder einfach im allgemeinen Beharrungsvermögen der Psyche gründet, die ihrerseits gern alte Gewohnheiten festhält.

Speziell die Gewohnheit, aus einem vermeintlichen Mangel heraus zu denken, zu fühlen und zu handeln, ist nicht ganz einfach abzulegen. Selbst dann nicht, wenn klar ist, dass das „Konzept des Mangels“ ein Konstrukt ist, keine Wirklichkeit. Die spezifische Verengung des Bewusstseins, die auftritt, wenn etwas Erwartetes nicht „wie erwartet“ geschieht, lässt regelmäßig vergessen, dass erst die Erwartung das Mangelgefühl erzeugt, an dem dann gelitten wird. Wünsche, die einfach „ein-fallen“, sind so ungesund wie leerer Zucker und Weißmehl, denn sie vernebeln den Geist, der nicht mehr wirklich hinsieht, was geschieht. Ihnen aufzusitzen heißt, nach einer selbst erdachten Konkretisierung zu streben, Scheuklappen aufzusetzen und das ganz Bestimmte zu suchen, das scheinbar einzig und allein jetzt den Mangel zu beheben vermag – eine leidbringende Illusion!

Aber…

Himmel noch mal, wenn ich mich jetzt so lese, fällt mir auf, dass ich ungefähr dieselben Gedanken schon vor zwanzig, dreißig Jahren in allerlei erbaulichen Büchern fand. Sie stapelten sich bei mir, ich las immer gleich mehrere auf einmal, schwankend zwischen einem heftigen, aber nicht konkretisierbaren Verlangen nach etwas „ganz Anderem“, und dem Trotz und Ärger, den solche Reden in mir hervor riefen. Wollten die mir meine Wünsche ausreden? Meine unzähligen Wünsche nach Nähe und Zärtlichkeit, nach Anerkennung, Bewegungsfreiheit, Resonanz, nach nützlichem Tun, nach Frieden, Freude und Sinn? SO zumindest formuliere ich HEUTE diese Wünsche – damals waren sie sehr viel konkreter: DIESER Mann, und sonst keiner, Urlaub nur dort, wo Pinien stehen, Wohnen in Gemeinschaft, aber nur mit diesem und jener, sinnvolle Arbeit, aber bitte ohne Anstrengung und „Druck-Termin“, Jeans, aber nur von Levis – und Geld, nicht viel, aber so eine Art Grundeinkommen, zu überweisen vom Staat, den ich ansonsten abschaffen wollte.

Es lag nicht in meiner Macht, zu wählen, wie ich auf die Hinweise in den Büchern reagieren wollte. Zeitweise bemühte ich mich allen Ernstes, von eigenen Wünschen Abstand zu nehmen – zum Glück immer nur kurz, denn dies ist ein Irrweg, der nur Zeit verschwendet. In der Regel folgte ich meinem Verlangen und versuchte, all das zu bekommen, worauf es sich gerade richtete. Letztlich ließ ich mir dabei von niemandem reinreden, nicht wirklich, allenfalls formulierte ich die Begründungen für meine Bedürftigkeiten ein bisschen passender, passend zum Gedankengebäude, dem ich gerade huldigte. Kein Buch, keine Autorität und nicht mal ein geliebter Mann konnten mich jemals davon abbringen nach dem zu streben, was mir aktuell als „das Glück“ erschien, gaukelnd am fernen Horizont wie eine verheißungsvolle Fata Morgana.

Und immer wieder hatte ich Erfolg, bekam, was ich mir wünschte, erreichte meine Ziele, verwirklichte meine Vorstellungen von einem „besseren Leben“. Lebte in Gemeinschaft mit Freunden, bekam die Männer, die ich wollte, hatte meine Überweisung vom Staat, arbeitete selbstbestimmt an der Verbesserung der Welt im Kreuzberg der 80ger-Jahre, bekam jede Menge Anerkennung – und es ging immer so weiter, in neuen Varianten, auf anderen Ebenen, immer dieses Streben nach etwas…, ja WAS eigentlich? Jedes Mal, wenn ich ein Ziel erreichte, wenn ein Wunsch sich erfüllte, fühlte ich die Leere. Das, was mich in Bewegung versetzt hatte, dieses innere Brennen, wurde durch den Erfolg, das Erringen, die Ziel-Erreichung in keiner Weise beantwortet. Ja, ich sehnte mich schon gleich zurück nach einem neuen Streben, das sich auch schnell einstellte: der Verstand findet jederzeit unzählige Mängel, die es noch abzustellen gilt.

Aber steter Tropfen höhlt den Stein. Irgendwann begreift auch die hartnäckigste Psyche, dass sie in einem Laufrad strampelt, und immer nur im Kreis. Es kommt nicht wie eine Erkenntnis, als ein „Aha-Erlebnis“, sondern schleicht sich langsam, fast unmerklich ins Leben wie das „Fading Out“ der Farben bunter Kleider, die durch vieles Waschen langsam ausbleichen.

Nun sitz ich auf der Erde neben dem still stehenden Laufrad. Alles ist gut, alles ist da. Ich sehe die Fülle, die mich umgibt und die neuerdings sogar dazu neigt, mich mit allerlei schönen Dingen zu überschütten, für die ich nicht erst strampeln muss. Gewöhnungsbedürftig ist es, zu bemerken, dass auf einmal andere Menschen ihre Sehnsucht nach dem „ganz Anderen“ auf mich richten – aber verdammt noch mal, ich bin es nicht!!!! Bin allenfalls wie ein Kapitel in dem Buch, das nur der versteht, der es eigentlich nicht mehr lesen braucht. Aber ich lass mich nicht zuhause stapeln.
Zeit zum Schreiben

Es ist fast Mittag. Wenn ich einen Diary-Beitrag schreibe, meist ohne vorher zu wissen, über was, lasse ich alles Andere warten, rufe keine Mail ab, hoffe, das Telefon möge nicht läuten und mich aus dem Schreibfluss reißen. Wenn der Fluss an sein Ende kommt, egal ob das Thema „abgehandelt“ ist oder nicht, stelle ich das Geschriebene ins Netz, korrigiere noch mal Fehler, füge Zwischenüberschriften ein und wende mich dann den 10.000 Dingen zu, die auf mich warten. Es ist spannend, E-Mail nicht gleich morgens um acht abzurufen, sondern erst um elf! Da können dann so richtige Hämmer dabei sein, die „immediately Action“ verlangen, womöglich gleich mehrere auf einmal. Die arbeite ich dann in ausgesprochen guter Stimmung ab, fühl mich nicht gehetzt, empfinde weder Stress noch ein schlechtes Gewissen – und letztlich geht alles viel schneller und effektiver ab, als wenn ich schon in der Frühe angefangen hätte. So ist mir das Schreiben fast wie ein Gang ins Fitness-Center, nur auf einer anderen Ebene: Zeit wird nicht verloren, sondern gewonnen. Und noch manches mehr.

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