Claudia am 07. Dezember 2002 — Kommentare deaktiviert für Weihnachtszeit II: Geben wir’s weiter?

Weihnachtszeit II: Geben wir’s weiter?

Ob sie denn nur eine übriggebliebene Unverbesserliche sei, fragt Marianne in derselben Mail, in der sie mich auf die Aktion *„Gib es weiter“ aufmerksam macht. Offensichtlich haben wenige Stunden gereicht – die Website ist seit dem 4. Dezember online – um die verschiedensten freundlichen und unfreundlichen Kritiker herauszufordern: Das geht nicht, weil…, das kann doch nicht klappen, das ist doch total naiv! Deutschland im Stimmungstief ist nicht so easy in adventliche Nächstenliebe oder gar Weltverbesserungslust zu versetzen!

Worum geht’s? Ich surfe hin und lese:

Das Gib-es-weiter-Prinzip:

Du tust etwas für einen Menschen. Wenn möglich, einen großen Gefallen. Es sollte etwas sein, was diese Person alleine ohne Hilfe nicht bewältigen kann. Anstatt eine Gegenleistung oder Dank zu erwarten, erlegst du ihr auf, dass sie es an 3 andere Menschen weitergeben soll.

War da nicht mal so ein amerikanischer Film, in dem alle ständig gestrahlt und liebevoll gelächelt haben? Die Erinnerung an den Trailer untermalt den Ansturm meiner ganz persönlichen Niedermach-Gedanken: Das geht doch nicht! Das ist doch unendlich naiv! Wer will denn wissen, was für einen Anderen ein „großer Gefalle“ ist? Vielleicht reißt ihn ja genau die Wunscherfüllung, die ich ihm ermögliche, vollends in den Abgrund? Helfen ist doch nicht SO einfach, ja, praktisch ganz unmöglich…. und überhaupt: Tu ich nicht auch ohne Aktion etwas „für einen Menschen“? Bin ich nicht die Hilfsbereitschaft in Person? Soll ich denn jetzt auf die Straße rausgehen und rufen: Hallo, braucht jemand was???

Ich guck eine Zeit lang diesem inneren Theater zu und meine Sympathie für die Aktion steigt. Was solche Widerstände auf den Plan ruft, trifft auf jeden Fall ins Schwarze. Anstatt mit eigenen Argumenten über Sinn und Unsinn einer solchen Initiative zu streiten und so nur den graubraunen Sumpf der üblichen Scheiße einmal gut umzurühren, könnte man einfach der Empfehlung folgen und sehen, was passiert. Gewiß würde man etwas Neues erleben, denn etwas „Unmögliches“ wäre auf einmal möglich geworden – jenseits aller zweifelhaften Ideen vom Helfen-Wollen-Können-Sollen ist es DAS, worauf es ankommt!

Wer ist „man“? Die Widerstände wirken bis in die Wortwahl hinein: werde ICH denn der Empfehlung folgen? Oder möchte ich nur dem geneigten Surfer Ratschläge geben, deren Verwirklichung ich doch lieber bei Anderen beobachte als sie selber auszuprobieren?

Mal sehen, ehrlicherweise lasse ich das offen. Es kommt drauf an, wer bzw. was für eine Aktivität sich mir als Gelegenheit anbietet, „es weiter zu geben“. Dass da etwas kommen wird, ist gewiß, wenn ich mich für die Idee öffne – und zumindest dafür hat mir Mariannes Inititative den Anstoß gegeben.

übrigens: nicht nur, weil es weihnachtet, unterstütze ich diese Idee. Ich würde gerne für viel MEHR Initiativen, Ideen, konkrete Projekte und ungewöhnliche Vorgehensweisen den roten Teppich ausrollen, wenn sie nur EINES leisten: einen Kontrapunkt in dieses Jammertal Deutschland setzen, in dem zur Zeit alle in kollektiver Untergangslust an den Ästen sägen, auf denen sie sitzen und ihr je eigenes entrüstetes „So nicht!“ in die Welt hinaus rufen. Ich kann es nicht mehr hören: Wie hier jeder versucht, sich und die je eigene Interessengruppe mit großer Geste als das lange schon gemolkene Opfer darzustellen! Oder gar immer noch mehr rauszuholen, egal, ob die öffentlichen Haushalte den Bach runter gehen und dann eben noch ein bißchen mehr gestrichen und entlassen werden muss. Hauptsache, die Bediensteten mit den vergleichsweise sicheren Jobs bekommen ein paar Euro mehr – all das lässt eigentlich keine Weihnachtslaune aufkommen, im Gegenteil.

Wie kommt man aber von einem Bewusstsein, das immer nur die einstmals errungenen Besitzstände verteidigt, zu einem Denken & Fühlen, das immer zuerst fragt: Was kann ich beitragen? Was kann ich noch abgeben? Wie kann ich Neues schaffen, damit mehr zum Verteilen da ist? Was kann ich dazu tun, damit diese miese Stimmung sich bessert? Denn aus den Stimmungen entstehen die Gedanken, aus den Gedanken die Pläne und Vorhaben, und schließlich folgen die entsprechenden Handlungen.

Wer hier kreativ ist, tut uns allen einen Gefallen. Wer dazu Ideen hat und gar selber ein paar Finger rührt, gehört mit Orden bekränzt und mit Lob überhäuft . Und wenn DU, geneigte Leserin und lieber Leser, dich heute oder in den nächsten Tagen von einem lieben Mitmenschen oder einfach vom Leben beschenkt fühlst, dann behalt es nicht für dich, sondern gib es weiter!

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Claudia am 04. Dezember 2002 — Kommentare deaktiviert für Weihnachtszeit

Weihnachtszeit

Es schmerzt mich fast körperlich, dass mein Schreiben so begrenzt ist. Ich sage „mein“ Schreiben, um nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, ich wolle mich hinter einer Allgemeinheit oder hinter einer Art Naturgesetz verstecken. Und doch ist es vielleicht so ein Gesetz: zumindest als Prosa läßt sich immer nur Negatives ausdrücken, mehr noch, man liest auch nur gern, wenn der kalte Hauch des Schreckens, des Leidens, der Endlichkeit oder der Gefahr zumindest andeutungsweise duch die Sätze weht. Ein bißchen Tod und Sterben muß schon sein, zumindest ein paar „ordentliche Probleme“, der Autor möge doch bitte durch die Höllen gehen und erzählen, wie es war und wie er wieder heraus gekommen ist. Die Landschaften aus Langeweile und ÖÖdnis hätten wir gern kurzweilig beschrieben und zur Mittagspause serviert, damit wir wissen, wie schlimm es sein kann und wie gut wir es doch haben – vergleichsweise.

Nahezu zwanghaft gerate ich schreibend immer wieder in dieses Fahrwassser des Negativen, selbst bei den sachlichsten Gegenständen darf die Würze nicht fehlen, die das Ganze interessant und für Andere konsumierbar macht: ein bißchen Häme hier, ein wenig Spott da – selbst im Geist großzügigster Gelassenheit läßt sich immer noch sagen, dass das, was Andere zu diesem Gegenstand gedacht, gesagt, geschrieben haben, doch ein ziemlicher Schrott ist! Wenn nicht im eigenen Elend gerührt wird (was auch den Leser anrührt), muß halt der Andere dran glauben, dann ist eben ein bißchen Krieg angesagt!

Gibt es eine Alternative? Wenn ich mich wehre, wenn ich dem verrückten Impuls, dem Schönen durch Ausmalen des Häßlichen zu dienen, widerstehe, werde ich langweilig oder verstumme gleich ganz. Auch selber lesend bin ich kaum in der Lage, über die ersten Sätze eines „positiven“ Textes hinaus zu kommen: Gott, wie naiv! Es scheint unvermeidlich zu sein, einem Schreibenden die Sicht aufs Ganze als Pflicht aufzuerlegen – und wenn er sich dann heraus nimmt, der Welt zu applaudieren, und sei es nur bezüglich eines kleinen Insekts, das immerhin einige Millionen Jahre erfolgreich hinter sich gebracht hat, dann kann man ihn schon nicht mehr ganz ernst nehmen.

Bis hierhin ist gerade mal an der Oberfläche gekratzt. Aber will ich denn überhaupt tiefer? Ich wüßte nicht, wie ich das tun könnte, ohne in die beschriebenen Fahrwasser zu geraten. Gedichte schreiben, ja, das wäre eine Möglichkeit, oder malen, singen – alles Abschiede von der mir so vertrauten Form der Kommunikation, in der ich immer noch ausharre, die ich weiter betreibe, selbst wenn ihre Grenzen lange erreicht sind. Ich tue so, als wollte ich mit Anderen reden – aber in Wahrheit ist das schon lange nicht mehr der Fall. Was gäbe es denn auch zu sagen? Immer klarer steht mir vor Augen, dass es exakt drei Sätze sind, die wir endlos variieren können, mit mehr oder weniger Vergnügen:

1. Die Welt ist schlecht, das Leben furchtbar.
2. Die Welt ist wunderbar, das Leben ist schön.
3. Es ist, wie es ist.

Über alles, was damit gemeint ist, spannt sich natürlich noch ein ganzer Kosmos aus Psychismen, aus übergflüssigen Problemen erregungssüchtiger Egos, (klar, ich spreche von mir!) die beim Blick in die aufgehende Sonne nicht zur Sonne werden können, sondern sagen müssen: guck mal, was für ein toller Sonnenaufgang! Für dieses Leiden an der Großhirnrinde gibt es kein Heilmittel außer der Ausbildung der Fähigkeit, sie auf Standby zu schalten und nur im Bedarfsfall zu aktivieren – genau das übe ich aber nicht ein, indem ich darüber schreibe.

Immerhin muß ich mir nicht mehr vormachen, ich würde schreibend etwas „klären“, um hinterher daraus Nutzen zu ziehen. Es gibt da kein Um-Zu mehr, insofern bin ich mir schreibend selber voraus. Vielleicht ist das mit ein Grund, dass die Buchstaben immer wieder ihren Weg finden.

Jetzt geh ich mal ein paar Schritte um die Häuser. Zur Zeit kann ich nicht lange vor dem PC sitzen, der Körper sendet deutliche Signale. Sowieso warte ich darauf, dass mich die Muse küßt: die letzte Website, die in diesem Jahr für eine Kundin zu gestalten ist, muß das Licht der Welt erblicken. Und wie immer, kann ich es nicht auf die Stunde genau zwingen, spazierengehen ist dann besser, als auf eine weiße Fläche schauen.

Mir gefällt die Weihnachtszeit, endlich! Früher konnte ich das gar nicht wahrnehmen, so sehr war ich im Sumpf der Konsumkritik gefangen, in diesem nichts übrig lassenden „Das.ist-doch-nur“, das sich für den Gipfel der Erkenntnis hält, aber mit dem Leben dafür bezahlt. Jetzt freu ich mich an den Lichterketten, die in den Zeiten der Krise in Berlin offenbar besonders hell strahlen, hab mir beim ÖÖko-Stand einen „besonderen“ Adventskranz gekauft (irgendwo muss das „besonders“ ja hin…) und jetzt geh ich in den Supermarkt und kauf ein paar Lebkuchen. Manchmal sind sogar die Menschen in der Adventszeit fröhlich und freundlich – da mach‘ ich ein bißchen mit.

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Claudia am 29. November 2002 — Kommentare deaktiviert für Wohnen & Wünschen

Wohnen & Wünschen

über die Frage nach dem richtigen Wohnen tut sich mir die Welt des Wünschens wieder auf. Es erscheint mir als ein kleines Wunder und fühlt sich völlig neu an. Ihr könnt ruhig darüber lachen, doch ich habe tatsächlich geglaubt, ich wäre da heraus gewachsen, geläutert, ein Stück weit heilig geworden, weil vermeintlich frei von materiellen MEHR-Bedürfnissen. Schließlich hegte ich Jahre lang keine konkreten Vorstellungen mehr, WIE und WAS ich im persönlichen Umfeld gerne anders gewollt hätte, als es war und noch ist.

Welch ein Irrtum! Ich war einfach erstarrt in einer lange Jahre eingeübten Haltung, die ein bestimmtes Leben zu zweit erst ermöglichte: eine Form, die ja in jedem Fall ein Konstrukt aus Kompromissen ist. Wenn man dann noch den Frieden über alles setzt und Auseinandersetzungen meidet, muss man sich nicht wundern, dass die Form sich nicht mit der eigenen Veränderung entwickelt, sondern nach und nach zum festen Gehäuse erstarrt, das nicht mehr allzu viel Leben beinhaltet.

Im Zuge des Umziehens entschwindet nun nicht nur DIESE, sondern – zumindest für den Moment – JEDE Form eines gewohnheitsgestützten Alltagslebens. Ich kann mich nicht mehr wirklich an ein „vorher“ erinnern, in das ich zurückfallen könnte – und stehe so vor dem Nichts, vor einer Leere.

Diese wirkt allerdings – wieder nur für den Moment gesprochen – nicht gefährlich, sondern als die Fülle, zumindest der Möglichkeit nach. Wobei diese Fülle noch nicht durch bestimmte Wunschbilder ausdefiniert ist, sondern da ist einfach nur offene Weite – freier Raum, noch ganz ohne Stress, ihn irgendwie füllen zu müssen.

Ausnahme: über die künftige Wohnung nachdenkend, die Basistation zur Erkundung dieser unbekannten Fülle, erlebe ich auf einmal wieder konkrete Vorstellungen und Wünsche! Es ist, als fließe eine neue Energie durch meine Nervenfasern und alles fällt an seinen Platz: Die Wahrnehmung, die Aufmerksamkeit, das leibhaftige Erleben und spürende Erleiden der jeweiligen Umwelt, das mir – anders als früher – heute selbstverständlich ist, bekommt auf einmal den Sinn, der ihm für mein Empfinden lange fehlte: ich richte mich danach! Wenn mich Morgensonne froh stimmt, dann ist ein Ostzimmer morgens genau richtig. Wenn ein Blick in die Weite für meine Psyche ein Lebenselexier bedeutet, werde ich mich nicht in einen Stadtteil vergraben, in dem es nur Häuserschluchten gibt – und seien die Häuser und Menschen dort noch so interessant.

Spüren, fühlen, leben…

Es scheint auf einmal möglich, auf eine Weise zu leben, die ich bisher nur als Herangehensweise bei der Gestaltung von Webseiten kannte: wenn eine Proportion nicht stimmt, eine Farbe sich mit der anderen beisst, tut das richtig WEH – und ich ändere es. So entstehen meine Webwelten, von denen viele sagen, sie seien recht ansprechend. Warum nur ist es so unendlich schwer und langwierig, mit der Lebenswelt auf dieselbe Weise zu verfahren???

Was ich hier sagen will, klingt vermutlich für viele ganz banal: Wer richtet sich denn NICHT nach den eigenen Wünschen? Wer möchte NICHT die Dinge so gestalten, dass sie ihm behagen und Zustände vermeiden, die unangenehm wirken?

Ich kann den Unterschied, den ich meine, an mir selbst am besten erläutern: natürlich hatte ich von Kindheit an „Wünsche“, wollte dieses und jenes haben, strebte nach Bewegungsfreiheit, nach Anerkennung, und nach allem, was bei den Menschen, die mir wichtig waren, „angesagt“ schien. Später begann ich, gesellschaftliche Werte in dieses Motivationskorsett einzubauen: was dem (recht abstrakten!) „Gemeinschaftsgedanken“ nützt, ist auch gut und soll verwirklicht werden – ein Motiv, das bei entsprechender Gemütslage gern auch ins Gegenteil umkippt: alles, was der Selbstverwirklichung des Individuums nützt, ist gut!

So füllt sich das Pantheon der obersten Werte: nach Peergroup, Individum und allerlei Gemeinschaften folgen Friede und soziale Gerechtigkeit, Erhaltung der Natur, bis hin zur Gesundheit, die in vorgerücktem Alter ins Zentrum des Interesse rückt – eine Gesundheit, die man sich dann meist von Labors ertesten und vom Arzt bestätigen lassen muss, weil jeder direkte Zugang dazu verloren gegangen ist.

Damit ist angesprochen, was ich meine: alle diese Wertsetzungen hatten nichts mit mir zu tun, sondern wurden von wem auch immer übernommen bzw. aus abstraktem Denken hergeleitet. Dazu dient auch der irrsinnige Input aus Geschriebenen, die vielen Worte der Weisen und die Erkenntnisse der Wissenschaften bis hin zum ständigen Trommelfeuer der Werbung, die uns vor Augen führt, wie wir sein sollen und leider immer noch nicht sind.

Im Normalfall kommt mensch vielleicht gar nie auf die Idee, mal zu bemerken: all das hat ja gewiss seine Wahrheit und seinen Sinn – aber WAS BITTE hat das mit mir zu tun? Mit dem ganz konkreten Menschen, der ich über die Jahre geworden bin?

Und selbst wenn er aufkommt, dieser Gedanke, so ist doch nichts gewonnen, solange er allein bleibt, solang ihm kein Erleben, Leiden, Genießen, Verlangen, kein FüHLEN zur Seite steht. Als reiner Gedanke wird er gleich wieder vom nächsten verdrängt, der mit gleichem Recht sagt: Interessiert doch eh niemanden, wichtig ist jetzt der Ausgleich zwischen der ersten und der dritten Welt, die Rettung des Rentensystems, die Verhinderung des IRAK-Kriegs oder auch die Weiterentwicklung der „Grünen Meme“ in den gelben Bereich hinein. Im übrigen zeigt deine Körperfettmessung katastrophale Werte an, kümmer dich lieber mal darum!

Diese, so normal wirkende Art und Weise des „Lebens aus dem Denken“, gerät schnell zu einer Hetze, einem ewigen Pendeln zwischen Anstrengung und Scheitern, zwischen Euphorie und Zynismus, und echte Befriedigungen sind selten – was sollte das auch sein? Kurze Momente des Erfolgs, wenn etwas erreicht wurde, das von solchen Wertsetzungen bzw. Autoritäten gefordert ist? Nur Momente, nur Gedanken – üblicherweise gedacht in einem Körper, dessen Brust- und Zwischenrippenmuskulatur kaum mehr beweglich und zu echter Freude physisch gar nicht mehr fähig ist.

…atmen!

Seit einigen Wochen assistiere ich Dienstags meinem Lehrer Hans-Peter Hempel im Kurs „Yoga für Anfänger“ an der Technischen Universität – es sind immer so zwischen 14 bis 24 Studentinnen und Studenten, junge Leute, bei denen eigentlich noch nicht so viel kaputt sein dürfte. Aber wie sie ATMEN, bzw. NICHT ATMEN! Es erschreckt mich – und doch erinnere ich mich, dass ich mit 36 ganz genauso war und alles ganz normal fand. (Dass es mir körperlich total beschissen ging, hatte ich zu ignorieren gelernt).

Es ist jedoch alles andere als „normal“, wenn man als Norm einen beweglichen und durchatmeten leibseelischen Gesamtorganismus setzt. Dieser würde nach einer Anstrengung, wie sie eine Yoga-übung darstellt, in einer Art Resonanz bzw. in einem Nachhall „automatisch“ ca. dreimal verstärkt einatmen. Und zwar deshalb, weil während der Anstrengungsphase üblicherweise eine gewisse Atemnot aufkommt (erst der weit fortgeschrittene Yogi hat gelernt, auch WÄHREND der Anspannung genügend einzuatmen und hat diese Reaktion nicht mehr nötig).

Statt dessen: Nichts! Bei bestimmt zwei Dritteln bewegt sich der Brustkorb praktisch gar nicht mehr. Sie sind auch allesamt sehr still: kein Stöhnen, kein hörbares Ausatmen – zu jeder eigentlich „natürlichen“ psychophysischen Lebensäußerung müssen sie erst langwierig ermuntert, gefordert, motiviert werden – und gelgentlich auch BERüHRT. Sonst wüßten sie vielleicht gar nicht, WO der Brustkorb ist, bzw. kennen ihn nur als Bild aus dem Spiegel, wenn sie kontrollieren, ob der eigene Body den Bildern aus den Medien ähnelt (…Waschbrettbauch? Bauch/Beine/Po? ).

Bin ich abgeschweift? Eigentlich nicht. Der Körper ist die Basis allen In-Der-Welt-Seins. Als Instrument der Wahrnehmung von Qualitäten kann er nur funktionieren, wenn alle seine Systeme frei funktionieren, in ständiger Interaktion mit der Welt und mit den eigenen Prozessen. Auf dieser Basis steht die Zwischenwelt der Empfindungen und Gefühle, die einerseits als körperliche Phänomene spürbar, andrerseits von der Welt des Denkens her beeinflussbar sind – Empfindungen („ahhhh, was für ein schöner Raum!“) eher weniger, Gefühle wie Zorn, Trauer, Sympahtie eher mehr.

Einem Menschen, der von Kind an in ein hypertrophiertes Denken hinein erzogen wird und dessen Körper- und Gefühlsebenen entsprechend verkümmert sind, dem bleibt nur das „rechnende Denken“, das Denken in Quantitäten und abstrakten Werten. Wobei für den, der im konkreten Einzelfall eigentlich nichts mehr spürt, abstrakte Werte nichtssagend und beliebig gegeneinander austauschbar sind. Ein diffuses Gefühl der Verweiflung ist das Ergebnis, gewisse Reste von Impulsen streben immer noch nach dem Guten/Wahren und Schönen, nach dem Angenehmen und Freudvollen, Nach Liebe, sonne, Wärme und Zärtlichkeit – aber ein übergroßer Teil des eigenen Wesens schneidet diese Impulse ab und sagt: Das gibt es nicht! Du träumst! Sei vernünftig! Und was dergleichen Teufelssprüche mehr sind.

Ich hör jetzt auf, denn die Arbeit ruft. Sollte ein lieber Leser jetzt meinen, mit dem, was ich hier schreibe, werde weder die Welt gerettet noch ein Staat gemacht, dann kann ich nur sagen: Wir haben ja schon eine Welt und einen Staat – von denen „gemacht“, die kaum mehr atmen und fast nichts spüren, die also hauptsächlich abstrahieren und berechnen anstatt mitzufühlen, zu sorgen und zu lieben. Zufrieden damit???

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Claudia am 21. November 2002 — Kommentare deaktiviert für Fühlen, schlemmen, zu viel sitzen

Fühlen, schlemmen, zu viel sitzen

Die Wohnungssuche schreitet voran! Ich hab‘ etwas in Aussicht und recht gute Chancen, es auch zu bekommen. Mein erster Plan, die Wohnung direkt neben der jetzigen zu mieten, die seit längerem leer steht, war vor ein paar Wochen gescheitert, doch jetzt auf einmal bietet die Hausverwaltung sie mir DIREKT an – ohne Makler. Plötzlich hab ich freie Auswahl, aber mein Gefühl hat schon anders entschieden: nicht mehr der TOP-STANDARD eines grundsanierten Altbaus, sondern eine Wohnung als „Aufgabe“, zwar von der Mieterin modernisiert, aber doch so, dass für mich – SOFERN es überhaupt klappt – jede Menge zu tun bleibt. Einen wunderbaren Blick in die Weite bietet die Wohnung auch – ein echter Glücksfall.

Freu dich nicht zu früh, sagt mir ein lieber Freund. Wenn es sich dann zerschlägt, bist du enttäuscht! Was aber, das frag ich mich dann, sollen wir im Leben eigentlich fühlen, wenn wir uns dem Verlangen, der Sehnsucht, der Hoffnung verweigern, weil wir die Enttäuschung, die Traurigkeit, den Verlust scheuen?

Viel essen, gut essen und trotzdem abnehmen – wer wünscht sich das nicht? Und genau das erlebe ich seit etwa zwei Wochen! Seit ich im Mai mit dem Rauchen aufgehört hatte, war ich kontinuierlich schwerer geworden, so drei, vier Kilo, mit der Tendenz zum weiter wachsen. Das hat mir nicht mehr gefallen, bin also mal dem Hinweis aus einer Mailingliste gefolgt: Kohlsuppendiät! Das hört sich dermaßen absurd an, aber ich dachte: WENN ich schon sowas Irres mache wie eine Diät, dann kann es ruhig gleich was ganz Verrücktes sein! Natürlich hab‘ ich nicht „5 Kilo in einer Woche“ abgenommen, wie es der Umschlag des kleinen Buches „die magische Kohlsuppe“ versprochen hatte (sie meinten damit auch den Verlust an Wasser, der bei völliger Befolgung der Rezepte und weitgehendem Salzverzicht einsetzt). Aber ich hab‘ eine neue Weise des Essens kennen gelernt: warme Suppen am Mittag, richtig scharf statt besonders salzig, über den Tag dazu jede Menge Obst und/oder Gemüse, gelegentlich Fisch und Geflügel – also das ist wirklich eine Essweise, die mich zufrieden stellt. Und ich nehme täglich ab, tatsächlich, obwohl ich soviel esse wie sonst nie.

Was mir hauptsächlich in dieser Erfahrung aufgefallen ist: Wie sehr man doch gewisse Überzeugungen verinnerlicht hat, die gar nie im Bewußtsein stehen und deshalb auch nicht mehr hinterfragt werden! Man schleppt sie als Altlasten mit sich, sie bestimmen das Leben und man denkt, die Welt sei nun mal so – dabei schaffen diese überzeugungen ihre jeweilige Erfahrung!
So ist offensichtlich bei mir die Überzeugung sehr stark gewesen, eine „gesunde“ Ernährung, die auch noch zum Abspecken führt, sei in jedem Fall eine Form von Darben, von Sich-Zusammen-Reißen, von kontrolliertem Essen, das nie den tatsächlichen Appetit befriedigt. Vielleicht im schlimmsten Fall mal für ein paar Tage lebbar, aber gewiß nicht als Alltag! Für eine abstrakte Gesundheit und ein sowieso unerreichbares (ebenso ungesundes, bzw. verrücktes!) Hungerharken-Schönheitsideal ein viel zu hoher Preis.

Tatsache ist, ich hab noch selten so viel geschlemmt wie derzeit! Der trübe November macht echt Appetit, ich halte mich (mal versuchsweise) an keinerlei Mengen- und Zeit-Vorgaben, sondern esse, wann und wieviel ich Lust habe. Dabei erlebe ich wirklich jede Menge „Du sollst nicht-…“, die sich protestierend zu Wort melden, wenn ich etwa den dritten Teller Suppe verdrücke – ODER wenn ich schon eine Stunde später einen Obstsalat zubereite. Mein Askese-Über-Ich schlägt die Hände über dem Kopf zusammen – und ich nehme ab! Fühl mich dabei ganz wunderbar, denn schon zwei Kilo weniger ergeben ein Gefühl zunehmender Leichtigkeit. Mittlerweile hat auch dieses gesteigert Eßbedürfnis wieder deutlich nachgelassen.

Arbeiten und Sitzen

Immer noch bzw. schon wieder arbeite ich ungeheuer viel. Komme praktisch nicht mehr zu privaten Dingen, keine Mailinglisten mehr, kein Herumsurfen, lange schon kein Diary-Eintrag. Ein paar liebe Leute müßten Mail von mir bekommen, andere will ich eigentlich anrufen, die Gründung meiner Coaching-Gruppe zum hoffentlich nützlichen regelmäßigen Austausch (Freiberuflerinnen) schleppt sich auch so dahin und wartet auf meinen Einsatz – Himmel, es kann sich eigentlich nur noch um Stunden, wenige Tage handeln, bis sich der Dschungel lichtet!

Das sag ich mir und anderen schon ein paar Wochen lang, aber bisher hat es sich dann immer anders dargestellt. Nun ja, ich will ja umziehen, ich werde Geld brauchen, zudem sind meine Kunden allesamt wirklich angenehme Menschen, mit denen ich gern Kontakt habe – und trotzdem ist es manchmal heftig für mich. Im Grunde bin ich eine weniger „ausgelastete“ Gangart gewöhnt – vielleicht aber auch einfach mal urlaubsreif?

Manchmal macht der Körper nicht mehr mit. Das viele Sitzen auf dem tollen Grahl-Duo-Back-Bürostuhl, den ich mir für teueres Geld vor ein paar Jahren als letzte und beste Lösung zugelegt hatte, macht mich krank! Ich sitze offensichtlich so bequem, dass ich (erstmal) alles Physische vergesse – nur meine Wirbelsäule vergißt nicht. Über den Tag staucht ständiges Sitzen sie zusammen, was zunehmend unerträgliche Folgen zeitigt. Und ich MERKE es dann doch, es ist ja nicht so, dass es mir schlecht ginge und ich müßte mich fragen: Woher kommt das jetzt wohl? Nein, ich merke oft und oft über den Tag, dass es nun eigentlich reicht – und doch gibt es nun mal Zeiten, wo ich dieser Einsicht nicht folge. Bis es schlicht nicht mehr geht und es mich vom Stuhl weg treibt! Gestern hab ich den tollen Stuhl mal beiseite gestellt und einen schlichten Holzstuhl benutzt, es war eine Erholung. Da kann man nämlich gar nicht erst solange drauf sitzen.

Tja, die einfachen Dinge, die Basics, sind die interessanten Spielfelder, auf denen sich immer wieder etwas ändert, sich immer wieder Herausforderungen und Leiden zeigen, aber auch erstaunliche neue Erfahrungen machen lassen. Wohnen, essen, sitzen. Handeln, fühlen, das ganz Konkrete erleben – so komme ich zum Mittelpunkt der Welt.

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Claudia am 17. November 2002 — Kommentare deaktiviert für Vom Wohnen

Vom Wohnen

Vom Wohnen

Es ist Sonntag. Der Tag, für den ich mir extra angewöhnt habe, nichts „Richtiges“ zu arbeiten, ganz gewiss keine Arbeit für Geld. Seither gibt’s für mich (endlich!) ein stinknormales Wochenende, spät, aber doch noch. Und kaum ist das Normalität geworden, gehts schon nicht mehr anders: selbst wenn ich – wie jetzt – plötzlich arbeiten WILL. Den ganzen Tag schon sag ich zu mir: jetzt klotz erstmal zwei-, drei Stunden ran, mach diesen Entwurf zur Website, wie versprochen – und DANACH kannst du ja dann Diary schreiben, in die Sauna oder ins Fitness-Center gehen, einen Spaziergang machen, lesen oder einfach abliegen und den atem spüren. Es ist genug Zeit dafür – danach! aus alledem ist aber nichts geworden: Weil ich es nicht über mich bekomme, heute am Sonntag ernsthaft zu arbeiten, und seien es nur zwei Stunden, wie ich es mir ausnahmsweise verordnet hatte. (Derzeit schaffe ich nicht alles in der Woche). So kann es gehen mit der Selbsterziehung: Man hat Erfolg, und dann ist’s auch wieder nicht recht.

*

Das Wohnung-Suchen hat noch nicht sehr ernsthaft angefangen. Bis Ende Januar will ich umgezogen sein, da ist es noch lange hin! Wenn ich in den Wohnungsanzeigen wühle, merke ich, dass ich innerlich noch nicht so weit bin. Da ist einfach keine Vorstellung, WIE ich wohnen will. Nach zehn Jahren wieder alleine zu leben, erscheint mir als die größtmögliche Veränderung – darüber hinaus auch noch kreativ an die Wohnungsfrage selbst heran zu gehen, überfordert mich.

Doch empfinde ich eine starke Veränderung in Sachen „wohnen“ gegenüber früher. auf einmal ist mir nämlich wichtig, WIE ich wohne. Mit fünfundzwanzig und fünfunddreißig war allein die Miethöhe und die Lage wichtig, der richtige Stadtteil mit „Anschlüssen“ an die richtigen Kiez-Öffentlichkeiten. (In Berlin hatte ich Anfang der 80ger „das Dorf“ entdeckt.) Und dann noch ein paar selbstverständliche Basiseigenschaften: genug Licht, genug Platz – ansonsten war ich kompromissbereit, Hauptsache, die Lage und der Preis stimmten. Im Grunde konnte man mein „mieten“ auch kaum „wohnen“ nennen, denn ich war damals eher selten zuhause, eigentlich ständig unterwegs. Oder mit dem jeweiligen Liebsten zusammen, jedenfalls nie allein.

Heute bin ich über’s Netz an meine Öffentlichkeiten „angeschlossen“, der Stadtraum spielt eher eine ästhetische, denn eine kommunikative Rolle: ich möchte kurze Gänge machen können, ohne depressiv zu werden, ohne immer nur miesepetrige Menschen auf den Straßen zu begegnen. Und ich liebe es locker, leger und informell. Die bedeutungsgeile Gestelztheit, die vom kontinuierlichen Besser-Verdienen kommt, ist mir ein Graus. andrerseits finde ich dieses Friedrichshainer „Szene-Viertel“ um Simon-Dach-Straße und Boxhagener Platz auch selber einen Zacken ZU schmuddelig: relativ viel Müll, alles voller Graffiti, viele Kneipen, viele Penner und Besoffene zwischen all den Studenten und Lebenskünstlern – und nur wenige Ältere, kaum Alte. Naja. So ist’s halt im „sozialen Brennpunkt“, Sanierungsgebiete im Umbruch waren immer so.

Was mich wirklich in der Gegend hält, ist der Blick in die WEITE, den ich seit den zwei Jahren in Mecklenburg nicht mehr missen will. Ich gehe nur fünf Minuten bis zu den S-Bahn-Geleisen und hab‘ den Blick auf die Skyline von Berlin, toll. Und noch ein wenig weiter die Spree, die Rummelsburger Bucht, die Halbinsel Stralau – komisch, dass mir „Gegend“ plötzlich unverzichtbar ist – noch vor zehn Jahren war ich es zufrieden, wie ein Maulwurf immer nur die Wände vor mir zu sehen – ich hab‘ ja eh nicht hingeguckt, sondern war immer „in Gedanken“.

Gut, soviel zur Gegend. Das Wohnen hat ja noch viel mehr Aspekte: Es beginnt mit dem Körper, geht weiter mit der Kleidung, dann kommen die Zimmer und ihre Einrichtung, die Gegenstände, mit denen ich mich umgebe – dann das Haus: In welche Himmelsrichtung öffnen sich die Fenster oder der Balkon? Das ergibt gänzlich unterschiedliche Lebensgefühle, man kann es gar nicht wichtig genug nehmen: Was soll ein Spätaufsteher mit einem Ost-Zimmer? Für mich aber wär‘ es langsam genau das Richtige!

Dann die Straßen: wie ist es eigentlich möglich, dass so viele Menschen DIREKT an lauten Verkehrsstraßen wohnen? Wie halten die das aus? Den Lärm, den Staub, den Gestank – die ganze Palette schädlicher Einflüsse scheint Hunderttausenden nichts aus zu machen. Hier im Gebiet ist es gar nicht einfach, eine relativ ruhige Bleibe zu finden – komplizierter noch, wenn man nicht in einen Seitenflügel oder ein Hinterhaus will, zumindest dann nicht, wenn man da nur die Rückseite des Vorderhauses und die Mülltonnen im Hof sieht. ans Fenster treten und einen Blick in „die außenwelt“ werfen – Himmel noch mal, darauf mag ich nicht mehr verzichten!

*

Wenn ich so daher plaudere, merke ich, dass meine Wünsche bezüglich des Wohnens doch schon sehr spezifisch sind: ein großer Multifunktionsraum gefällt mir weit besser als drei kleine Zimmer, ich mag hohe Decken und liebe die Gemütlichkeit der typischen Gründerzeit-Altbauten – aber zum Selber-drin-wohnen sind sie mir heute modernisiert weit lieber als „naturbelassen“. (Schön, das in diesem Leben noch mitzubekommen, nachdem ich eine so wesentliche Zeit als junge Erwachsene im Kampf gegen die „Luxus-Modernisierung“ zubrachte! Man sollte immer beide Seiten der Barrikaden kennen lernen…:-)

Ob das aber ALLES gewesen sein muss? Jahr um Jahr in einem „top mod. AB, Blk, teils abgez. Dielen, teils Laminat, großes WB u. Wohnküche gefließt“ bis an mein Lebensende ??? Oder mal was ganz anderes? Das ganz gemütlich, ohne Zwang und Termindruck zu erforschen, versteh ich unter „kreatives Herangehen an die Wohnfrage“ – und dafür brauch ich Zeit. Zeit, um herum zu wandern und Straßen, Plätze, Stadtteile anzusehen, Zeit, um Menschen zu besuchen, die in den unterschiedlichsten Situationen leben: im 21. Stock eines Plattenbaus mit Weitblick über Berlin, in einem Wohnwagen als Teil einer halblegalen Wagenburg, in einer 50ger-Jahre-Siedlung mit großem grünen Innenhof, in einem Dachgeschoss, einem Loft, einer Datscha in der Gartenkolonie, einem umgenutzten Bahnwärterhäuschen, in einer Ladenwohnung im Erdgeschoss – gewiss ist das nicht alles, was möglich ist.

Heute finde ich so eine Suche interessanter als die „Suche nach dem Sinn des Lebens“, die viele auf diese Seiten führt. Das Wohnen in all seinen Aspekten bildet ja die Schalen bzw. Schichten unseres Da-Seins, unseres Mit-Seins und In-Der-Welt-Seins – wie spannend, es auch als ein Teil des Selbst-Seins ganz bewusst zu erfahren! Solange ich allerdings jeden Schritt, jede Handlung, jede Regung und Überlegung nur in Bezug auf die Welt „hinter dem Monitor“ erlebe, ist Wohnen tatsächlich kein Thema.

Oder doch? Die Webdesignerin in mir erhebt Widerspruch gegen die Philosophierende – na, das wird ein Thema für ein andermal.

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Claudia am 07. November 2002 — Kommentare deaktiviert für Vom Kleben am Problem

Vom Kleben am Problem

Da sagt Einer dem Anderen, wie es funktionieren kann. Was richtig und was wichtig ist, wie die wahre Wirklichkeit aussieht und wie man sich selbst, das Sein, das wahre Wesen findet. Dass das Suchen nichts bringt. Dass man im Grunde immer schon dort ist, dass es also keinen Weg gibt. Dass alle, die von Wegen sprechen, lügen und klammheimlich eigene Interessen verfolgen. Dass immer schon kein Mensch dem andern helfen kann, weil doch – eigentlich – gar kein Problem existiert. Weil das „Ich“ eine Illusion ist, dass da glaubt, ein Problem zu haben. Dass der Verstand das Problem selber erzeugt, um eine Haut zu retten, die keinen Besitzer hat. Dass das absurd ist, total verrückt, und dass alle, die einen Weg aus der Verrücktheit weisen, irgendwie lügen und eigene Interessen verfolgen.

Wenn ich jetzt mehr dazu sage, bin ich auch wieder „dort“. Reihe mich ein unter die Ratgeber und Problemlöser oder unter diejenigen, die die Ratgeber und Problemlöser kritisieren: weil es kein Problem gibt, und kein Rat möglich ist. Weil ja alles, was einer sagen kann, nur von denen verstanden wird, die es schon wissen.

Nun springt der logische Verstand an, mischt sich sogleich ein in das, was eher als ein Stück Literatur, als wortreiche Illustration eines Gefühls und nicht etwa als Analyse oder Kritik gemeint war. Und Seine Majestät merkt an:

„Selbst wenn alles Ratschlagen obsolet ist, weil immer nur derjenige versteht, der es schon begriffen hat, so liegt doch hier eine Ebenenverwechslung vor. Im Relativen haben Aktionen ihren beschränkten Sinn – auch Analyse, Suche, Weg und Rat. Dass wir in der Lage sind, denkend absolute Blickwinkel einzunehmen, sollte nicht dazu führen, die Welt des Relativen als nichtig abzutun – schließlich leben wir darinnen, Tag für Tag, es gibt kein Anderland, auch wenn man sich vorkommen mag wie vom andern Stern.“

Schöner Einwand, doch wie entsetzlich langweilig! Diese Abstrahierungen! Um sie allgemein verständlich zu machen, könnte man sich unter tätiger Hilfe anderer auf hunderten von Webseiten und Diskussionsforen damit beschäftigen, „Erkenntnisse“ auf Erlebnisse und Ereignisse anzuwenden, bzw. diese aus ihnen heraus zu lesen. Im konkreten Einzelnen würde man die Thesen untermauern, beweisen, rechtfertigen, als Wahrheit verteidigen oder als falsche Vorstellung entlarven. Jede Menge schreiben, diskutieren, argumentieren, sich dabei Freunde und Feinde machen, vielleicht ein Gefolge um sich scharen, dem man – Ökonomie ist immerhin Leben! – mit Glück demnächst etwas verkaufen könnte (zu Weihnachten wollte ich endlich mal eine „Digital-Diary-CD“ produzieren, fällt mir da wieder ein…).

Kein Draht zum Dasein

Warum macht man das alles? Warum verbringen unzählige Menschen freiwillig große Teile ihrer freien Zeit damit, ÜBER DAS LEBEN nachzudenken und diesem Nachdenken Gestalt zu geben, es zu verbreiten und sich mit anderen darüber auseinander zu setzen, anstatt einfach zu leben? (Mr.Logos mischt sich quengelnd ein: „Denken ist aber doch TEIL des Lebens…“ Shut Up!)
Nicht aus Sorge um sich selbst oder um die Welt. Nicht einmal aus einem konkreten Leiden heraus (obwohl praktisch jeder von sich glaubt, er wäre dabei, Missstände zu bedenken, zu besprechen und damit an ihrer Beseitigung zu arbeiten). Sondern weil gar nichts anderes möglich scheint als das „Leben im Modus des Denkens“, das Leben in Distanz zum Dasein. üblicherweise KENNEN wir nichts anderes und KÖNNEN es also auch nicht. Das ist das kleine schmutzige Geheimnis der „drüber stehenden und schreibenden Klasse“, heute die überwältigende Mehrheit. Eine art Impotenz.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich vor ein paar Jahren zu einem Freund, der viele Dinge gern allein macht, sagte:

„Es gibt mir nichts, einen schönen Sonnenuntergang alleine zu erleben. auch ein schönes Bild in einem Museum, ein Spaziergang durch den Wald: wenn ich dabei alleine bin, sehe ich zwar, dass es schön ist, aber es ist ein schmerzliches Gefühl damit verbunden, weil ich es mit niemandem teilen kann“.

Auf dieses hier offen aber ohne Gewahrsein ausgesprochene Unvermögen, etwas Schönes zu genießen, war ich sogar noch stolz! Dass ich den Anderen brauchte, um über den Umweg SEINER Freude und SEINER Lust wenigstens mittelbar etwas vom Leben mitzubekommen, sah ich nicht, sondern hielt mich für einen besseren, weil gemeinschafts-orientierten Menschen. Was für eine Ignoranz! Das „schmerzliche Gefühl“ war die Empfindung eines Mangels – als würde man Schokolade in den Mund stecken und überhaupt nichts schmecken.

Wer meint, ich übertreibe, möge doch mal sein eigenes Leben betrachten: WO ist der Platz und die Zeit für reine Lebensfreude, für das Erleben und Genießen, für das Fühlen, das Staunen, das spielerische Experimentieren ohne in die Zukunft weisende Zwecke? (Wenn dir jetzt ganz viel einfällt, wunder ich mich, dass du diesen Artikel bis hierhin mitgelesen hast!).
Klar, praktisch jeder kennt die drastischen Genüsse und vielversprechenden Glücksbringer: Essen & Trinken, Sex, mancherlei Drogen, die aus der Welt des Denkens kurz heraus führen. Doch all das ist entweder sozial problematisch oder hat seinen Preis. Der Kampf gegen das Übergewicht ist allgegenwärtig, von einer freien, liebevollen und unbelasteten Sexualität kann keine Rede sein (dieser Artikel wird wegen der bloßen Erwähnung des Wortes „Sex“ jetzt mancherorts schon ausgefiltert!). Legale und illegale Drogen bringen nur kurze Zeit Freude und Abenteuer, schon bald machen sie krank, irre oder süchtig.

Da wendet sich der Geistesmensch mit Grausen und wird Analytiker, wird Grübler, Denker und Kritiker. Steht künftig darüber und daneben, beurteilt, beschreibt und diskutiert, zeigt gar als Philosophin oder Lehrer Wege auf, auf denen die anderen fortschreiten mögen, nur selber bleibt man allzu gerne sitzen. Und wenn das dann nicht für alle Tage reicht, gibt’s ja noch das Reisen: Sich räumlich verändern, so oft wie möglich in Bewegung von hier nach dort versetzen und mit immer neuen EINDRÜCKEN versorgen. Das lässt vergessen, dass diese Eindrücke eben nur kurz, nur im Modus der Neuheit funktionieren – ansonsten ist es wieder nichts mit dem Genießen, selbst der Berg Kailasch wird langweilig, wenn man wieder und wieder um ihn herum laufen müsste.

Eindrücke, die nachhaltig wirken sollen, brauchen ein passendes Medium, in das sie sich einschreiben können: ein offenes, weiches, empfindliches Medium, dessen Oberfläche RUHIG und aufnahmebereit ist. Unstetig-nervöse Aufmerksamkeit, die ständig von diesem zu jenem zappt, ist kontraproduktiv. Es braucht Stille, braucht Leere, damit Form quer durch alle Wirklichkeitsbereiche zur Entfaltung kommen kann.

Doch kaum etwas in unsrer Welt unterstützt uns darin, leer zu werden. Wir sollen (wollen?) ja auch nicht genießen, sondern arbeiten – oder zumindest engagiert nach Arbeit suchen. arbeiten, um Geld zu verdienen und/oder um beim andern etwas zu gelten. Wir wollen immer etwas WERDEN, anstatt einfach so miteinander Spaß zu haben, wie wir gerade sind.
Für jetzt lasse ich es mal dabei bewenden, ich halte das Sitzen einfach nicht mehr aus. Draußen ist ein wunderbar blauer Himmel, die Sonne scheint, ich werde zum billigen Inder gehen und etwas zu Mittag essen. auf einen runden Schluss, einen Clou oder gar einen ordentlichen „Weg“ muss die Welt heut verzichten (und wird wenig von mir und meiner Schreibe halten…) – dafür genieße ich jetzt den Tag! :-)

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Claudia am 31. Oktober 2002 — Kommentare deaktiviert für Oktober-Nachrichten aus Klingers Welt: Wohnen, Yoga, Wahrnehmung

Oktober-Nachrichten aus Klingers Welt: Wohnen, Yoga, Wahrnehmung

Zum Beispiel das Wohnen: Die Wohnung in der Gärtnerstraße ist jetzt gekündigt, spätestens Ende Januar werde ich also anderswo wohnen, und zwar allein. Wieder allein nach zehn Jahren Zweisamkeit, das ist schon ein Abenteuer! Allerdings bin ich guten Mutes, dass ich mittlerweile über genug Routinen und zu meinem Leben passende Gewohnheiten verfüge, um nicht völlig aus der Form zu geraten, wenn ich es nicht selber will.

Da sich bei mir – mal abgesehen von der Auflösung der Wohngemeinschaft mit meinem liebsten Freund – kein bleibender Wunsch nach Ortsveränderung eingestellt hat und ich den Aufwand des Umzuges fürchte, neige ich dazu, eine leere Wohnung im selben Haus zu mieten: etwas kleiner und mit einem Zimmer nach hinten hinaus, und damit wesentlich ruhiger. Mal sehen, ob das klappt, morgen hab ich einen Besichtigungstermin.

Yoga: Ruhiger muss das Zimmer sein, weil ich mich entschlossen habe, nach 12 Jahren Praxis endlich selber Yoga zu lehren: diesen wunderbar diesseitigen ZEN-Yoga meines Lehrers Hans-Peter Hempel, der mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen ist. In der letzten Woche hab‘ ich ihn um die Erlaubnis gebeten, Anfänger anzuleiten, und er hat zugesagt, mich zu unterstützen. Das zweite Zimmer wird also ein Yoga-Zimmer, genau wie bei ihm! Genau wie er werde ich niemals anstreben, ausschließlich vom Yoga zu leben, und also in der Lage sein, mit ganz kleinen Gruppen von vier bis fünf Leuten zu arbeiten.

Gestern früh war ich dann zum ersten Mal in der TU, wo Hans-Peter in einer Sporthalle einen Anfängerkurs für die Studenten gibt. Es ist dort zwar eine recht große Gruppe, doch um zu lernen, wie die Stunden mit Anfängern ablaufen, ist es optimal. Lang war ich nicht mehr in einem solchen öffentlichen Gebäude und die fast militante Hässlichkeit der Umgebung, die absolute Lieblosigkeit, mit der die Räume ausgestattet bzw. mit dem Notwendigsten voll geknallt sind, hat mich schon erschüttert! Aber egal, als die 14 jungen Frauen und Männer vor uns auf ihren Matten lagen und Hans-Peter damit begann, übend, zeigend, redend und berührend die Grundlagen zu vermitteln, war es eine Yoga-Stunde wie jede andere: ruhig, konzentriert, lehrreich – das Buddha-Feld breitet sich überall aus, wo man es lässt.

Der physische Raum, das fällt mir immer mehr auf, ist in unserer Welt ein Problem-Bezirk. Das geht über öffentliche Straßen und Plätze mit ihren Verwahrlosungserscheinungen, betrifft sämtliche unter öffentlicher Verwaltung stehenden Einrichtungen (Behörden, Unis, Krankenhäuser…), betrifft aber auch viele ganz gewöhnliche, durchaus gepflegte Veranstaltungsräume: man sitzt unbequem, zu viele Menschen drängen sich auf zu engem Raum, es ist zu kalt, zu heiß, zu zugig, zu ungelüftet, zu verraucht, Kochgerüche durchwabern Orte, wo man sich eigentlich auf geistige Themen konzentrieren will – überall ist der Grund derselbe: die Menschen SPÜREN NICHTS mehr, sind völlig DICHT und in ihr Grübeln, Wollen, Fürchten, Meinen, Planen versponnen. Und die Räume sind nur die äußersten Hüllen, es geht weiter mit den Klamotten: wenn ich mir das ganze Programm der Billigklamotten in den Massen-Läden so angucke, vor allem ANFüHLE, dann ist das meiste aus Vollsynthetik oder Mischgewebe, unbequem kratzend, Allergien unterstützend, Schweiß treibend, Hautatmung verhindernd – aber weil es modisch aussieht und billig ist, ziehen die Leute freiwillig solche Folterklamottten an und gewöhnen sich schon früh daran, den virtuellen Schein („wie mich die anderen finden, wie ich wirke…“) über das Sinnlich-physische Sein zu stellen und Letzeres nach und nach ganz zu vergessen.

Dass dann auch der Körper selber langsam aus der Wahrnehmung gleitet und jeder Bezug zur eigenen Befindlichkeit abhanden kommt, bemerken viele erst dann, wenn es brennt, wenn eine richtige Krankheit daran erinnert: Hey, es gibt mehr zwischen Himmel und Erde, als dein medialer Input dich täglich träumen läßt!

Aber darüber könnte man endlos Bücher schreiben, die dann ja auch wieder nur in voller Ignoranz des Körpers gelesen werden. Das ist nun mal nicht die Welt des Denkens, es bedarf einer Praxis, die alle Aspekte des Menschen – Gedanke, Gefühl, Körper – wieder ins natürliche Zusammenspiel bringt. Für mich ist das ZEN-Yoga, für dich kann es etwas anderes sein, Hauptsache, es gelingt, dran zu bleiben, damit die Wirkungen sich auch entfalten können.

Claudia Klinger, 30.10.2002

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Claudia am 30. Oktober 2002 — Kommentare deaktiviert für Freiwilligenarbeit mit Alten: Nicht so!

Freiwilligenarbeit mit Alten: Nicht so!

Die Freiwilligen-Arbeit mit alten Menschen hab‘ ich jetzt erstmal unterbrochen. Der „Verein der Freude alter Menschen“ hat mir einen guten Einblick gegeben und auch Kontakte zu alten ermöglicht: mehrere Wochen war ich im Telefondienst, plauderte immer montags mit den verschiedensten Alten, von der lustigen Grunewald-Wittwe, die sich vor Terminen kaum retten kann, bis hin zur völlig vereinsamten 89-Jährigen Sterbenden, die ich dann auch im Krankenhaus besuchte. Weiter → (Freiwilligenarbeit mit Alten: Nicht so!)

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