Claudia am 24. Juli 2004 — 7 Kommentare

Fünfzig

Gestern also mein Geburtstag, wie immer ohne „besondere Aktivitäten“ – im Gegenteil, ich blieb den ganzen Tag allein, hatte nicht viel zu tun, und konnte es mir so richtig gut gehen lassen. FÜNFZIG – beeindruckt mich das? Höchstens im Sinne eines kleinen Staunens: was die nur alle haben, die sich so vor den runden Geburtstagen fürchten!?

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Claudia am 16. Juli 2004 — Kommentare deaktiviert für Zärtliche Entsagung

Zärtliche Entsagung

Vor über 15 Jahren lernte ich meinen „liebsten Freund“ kennen. Diesen Titel hab ich schon bald für ihn erfunden, weil er – genau wie unsere Beziehung – in keine Schublade passte.
Wir waren (und sind) kein Paar, aber auch nicht nur Freunde, vielleicht so etwas wie „Wahlverwandte“, aber das passt auch nicht so recht. Klingt viel zu leidenschaftslos,
zu cool.

Leidenschaft? Das übliche „Entbrennen zwischen Mann und Frau“ war es nicht – davon hatte ich gerade genug, als ich mich eines Abends neben ihn setzte. Hochwichtige konfliktreiche Beziehungen lagen hinter mir, eine nach der anderen, seit den Teeny-Jahren. Liebe als Kampf um das Sagen, endlose Streitigkeiten, euphorische und deprimierte Phasen, Liebe, die in Hass umschlägt, innere Leere und Verzweiflung, immer wieder Hoffnung und Enttäuschung, selten eine „Hoch-Zeit“ – halt all das Schöne und Schreckliche, das den gewöhnlichen Geschlechterkrieg ausmacht, zumindest in der ersten Lebenshälfte.

Dann saß ich neben ihm, Abend für Abend. Wir plauderten, philosophierten über Gott und die Welt – ich bewunderte ihn, aber ich verstand ihn nicht. Und gerade das faszinierte mich. Er war mir ein Rätsel.

Ein Mensch, der nichts will und nichts vorhat – gibt es das? Sollte ich das glauben? Dass er von mir nichts wollte, war spürbar, und doch hatte ich den Eindruck, dass er zumindest unsere Gespräche mochte. Sonst saß er immer alleine an einem kleinen Tisch, ein Glas Wein vor sich, und schaute so vom „Rand des Geschehens“ auf all das Getriebe, das in einer
Berliner Kiez-Kneipe die Menschen umtreibt. Unberührt, ohne Verlangen, ganz zufrieden mit dieser Art Rand-Existenz.

Seine Eltern waren früh gestoben und das Erbe versetzte ihn in die Lage, den Verstrickungen aus dem Weg zu gehen, die ein Arbeitsleben mit sich bringt. Er lebte von seinem Bankkonto, kaufte gern mal den Rosenverkäufern den ganzen Strauß ab, spendete Geld, wenn jemand ihn darauf ansprach, aber ansonsten war es ihm egal. Er machte sich auch nie Gedanken, wie er es erhalten oder gar mehren könnte – ich konnte nur den Kopf schütteln über soviel weltfremde
Naivität und Sorglosigkeit. Meine größte Sorge war, er könnte denken, ich sei hinter seinem Geld her – dabei liebte ich ihn doch nur.

Er war mir wie eine kühle Quelle nach einem langen anstrengenden Marsch durch glühende Wüsten und Steppen. Bei ihm konnte ich „einfach da sein“, ohne befürchten zu müssen, von ihm be- oder verurteilt zu werden. Er verlangte nichts, begehrte nichts, allenfalls musste ich aufpassen, ihn nicht durch allzu vieles Reden, durch heftige Emotionen und mein gesamtes damaliges Engagement in 10.000 Dingen und zig Projekten zuzutexten. Ich lernte, auf mein Gegenüber zu achten, lernte zuhören und auch mal zu schweigen. Zusammensitzen und den Rest der Welt beobachten – nie hätte ich gedacht, dass das so angenehm sein könnte!

Ich versuchte mit aller Kraft, das Rätsel zu lösen. Ich forschte, fragte ihn aus, scannte sozusagen sein gesamtes Leben, Denken und Fühlen, immer auf der Suche nach etwas, das er vielleicht doch ersehnte, wenn auch ganz im Geheimen. Aber da war nichts, allenfalls eine leise Melancholie, die ihn umgab wie ein ganz besonderer Blumenduft. Betörend – aber weit weg von der Art Leidenschaft, Liebe und Sex, wie ich sie kennen gelernt hatte. All das war viel zu grob für ihn, zu drastisch, zu handfest und folgenreich. „Wenn man drüber reden muss, ist es eh schon zu spät“ – solche und ähnliche Sätze sagte er oft. Mich trafen sie wie ein eisiger Hauch, denn ich glaubte noch an das Machbare, an den Sinn des Sich-Anstrengens und daran, dass es immer eine Lösung gibt, die allen Seiten gerecht wird. Er dagegen verzichtete von vorneherein, erwartete von sämtlichen „Realisierungen“ nichts Gutes, jede Verwirklichung möglicher Wünsche war ihm nur Weg in die Entzauberung, lieber blieb er am Rand und schaute zu. Ein Blickwechsel unter Fremden – davon konnte er richtig schwärmen. In der Fremdheit läge die größte Wahrheit, sagte er, und alles, was danach komme, alles Bemühen, das Fremde zum Bekannten zu machen, führe in Verstrickung und Leid.

Er hat mich verändert, ohne jedes Wollen mehr beeinflusst als irgendjemand bis dahin. Was er sagte und wie er lebte erschreckte mich, zog mir den gewohnten Boden unter den Füßen weg. Und doch klebte ich an ihm wie eine Klette, hatte ja so sehr die Nase voll von meinem gesamten Wollen und Machen, meinen Engagements, meinen vielen Kämpfchen um dies und das, von all diesen kräftezehrenden, Herz-verletzenden, gierigen und rücksichtlosen Zwischenmenschlichkeiten, die als „normal“ gelten. Er war mein Licht in der Finsternis, in der ich mich verirrt hatte, doch es war ein „schwarzes Licht“: die Wärme musste ich mir oft dazu denken; was es erhellte, war kein Weg, sondern die Leere.

Mein liebster Freund – durch ihn hab‘ ich verstanden, was Zärtlichkeit ist. Eine unendlich sanfte Berührung, die nichts will. Nicht formen, nicht besitzen, nichts erreichen, nichts vermeiden, nichts kritisieren, nichts ändern. Ein seltenes Geschenk.

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Claudia am 09. Juli 2004 — Kommentare deaktiviert für Einstürzende Altbauten: meine Liebe zum Mann

Einstürzende Altbauten: meine Liebe zum Mann

Vor etwa sieben Jahren traf ich einen Mann im „richtigen Leben“, der mir über das gemeinsame Thema „Netzliteratur“ per E-Mail zum Freund geworden war. Zwanglos hatte sich ein Besuch ergeben, er bekochte mich ganz wunderbar, wir plauderten, tranken Wein und gingen auch eine Runde spazieren.

Während ich mit ihm so durch die Stadt wanderte, fiel mir auf, dass er stets darauf achtete, links von mir zu gehen. Das ergab sich nicht „von selber“, denn – das bemerkte ich jetzt erst – ich neigte ganz automatisch dazu, selbst links von ihm gehen zu wollen. Bei jeder Kreuzung, an der wir anhielten, vor jedem Schaufenster, in das wir hinein sahen, beim Überqueren einer Straße – überall, wo ein Seitenwechsel beiläufig möglich war, fand ich mich schnell wieder zu seiner Linken. Was er dann jeweils bei nächster Gelegenheit wieder korrigierte.

Ich wunderte mich und fragte ihn, warum er denn immer links von mir gehen wolle. Es war die reine Höflichkeit, wie sich herausstellte, eine alte Benimm-Regel, für ihn ebenso selbstverständlich wie das Aufhalten der Tür für die Frau an seiner Seite.

Natürlich tat ich ihm den Gefallen, lief rechts von ihm, bemerkte aber zu meinem Erstaunen, dass ich mich dabei nicht so recht wohl fühlte. Dieses Empfinden war so subtil, dass es normalerweise gar nicht ins Bewusstsein tritt. Ich fühlte mich unsicher, irgendwie eingeschränkt, unruhig, und zwar ganz unabhängig davon, auf welcher Seite des Gehsteigs ich „rechts von ihm“ zu laufen hatte. (Die Benimm-Regel, in der das Ganze nach seinem Wissen wurzelte, erlaubt nämlich Variationen: der Mann geht immer auf der „Gefahrenseite“, dann ist auch mal „rechts von der Frau“ in Ordnung.)

Solche Dinge hätten mich nur wenige Jahre zuvor allenfalls belustigt, noch früher hätte ich mich darüber aufgeregt: wie kommt bitte irgend jemand dazu, mir als Frau vorschreiben zu wollen, wo und wie ich durch die Straßen zu laufen habe, bloß weil ein Mann an meiner
Seite geht? Die Idee, ich könne mich nicht selber „vor Gefahren schützen“, nicht mal im Straßenverkehr, den ich seit meiner Kindheit ohne Probleme selbständig meistere, kann frau ja wohl nur als patriarchalisch motivierte Anmaßung begreifen!

Glücklicherweise hatte ich sowohl die reflexhafte Ablehnung tradierter Höflichkeitsformen (70ger Jahre!) als auch die grobschlächtige Feministinnen-Brille schon einige Zeit hinter mir gelassen. Mein Freund hatte mich auf etwas aufmerksam gemacht, das mit einem mir unerklärlichen inneren Empfinden korrespondierte und mit solch schlichten Erklärungen nicht abzuhaken war.

Ich schaute also genauer hin, beobachtete mich, wann immer ich mit einem Mann durch die Straßen lief, spürte den Gefühlen nach, und bemerkte nun auch, dass der Mann, mit dem ich zusammenlebte, seinerseits „automatisch“ auf meine rechte Seite strebte und es gar nicht mochte, wenn ich das mal änderte.

Wie eigenartig! Die Verhaltensweisen, die ich da entdeckt hatte, verlaufen üblicherweise gänzlich unbewusst. Niemand denkt darüber nach, es geschieht einfach, und wenn man fragt, weiß der Andere meist selber nicht, warum er die eine oder andere Seite bevorzugt.

Eine Zeit lang beobachtete ich das weiter, wechselte auch mal bewusst die Seite, probierte aus, ob es bei verschiedenen Männern anders war oder immer gleich. Aber egal, wo und mit wem, ich klebte „links von ihm“ und fühlte mich rechts unwohl. Die erste Beobachtung bestätigte sich in jedem Fall.

Stärke zeigen

Was be-deutet mir das? Natürlich dachte ich darüber nach und bildete mir eine Meinung: Ich bin Rechtshänderin, die Rechte ist meine „starke Seite“. Würde ich mich verteidigen müssen, würde ich den rechten Arm schützend vor mich halten, müsste ich gar zuschlagen, käme das erst recht nur „mit Rechts“ in Betracht. Die „Gefahr“, der ich mich unbewusst „stelle“, so folgerte ich, geht nicht vom Straßenverkehr oder draußen vom Walde aus, sondern vom Mann an meiner Seite. Wobei das Wort „Gefahr“ hier aber NICHT hauptsächlich die Gefahr eines Angriffs meint, sondern alles einschließt, was man als „Gefährdung meiner inneren Ruhe“ verstehen kann, zum Beispiel auch „die Gefahr, ihm nicht zu gefallen“.

Der Mann, mit dem ich plaudernd oder schweigend durch die Straßen laufe, ist in diesem Moment das Wichtigste für mich, wichtiger als die Eindrücke aus der Umgebung und wichtiger als mein eigener innerer Monolog. Also fühle ich mich am Besten, wenn ich meine größte Stärke, meine maximale Kompetenz IHM zuwende – das gilt selbst dann, wenn er auf diese oder jene Weise „schwächer“ ist als ich, z.B. weniger „weltmächtig“. Die „Gefahr“, der ich mich mit der rechten Seite zuwende, ist in diesem Fall nicht die eigene innere Unsicherheit, sondern die „Sorge“ um sein Wohlergehen, manchmal auch eine Mischung aus beidem.

Diese kleine Beobachtung beschäftigte mich eine Zeit lang, dann achtete ich nicht weiter darauf. Ich hatte ja nicht vor, durch äußeres Anders-Verhalten irgend etwas zu ändern, das offensichtlich von innen kommt. Warum hätte ich auch etwas ändern sollen? Ich zeigte IHM (= jedem Mann…) meine Stärke und das war doch gut so!

Rechts von IHM

Dass sich im Lauf der folgenden Jahre mein Mit-einem-Mann-Sein drastisch veränderte, bemerkte ich wiederum erst hinterher. Als ich nämlich neben dem geliebten, begehrten und bewunderten „Mann meiner Träume“ durch die Straßen lief: rechts von ihm! Nicht zufällig, sondern weil ich mich dabei wohler fühlte. „Links gehen“ fühlte sich auf einmal gar nicht mehr gut an. Ich hatte nur Augen für ihn, er war im Zentrum meiner Aufmerksamkeit – und doch musste ich ihm deshalb nicht meine aktionsbereite Rechte zuwenden!

Da mir erst mal JEDER Mann, dem ich je intensiv nahe komme, als „Mann meiner Träume“ begegnet, konnte diese Veränderung nicht etwas sein, das speziell von diesem Geliebten gekommen wäre. Eher hatte ich IHN dafür erwählt, es mit ihm zu erleben.

Was? Eine vollständige Öffnung und Hingabe, das Zusammenfallenlassen sämtlicher Mauern, die gegen „den Anderen“, speziell gegen „den Mann“ in meiner Seele standen. Einige Teile dieser inneren Festung waren immer schon da gewesen, andere hatte ich aufgrund schlechter Erfahrungen selbst erbaut. Ein paar äußerst standfeste Abwehranlagen verdankte ich auch der Auseinandersetzung mit Strömungen meiner Zeit, vor allem dem Feminismus. Alles in allem war es eine ordentliche und starke Burg, die mich erfolgreich gegen Verletzungen und allerlei Missbrauch schützte und mir dadurch den nötigen Freiraum gab, aus mir heraus zu leben: zu tun und zu denken, was ICH für richtig hielt, auch wenn ich dem Wort geliebter Männer immer schon größte Bedeutung beimaß.

Mauern, die nicht mehr benötigt und deshalb nicht mehr ausgebessert werden, beginnen zu bröckeln. Auf einmal stehen da nur noch Ruinen herum, deren Überreste der freien Bewegung im Wege sind, fertig zum Abräumen. Wie wunderbar, wenn dann auf einmal ein Frühlingssturm kommt und alles zu Sand zerfallen lässt!

Jetzt erst war ich wirklich frei: nicht mehr bestimmt von den Lasten der Vergangenheit und vom Manipulieren-Wollen der Zukunft, frei von Ideologien und dem, was „man so tut“, ganz allein mit mir selbst und meinem geliebten Gegenüber.

Seither kann ich das leben, was ich immer schon suchte, ohne es zu erkennen: Mich der Liebe hingeben, dem Verlangen nach Verschmelzung und Vereinigung folgen, indem ich „mich“ beiseite lasse; das nörgelnde, Bedenken-tragende, abrenzungsgeile und kontroll-süchtige „Ich“, das mich vom Anderen (von ALLEM!) trennt, zumindest in der Zweisamkeit mit dem Geliebten in den verdienten Urlaub entlassen – wie wunderbar! SEIN Wohlbefinden ist mir oberster Wert (weil mir MEINS kein Problem mehr ist), und auf einmal ist es ein freudiges Abenteuer, seiner Lust zu dienen. Der Krieg der Geschlechter ist für mich zu Ende, ich erkläre dem Mann den Frieden und erhalte ohne konkretes Wollen weit mehr zurück, als ich je als erfolgreiche Kämpferin bei einem Mann erreichen konnte.

Heute gehe ich „rechts vom Mann“, und zwar nicht nur rechts vom „einen Geliebten“. Denn es wäre ein Irrtum, zu meinen, dass ER, der jeweils Meistgeliebte, derjenige sei, der hier als Märchenprinz ein Dornröschen wachgeküsst hätte und nun weiter wach halten müsste. Mein inneres Sein hängt nicht von ihm ab. In Wahrheit gebe ich mich ja nicht IHM hin, jedenfalls nicht der vordergründigen Persönlichkeit, die er im Leben ist; sondern ich benutze ihn nur als „Stellvertreter des Göttlichen“, mit dessen Hilfe ich mich vergessen und ekstatisch im Alles-Was-Ist auflösen kann. Damit werden ALLE Männer zu solch potenziellen „Stellvertretern“ – ich begegne ihnen mit selbstverständlicher Liebe und Ehrerbietung, selbst wenn sich zwischen unseren Persönlichkeiten „nichts Besonderes“ abspielt. (Das bedeutet NICHT, dass ich „immer lieb“ bin!)

WER ist der Geliebte?

Im Blick auf die Vergangenheit und alle früheren Beziehungen erkenne ich heute, dass ich die ganze Zeit im jeweils gewählten Mann das suchte, was ich mir gleichzeitig selbst verbaute: vordergründig wollte ich, dass mir der Mann zu Füßen liegt, in Wahrheit suchte ich einen, vor dem ich endlich den Kopf neigen, bei dem ich den Verstand abgeben könnte – tat aber alles, um genau das unmöglich zu machen.

Männer beklagen oft, dass Frauen ihre Partner nach Kriterien von Macht und Status auswählen. Mir erschien dies lange nur als die Entsprechung zum männlichen Verlangen nach einer Frau mit Sanduhr-Figur: schmale Taille, große Brüste und ein ausladendes Becken signalisieren Fruchtbarkeit – ein gut gefülltes Bankkonto und weltliche Macht sind die dem entsprechenden „Nestbau-Werte“. (Kein Grund also, sich gegenseitig zu verurteilen!)

Das sehe ich immer noch so, doch hat jedes Verhalten auf mehreren, also auch auf „höheren“ Ebenen Bedeutung. Jenseits rein biologischer Fortpflanzungsbedingungen gibt es immer auch psychische und spirituelle Bedürfnisse, die die Wahl des Geliebten mitbestimmen. Um mich im oben erläuterten Sinne selbst aufgeben zu können, muss ER von vornherein MEHR sein als ich: sicherer, selbstbewusster, souverän, mit sich selbst im Reinen in allen Aspekten, die fürs erotische Miteinander von Bedeutung sind. Jemand, der sich in seinem Verlangen selbst ein Problem ist, dessen Selbstzweifel und Selbsthass ich spüre, dem kann ich mich nicht öffnen und hingeben. Allenfalls kann ich da ein bisschen Mutter Theresa spielen, wenn ich ihn mag. Das aber hab‘ ich persönlich aufgegeben, es macht keine Freude und hilft IHM auch nicht. Genau wie ich es erlebte, muss auch er, muss jeder Mann sich selbst befreien, ganz alleine. Was nicht heißt, dass ich wüsste, was mann dazu tun könnte.

Ich hab‘ ja auch nichts „getan“. Es hat sich einfach ereignet, als ich bereit war, zu allem JA zu sagen, was ich gegenüber dem begehrten Mann empfinde, in meinen Träumen UND in der Wirklichkeit. Seither lebe ich in erotischer Hinsicht im Paradies.

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Claudia am 22. Juni 2004 — Kommentare deaktiviert für Sich verstehen – und dann?

Sich verstehen – und dann?

Oft wundere ich mich, wie empfindlich Menschen auf das reagieren, was ein Anderer ihnen schreibt – zum Beispiel auf einem Webboard oder in privater Email. Schon 1996, als ich eine große Mailingliste zum Thema „Webkultur“ moderierte, war ich hauptsächlich damit beschäftigt, die „Stimmung zu balancieren“: alles mitlesen, bemerken, wenn sich jemand auf den Schlips getreten fühlt, selber provoziert, nur noch Albernheiten oder gar Feindseliges postet – und eingreifen, die Wogen glätten, Klarheit und Freundlichkeit verbreiten, soweit eben möglich. Tat ich es nicht, konnte ich zusehen, wie schnell die negativen Gefühle überhand nahmen, und als Listenveranstalterin bekam ich dann auch gleich die Austritte mit, die sich zu solchen Gelegenheiten häuften. Weiter → (Sich verstehen – und dann?)

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Claudia am 14. Juni 2004 — Kommentare deaktiviert für Über Sein und Sollen

Über Sein und Sollen

Braucht es eigentlich eine „Lizenz zum Dasein“? Muss mir erst jemand erlauben, SO zu sein, wie ich gerade bin? Habe ich die Pflicht, mich dafür zu rechtfertigen? Muss ich gar Gründe und Ursachen benennen, wissenschaftliche Forschungen heran ziehen, mein Denken, Fühlen und Verhalten stets mit dem Denken und Meinen anderer abgleichen? Zwingt mich irgend etwas dazu, heute genauso zu sein wie gestern oder vorige Woche? Muss ich „logisch nachvollziehbar“ bzw. „vernünftig“ sein? Oder gar politisch korrekt? Weiter → (Über Sein und Sollen)

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Claudia am 11. Juni 2004 — Kommentare deaktiviert für Fordern ist Fördern: Dem Schmerz begegnen

Fordern ist Fördern: Dem Schmerz begegnen

Gestern bin ich also wieder losgelaufen. Zweiter Versuch, vom „zügigen Gehen“ über korrektes Walken nun endlich mal ins Joggen zu kommen. Ich HASSE Joggen, immer schon. Nirgends schien mir der Spruch „Sport ist Mord“ so gut zu passen wie zu den verzerrten Gesichtern der Leidenden, die mir auf meinen Spaziergängen in immer größerer Zahl begegnen. Warum tun sie sich das nur an? Selten nur sehe ich einen Läufer, der harmonisch in der Bewegung aufgeht. Die meisten schleppen sich eher dahin, schwitzend und verbissen vor sich auf den Boden starrend – ein Elend!

Dachte ich mir so, ganze Jahrzehnte lang. Doch genau wie der Feige sich abfällig über jegliches Hervortreten aus der Masse äußert und mutige Taten zynisch belächelt, speiste sich meine Ablehnung aus eigenem Unvermögen. Alle paar Jahre hatte ich es mal ausprobiert und immer war ich kläglich gescheitert. Keine 300 Meter konnte ich laufen! Binnen kürzester Zeit geriet ich völlig außer Atem, der ganze Körper ein einziger Schmerz, das Herz raste und mit hochrotem Kopf gab ich entnervt auf. Brauchte dann zehn Minuten, um mich von diesem „Wahnsinn“ wieder zu erholen. Ob mit zwölf, zwanzig, dreißig oder vierzig Jahren: Joggen war und blieb mein sportlicher Mega-Flop, die beste Methode, mich als Totalversagerin zu erleben – und wer mag das schon?

Mal gucken…

Jetzt also, mit fast fünfzig, ein neuer Versuch. Mittlerweile bin ich belehrt, dass Joggen für sportliche Anfänger nicht das Richtige ist. Ein bisschen Fitness sollte schon sein, damit der Kraftaufwand, um die Füße im Laufschritt vom Boden abzuheben, für kurze Zeit geleistet werden kann ohne in das verhasste Gefühl „gleich sterbe ich“ zu verfallen. Das lässt hoffen, denn mittlerweile bin ich fitter denn je. Die vielen Spaziergänge, die sonntäglichen Wanderungen und das in letzter Zeit wieder forcierte Training im Center sind nicht spurlos an mir vorüber gegangen. Locker steige ich mehrmals am Tag die drei Treppen zu meiner Wohnung hoch, ignoriere auch mal die U-Bahn und gehe zu Fuß den Weg nach Kreuzberg: Bewegung fühlt sich gut an!

Ein lieber Freund, der sichtlich nicht „gut zu Fuß“ ist und auch für kleine Strecken lieber ein Taxi ruft, gab mir den letzten Anstoß, dem Joggen mal wieder eine Chance zu geben. Er läuft seit Jahren täglich eine halbe Stunde und schwärmte mir vor, wie schnell sich sein Empfinden von „ätzend“ zu „ekstatisch“ gewandelt habe – ja, er wäre eine Zeit lang geradezu süchtig danach gewesen! Da er immer kräftig, fröhlich und voller Energie ist, wenn ich ihn treffe, kann ich ihm das glauben, auch ohne dass er meine Freude am „zügigen Gehen“ teilt.

Süchtig auf Joggen? Das hab‘ ich schon öfter gehört, immer ein bisschen neidisch, denn selber neige ich zu deutlich weniger gesunden Suchtmitteln. Die Hürde vom Leiden zur Lust erschien jedoch unüberwindlich, bisher jedenfalls.

Letzten Samstag lief ich dann los. Bloß nicht nachdenken, einfach machen! Rechts raus aus der Haustür, den Rudolfplatz entlang, vorbei am Tante-Emma-Laden bis zur nächsten Kreuzung, wo ich schon gleich von der roten Ampel gestoppt wurde – BEVOR ich außer Atem gekommen war! Also weiter. In langsamem Laufschritt schaffte ich es noch zwei Häuserblöcke weiter, dann begann das eklige Gefühl, nicht mehr genug Luft zu bekommen. Anstatt das auszuhalten bis an unerträgliche Grenzen, verfiel ich ins Walken, erholte mich dabei ein wenig, bis ich mich wieder fähig fühlte, erneut eine Strecke zu versuchen: vielleicht bis zur nächsten Ampel da vorne???

An diesem Tag lief ich so ohne Pause einmal rund um die Halbinsel Stralau. Meistens walkend, doch immer mal wieder eine kurze Strecke im Laufschritt. Mehrfach geriet ich ins Schwitzen, was sich sogar angenehm anfühlte – als Sauna-Gängerin hab‘ ich nichts gegen Schwitzen, erlebe es nicht mehr als Anzeichen des nahenden Kreislaufkollapses, wie früher.

Und dann das große Wunder: die jeweils ersten Momente der „Laufphasen“ empfand ich tatsächlich nicht mehr als extreme Anstrengung. Kurzzeitig fühlte es sich sogar richtig gut an! Doch schon gleich wurde es mühsamer, gerade noch ohne inneres Jammern und Schimpfen leistbar, solange ich mich weiterhin auf einen ruhigen Atem konzentrierte. Komm, noch bis da vorne hin! Auf den letzten paar Metern der insgesamt lächerlich kurzen Strecke erreichte ich dann das Reich des Leidens, das mich bisher von allem derartigen Tun so erfolgreich abgeschreckt hatte. Die Beine wogen plötzlich fünfmal soviel, wenn ich sie noch vom Boden abheben wollte, Füße, Waden, Schenkel und Schienbeine schmerzten – und dieser (für sich allein betrachtet gar nicht so furchtbar schlimme) Schmerz breitete sich von innen her über den ganzen Körper aus – bis in die Arme, in den Kopf, ins Herz. Ich hörte auf zu laufen, fiel schwer atmend zurück ins Walken. Intuitiv merkte ich, dass es wichtig ist, nicht zu STOPPEN, wie ich es früher immer tat, wenn es unerträglich wurde. Einfach weiter gehen, erleben, dass es geht, dass die Schmerzen gleich wieder verschwinden und ich es dann einfach noch mal versuchen kann.

Energie!

AnglerStralau ist eine wunderbare Lauflandschaft, grad mal zehn Minuten vom Rudolfplatz. Eine in die Spree hinein ragende Halbinsel fast ohne Autoverkehr. Interessante Fabrikruinen und architektonisch reizvolle Neubauten, Wanderwege am Wasser entlang, viel Grün, alte Bäume, blühende Gärten und Wiesen, noch brachliegende, wild überwucherte Grundstücke, die auf den Investor warten und ein idyllischer Friedhof. Zum Glück kein richtiger Park, denn der wäre in dieser zentralen Lage gleich überlaufen und zu Tode genutzt, wie praktisch alle Parks inmitten von Berlin. Hier aber bin ich jedes Mal fast alleine, genieße den frischen Duft, den Blick auf den Fluss, an dem hier und da ein paar Angler ihre Ruten ins Wasser hängen lassen. Was für eine Idylle!

Nach einer guten Stunde war ich wieder zuhause, aufs Angenehmste erschöpft. Ich spürte jede einzelne Faser meines Körpers, ruhte mich im Liegen aus und fasste den Entschluss, das jetzt öfter zu machen. Später dann, im weiteren Verlauf des Samstags, fühlte ich mich noch einige Stunden wie auf Wolken, leichter als sonst, voller Energie und Kraft. Ich staunte, denn es unterschied sich deutlich vom – auch angenehmen – Empfinden nach einem „zügigen Spaziergang“, war weit intensiver, lustvoller, deutlich länger anhaltend.

An die Grenzen gehen

Wie es so geht mit spontanen Beschlüssen, dauerte es dann doch ein paar Tage bis zum nächsten Lauf. Gestern Mittag erst sah mich Stralau wieder. Erneut lief ich kurzzeitig in den Bereich des schier Unerträglichen hinein – aber nur für ein paar Momente, so für ein kurzes Sightseeing: Was ist hier eigentlich los? Was IST das Unerträgliche, mal genau hingesehen? Seltsamerweise erwies sich keine einzige Körperempfindung, wenn ich sie isoliert betrachtete, als extrem schmerzhaft. Also ist es wohl die Psyche, die das Geschehen insgesamt von alters her derart negativ bewertet, dass aus lauter an sich erträglichen Einzelempfindungen ein kaum auszuhaltender Gesamteindruck entsteht.

Es erinnerte mich an das, was ich neuerdings im Fitness-Center erlebe, seit ich auch dort an die Grenzen meiner Kraft gehe. Den letzten Satz an jedem Gerät übe ich jeweils mit einem Gewicht, das mir gerade noch sechs bis acht Wiederholungen erlaubt – und dann ist Schluss, nichts geht mehr! Auch da erreiche ich für ein paar Momente diesen Bereich des vermeintlich Unerträglichen. Eine innere Stimme schreit dann alarmiert „sofort aufhören!“ – aber wenn man genau hinguckt, was eigentlich das Schreckliche ist, findet sich nichts Konkretes. Der Muskel weiß von ganz alleine, wann Schluss ist, und wenn ich die Bewegungen sorgfältig, ruhig und korrekt durchführe, bis es nicht mehr geht, gibt es nichts zu fürchten.

Doch auch hier derselbe spektakuläre Unterschied wie beim Laufen im Vergleich zum Walken! Eine Übungsphase, in der ich diesen zunächst beängstigenden „Schmerzbereich“ betrete, hat gänzlich andere Nachwirkungen als eine, in der ich nur mit locker handhabbaren Gewichten ein bisschen herumturne. Gleich danach spüre ich das Blut in jede Muskelfaser einschießen, ich atme besser, bin wunderbar entspannt und ein Gefühl der Euphorie breitet sich aus, das noch am nächsten mit dem Empfinden nach einem Orgasmus vergleichbar ist.

Und all das hab ich ein halbes Jahrhundert gemieden als drohe die Pest! Schon zu Zeiten meiner Kinderbande war ich die Kleinste, Jüngste und Schwächste, konnte körperlich mit den Anderen nicht mithalten und wurde dafür gehänselt und gedemütigt. In der Schule ging es dann genauso weiter. Mich wählte man als eine der letzten aus, wenn Mannschaften aufgestellt wurden, und manchmal zog ich es vor, absichtlich hinzufallen und mir das Knie aufzuschürfen, anstatt dieses ganze Herumgehetze weiter zu ertragen.
Schwimmen hatte mir anfangs noch gefallen, mein Vater nahm mich immer Samstags mit ins Hallenbad. Die ersten paar Male war es ein wunderbares Abenteuer – bis er mich seinen Kollegen „vorführen“ wollte, zeigen, was seine Tochter alles schon kann. Auf einmal MUSSTE ich vom Ein-Meter-Brett springen – oder vom Rand des Beckens einen Kopfsprung wagen, zu dem er mich zwang, indem er mir die Beine nach hinten wegzog. Prompt landete ich mit einem schmerzhaften Bauchplatscher auf der harten Wasseroberfläche und hatte fortan auch vom Schwimmen die Nase voll. Wie blöde Eltern doch sein können – und wie idiotisch ein Turnunterricht, der allein auf Wettbewerb setzt!

Wachsen oder verkümmern

Als ich dann gestern unter einem riesigen alten Weidenbaum eine Pause einlegte, ging mir all das durch den Kopf. Vielleicht, weil auch die kleinen grauen Zellen außergewöhnlich gut durchblutet waren, erlebte ich eine ganze Reihe kleiner Erleuchtungen. Nicht nur im Sport hatte ich mein Leben lang das „Reich des Schmerzes“ gemieden, sondern eigentlich auf jedem Gebiet: Solange ich nicht von außen zu neuen, vielleicht anstrengenden oder sonstwie unangenehm wirkenden Aktivitäten motiviert werde, ziehe ich das bequeme „Weiter so!“ vor. Bewege mich auf ausgetretenen Pfaden, gehe der Angst und dem Unbekannten lieber aus dem Weg. Eine Herausforderung einfach annehmen, weil sie da ist, wäre mir nie in den Sinn gekommen! Allenfalls Zwang, Ehrgeiz, oder das Ziel, durch Anstrengung und Wagnis einem größeren Übel auszuweichen, konnte mich in Bewegung versetzen. Mutig etwas tun, wovor sich Andere scheuen – ich hab‘ es allermeist nicht um meiner selbst willen getan, sondern immer, um dadurch meinen Status zu heben, um in einer Gruppe etwas zu gelten, um zu gefallen. Augen zu und durch – aber niemals: Augen auf und vorsichtig mitten hinein! Mal sehen, was da ist…

Auf einmal ist mir klar, wie man im schlechten Sinne altert. Im Lauf des Lebens wächst die Klugheit und Weltgewandtheit: man lernt, die eigenen Fähigkeiten ökonomisch einzusetzen und mit ganz gut erträglichem Einsatz ein halbwegs gemütliches Leben zu fristen. Wo man als junger Mensch noch 1000 Ängste spürt und sich überwinden muss, um zu wachsen, um einen eigenen Platz in der Welt zu finden, herrscht bald schon unaufgeregte Routine. Alles im grünen Bereich, den Spruch hör ich zur Zeit oft.

Aber das Leben ist dynamisch: wo kein Mehr-wollen und Neues-Wagen mehr geschieht, wo keine Bereitschaft mehr besteht, der Angst und dem Schmerz zu begegnen, beginnt ein subtiler Schrumpfungsprozess. Ein guter Musiker, der nicht ständig übt, verliert schon binnen weniger Tage einen Teil seiner Fähigkeiten. Das ist nicht „natürliches Altern“, sondern faules, freiwilliges Verkümmern.

Deshalb sehen die Alten in den noch naturnäheren Kulturen oft so viel besser aus, sind beweglich und fröhlich, arbeiten noch auf den Feldern mit und haben auch etwas zu sagen. Sie können sich den Herausforderungen der täglichen Mühsal nicht entziehen, sich körperlich und psychisch frühzeitig auf Bürostuhl und Bäderliege absetzen, um chronische Krankheiten und miese Launen zu entwickeln. So bleiben sie in Übung, bleiben auch als Alte in vieler Hinsicht jung.

Wir haben es „besser“. Auch ich wünsche mich nicht zurück ins vorindustrielle Zeitalter, bewahre – es ist gut, dass wir mehr denn je die Wahl haben, ob und in welcher Richtung wir uns anstrengen: beim Joggen, am Trainingsgerät, beim Yoga, Wandern oder Bergsteigen. Auf der körperlichen Ebene ist es jedenfalls am einfachsten, den Zusammenhang zwischen Anstrengung, Angst und Schmerz einerseits, Entspannung, Wohlbefinden und Lust andrerseits zu erleben.

Komisch, dass ich solange brauchte, um es zu bemerken. Und vielleicht daraus zu lernen.

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Claudia am 07. Juni 2004 — Kommentare deaktiviert für Vom Buchstabenglück

Vom Buchstabenglück

Schreiben heißt, ganz nah bei mir zu sein.

Jetzt steht er da, dieser Satz. Zwar ist er nicht in Stein gemeißelt, hört sich aber so an. Und gleich fühlt sich das Denken provoziert und rattert Kommentare herunter: Stimmt nicht, wenn du über Berlin oder HTML schreibst, bist du nicht bei dir. Und wenn dir nichts einfällt, wo bist du dann? Und überhaupt, was soll der Scheiß? Wer bitte ist hier bei wem? Woher fällt etwas ein – und wohin fällt es dann? Weiter → (Vom Buchstabenglück)

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Claudia am 03. Juni 2004 — Kommentare deaktiviert für Kein „Ruck“ – aber die Blockade zerbröselt

Kein „Ruck“ – aber die Blockade zerbröselt

Über Geld spricht man nicht – woher stammt eigentlich diese seltsame Volksweisheit, die selbst im Jahre 2004 noch immer jedem einfällt, wenn man es doch einmal tut? Eine Teilnehmerin in einer Frauenliste fand es sehr problematisch, dass ich so „offenherzig“ über meine Situation schreibe wie im letzten Diary-Artikel. Sie sei Kauffrau und würde nun ganz gewiss erst länger recherchieren, bevor sie mir einen Auftrag gibt, und dann versuchen, die Preise zu drücken. Das war aber auch schon die einzige negative Resonanz! Ansonsten konnte ich mich über allerlei Zuspruch und Ermunterung, konkrete Ideen und Angebote freuen – bis hin zu einer hilfreichen Spende. 1000 Dank!

Dass ich sogar das Kühe-Hüten in Betracht zog, brachte mir eine Anfrage, ob ich mich nicht um eine offene Stelle in einer Bergbauern-Initiative bewerben möchte. Und eine ehemalige Bauernmagd setzte mir auseinander, dass der Sennerinnen-Job ein Knochenjob sei – man „hütet“ ja nicht nur, sondern muss auch melken und Käse machen. Dafür gibt’s zwar in der Schweiz 100 Euro/Tag, aber man schafft es körperlich nur bis ungefähr 30. Naja, so ganz ernsthaft war ich in Sachen „Kühe hüten“ ja nun doch nicht…

Besser gefällt mir die Idee, „problematische Immobilien“ für Menschen zu verkaufen, die keine Lust auf Makler haben. Das ist mir schon mal im Leben zugestoßen und war eine interessante Erfahrung in einem Metier, das mir doch ziemlich fremd ist. Mit dem Honorar konnte ich dann eine Stadtteilkneipe eröffnen, die mir auch eher „zuflog“, als dass ich mich drum gerissen hätte. Gern würde ich auch hochpreisige Liebhaberobjekte im Web präsentieren – hier in der Nähe gibt’s so ein Gebiet mit interessanten Neubauten, darunter einige, die offensichtlich bisher keine Käufer oder Mieter fanden. Wenn ich mal ausrecherchiere, wie die im Web angeboten werden, treffe ich nur auf langweiligst gestaltete Datenbanken mit ein paar Angaben und je einem winzigen Bild. Muss das so bleiben?

Motivationskrise

Ach ja, es gibt viele Möglichkeiten – auch solche, die ein bisschen näher dran sind an meiner bisherigen Arbeit. Es ist ja nicht so, dass ich in den letzten Wochen schwer gewirbelt hätte, um bestimmte Angebote an den Mann bzw. die Frau zu bringen, eher war ich außerstande, meine „To-Do-List“ mit all den Ideen wirklich abzuarbeiten. Eine Art Motivationskrise, in der es absolut nichts gebracht hat, endlos über Möglichkeiten und Ursachen zu grübeln. Trotz aller Sorgen vergingen die Tage, ohne dass ich „effizienter“ wurde. Erst das immer neue Scheitern am Versuch, mich erfolgreich anzutreiben, führte zu einem inneren Loslassen. Ein paar Tage tat ich wirklich NICHTS – und zu meinem Erstaunen hab‘ ich auf einmal wieder Lust!

An den äußeren Bedingungen, z.B. am mittlerweile grundstürzend gewandelten Internet, ändert das zwar nichts – wohl aber kann ich mit Freude an der Sache wieder kreativ auf geänderte Bedingungen antworten (toi toi toi!). Einfach „irgendwas machen“, ohne einen Funken von Begeisterung, das konnte ich auch vor den Zeiten der Netze nicht. Hab‘ es ausprobiert, schon gleich nach dem Abitur und als Studentin. In den Semesterferien-Jobs lernte ich viele Unternehmen und Behörden von innen kennen und kämpfte ständig mit dem Einschlafen. Damals herrschten in Sachen Arbeit noch paradiesische Zeiten („Kommen Sie zu uns, Sie können gleich mit BAT 2A anfangen, wenn Sie Ihren Abschluss haben“), aber in so einer Behörde anzuheuern, erschien mir nur als lebendiges Begraben-Sein.

So ist es halt ein Patchwork-Lebenslauf geworden und keine Beamtenlaufbahn, wie mein Vater es sich gewünscht hätte. Die letzten acht Jahre – also die Netz-Zeit – waren verdammt spannend und abwechslungsreich. Ich bin gespannt, wie es weiter geht!

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