Claudia am 27. September 2005 — Kommentare deaktiviert für Familie verpasst

Familie verpasst

Eine kleine Meditation über Kinderlosigkeit

Seine drei Kinder sind jetzt sieben, elf und 18. Bernd – fast genauso alt wie ich – erzählt beiläufig, dass sie die große, zusammengelegte Altbauwohnung nun auf dem Papier wieder trennen werden, damit die Älteste als Haushaltsvorstand einer eigenen Bleibe Hartz4 beantragen kann. Sein Einkommen reicht nicht mehr für alle, die gut bezahlten Manager-Jobs sind Vergangenheit, das Angesparte ist lange aufgebraucht. Für sich alleine zu sorgen, wäre trotzdem kein Problem, sagt er, aber eine fünfköpfige Familie braucht mehr, viel mehr.

Ich bewundere Bernd. Niemals jammert er über seine „familiären Lasten“, nicht einmal unterschwellig. Ein bisschen mehr staatliche Unterstützung könnte sein, das ja, aber ansonsten sind ihm seine Kinder trotz gelegentlicher Schwierigkeiten eine frei gewählte, ungebrochene Freude. Voller Energie und meist bei bester Laune arbeitet er täglich zehn Stunden und mehr an seiner neuen Freiberuflerexistenz. Was er von seinen Kids erzählt, zeigt, dass er nicht etwa der immer abwesende Vater ist, der sich um nichts kümmert und die ganze Erziehungsarbeit seiner Frau überlässt. Wie schafft er das bloß alles – und über so viele Jahre?

Familie – nein danke!

Das hätte ich auch haben können, denk‘ ich mir manchmal. Bernds Frau ist mir vom Typ her ähnlich, sie ist auch tatsächlich „die Frau nach mir“, die Frau, die er geheiratet hat, nachdem sich unsere Wege vor 23 Jahren trennten. Ich wurde Hausbesetzerin, Mieteraktivistin, grün-alternative Polit-Funktionärin, er machte Karriere und gründete Familie.

Dass ich nicht seine Frau und Mutter dreier Kinder geworden bin, war nicht zufälliges Schicksal. Auch der „Mann nach Bernd“, ein cholerischer Individualist, dem ich weder Kinderwunsch noch Vater-Qualitäten zugetraut hätte, zeugte später noch einen Sohn – und ebenfalls mit einer Frau, die mir nicht ganz unähnlich war. Es lag allein an mir: ich wollte nicht heiraten und gebunden sein, wollte keine Kinder, die meinen Bewegungsspielraum einengen würden. Allein schon der Gedanke, schwanger zu sein, konnte mich in Panik versetzen, doch wurde ich tatsächlich niemals schwanger, trotz lebenslänglich nachlässiger Verhütungspraxis.

Warum war ich so? Der Zeitgeist der 70ger und 80ger Jahre ließ mich glauben, meine Verweigerung sei „ganz normal“, ja, angesagt und revolutionär. Nina Hagen schrie laut und vorwurfsvoll heraus, was viele dachten:

Warum soll ich meine Pflicht als Frau erfüllen?
Für wen? Für die? Für dich? Für mich?
Ich hab‘ keine Lust, meine Pflicht zu erfüllen!
Für dich nich‘, für mich nich‘, ich hab‘ keine Pflicht!
….
Marlene hatte andere Pläne.

Simone Beauvoir sagt, Gott bewahr‘!
Und vor den ersten Kinderschreien
muss ich mich erstmal selbst befreien.

Als sie später die Geburt ihrer ersten Tochter Cosima Shiva lustvoll zelebrierte, merkte ich einmal mehr, dass ich dabei war, etwas zu verpassen. Selbstbefreiung ist kein Konzept, das für ein ganzes Leben vorhält, sie bleibt ohne Sinn, wenn nichts dabei heraus kommt. Und Mitte dreißig stand ich inmitten meines ganz persönlichen „Nichts“: eine tiefe Krise zerbröselte meinen ersten Lebensentwurf, den man mit den Worten „aktiv dagegen sein“ hätte beschreiben können. Ich hatte geglaubt, die Welt sehr schnell zum Besseren verändern zu können und mich im Kampf an vielen Fronten zerschlissen. Nun war ich am Ende meiner Kräfte angekommen und musste loslassen, musste mich – nach einer Phase der dringend nötigen Erholung – völlig neu erfinden.

Die neue Sicht der Dinge

Der vorwurfsvolle Tunnelblick ausschließlich auf Missstände ist damals für immer von mir gewichen – unter anderem erkannte ich endlich, dass das Argument, keine Kinder in DIESE BÖSE WELT setzen zu wollen, niemals ehrlich gemeint war. Es ging nicht um die Kinder, sondern immer nur um mich, mein Wohlbefinden, meine persönliche Freiheit, meine Angst vor Bindung und Verantwortung. Dass ich so geworden war, lag auch nicht allein am Zeitgeist, sondern vor allem an ganz persönlichen Familienerfahrungen: die zerrüttete Ehe meiner Eltern, der cholerische und unberechenbare Vater mit seinem Quartalsalkoholismus, die Atmosphäre von Angst und Bedrückung, Einengung und Terror, die meine Kinder- und Jugendjahre überschattete, hatten mir den Gedanken an Familie von Anfang an in schwärzesten Farben gemalt: DAS wollte ich keinesfalls so oder ähnlich noch einmal erleben!

In den folgenden Jahren erfuhr ich einen inneren Frieden wie niemals zuvor. Ich schloss Freundschaft mit mir selbst und mit dem ehemals so verhassten Vater, verzieh ihm alle seine Schandtaten, da ich mittlerweile meine eigenen Abgründe ausreichend kennen gelernt hatte. Einen Rückweg in eine „Normalbiographie“ konnte es für mich jedoch nicht mehr geben: was gewesen war, hatte mich geformt, zu dem gemacht, was ich geworden war – und da ich mich auf einmal jenseits aller inneren Sklaventreiberei („du solltest…“) ohne Urteile sehen und schätzen konnte, nahm ich diese Form dankbar an. Meine Eltern haben getan, was sie konnten, und was dabei heraus gekommen ist, ist gar nicht mal schlecht! Ende der Kritik, Ende der Vorwürfe, Ende der Schuld-Debatten – ich war, spät aber doch noch, erwachsen geworden.

Mein Blick auf Kinder hat sich seitdem deutlich verändert. Ich bewundere den Mut und die Kraft, die Eltern aufbringen und ich sehe auch ihre Freuden, wo ich früher nur ihre Leiden und Beschränkungen erkennen konnte. Den neuen, noch etwas bemüht kinderfreundlicheren Zeitgeist unterstütze ich, wo ich kann – und bin damit einverstanden, als Kinderlose mehr Steuern und andere Abgaben zu bezahlen.

Wunderbare Wesen!

In Gottesgabe, dem kleinen Dorf in Mecklenburg, wo ich zwei Jahre lebte, hatte ich das Glück, neben einem dreijährigen Kind zu wohnen, das meinen Lebensgefährten oft besuchte. Zwar war ich für das kleine Mädchen die böse Hexe, die in ihren Augen um die Aufmerksamkeit ihres Freundes konkurrierte, doch für mich war es eine wundervolle Erfahrung, überhaupt mal ein Kind aus der Nähe zu erleben! Will man „etwas davon haben“ muss man selbst ein Stück weit wieder Kind werden – eine interessante, lustvolle und in mancher Hinsicht lehrreiche Erfahrung, die einen eigenen Artikel wert wäre. Es entzückte, erstaunte und erheiterte mich, mit welch selbstverständlicher Dominanz sie meinen Partner zu beherrschen suchte, wie unverstellt sie ihre Bedürfnisse klar machte und wie heftig ihre emotionalen Reaktionen wurden, wenn etwas nicht nach ihrem Kopf ging. Das war noch echtes, natürliches Leben, nicht das verdruckste, gehemmte und berechnende Verhalten, das für zivilisierte Erwachsene so typisch ist! Auch die Art, wie sie die Welt wahrnahm, bewunderte ich: hoch konzentriert, total wach – dafür muss unsereiner einen einwöchigen Meditationsretreat einlegen, um auch nur annähernd diese Präsenz zu erreichen. Ich verstand plötzlich, was Kinder ihren Eltern geben können, wenn sie dafür offen sind.

Einen echten Kinderwunsch aus einer Liebesbeziehung heraus hatte ich selbst niemals verspürt, und auch jetzt stellte er sich nicht im nachhinein ein, etwa in Form des Bedauerns, etwas sehr Schönes im Leben versäumt zu haben. Meine neue Liebe zu Kindern geht eher einher mit einem verstärkten Gefühl der Dringlichkeit, in diesem Leben mehr zu tun als nur das persönliche Befinden im Bereich des Gemütlichen zu halten. Ich möchte nützlich sein, meine innere und äußere Freiheit und Ungebundenheit, die wesentlich auf Kinderlosigkeit aufgebaut ist, soll auf irgend eine Art und Weise auch Eltern, Kindern und jungen Menschen nützen. Es macht mich glücklich, dass das Internet Kontakte ermöglicht, die im physischen Nahraum, wo die Generationen hübsch getrennt leben, niemals zustande kämen. Meine philosophische Ader und meine angesammelte Lebensweisheit kann ich so gelegentlich jungen Menschen zur Verfügung stellen, die Rat und Orientierung suchen. Das entsteht ganz beiläufig, weil man zu Beginn eines Gesprächs selten vom Alter des Gegenübers weiß, und ist weit authentischer und ehrlicher, als wenn es ein hierarchisches Verhältnis (wie zu Verwandten, Lehrern, Autoritäten…) gäbe. Trotz des Altersunterschieds ist es ein echter Austausch, ein Geben und Nehmen, kein „Rat schlagen“ von oben herab.

Über den Tod hinaus

Vorgestern war ich im Kino und schaute mir den Film „Broken Flowers“ an. Ein alternder Mann, dem gerade wieder eine Frau weglief, die mehr wollte als eine Affäre, erhält einen rosafarbenen Brief ohne Absender und Unterschrift. Darin wird ihm mitgeteilt wird, dass er einen Sohn hat, der jetzt 19 Jahre alt ist und sich vielleicht gerade auf der Suche nach seinem Vater befindet. Im minimalistischen Stil Jim Jarmuschs, der an Aki Kaurismäki erinnert, wird gezeigt, wie der Protagonist, der ansonsten recht desinteressiert aufs eigene, irgendwie bedeutungslose Leben schaut, auf einmal Jungs um die zwanzig ins Auge fasst: das könnte SEIN SOHN sein! Man ahnt, wie es ihn bewegt, obwohl sich seine Mimik kaum verändert.

Es gibt eine Art Kinderwunsch, die ich die männliche nenne, denn sie hat nichts mit der Lebensqualität zu tun, die Kinder ihren Eltern ermöglichen, nichts mit Alltag, Beziehung, Familie, Sicherheit und Nähe. Vielleicht kann ich sie deshalb mitempfinden, weil ich das Bedauern, all das verpasst zu haben, nicht spüre. Wohl aber überkommt mich, selten aber doch, eine gewisse Wehmut, dass meine Gene nicht weiter getragen werden: dass kein neuer Mensch, der die Hälfte seiner Potenziale von MIR mitbekommen hat, meinen Tod überleben und sich vielleicht in alle Zukunft fortpflanzen wird.

So fühlt man erst, wenn man das Ergebnis der eigenen Gen-Ausstattung anzunehmen und zu lieben gelernt hat – für mich war das leider zu spät. Ich tröste mich damit, dass immerhin meine Schwester drei wunderbare Kinder zur Welt gebracht hat, ein bisschen Klinger lebt weiter, ganz physisch. Was mich angeht, muss ich mich halt weiter bemühen, gute Texte zu schreiben, möglichst bis zuletzt, solange ich noch eine Maus bedienen kann. Vielleicht sind ja einige darunter, die mich überleben. Ich arbeite dran.

Dieser Artikel wäre nie geschrieben worden, hätte ihn nicht ein Diary-Leser unterstützt und sein Wunschthema „verpasste Familienplanung“ vorgegeben. Zunächst zweifelte ich, ob das so funktionieren kann, jetzt freue ich mich, mich diesem „Schreibimpuls“ ausgesetzt zu haben! Herzlichen Dank, es hat mich wirklich inspiriert!

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Claudia am 19. September 2005 — Kommentare deaktiviert für Die Wüste belebt sich

Die Wüste belebt sich

Erste Schritte aus dem Tief

Seit meinen „Meldungen aus dem persönlichen Finanztief“ sind vier ereignisreiche Wochen vergangen. Die Republik hat gewählt, doch nichts ist entschieden. Der Hurrikan Katrina verwüstete New Orleans und zeigte, was ein „schwacher Staat“ bedeutet. Rot-Grün ist Geschichte, Fischer wird Hinterbänkler, Schröder gibt den Wiederauferstandenen und führt vor, wie man Realitäten umdefinieren kann, bis sie passen. Was der Fall ist, ist das, was eine Mehrheit glaubt und wünscht, Macht wird errungen, indem man sie behauptet – ich bin gespannt, wohin die Magie der Behauptungen führen, welche Wirklichkeit sie erschaffen wird.

Meine ganz persönliche Wirklichkeit ist im Moment noch unübersichtlich. Als ich den letzten Diary-Beitrag schrieb, schien es möglich, dass ich mich bald ins Heer der Hartz4er einreihen muss. Diese „mögliche Zukunft“ hat sich zum Glück nicht verwirklicht, ist aber auch noch nicht ganz weg vom Fenster. Ich arbeite dran, sie zu verhindern und freu‘ mich über jede Unterstützung!

Zu „schwächeln“, wie man das gern so herablassend nennt, wenn jemand sagt, dass er Schwierigkeiten hat und sich gar um die nächste Miete sorgen muss, bringt auf jeden Fall innere Entspannung: Ohne um die „Außenwirkung“ besorgt zu sein, kann man die Situation besser überblicken, kann die Probleme, ihre Ursachen, aber auch die Chancen und Möglichkeiten unverstellt erkennen. Auf die eigene Lage schauen, als ginge es um jemand Anderen, führt zu einer subtilen „Freude am spannenden Problem“. Lust auf Veränderungen stellt sich ein und ich werde offener für Experimente.

With a little help from my friends…

Wenn das Ende des Dispo ganz nah ist, die geschäftlichen Horizonte sich verdüstern und der Glaube an die Kraft, sich selber an den Haaren aus der Sch… ziehen zu können, plötzlich erlahmt, dann braucht es mehr als ermunternde Worte, um diese Situation zu verändern. Dieses „Mehr“ ist mir geschenkt worden, als ich wirklich nichts Positives mehr erwartete, nicht von „da draußen“ und nicht von mir selbst. Ich konnte es kaum glauben, als ich den Brief eines lieben Freundes öffnete, der nichts enthielt als ein paar Geldscheine und die Worte „fürs Frühstück – Liebe Grüße!“. Und das von einem Menschen, von dem ich weiß, dass er selber auch so seine Finanztiefs auszuhalten hat! Ich war entzückt und unsäglich erleichtert, denn aktuell war mir einfach NICHTS mehr eingefallen, was ich hätte tun können, um die drastisch zugespitzte Lage „auf die Schnelle“ zu verbessern. Jetzt fiel ein Sonnenstrahl in diese Düsternis, die unerwartete Finanzspritze verschaffte mir ein bisschen Luft: ich spürte wieder „Lust auf das Problem“ und die Kraft, mich ihm auf neue Weise zuzuwenden.

Auch andere, näher und ferner stehende Menschen halfen mir mit Rat und Tat, empfahlen mich Bekannten als Webdesignerin, ein „Auftraggeber in spe“ zahlte Raten an, und ich bekam interessante Vorschläge, wie ich meine Fähigkeiten und Talente vielleicht ein wenig ertragreicher unters Volk bringen könnte. Ein lieber Leser, der mich zufällig genau am „Tag vor dem Gerichtsvollzieher“ in Berlin besucht hatte, machte sich gar die Arbeit, eine Art Coaching-Prozess mit mir durchzuziehen: ich veranstaltete eine Inventur all meiner Kosten, Außenstände, Schulden und Einkommenserwartungen bis zum Jahresende, listete sämtliche Aktionsfelder auf und prüfte sie mittels verschiedener Fragen: Warum tue ich das? Ist es eine rein kommerzielle Aktivität oder geht es um andere Ziele? WAS soll dabei im besten Fall heraus springen? Wie wäre es zu verbessern? Was kann ich NOCH tun?

Und jetzt bin ich schon ein paar Tage am „Umsetzen“, erfinde meine berufliche Seite ein Stück weit neu und werde auch weiter darüber schreiben: Sagen, was ich brauche, suche, anbiete und WAS GENAU ich gerne arbeiten würde, findet hier in Zukunft genauso Platz wie meine mehr oder weniger erbaulichen „Betrachtungen über Gott und die Welt“.

Konkrete Vorhaben, neue Experimente

Eine wesentliche Neuerung wird der Minijob sein, den ich ab Oktober übernehme: zweimal die Woche pflege ich dann die Website eines Printmagazins (Connection Spirit – das Magazin fürs Wesentliche) – das bringt zwar nicht viel, aber endlich mal ein bisschen verlässliches, monatliches Einkommen! Und es motiviert, nach weiteren regelmäßigen Quellen zu suchen, wenn ein „Grundstein“ schon mal gelegt ist. Am besten gefiele mir eine weitere Site-Pflege oder eine Community-Betreuung. Schließlich bin ich ein bewährtes Kommunikationsmonster und kann auf unterhaltsame Art Foren und Mailinglisten aus dem Tiefschlaf erwecken. Warum nicht mal gegen Honorar?

Nächste Idee: Verkaufe alles, was du hast! Nun ja, ich besitze nichts über das hinaus, was ich zum Leben und Arbeiten brauche, aber um die immer noch bestehende Finanzlücke zu schließen, werde ich mich entschlossen von dem trennen, was ich nicht wirklich, sondern nur „vielleicht mal“ brauchen kann. Das ist vor allem mein immer noch ungenutzter Samsung-Notebook – leicht und flach, technisch up to date – vielleicht genau das, was du gerade suchst? (lies mehr..)

Schreiben und schreiben lassen: Mit zu dem, was ich am Liebsten tue, gehört das freie Schreiben über Dinge, die mich bewegen. 1996 und 1997 schrieb ich für Zeitungen und Magazine. Es war eine Zeit, in der ich mein jeweiliges Thema selber wählen konnte, Hauptsache, es hing irgendwie mit dem Internet zusammen, das gerade mit Macht ins Bewusstsein der Öffentlichkeit drang. Das änderte sich jedoch schon bald, reduzierte sich auf Themen wie Shoppen, Arbeiten, Erotik im Internet, immer weniger Kultur war gewünscht, dafür Technik, Technik, Technik. Nach einem Artikel über „HomeSite 3.0, den neuen Code-Editor“ sah ich ein, dass das nicht mein Weg war und hängte das Schreiben gegen Zeilenhonorar an den Nagel. Im Rahmen verschiedener selbst erschaffener Projekte (Missing Link, Glück, Webwriting-Magazin, u.a.) erkundete ich dann die Möglichkeiten eigener Veröffentlichungen im Web und seit 1998/99 ist das Digital Diary die Form, mit der ich rundum glücklich bin.

Glücklich schon – aber leider finde ich heute viel zu selten die rechte Muße, um morgens, in der Zeit des noch unverschmutzten Geistes, auf ein leeres Winword-Dokument zu schauen und meditativ in mich hinein zu lauschen, was „sich schreiben will“. Ich werde es weiter mit Freude tun, wann immer es mir möglich ist, doch ab sofort gibt es ZUSÄTZLICH für die Freunde des Digital Diary einen Weg, die Abstände zwischen den einzelnen Beiträgen zu verringern und sogar Themen selbst zu wählen. Es ist ein Experiment und ich bin gespannt, was dabei heraus kommt! (lies mehr..)

Weiterbildung – technische Neuerungen: Im Zuge des Minijobs muss ich mich in ein umfangreiches CMS (Content-Management-System) einarbeiten, wovon in Zukunft auch andere Kunden profitieren werden. Außerdem plane ich, das gesamte Diary seit 1999 in ein Blog-Script oder MiniCMS zu überführen – es sollte optisch so bleiben können, also auch mit DIESER Art Menü anstatt der üblichen Monatskalender. Über Vorschläge freue ich mich – und danke gleich auch mal denen, die mich da bereits mit Tipps und eigenen Erfahrungen beraten haben!

Die Schreibimpulse-Kurse werde ich weiter veranstalten. So etwa vier Kurse pro Jahr wären gerade die richtige Dosis! (Im Lustgespinst * sind soeben die ersten Texte aus dem letzten Erotik-Kurs erschienen. Weitere folgen in Kürze!) Ich bin sehr froh, dass der Kurs „Gegen den Strom – über Lust und Last des Alterns in Zeiten des Jugendwahns“ * nach zweimaliger Verschiebung nun doch zustande kommt. Es sind noch ein paar Plätze frei: vielleicht bekommt ja noch jemand Lust, das spannende Thema im „geschützten Raum“ einer überschaubaren Runde schreibend zu erkunden? Wer sich bis zum 30. September noch entschließt und auf diesen Artikel beruft, bekommt den Frühbucherpreis – umdefiniert zum „Last-Minute-Rabatt“. :-)

Ich hab‘ im Moment viele Ideen, wie ich „mein Business optimieren“ könnte, doch will ich nicht mit Unausgegorenem zur Ankündigungsministerin werden. Eine Idee, ein Konzept, ein neues Projekt ist schnell erdacht und auf ein paar Seiten verschriftlicht. Schwierig wird es erst, wenn die Mühen der Ebene beginnen – nur Beharrlichkeit bringt Gelingen und genau DA liegt des öfteren mein Problem!
Für heute belasse ich es deshalb bei den kleinen Schritten, die dieser Beitrag berichtet – alles weitere folgt, sobald die Dinge über das Ideen-Stadium hinaus gewachsen sind.

Und jetzt bin ich gespannt, wie lange es dauern wird, bis die künftige Regierung dieses Landes mehr ist als eine Reihe verrückter Ideen!

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Claudia am 22. August 2005 — Kommentare deaktiviert für Durch die Wüste zu den Sternen?

Durch die Wüste zu den Sternen?

Meldungen aus dem persönlichen Finanztief

Als ich kürzlich in einem Forum erwähnte, dass mein Konto derzeit zwischen plus und minus 500 schwankt, hat mir ein eifriger Moderator den Satz wegzensiert: „Hey, denk noch mal drüber nach, ob du das wirklich schreiben willst!“ Diese ungebetene Sorge um meine finanzielle Privatsphäre hat mich seltsam berührt, handelte es sich doch um ein erotisches Forum, dessen Teilnehmer ein weitgehend „tabuloses“ Selbstverständnis in Bezug auf die verhandelten Themen pflegen. Wie man sich fühlt, wenn man komplett in Aldi-Klarsichtfolie verpackt ist, darf berichtet werden, aber beim Geld ist Schluss mit lustig!

Die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz ist bei „abhängig Beschäftigten“ aus bekannten Gründen zur allgemein üblichen Geste geworden, doch von Selbständigen wird nach wie vor erwartet, dass sie eine Aura des Erfolgs um ihre berufliche Sphäre erzeugen. Wer hat, dem wird gegeben, deshalb tun wir lieber so, als hätten wir genug, zumindest aber keine echten Probleme! Allenfalls die allernächsten Freunde erfahren, wie es wirklich steht – und manche trauen sich nicht einmal das, fressen ihre Sorgen in sich hinein, pflegen eiserne Selbstdisziplin und verdoppeln ihre Anstrengungen, um „irgendwie“ die Fassade des Funktionierens aufrecht zu erhalten: Bloß nicht schwächeln! Bis sie vielleicht eines Tages durch Krankheit oder Unfall gewaltsam aus der Bahn geworfen werden, deren freiwilliges Verlassen gänzlich undenkbar schien. Das zumindest wird mir nicht passieren!

Hartz 4?

Als ich vor ein paar Tagen darüber nachdachte, ob ich demnächst „Hartz4“ beantragen soll, um meine übernächste Miete zu sichern, war ich an einem Tiefpunkt angelangt: Ein langjähriger Kunde ist quasi insolvent und zahlt ausstehende Honorare nicht, mit denen ich fest gerechnet hatte. Den Schreibimpulse-Kurs zum Thema „Altern“ musste ich verschieben, da mir Teilnehmer abgesprungen waren – und mehr braucht es gar nicht, um mich in echte existenzielle Nöte zu versetzen, denn über Rücklagen verfüge ich nicht. Als sich dann noch der Gerichtsvollzieher wegen einer uralten Inkasso-Sache aus wilden Jugendjahren ankündigte, erschien mir der Punkt erreicht, meine Selbständigkeit an den Nagel zu hängen und mich ins Meer der Arbeitslosen einzureihen. Zumindest hätte ich dann wieder mehr Zeit und Muße zum Schreiben: wer vermittelt schon eine 50plus, die fast ein Jahrzehnt selbstständig war und alles Andere als einen marktkompatiblen Lebenslauf vorzuweisen hat!

Die Schachspielerin, die ich früher einmal war, meldete sich im Hinterkopf zu Wort: WAS DROHT? Die schlimmste aller denkbaren Möglichkeiten ins Auge fassen und schauen, ob ich damit leben kann – so hatte ich Schach gespielt, so begegne ich noch immer Schwierigkeiten, wenn sie sich zeigen. Nun defilierten also die zu erwartenden Härten vor meinem inneren Auge vorbei: Statusverluste? Kein Problem, an so etwas hatte ich nie gehangen. Armut? Ich lebe sowieso sehr bescheiden, was soll’s! Umzug in eine kleinere Wohnung? HALT! Das will ich nicht! Meine zwei großen Altbauzimmer mit viel Licht und genug Raum über dem Kopf, mit Ausblick auf mehr als nur eine Hauswand gegenüber – daran hänge ich! Da ich zuhause lebe und arbeite, brauche ich eine Umgebung, die mich nicht mit Enge und Dunkelheit bedrückt. In irgend ein Hartz4-verträgliches Loch will ich nicht ziehen – was für ein übertriebener Aufwand auch, wenn man bedenkt, dass schon bald alles wieder viel besser aussehen könnte!

Einige Zeit kreiste ich in deprimierenden Zukunftsvorstellungen, kritisierte mich selbst für das „Anhaften“ am Luxus (Wohnung!), das eine leidvolle Beschränkung meiner Flexibilität bedeutet. Wer an nichts hängt, braucht keinerlei Verluste fürchten – ich sehnte mich nach der Freiheit der Asketen und Stoiker und imaginierte mir Zilles zugige Dachkammer als künftiges Rufugium: ob ich mich daran gewöhnen könnte?

Mein innerer Problemlösungsautomat schlug mir vor, mir im Fall des Falles lieber eine Bürogemeinschaft zu suchen, wo ich z.B. gegen Web- oder auch Putzdienstleistungen in Höhe der Miete meinen gewohnten Tag am „Cockpit der Macht“ verbringen könnte – und an dieser Stelle erkannte ich endlich, dass ich auf dem falschen Dampfer war! Egal, wie materiell beschränkt und schwierig meine Zukunft werden würde, ich sah mich darin nie und nimmer als das, worauf ich mich gerade behördentechnisch versuchsweise einlassen wollte: als ARBEITSLOS.

Die Liebe zur Arbeit

„Venus im sechsten Haus: Sie haben eine Begabung, die vielen Menschen abgeht: Sie lieben Ihre tägliche Arbeit!“. Zwar glaube ich nicht an Astrologie, doch dieser „Aspekt“, den mir ein lieber Freund neben anderen horoskopischen Bemerkungen zuschickte, trifft den roten Faden, der sich durch mein gesamtes Arbeitsleben zieht. Es ist eine Wahrheit mit einer hellen und einer dunklen Seite: Was ich tue, tue ich mit Begeisterung und Herzblut – wenn ich mich aber nicht begeistern kann, bringe ich auch nichts zustande. „Irgend etwas“ tun, egal was, nur um Geld oder noch mehr Geld zu verdienen, war mir immer vollkommen fremd. Abstraktes Marketing, das von der eigenen Person absieht und ausgewählten Zielgruppen Dienste anbietet, die so auch jeder Andere im gleichen Metier anbieten könnte, war nie meine „Methode“, um an Aufträge und Jobs zu kommen. Ich war überhaupt nie methodisch, sondern lebte ein aktives Leben, mischte mich ein, wo mich ein Thema interessierte, leistete Beiträge im Rahmen meiner Fähigkeiten, entwickelte Ideen und Projekte, oft jenseits jedes kommerziellen Gedankens. Dies aber nicht aufgrund einer wie immer gearteten moralischen Verurteilung des Geld Verdienens, nicht aus Ressentiment gegen „Kommerzialisierung“, sondern einfach, weil ich andere Prioritäten lebe, die mir so selbstverständlich erscheinen wie ein bestimmter Geschmack in der Wahl der Klamotten. Ich verwirkliche mich arbeitend, drücke mich dadurch aus – und der Aspekt des Gelderwerbs ist mir inhaltlich ungefähr so wichtig wie der unvermeidbare Papierkram, der mit fast allem einhergeht, was man in dieser Welt unternehmen kann.

Die Liebe zur Arbeit – ein Luxus, den man sich leisten können muss? Eine Krise wie die jetzige stellt in aller Schärfe aufs Neue die Frage: Soll, kann, muss ich mich ändern? Ist diese Einstellung, die ich eher wie eine Veranlagung empfinde, das Problem? Sie hat mich zwar nie reich gemacht, doch ging es mir auch nie wirklich schlecht. Immer gab es Menschen, die genau das nachfragten, was ich gerade anbot – sei es, dass sie mich im Rahmen meiner frei gewählten Arbeiten kennen lernten und unbekannten Dienstleistern vorzogen, sei es, dass sie direkt an dem Gefallen fanden, was ich inszenierte (z.B. die Schreibimpulse-Kurse). Manche mögen die Art, wie ich Webseiten gestalte und empfehlen mich weiter, andere schätzen meine „Schreibe“ – Aufträge kamen allermeist wie von selbst, was mich gar nicht in die Lage kommen ließ, mich irgendwie „anpreisen“ zu müssen.

Dass die Zeiten schlechter wurden, merkte ich gleichwohl. Immer öfter musste ich den Dispo in Anspruch nehmen, die vierteljährliche Umsatzsteuer klappte „gerade so“ – und jetzt hat sich die Lage in einer Weise zugespitzt, dass Veränderungen unvermeidlich scheinen. Aber welche? „Hartz 4“ ist keine Lösung, allenfalls ein Weg, der gegangen werden muss, wenn sonst nichts mehr geht. Was aber ist in meinem Fall dieses „sonst“? Soll ich versuchen, was ich noch nie beherrschte: Marketing auf Teufel komm raus? Mich in alle möglichen Dienstleister-Datenbanken eintragen, Zielgruppen anschreiben, Business-Netzwerken beitreten, kommunizieren allein um des kommerziellen Effektes willen?

Ich käme mir dabei ähnlich vor, wie wenn ich versuchte, auf einmal sehr weibliche Rüschchenkleider zu tragen: so authentisch wie ein Karnevals-Transvestit ohne echte Neigung! Gleichzeitig würde ich mit denen konkurrieren, denen diese Art Selbstvermarktung selbstverständlich ist und oft sogar Freude macht – keine wirklich erfolgversprechende Aussicht. Die Dachkammer liegt mir da glatt näher!

Energie!

So grübelte ich also in etlichen düsteren Stunden über die Lage, empfing zwischendurch den Gerichtsvollzieher, der sich nicht mal groß umsah, sondern gleich sagte: „Ich taxiere ihre Wohnung mit einem Blick: Sie sind vermögenslos im Sinne des Gesetzes!“. Wo er Recht hat, hat er Recht – aber was mach‘ ich jetzt?

Keine Stimmung, kein Gefühl hält sich über längere Zeit, wenn man es einfach betrachtet. Überrascht merkte ich, wie sich meine Laune wieder besserte. Ja, auf einmal spürte ich die brisant-abenteuerlichen Aspekte meiner Situation: Etwas NEUES beginnen, alle Trägheit hinter mir lassen, wieder aktiv werden und Ideen umsetzen, anstatt im Gewohnten zu verharren – wer nichts hat, hat nicht viel zu verlieren, und wer zuwenig Aufträge hat, hat Zeit!
Warum nicht Dinge tun, die mir lange schon durch den Kopf geistern, denen ich bloß nicht näher trat, weil sie zu entlegen oder gar „zuwenig kommerziell“ erschienen? Wer aktiv ist, dem tun sich neue Möglichkeiten auf, die dem grübelnden Verstand per direkter Suche weder auf- noch einfallen. Und Fakt ist, dass ich weit besser „im Geschäft“ war, als ich noch keinen Gedanken daran verschwendete, ob das, was ich gerade tue, auch einen „Return on Invest“ haben wird. Vielleicht ist ja meine „Veranlagung“, diese Liebe zur Arbeit mit Herzblut, nicht etwa das Problem, sondern die Lösung? Und ich bin nur vom Wege abgewichen, hab‘ mich einlullen lassen vom Mainstream, mir ein schläfriges „business as usual“ mit Stolz aufs freie Wochenende angewöhnt, das kaum mehr die Highlights vermittelt, die lange Zeit „Claudia Klingers Webwork“ ausmachten?

Ein Kribbeln im Bauch, im Wind ein lang vergessener Blütenduft – Veränderung geschieht, ich werde sie zur Begrüßung umarmen!

, Geld

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Claudia am 16. August 2005 — Kommentare deaktiviert für Und nochmal: Angst vorm Fliegen II

Und nochmal: Angst vorm Fliegen II

Ein paar Gedanken über Tod, Zeit und die Kunst, zu sterben

Seit meinem Artikel über die „Angst vorm Fliegen“ sind drei Maschinen abgestürzt, bzw. über die Landebahn hinaus geschossen und in Flammen aufgegangen. Letzteres lief erstaunlich glimpflich ab, alle Passagiere konnten rechtzeitig evakuiert werden. Dafür zeigt die neuerliche Katastrophe eines Billigfliegers, dass es noch weit Schlimmeres gibt, als „einfach abstürzen“ – nämlich eineinhalb Stunden mit dem Autopiloten weiter fliegen bis der Sprit alle ist und DANN abstürzen. Die Leute konnten noch SMS versenden – es graust mich, wenn ich es mir vorstelle!

Als ich vor ca. zwanzig Jahren das zweite Mal im Leben in ein Flugzeug stieg, um nach einer anstrengenden Arbeitsphase vier Wochen Tunesien zu genießen, war ich mit mir halbwegs im Reinen: ich WOLLTE diesen Urlaub, hatte genug Geld, um ihn selbst zu organisieren, nach mehreren Jahren ohne jegliches Interesse an „Urlaub“ stand mir der Sinn nach einem Abenteuer. Der Flugangst sah ich tapfer ins kalte Auge, lernte, dass der von der Stewardess angebotene Wodka durchaus helfen kann, und war dennoch überglücklich, in Tunis dann endlich wieder Boden unter den Füßen zu haben.

Doch auf diesem heimatfernen Boden empfingen uns wenig freundliche, martialisch auftretende Polizeikräfte: mein Begleiter hatte vergessen, seinen Pass zu verlängern, wir waren keine Pauschalurlauber mit fest gebuchtem Hotel, also steckte man uns „postwendend“ wieder in dieselbe Maschine und schickte uns zurück, anstatt uns in der Botschaft den Pass verlängern zu lassen.

Jetzt war ich NICHT mehr mit mir im Reinen: für vier Wochen Abenteuer war mir das Risiko als Preis nicht zu hoch gewesen – jetzt aber flog ich gegen meinen Willen. Würde ich JETZT abstürzen, wäre ich nicht „selber schuld“, sondern wäre Opfer der Willkür einer polizeistaatlich agierenden Obrigkeit, der wir suspekt erschienen waren. Seltsamerweise erregte mich das noch weit mehr, als es die Flugangst alleine vermochte. Auf dem Hinflug war ich damit einverstanden gewesen, für vier Wochen Tunesien mein Leben zu riskieren, mich einer dünnen Röhre anzuvertrauen, die mich in zehn Kilometern Höhe durch lebensfeindliche Luftschichten tragen sollte. Ganz bewusst hatte ich meine Lust auf Urlaub ÜBER meine Angst und die Möglichkeit eines Absturzes gestellt – und war mir dabei schon einigermaßen absurd vorgekommen! Wer seine Angst ernst nimmt, sollte vernünftigerweise nur dann fliegen, wenn es unumgänglich ist: wenn zum Beispiel ein Freund oder Verwandter in der Ferne im Sterben liegt, oder ein wichtiges Geschäft, von dem die Arbeit vieler Menschen abhängt, persönliche Anwesenheit erfordert. Und doch war ich aus bloßer Vergnügungssucht eingestiegen – aber immerhin selbst bestimmt!

Die Stewardessen waren sehr verständnisvoll und reichten erneut Wodka, der allerdings meine Flugangst weit weniger gut dämpfen konnte als auf dem Hinflug.

Wenn schon sterben, dann aber selbstbestimmt! Was für ein seltsames Verlangen, wenn man es genau besieht. Es ist allen vertraut, die sich ein „Mittel zum Abtreten“ wünschen, wenn sie an Alter, Krankheit und Tod denken. Wir wollen dem Geschehen nicht hilflos ausgeliefert sein, sondern über einen „Ausschaltknopf“ verfügen – um uns damit dem Tod vorzeitig in die Arme zu werfen, anstatt seinen „Anblick“ zu ertragen.

Dass da kein Tod ist, solange wir leben, und im Tod kein Subjekt mehr existiert, das sich über etwas erregen könnte, ist ein so abstrakter, bloß logischer Gedanke, dass er dem lebendigen Fühlen der Angst nicht wirklich etwas entgegen setzen kann. Ähnlich wirkungslos bleibt für das gewöhnliche Bewusstsein die Weisheit, dass es keine Zeit gibt, sondern allein den Augenblick, das „ewige Jetzt“: Vergangenheit existiert nicht, es gibt nur die Erinnerungen, die JETZT in uns leben. Zukunft ist ebenso wenig real, wir denken sie uns nur, machen uns Sorgen, hegen Wünsche und verfolgen Pläne – alles hier und jetzt, wann denn sonst?

Das sind immer wieder gern vorgetragene „Trostgedanken“ aus spirituellen oder naturwissenschaftlichen Kontexten, doch erscheinen sie mir oft als reine Abwehr gegen das Schreckliche, von dem man nicht hören und nicht lesen will. Lebt denn der, der so spricht, selber leibhaftig „im ewigen Augenblick“, frei von jenem Missbrauch der Fantasie durch den Verstand, der uns gewöhnlich Beschränkten so selbstverständlich ist wie die Luft zum Atmen?

Ja, wir gruseln uns gerne mal, das Kino- und Fernsehprogramm ist eine einzige Seelenmassage, die Erregungszustände vermittelt, denen wir uns in gesicherter Distanz wohlig hingeben – aber am Ende soll die Familie wieder zusammen finden, das Paar muss glücklich werden, der Held triumphieren, oder sein Tod soll bittschön einen Sinn haben, der über das Übel hinaus weist. Alles andere schwächt uns nur im täglichen Kampf ums Fortkommen, wo immer es hingehen mag. Also bitte, lieber Mitmensch: Sorge dich nicht, lebe! (Aber vergiss nicht den regelmäßigen Gesundheits-Check!).

Nach innen fliehen?

Das Erleben der Flugangst hat mir eine Einsicht vermittelt, die nicht durch bloßes Lesen und intellektuelles Verstehen vermittelbar ist, sonst hätte ich sie schon seit Jahrzehnten „intus“. Ich hatte mich immer schon gefragt, warum in den verschiedenen Meditationswegen auf bestimmten Stufen versucht wird, alles Sinnliche vollständig auszuschalten. Ein Bewusstsein ohne Inhalt, ein Schweben im Nichts – was sollte das bringen? In vielen Jahren Yoga und durch das Durchleben einer tiefen Lebenskrise war mir das Vermögen zugefallen, die Welt des Denkens und Sorgens durch Konzentration auf den Atem und die körperlichen Empfindungen auszuschalten – nicht nur „beim Üben“, sondern jederzeit. Dadurch erlangte ich ein – verglichen mit dem früheren Zustand – unglaublich friedvolles Lebensgefühl, von dem aus es eine regelrechte Anstrengung bedeutet, die Welt der Alltagssorgen, des Ehrgeizes und der sozialen Ängste noch „richtig ernst“ zu nehmen.

Auch eine gewisse Arroganz gegenüber den „gewöhnlich Besorgten“ ging damit gelegentlich einher, die ich gar nicht mochte und sorgsam verbarg. Schließlich hatte ich selber lange genug ein „verspanntes Leben“ geführt, es war mir peinlich und entsprach nicht meinem Wertesystem, nun auf Andere herab zu sehen, anstatt liebendes Mitgefühl zu empfinden. Am tibetischen Buddhismus bewunderte ich umso mehr die Methoden, dieses Mitgefühl in der Psyche zu erzeugen und zu stabilisieren, doch war es niemals mein Weg, mich einer Lehre anzuschließen und – über einen sehr diesseitigen Yoga hinaus – „ernsthaft zu praktizieren“. Soviel spirituelles „Streben“ packe ich einfach nicht, dafür bin ich zu faul, zu undiszipliniert, zu genusssüchtig. Es verhält sich damit ähnlich wie mit dem Thema „Ordnung“: nicht, weil mir eine Tradition oder Autorität „Ordnung“ als hohen Wert nahe legt, räume ich mittlerweile meine Wohnung auf, sondern weil ich festgestellt habe, dass ich zu faul bin zum Suchen – und weil mich Chaos von dem ablenkt, womit ich mich gerade beschäftigen will.

Aber zurück zur Sache: Im Flugzeug versuchte ich automatisch, der Angst mit der gewohnten Konzentration auf den Körper zu begegnen – aber das half nur sehr beschränkt. Ich vermied den Blick aus dem Fenster, hielt mir zeitweise Augen und Ohren zu und schaffte es so, die Fluggeräusche weitgehend auszublenden. Ich beobachtete den Atem, der sich ein wenig beruhigte, doch die Angst, die aus dem „Spüren“ kam, konnte ich nicht besiegen. Mein Bauch fühlte das Zittern der Tragflächen, das Ruckeln in den Turbulenzen, da war nichts zu machen. Und so verfiel ich immer wieder den Angstgedanken, sah mich abstürzen, in Panik geraten, aufschlagen und sterben.

Es liegt auf der Hand, dass ein weiterer Schritt „weg von alledem“, eine Praxis der leibfreien Meditation, die auch auf das Spüren des Körpers und Beobachten des Atems verzichten kann, hier äußerst nützlich wäre: Nach innen fliehen, wo die Flucht nach außen unmöglich ist – und nicht nur in einem Flugzeug, sondern auch in der Situation, die mit Sicherheit auf jeden von uns zukommt: Wenn das Ende in Sicht ist und das Leben nichts mehr bietet, das zum Bleiben verleiten könnte.

Dass ich deshalb jetzt zu einer „ordentlich Meditiererin“ werde, bezweifle ich. Dafür fliege ich einfach zu selten. Die Arroganz des „entspannten Bauches“ ist mir aber gründlich vergangen – und das ist ja auch schon was!

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Claudia am 27. Juli 2005 — Kommentare deaktiviert für Angst vorm Fliegen

Angst vorm Fliegen

Jede Angst ist im Grunde eine abgeschwächte und verkleidete Form der Todesangst, die als „letzte Angst“ hinter allen anderen Ängsten steht. In der Angst, beim Mitmenschen nicht anzukommen, nicht genug anerkannt oder geliebt zu werden, fürchten wir die Einsamkeit, den sozialen Tod. Die Angst vor Veränderungen, vor dem Wandel der Lebensumstände und vor dem Verlust gewohnter Sicherheiten bedroht unsere Selbstsicherheit, denn das Selbst, das wir sichern wollen, besteht oft aus nichts als Identifikationen mit dem einen oder anderen Besitzstand: meine Freunde, meine Stadt, meine Wohnung, mein Auto, mein Konto, meine Arbeit – wenn etwas davon wegzufallen droht, ist es, als ob ein „Stück von mir“ stirbt.

Lebensangst

Lange schon lebe ich mein Leben, ohne viel von diesen Ängsten zu spüren. Selbst wenn das Konto mal stark im Minus ist, kann ich Gelassenheit bewahren, gerate nicht in diese gehetzte und bedrückte Stimmung, die mich vor Jahrzehnten bei solchen Gelegenheiten um die innere Ruhe brachte. Da meine Laune nicht vom materiellen Besitz abhängt und es mir nie wichtig war, meinen Lebensstandard ins Luxuriöse zu steigern, hab‘ ich keine großen Verluste zu befürchten – klar, es wäre verdammt nervig, von der Freiberuflerin zur Harz4erin zu werden, doch vor allem wegen der damit verbundenen Bürokratie und der Beschränkung spontanen Handelns, nicht so sehr wegen der Armut selbst, die es bedeutet.

Ich hänge allerdings an meiner Wohnung und am Ort, an dem ich lebe. Das ist mir bewusst und ich rechne damit, zu leiden, sollte ich diese Wohnung mal nicht mehr halten können. Glücklicherweise ist sie relativ preiswert, genau wie die Lebenshaltungskosten in meinem Stadtteil. Also ist „im Prinzip“ im Moment nichts zu fürchten – toi toi toi! :-)

Stress mit dem Mitmenschen?

Mit Menschen hab‘ ich ebenfalls keine tiefer gehenden „Probleme“ mehr. Früher litt ich darunter, wenn jemand nicht so war, wie ich ihn mir erträumte, und fühlte mich ständig verletzt, wenn er meine Erwartungen nicht erfüllte. Doch irgendwann hatte ich es endlich geschnallt: das Glück kommt NICHT vom Anderen, kommt nicht von „außen“, sondern aus einem inneren Ort „Nirgendwo“, über den ich jetzt keine weiteren Worte machen will. Man kennt ihn oder eben nicht, man kann ihn nicht redend und schreibend teilen oder vermitteln. Er ist meine eigentliche „Heimat“, und alle Nähe, alles beglückende Miteinander, alle Verbundenheit mit Freunden und Geliebten zehrt allein von meinem Zugang zu jenem ortlosen Ort, an dem ich NIEMANDEN brauche, sondern bei mir selbst zuhause bin: wenn ich die Stille in mir nicht finde, finde ich nirgendwo sonst Erfüllung, sondern reibe mich nur auf in ewig sehnsüchtiger Suche am falschen Ort, immer wieder neu enttäuscht vom Mitmenschen, der als Glückslieferant zwangsläufig versagen muss.

Im Alltag bin ich deshalb nicht etwa gleichgültig, kann mich immer noch aufregen, ärgern, enttäuscht sein – aber anders als früher sehe ich, dass das automatenhafte psychische Prozesse sind, zum Leben gehörig wie der Schmerz, den ich empfinde, wenn ich mich in den Finger schneide: man sagt „aua!“, aber den Seelenfrieden bringt es nicht wirklich in Gefahr.
Es geschieht, ja, aber in dem Moment, in dem ich es als ganzen Prozess ins Auge fasse, einschließlich all der Bedingungen, die genau diese Realität herstellen, erkenne ich meinen kreativ-schöpferischen Anteil an dem, was mir dann als „Elend“ begegnet: sobald ich Erwartungen hege, mir ein Bild vom Mitmenschen mache, dem er gefälligst zu entsprechen hat, werde ich darunter leiden, wenn er dann anders reagiert, als erwartet. So sicher, wie mich das Messer in den Finger schneidet, wenn ich es in die falsche Richtung lenke.

Ich benutze immer noch Messer und schneide mich gelegentlich – vermutlich ist es meine persönliche Faulheit und Schlaffheit, dass ich mich nicht aufraffe, allerlei vermeidbare Leiden aus meinem Leben zu verbannen. Auch in Bezug auf meine Mitmenschen versuche ich nicht krampfhaft, keine Erwartungen entstehen zu lassen – ich erinnere mich nur, wenn das Leiden dann eintritt, dass ich daran erheblichen Eigenanteil habe. DAS schafft ausreichend innere Distanz zum eigenen Ärger, vergleichbar der zum Schmerz beim Schnitt in den Finger. Für mich reicht das momentan, was den Seelenfrieden angeht. Angst ist keine Begleiterin mehr in meinem Umgang mit Anderen – was will ich mehr?

Todesangst

Wie steht es aber mit der Angst vor dem Tod? Oft negieren Menschen, mit denen ich über sie spreche, dass sie da ist, dass sie hinter allem anderen, was uns bewegt, auch immer DA bleibt, solange wir leben. Schließlich wüssten wir ja alle, dass wir sterben, dass wir nur ein Stäubchen im Kosmos sind, in dem sowieso ständig alles bedroht ist. Morgen kann ein Meteor auf die Erde stürzen und alles ist vorbei. Ein Dachziegel kann mich treffen, die letzte Krankheit ist vielleicht nur noch nicht diagnostiziert, die statistische Lebenserwartung nur geringfügig zu überschreiten – alles lange bekannt! Das habe ein geistiger Mensch mit dem Intellekt durchdrungen, sagt mir ein Freund, und damit sei die Angst transzendiert und nicht mehr virulent.

So? Ich glaube kein Wort davon. Dass wir täglich alle unseren Alltag leben und die vielfältigen Bedrohungen genau wie das unvermeidliche Ende aus dem Bewusstsein ausblenden, ist eine Art nützliches Scheuklappen-Leben, bei dem wir uns alle gegenseitig unterstützen. Zivilisation ist die Lizenz zum Halbschlaf. Und gerade gerät dieser Halbschlaf durch die weltweiten Terror-Anschläge auch hierzulande in Gefahr, was viele dazu bewegt, ihre Urlaube umzubuchen – man möchte abschalten und nicht aufpassen müssen, nicht ständig an Gefahren denken. Das sind mir nicht mehr gewohnt und verteidigen unsere kollektive Illusion der Sicherheit mit vielerlei Mitteln.

Am Rande der Panik

Auf dem Flug nach Venedig bin ich der Todesangst begegnet – und dann wieder auf dem Flug zurück nach Berlin. Es war die dritte Flugreise meines Lebens und jedes Mal hatte ich MEHR Angst als beim Flug zuvor. Eine Angst, wie ich sie sonst nie und nirgends im Leben spürte, eine vom Körper und vom innersten Gemüt ausgehende kreatürliche Angst angesichts der sofortigen Vernichtung, die ein Absturz bedeuten würde. Der Blick aus dem Fenster auf Wolken unter mir oder auf die Erde aus unglaublicher Höhe versetzt mich fast in Panik – FAST, denn ich kann sie durch Konzentration auf den Atem und weitgehendes Ausschalten aller Sinneseindrücke halbwegs kontrollieren. Kontrollieren in dem Sinne, dass ich brav auf dem Sitz bleibe und nicht auffällig werde – aber NICHT etwa wegbekommen! Noch jetzt spüre ich die Reste der starken Kopf- und Nackenverspannung, die ich mir während dieser eineinhalb Stunden eingehandelte, obwohl seither mehr als 36 Stunden verstrichen sind. Diesen Text zu schreiben, lässt es mich erinnernd wieder fühlen – es ist das grauenhafteste Gefühl, das ich kenne. Kein Schmerz, kein persönlicher Verlust, kein Liebeskummer, keine Krankheit kommt auch nur ansatzweise an dieses furchtbare Angstgefühl heran, das mich im Innersten ergreift, wenn ich die Flugbewegungen spüre: das Beschleunigen oder Bremsen, das Ruckeln der Tragflächen in Turbulenzen – oder auch nur der Blick aus dem Fenster, wenn ich nicht zwanghaft in die andere Richtung schaue.

Es ist, als bliebe die Summe der Angst immer gleich. Da ich sie im Lauf eines halben Jahrhunderts aus weiten Teilen meines Lebens ausgeschieden habe, sammelt sie sich eben in der letzten Ecke und zeigt sich da in ganzer Stärke: Siehe, du bist sterblich, da kannst du machen, was du willst! Da rettet dich kein inneres Wachstum, keine Gelassenheit im Umgang mit Menschen und Dingen, keine innere Distanz durch Beobachten – rein gar nichts!

Dem Tod ist man (ja, MAN, nicht nur ich!) unrettbar ausgeliefert, weder Kampf noch Flucht ist mehr möglich. Dass ich DAS kein Stück „transzendiert“ habe, haben mir diese Stunden „über den Wolken“ gezeigt.

Es ist in Ordnung, diese Tatsache per Flugangst erlebt zu haben. Im Grunde wusste ich es immer schon, nur hab‘ ich es nicht GESPÜRT (meine früheren Flüge sind zwanzig und dreißig Jahre her, ich hatte es vergessen, bzw. verdrängt). Unter anderem ist dieses drastische Erlebnis ein Lehrstück über die Machtlosigkeit des Intellekts, der mit seinem Wissen über die statistische Gefährlichkeit bzw. Sicherheit des Fliegens angesichts real gefühlter Todesangst nichts auszurichten vermag – weniger als nichts!

Oder doch?

Ausweichen durch Betäubung und Vermeidung der Wachheit, das ist es, was vermutlich geht. Sollte ich noch einmal in diesem Leben in ein Flugzeug steigen wollen (wozu ich im Moment nicht die geringste Lust verspüre!), werde ich mich mit den Errungenschaften der Pharmaindustrie wappnen: in leicht euphorisierter Gleichgültigkeit dahin schweben, Valium, Prozac, oder was immer das Mittel der Wahl sein mag, in den Adern kreisend – vielleicht ist Fliegen ohne Todesangst SO ja möglich (Tipps dazu sind ausdrücklich erwünscht!).

Ob ich es damit dann riskiere, weiß ich aber noch nicht. Man muss ja nicht unbedingt fliegen, am Boden ist es ausgesprochen schön.

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Claudia am 23. Mai 2005 — Kommentare deaktiviert für Alt werden und darüber sprechen

Alt werden und darüber sprechen

Entgegen der Grammatik wird man in unserer Gesellschaft erst „älter“ und dann „alt“. Und spätestens seit Erreichen des 50. Jahrs kann ich mich nicht mehr hinstellen und sagen: Was geht mich das an? Ich bin SO, wie ich gerade bin, fühle mich im Wechsel der Tagesform und längerer Stimmungszyklen besser oder schlechter, was zum Teufel soll nur dieser Eiertanz ums Lebensalter? Individuell kann ich zwar so empfinden, doch auf einmal ist das eine Anschauung, die ich wie eine exotische Mindermeinung gegenüber einem überwältigenden Mainstream verteidigen müsste – ohne dass ich so genau erkennen könnte, warum eigentlich.

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Claudia am 09. Mai 2005 — Kommentare deaktiviert für Kommunikativer Burnout?

Kommunikativer Burnout?

„Warum also eine Person, eine fassbare Figur im unfassbaren Virtuellen?
Ich finde, es ist vollkommen ueberflüssig, als Person a,b,c
etwas darzustellen, (wenn man nichts will außer Unterhaltung)“.

Gibt es denn Menschen, die nur Unterhaltung wollen? Nobodys eindringlicher Diskussionsbeitrag zum Thema „Kommunikativer Burnout“ fragt nicht danach, doch der kurze Satz in Klammern fällt mir auf, hält mich fest, stößt ein paar Gedanken an, die – sofern ich ihnen Raum gebe, andere nach sich zu ziehen – gewiss für ein Gedankenspiel im „Diary-Format“ reichen. Etwa drei Din A4-Seiten, gutenbergisch gesprochen, verfasst in ein bis zwei Stunden ruhiger Beschaulichkeit: Gedanken beschauen und sortieren, in Sätze und Absätze hintereinander reihen, in den Pausen an der Form feilen, damit die Sprache auch schön fließt – wenn die Freude am „richtigen Sound“ eines Textabsatzes das Interesse am Inhalt übersteigt, ist man reif fürs Literarische.

Dahin hab‘ ich es noch nicht gebracht, eher überkommt mich das große Verstummen. Das kommunikative Universum ist über alle Maßen vollgestopft. Unzählige Themen zwängen sich in immer schnelleren Rhythmen durch den Flaschenhals der persönlichen Aufmerksamkeit. Nichts meinen, nichts sagen, nichts schreiben erscheint als einzig denkbare Gegendemonstration, hilfloser Akt der Zärtlichkeit gegenüber möglichen Lesern: nein, du musst nicht auch noch lesen, was ICH über den Pabst denke, über die „Unwucht in der Gesellschaft“, über dies und das und jenes noch, was mir so durch den Kopf geht, wenn ich an dies und das und jenes denke. Genieße den Moment der Stille!

Kompletter Unsinn, ich weiß! Wer hierher surft, will auch etwas lesen, will ein neues Gedankenspiel im Diary-Format, will fünf Minuten Lebenszeit dafür opfern und ist frustriert, wenn sich nichts Neues findet. Dieser „gefühlte Erwartungsdruck“ hat mich oft in Bewegung versetzt, vor allem in den wilden Anfangsjahren des Web, als die bloße Möglichkeit, selbst zu publizieren, noch neu, grundstürzend anders und aufregend war: Selber mitreden, als Person wahrgenommen werden, eine Stimme sein im großen Konzert und alles dafür tun, dass sie auch gehört wird – wow, wie spannend!

Das ist lange her. Alle damit zusammen hängenden, zigmal diskutierten Fragen sind verblasst oder beantwortet, zum Beispiel diese:

„fragt man sich: was will ich, was soll eine Aktion im netz
bewirken, wie will ich mich darstellen?
will ich ueberhaupt eine selbstdarstellung?
bin ich kuenstler? brauchts zu einem kunstwerk
einen Kuenstler, gibt es keine fuer sich alleinstehende kunst?

So eine Frage erzählt mir über den Fragenden, dass er Gründe haben muss, sich zu verstecken. Vielleicht ist er schüchtern oder hat Angst, in anderen Zusammenhängen zu dem stehen zu müssen, was er im Netz publiziert; vielleicht ekelt er sich vor dem eitlen Tanz um die eigene Person, die oft einziger Inhalt einer Netzpublikation ist – alles mir wohl bekannte Motive, die mich jedoch nicht auf die Suche nach dem frei stehenden Kunstwerk gehen ließen, sondern dazu bewegten, von solchem Grübeln einfach abzusehen. Wenn ich schreibe, drücke ich aus, was sich schreiben will, was zum Ausdruck drängt, und wenn ich bemerke, dass mir ein Thema zu „brisant“ ist, um mich damit zu zeigen, bin ich um eine Selbsterkenntnis reicher. Der „Hot Spot“ bleibt mir im Bewusstsein und kommt in die Schublade „Unerledigtes“: möglichst vor dem Sterben noch zu lösen. (Die „Wiedervorlage“ geschieht dann von ganz alleine, ich brauche die Schublade nicht extra durchsehen.)

„Du kannst eine Zeit lang deinen „Narktwert“ ins Unermessliche
steigern, ich wette: früher oder später wirst du erschrocken feststellen,
dass dein Marktwert dich selbst gefressen hat.“

Das ist eine Erkenntnis, die der neuen Blogger-Generation noch bevorsteht. Ich erlebte das 1997/1998, als ich bemerkte, dass ich zur Angestellten meiner eigenen Webprojekte geworden war. Jede Leserreaktion, jeder Wunsch und jede Kritik, jede Erwähnung oder gar Diskussion meiner Werke anderwo und auch der „Zählerstand“ erreichte mich als „Arbeitsanweisung“. Zwar verdiente ich kein Geld mit diesen Just-for-Fun-Publikationen, doch ich „war jemand“ – und das reichte, um mich am Gängelband des eigenen Geltungsbedürfnisses festzuhalten, immer im Bemühen, noch MEHR zu sein, MEHR zu werden oder zumindest den erreichten Status zu verteidigen. Dass ich dabei „ganz nonkommerziell“ agierte, empfand ich als ausgesprochen honorig – bis ich bemerkte, dass mich gut bezahlte Medienschaffende gern als „kostenlosen Content“ benutzten, mich interviewten und fotografierten und dabei Tagessätze oder Monatsgehälter kassierten, von denen ich nur träumen konnte.

Diese und andere Irritationen führten dazu, dass ich meine Webprojekte einstellte und die Domain claudia-klinger.de einrichtete. Fortan schrieb ich fast nur noch Diary: EIN Format für alle Themen, EIN Name, nämlich mein Name, der, der im Ausweis steht und sich nicht verändert – und nur noch schreiben, wann und was ich will, im immer gleichen Design, Ruhepunkt in einer veränderlichen Welt, wo selbst der Metzger um die Ecke von heut auf morgen verschwindet.

Vermutlich verschwinde ich nicht, obwohl die momentanen langen Pausen darauf hindeuten könnten. In meinen Kursen, insbesondere im „Erotischen Schreiben“ erlebe ich eine Form des „nützlich Seins“, das deutlich über das hinaus geht, was in sporadischen 3-Seiten-Artikeln zu leisten ist. Da sind Menschen, die sich tiefer einlassen, die Zeit und Geld investieren, um sich mit einem „brisanten Thema“ zu befassen, Menschen, die bereit sind, etwas zu wagen, etwas von sich zu zeigen, das persönlich nahe geht und nicht nur bloße Meinungsäußerung ist. Es berührt mich, macht Freude und gibt mir das Gefühl, einen sinnvollen Dienst zu leisten.

Ein weiterer Grund für meine Diary-Enthaltsamkeit ist vielleicht das „Format“ selbst: Drei Seiten zu diesem oder jenem – das erscheint mir im Moment einerseits zu kurz, andrerseits zu lang. Meine Hauptthemen sind durch, im Lauf der Jahre mehrfach dreiseitig durchreflektiert. Um tiefer zu gehen, müssten die Texte länger werden, um „unterhaltend“ an wechselnden Oberflächen zu kratzen, kürzer und prägnanter.

Noch weiß ich nicht, in welche Richtung es gehen wird, doch will ich zumindest eine Blog-Software installieren, um die „kurze Form“ technisch zu unterstützen. Länger schreiben kann ich dann ja immer noch! :-)

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Claudia am 08. März 2005 — Kommentare deaktiviert für Ein paar Vorschläge in Sachen „Reformen“

Ein paar Vorschläge in Sachen „Reformen“

Immer Sonntagabends wird bei Sabine Christiansen die Lage der Nation verhandelt. Nach Lindenstraße, Weltspiegel und Tatort (Sonntag ist mein Fernseh-Tag) bin ich dabei, wenn es zur Sache geht: 5,2 Millionen Arbeitslose, Hartz 4, Globalisierung, Verschuldung, Bürokratie – eine Never-Ending-Story, bei deren medialer Verhackstückung durch Christiansen & Co. mir oft die Haare zu Berge stehen. Je mehr Parteipolitiker in der jeweiligen Talk-Runde sitzen, desto kindergartenhafter wird der Stil der Gespräche, umso peinlicher die Art, wie sie alle gleichzeitig reden, einander ins Wort fallen, um selber Endlosreden zu halten, die von Christiansen erst dann punktgenau unterbrochen werden, wenn ausnahmsweise mal etwas Interessantes gesagt wird. Es ist purer Masochismus, das freiwillig mitanzusehen, aber offenbar brauche ich die sonntagabendliche Fortsetzung des deutschen Dramas, mehr jedenfalls als die je nächste Folge der Lindenstraße.

Weg mit den Kopfpauschalen!

Daneben hab‘ ich genug Gelegenheit, die Realität zu sehen: das absurde Behördentheater, das rund um die „Reformen“ entsteht, bekomme ich von betroffenen Freunden hautnah mit. Gerade hörte ich von einer Bekannten, dass sie eine Ich-AG gründen muss, „um übers nächste Jahr zu kommen“. Als Sprachlehrerin (derzeitiges Haupteinsatzgebiet: Deutsch für Ausländer) hat sie viel zu tun, aber niemand will sie fest anstellen und die Sozialbeiträge aufbringen. Als Selbstständige verdient sie jedoch nicht genug, um die Einstiegspauschalen für die Kranken- und Rentenversicherung zu bezahlen (zusammen knapp 600 Euro). Behördlich vorgeschlagene Lösung: eine Ich-AG – da gibt’s die 600 Euro mal zumindest für ein Jahr als Förderung. Und dann wird man weiter sehen… Natürlich nicken alle Beteiligten den Plan ab, auch diejenigen, die neuerdings die Geschäftspläne der Ich-AG-Gründer zertifizieren, deren „Aussicht auf Erfolg“ bestätigen oder verneinen sollen.

Ich erinnere mich, dass es nach dem Platzen der Börsenblase hieß, die Versicherungskonzerne hätten sich gewaltig verspekuliert und seien ernsthaft „am Wackeln“. Vielleicht dient ja die ICH-AG im Wesentlichen der Stabilisierung privater Versicherungen: unzählige neue Selbstständige zahlen die hohen Kopfpauschalen, die hierzulande auch Kleinstverdienern abgefordert werden, wenn sie denn freiberuflich oder unternehmerisch tätig werden. Wogegen jeder Angestellte die entsprechenden Beiträge nach seinem tatsächlichen Verdienst berechnet bekommt (und zur Not ergänzende Sozialhilfe/ALG2) – eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, über die sich, soviel ich weiß, noch nicht mal die FDP beschwert.

Früher einmal, in Zeiten wirtschaftlichen Wachstums, konnte man davon ausgehen, dass jemand, der in die Selbstständigkeit geht, in der Regel auch ordentliche Gewinne machen wird, die es ihm erlauben, sich problemlos zu versichern. Das aber ist lange vorbei, jeder Hinz und Kunz, der noch einen Antrag schreiben kann, wird gedrängt, „Unternehmer zu werden“ – nun denn, dann ist es aber höchste Zeit, auch die Rahmenbedingungen anzupassen. Und zwar auf dem direkten Weg, nicht über lachhafte Umwege wie die „Ich-AG“! Wer nicht genug verdient, um die Versicherungen zu bezahlen (also z.B. nur soviel Einkommen hat, wie es etwa ALG2 plus Miete entspricht) sollte auch nicht zahlen müssen – egal, ob angestellt oder selbständig. Das entstehende Defizit müsste direkt aus Steuern ausgeglichen werden, wie es in der Rente ja durchaus üblich ist. Dafür wäre die Mehrwertsteuer zu erhöhen, die von ALLEN gezahlt wird, nicht nur von den Arbeitenden. Und auf Seiten des Selbstständigen wäre eine „gläserne Selbständigkeit“ hinzunehmen, solange die staatliche Förderung benötigt wird.

Weg mit den 1-Euro-Jobs!

Und wo ich schon mal dabei bin, alles besser zu wissen, mach ich gleich damit weiter: Weg mit den 1-Euro-Jobs! Normale Stundenlöhne für alle!
Schön, aber nicht finanzierbar? Doch, denn ich würde das als Arbeitspflicht für alle Arbeitsfähigen anlegen: Wer z.B. alles in allem 700 Euro ALG2 bekommt, hätte die Pflicht (und auch das Recht), diese 700 Euro zu einem marktüblichen Stundensatz in gemeinnützigen öffentlichen Diensten abzuarbeiten – wenn möglich im Rahmen der eigenen Qualifikation, wenn nicht, auch in anderen Berufsfeldern. Selbst mein Freund M., seit Jahr und Tag „glücklicher Sozialhilfeempfänger“, fände das gerecht und weit menschenwürdiger als die absurden 1-Euro-Jobs. Mit all den zusätzlichen Arbeitskräften, die so auf einmal zur Verfügung stünden, könnte vieles geleistet werden, was sich der verarmte Staat anders nicht mehr leisten kann, vor allem im sozialen Sektor. Es wäre ein ehrliches Geben und Nehmen – warum also nicht?

Kindergartenpflicht!

Es wird derzeit viel darüber geredet, dass der Kindergarten keine bloße Betreuungseinrichtung mehr sein darf, dass BILDUNG schon bei den Kleinsten anfangen muss, dass man den Defiziten sozial problematischer Elternhäuser so früh wie möglich etwas entgegen setzen muss. Warum also nicht der Schulpflicht eine (auch durchzusetzende!) Kindergartenpflicht voran stellen? Fehlentwicklungen könnten rechtzeitig entdeckt, manche Katastrophe könnte verhindert werden. Weniger Kinder würden unbemerkt verhungern (man denke an den Fall in Hamburg!), geprügelt und vergewaltigt werden, oder – weniger furchtbar aber gleichwohl schädlich – zum übergewichtigen Coach-Potato heran wachsen, noch bevor es eine Schule von innen gesehen hat. Natürlich dürfte der Kindergarten nichts kosten und das wäre insgesamt richtig teuer, dafür aber mal eine lohnende „Investition in die Zukunft künftiger Generationen“, wie sie in der immer älter werdenden Gesellschaft ganz gewiss gebraucht wird. Wer soll uns denn mal unterhalten und pflegen, wenn die Kinder „wegen Herkunft“ bereits in frühen Jahren alle Chancen verlieren?

Weg mit der Kehrwoche im Schwabenland!

Ist es nicht eine Schande? Inmitten der dramatischsten Situation auf dem Arbeitsmarkt seit Gründung der Bundesrepublik bestehen die Schwaben darauf, ihre Treppenaufgänge noch immer selbst zu putzen!! Wo bleibt da die soziale Verantwortung? Könnten hier nicht unzählige Jobs im Niedriglohnsektor geschaffen werden, die in anderen Bundesländern viele Menschen vor dem Abstieg ins ALG2 bewahren? „Wir können alles, außer deutsch“ – so stellen sich die Schwaben gerne selber dar und sind dann auch noch stolz auf sich! Zumindest das Selber-Putzen könnten sie zugunsten des Großen & Ganzen verlernen und in Zukunft an fleißige Objekt-Pfleger delegieren. Ihre „Häusle“ bauen sie ja auch nicht mehr selber, sondern lassen Firmen und Handwerker machen! Etwas mehr Gemeinsinn stände Euch wohl an, liebe Landsleute! Als gebürtige Schwäbin, die es erst nach Hessen und dann in die Hauptstadt verschlagen hat, darf ich das wohl mal sagen – und kann darüber hinaus bezeugen, dass es sich auch ohne Kehrwoche angenehm leben lässt!

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