Thema: gesund leben

Claudia am 21. November 2000 — Kommentare deaktiviert für Nichtrauchen: Wahrheit oder Gehirnwäsche?

Nichtrauchen: Wahrheit oder Gehirnwäsche?

Das Umdenken, das dafür nötig ist, dauerhaft und ohne spürbare Entbehrungen von der Zigarette loszukommen, macht einigen Leuten ziemliche Probleme. Sie leiden lieber, als dass sie bereit wären, fremde Gedanken zu denken, Gedanken, die denen entgegenstehen, die sie – mehr oder weniger suchtbedingt – während der gesamten Raucherzeit gedacht haben und immer noch denken. Wo käme man da hin, würde man so einfach ganze Gedankengebäude in die eigenen Denklandschaften pflanzen, dafür womöglich selbst gebautes, liebevoll gepflegtes und instand gehaltenes abreissen? Wo bliebe denn das wirklich EIGENE, das ORIGINALE?

Wer auch noch sein Geld damit verdient, die Vorstellung von Eigenheit & Originalität im Denken aufrecht zu erhalten und zu vermarkten, kann nicht einfach all das, was er oder sie über Jahrzehnte für wahr gehalten hat, schlicht fallen lassen, bzw. zugeben, dass es falsch war, und das „nur“, um sich von einer Sucht wie dem Rauchen zu berfreien. Insbesondere Alan Carr, der schon vielen zum Aufhören verholfen hat, zieht von intellektueller Seite viel Ärger auf sich, denn er verlangt das „Verstehen“ einiger Punkte, die zumindest gewöhnungsbedürftig sind, zum Beispiel:

  • Es ist leicht, mit dem Rauchen aufzuhören
  • Zigaretten bringen keinerlei Genuß
  • Zigaretten beruhigen nicht, sondern schaffen die Nervosität erst, die dann mittels der Kippen „bekämpft“ wird.
  • Rauchen macht ganz schnell nikotinsüchtig: bereits mit der zweiten Zigarette kann man drin sein, obwohl die Kippen noch länger nicht einmal schmecken
  • Die Entzugserscheinungen beim Aufhören sind zum Glück gering, ja, kaum wahrnehmbar.

Man kann nun diese Behauptungen „hinterfragen“, also daraufhin diskutieren, ob sie wahr oder falsch sind. Carr tut das in seinem Büchern auch bereitwillig. Er begründet jeden einzelnen Punkt ausführlich mit logischen Argumenten, mit eigenen Erfahrungen und mit den Erfahrungsberichten von Leuten aus seinen Kursen und seinem Bekanntenkreis. Punkt 1 und 5 wird zum Beispiel damit untermauert, dass die physisch spürbaren Folgen des Entzugs tatsächlich geringfügig sind: oder wo wären denn die schlimmen Schwerzen? Hat die schon mal einer erlebt? Nein, vielmehr ist es nur ein Gefühl der Leere und Unruhe, ungefähr so wie Hunger, mehr nicht. Der Rest ist Psycho und diesen Psycho, bestehend aus VORSTELLUNGEN über das Rauchen, die – auch dank der Aktivitäten der Zigarettenindustrie – im Umlauf sind, möchte Carr zerstören, wirkungslos machen, auf dass es uns leicht fällt, mit dem Rauchen aufzuhören.

Geist und Schmerz

Man könnte jetzt so fortfahren und Carr auch mittels Erkenntnissen aus ganz anderen Quellen „beweisen“: zum Beispiel hat die Schmerzforschung festgestellt, dass ein beliebiger Schmerz (oder auch ein Lärm) ganz unterschiedlich intensiv empfunden wird, je nach der subjektiven Einstellung des Betroffenen. Die „gefühlte Intensität“ kann um bis zu 90% und mehr schwanken! Das erinnert mich an eine Online-Freundin, die mich vor einigen Monaten hier besucht hat. Aus ihren Texten und E-Mails hatte ich den Eindruck gewonnen, sie sei schwer krank, von vielfachen Leiden gezeichnet. Tatsächlich war es eine gepflegte, jugendlich wirkende, kerngesunde und meist gut gelaunte Person, die lediglich die unzähligen kleinen Zipperlein, die mensch nun mal ab dem mittleren Alter hat, ständig thematisierte. Sie „litt“ unter diesen Dingen, zumindest, wenn man ihrer Rede glaubte – aber ich saß ihr gegenüber und glaubte eher ihrer gesamten Ausstrahlung: gesunder Luxus-Typ…. :-)

Ein großer Teil eines Unwohlseins oder Schmerzes rührt vom Widerstand her, den man ihm entgegen setzt: Wenn ich diese Pickel einfach nicht akzeptiere, regen sie mich von mal zu mal mehr auf, wenn ich sie sehe. Oder das Symptom links neben dem Brustbein: juckt wie eine alte Narbe, verdammt, es könnte wunder wer weiss was Schlimmes sein, ich will es nicht haben…. und alles verspannt sich rund um das, was ich nicht spüren will, und macht auf diese Weise (ganz physisch REAL!) den Bereich immer größer, der nicht flexibel und dynamisch mit den Gegebenheiten des Augenblicks mitschwingen kann, weil er ja seine Verteidigungs-Verspannung aufrecht erhalten muss. Und immer härter, verspannter, schmerzhafter wird „das Symptom“….

Ja, und so geht es auch mit dem Rauchen und dem Entzug. Wenn ich weiterhin Gedanken hege wie „EINE Zigarette gelegentlich bringt durchaus Genuß“, dann richtet sich dieser Gedanke wie der Focus eines Brennglases auf das vorhandene physisch-reale Gefühl der Leere, gibt ihm Energie, Gestalt, Raum, und bläht es zu schier unendlich wachsender Größe und Stärke auf. Glückwunsch! Jetzt ist es NICHT mehr leicht, mit dem Rauchen aufzuhören…

Und die Wahrheit?

Ja, was ist mit ihr? Persönlich würde ich mir da keine weiteren tiefschürfenden Gedanken machen, solange es „nur“ darum geht, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich war schon immer bereit, umzudenken, wenn ich das, was ich dadurch gewinne, wirklich benötige und durch das Umdenken auch tatsächlich bekomme. Und ich weiss mittlerweile, dass ich es nur dann schaffe, von den Kippen dauerhaft loszukommen, wenn es LEICHT ist. Auf die schwere Weise hat es bisher nicht geklappt.

Und die wirkliche Wahrheit? Die geht so:

Indem ich auf eine bestimmte Weise denke, schaffe ich eine Realität, die sich vollständig anders anfühlt als diejenige, die ich erleben würde, wenn ich anders denken würde.

Das ist unabweisbar wahr. Ich erlebe es nicht zum ersten Mal, sondern kann es täglich auch in Kleinigkeiten beobachten. Wichtig dabei ist, nicht zu vergessen, dass man nicht bei Null beginnt: Die „Start-Realität“ ist auch schon zustande gekommen, durch Gedanken, die täglich, ja sekündlich, von „aussen“ und „innen“ kommend, in einem imaginären Punkt zusammenknallen, den wir gewohnt sind, ICH zu nennen.

Dieses wissend, ist es kein Problem, mit Gedankengebäuden wie das von Alan Carr umzugehen. Ob eine Zigarette ein Genuß sein kann oder nicht, ist keine Frage der Wahrheit, sondern eine der Bewertung, der Definition. Und es erscheint fürs Nichrauchen dienlicher, den sogenannten „Genuß“ als Illusion zu verstehen, als Falle, als hinterhältige Verlackmeierung. Schließlich ist es nicht zu leugnen, dass die Zigarette das Bedürfnis, das sie dann mit vermeintlichem „Genuß“ deckt, dauernd selber erst schafft – zu Lasten unserer Gesundheit, unseres Geldbeutels und unserer inneren Ruhe.

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Claudia am 20. November 2000 — Kommentare deaktiviert für Nichtrauchen heisst umdenken

Nichtrauchen heisst umdenken

Der Mensch ist eine Ganzheit aus Geist, Körper und Psyche. Ob man es als Konglomerat verschiedener Wesenheiten betrachtet oder als Aspekte derselben Sache, ist eine Diskussion, die im realen Leben kaum je Bedeutung gewinnt. Auch beim Rauchen, bzw. den Versuchen, davon loszukommen, ist es recht egal, ob ich Materialist oder Pneumatikerin bin: die Sucht macht keinen Unterschied.

Das Loskommen vom Rauchen bietet jedenfalls ein weites und interessantes Versuchsfeld, um das Zusammenspiel der Aspekte Denken, Fühlen und körperliches Empfinden an sich selbst zu beobachten; im Ernstfall, nicht in der Theorie. Ich glaube sogar, dass diejenigen wenig Chancen haben, von den Kippen frei zu werden, die so ein Hinsehen vermeiden wollen und glauben, Rauchen (oder Sucht ganz allgemein) sei eine Art Krankheit und mit Hilfe eines Medikaments oder anderen stofflichen Inputs wegzubekommen.

WER wird rückfällig? Aus einer beliebigen Gruppe ehemaliger Raucher würde ich diejenigen benennen, die von „den Schönheiten der EINEN Zigarette nach dem Essen“ schwärmen oder vom Genuß, den es immerhin gelegentlich gebracht hätte, von der Entspannung bei Nervosität, etc. – die ganze Arie vom Rauchen, die nur Raucher herunterbeten und wer so denkt, ist nun mal Raucher und kein Nichtraucher. Um Nichtraucher zu werden, muss man UMDENKEN. Ansonsten ist das „Umhandeln“ einfach nicht von Dauer – eigentlich klar, oder?

Immer wenn eine Zigarette meine Aufmerksamkeit gewinnt – als Anblick im Aussen oder als inneres Bild – dann müssen die Gedanken an all die vollen Aschenbecher kommen, an die verstopften Bronchien, die beim Atmen hörbar mitpfeifen, an die verqualmten Zimmer und den abgestandenen Rauch, der sich in alle Textilien setzt und einfach nur fürchterlich stinkt. Auch die Gedanken an das elend viele Geld, an die Schlaffheit und Trägheit schaden nicht, genau wie die Erinnerungen an die Unfreiheit: Ohne Zigaretten kann man sich als Raucher NIRGENDS wohl und zufrieden fühlen. Vor allem aber muss im Bewusstsein stehen, dass es DIE EINE Zigarette nicht gibt (sie schmeckt einfach nicht), sondern dass man sich ja erst „einrauchen“ muss, um an der jeweils nächsten Zigarette „Freude“ zu haben: Weil sie den Entzug lindert, der durch das schnell schwindende Nikotin ausgelöst wird.

Ohne solches Umdenken bedarf es immer einer gewissen Anstrengung und Willenskraft, um während gelegentlicher Verlangensattacken das selbstverständliche Zusammenspiel von Fühlen („ich will eine Zigarette“), Denken („gelegentlich EINE bringt durchaus Genuß“) und Handeln (eine rauchen) zu unterbinden. Selbst wenn diese Kraftanstrengung noch so gering ist, so wird sie doch keinesfalls dauerhaft aufrecht erhalten werden können: immer gibt es Tage oder Momente, die all unsere Kraft oder unsere Leidensfähigkeit für andere Dinge benötigen – und schon hängt man wieder an der Zigarette!

Man mag über Willenskraft und ihre Möglichkeiten eine hohe Meinung haben, eines ist gewiss: Aus dem Willen heraus kann mensch mal eben sehr hoch springen, aber der Wille ist ungeeignet, den „Normalzustand“ zu verändern, der sich ergibt, OHNE dass speziell Wille eingesetzt wird. Das ist nicht nur wahr, sondern sogar richtig logisch, nicht?

Sobald also der Konsum eines schädlichen, letztlich tödlichen Stoffs Teil unseres Normalzustands geworden ist, und das Wechselspiel zwischen dem Reiz der Droge und der zunehmenden Immunität des Körpers langsam oder schnell zur Steigerung der Dosis führt, können wir nicht weiterhin im Halbschlaf mit dem „Autopiloten“ durchs Leben fahren. Wenn ich diesen Dreck wieder loswerden will, weil das Leiden daran mittlerweile die „Freuden“ übersteigt, muss ich bereit sein, mich der Sache – bzw. MIR SELBST – zuzuwenden. Und erforschen, was funktioniert, wenn es der Wille nicht tut.

Bei dieser Betrachtung bleibt wenig, vielleicht nichts von mir übrig. Das zu sehen, ist nicht sehr angenehm. Immer wieder greift man lieber nach etwas, und sei es nach der Form der Darstellung, nach der Identitfikation, die aus dem Verfassen von Texten kommt, nach neuen „Besonderheiten“, die sich aus dem Erleben vielleicht doch noch generieren lassen – aber leider: dies alles ist nur Fassade und Verpackung. Das spürt man, so ganz ohne das „innere Gerüst“, das das Nikotin vorher auf den Innenseiten der Zellwände angelagert hatte, fast wie eine Schicht Hartplastik, hart genug, um dem Leben etwas ENTGEGEN zu setzen…

Na, jetzt werde ich fast poetisch, das wollte ich nicht. Eigentlich hatte ich vor, vom Umdenken, vom Denken allgemein und von der „Wahrheit“ zu schreiben – und von Allen Carr, dem Lehrer für’s Umdenken. Das muß ich jetzt allerdings vertagen, denn die Arbeit ruft. Das Thema ist zu groß für einen Eintrag, ich kratze gerade mal an der Oberfläche. Wer sofort mehr will, kann mal den Eintrag vom 15.11. in Steinhoffs Nichtrauchertagebuch lesen. Der bekannte STERN-Reporter hat mit seinem Diary die publizistisch erfolgreichste Nichtraucher-Aktion seit Jahren losgetreten – interessant, dass er mit Alan Carr Probleme hat (siehe u.a. sein Eintrag vom 5.Tag „ohne“).

…wird fortgesetzt!

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Claudia am 01. November 2000 — Kommentare deaktiviert für Shangrila

Shangrila

Heute ist ein wunderbarer Tag. Ich fühle mich klar und zuversichtlich, ohne dass es dafür besondere Gründe gäbe. Hab‘ gestern ausgespannt, Sauna, ein Spaziergang auf dem Flohmarkt, Besuch bei den Nachbarn und abends einen Serienmörder-Krimi. :-) Schon sieht die Welt wieder richtig freundlich aus, Sinnfragen verblassen im Morgenlicht, treten in den Hintergrund – bis zum nächsten Mal? Weiter → (Shangrila)

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Claudia am 29. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für 10.Tag „ohne“

10.Tag „ohne“

Gestern bin ich zwar auf die Idee gekommen, ins Netz bzw. in die Mail zu schauen, hab‘ sie dann aber doch nicht verwirklicht, sondern den Tag offline verbracht: lesend, kochend, einkaufend, plaudernd. Abends wollte ich den Chianti zur Pizza mittrinken, das schmeckte jedoch wie fauliger Traubensaft, so dass ich es nicht über mich brachte, eine wirkungsvolle Menge davon einzunehmen. Weiter → (10.Tag „ohne“)

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Claudia am 25. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Herbstwüste

Herbstwüste

Heute ist es draussen wüst und leer, ein Sturm rasiert die letzten Blätter von den Bäumen herunter, nicht mal die Hühner haben so richtig Lust, von ihren Stangen abzusteigen und den Stall zu verlassen. Kann ich gut verstehen, mir geht es nicht viel besser: Nach wie vor hält die Arbeitsunlust an, um zehn muss ich zum Zahnarzt, Steuer ’99 ist noch immer nicht fertig, und die Gedanken, die mir durch den Kopf ziehen, sind allesamt unendlich langweilig und schon ‚zigmal da gewesen.

Wie ich am 16. Oktober in einem autobiografischen Schreibanfall berichtete, beschäftige ich mich ja bevorzugt damit, mich von etwas „zu befreien“ – wie auch jetzt wieder vom Rauchen. Doch lange schon ist mir klar: Nach der Befreiung kommt nichts. Es folgt die nächste Aufgabe, der nächste Zwang, von dem ich mich wieder frei machen will – wofür eigentlich?

Meine Schwester hat drei Kinder und ist völlig in den Alltagsstress eingesponnen. Niemals stellt sie irgendwelche darüber hinausweisenden Fragen, warum auch? Manchmal bewundere ich sie, beneide sie um die Fraglosigkeit, das schlichte Da-Sein und So-Sein. Und doch würde ich nicht mit ihr tauschen, für keinen Preis der Welt.

Lieber stehe ich in der Wüste, die sich nach soviel Befreiungen auftut, schaue um mich her in unendliche Weiten, kein Blinzeln. Horizonte versprechen nichts mehr, sind nur einfach da, nicht mal eine Fata Morgana vergaukelt mir den Vormittag. Wenn ich lange genug bleibe, nicht aus Langeweile in irgend einen Zug steige, werde ich endlich sehen, was ist.

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Schloss Gottesgabe - hier wohnen wir in einer Mietwohnung
 

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Claudia am 23. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Gefühl & Gedanke – Reflexionen über Sucht

Gefühl & Gedanke – Reflexionen über Sucht

Tag 4 ohne Zigaretten fängt gut an, ich fühle mich fit, arbeitswillig und fähig, kein Schmachten nach der Kippe mehr. Es wird wiederkommen, da bin ich mir sicher, doch nicht mehr so lange bleiben.

Wer bin ich? Offensichtlich ein Konglomerat aus chemischen Prozessen, dem es an Dopamin mangelt, der Stoff, aus dem das Glücksgefühl gemacht ist. Wenn ich so lese, wie Sucht funktioniert, kann ich mich nur wundern, dass überhaupt Leute davon wegkommen. Andrerseits wundere ich mich auch wieder, dass so wenige es schaffen, denn immerhin machen Raucher viele Entwöhnungsversuche, wollen also wirklich – oder doch nicht?

Wenn ich die Geschichte meiner Nicht-mehr-rauch-Versuche bedenke, ist der Wunsch, davon loszukommen, im Lauf der Zeit gewachsen. Anfänglich war das Aufhörenwollen eine reine Vernunftangelegenheit: Kein vernünftiger erwachsener Mensch kann ja das Rauchen ernsthaft verteidigen, also fühlte ich mich immer schon gefordert, aus guten Gründen aufzuhören. Wenn dann noch jemand versucht, mich zu beeinflussen oder ich freiwillig motivierenden Lesestoff aufnehme, dann kommt es zu einem Entwöhnungsversuch, der allerdings bald wieder scheitert.

Das Suchtgedächtnis ist nach dreissig Jahren Rauchen WEIT STÄRKER als alle Argumente und oberflächlichen Motivationen, die z.B. sozial bedingt zustande kommen. Verläßlich wiederholbare Glückszustände – das ist die Domäne der Chemie, menschliches Miteinander kann da nicht mithalten, Argumente sowieso nicht. (Wer würde denn mit Gespenstern gegen Panzer angehen?).

Die einzige Chance gegen die Sucht liegt auf derselben Ebene des Gewahrseins wie diese selbst: Gefühle, Emotionen und sinnliche Befindlichkeiten müssen sich DAGEGEN aussprechen, den Stoff, aus dem die Träume sind, weiter aufnehmen zu wollen. Das Leiden am Rauchen – vom Husten über die verschleimten Bronchien bis hin zum benebelten Kopf und schauderhaft stinkigen Zimmer – muß größer werden als die „Kaskade der Glücksgefühle“, dann ist Aufhören möglich. So hoffe ich wenigstens.

Ich danke es meinem Yogalehrer und dem zunehmenden Alter, dass die Sensibilität auf der physischen Ebene gewachsen, also trotz rauchen nicht geschrumpft ist. Ich konnte es zum Herbst hin kaum mehr ertragen, dieses Zimmer hier voll zu qualmen, saß selbst an kühlen Tagen bei offenem Fenster vor dem Monitor, die wohlig-gemütliche Arbeitssituation war das lange nicht mehr. Und ich spürte die Gifte in den Adern, litt an einschlafenden Händen, kalten Füßen und vielem mehr. Irgendwie hatte ich in den letzten Wochen auch keine Lust mehr, mein Zimmer aufzuräumen – wozu, wenn man sich selber täglich mit solchem Dreck abfüllt?

All diese Gefühle sind schon länger da und trotzdem konnte ich nicht aufhören, bzw. erlitt wieder Rückfälle. Nun hab‘ ich neulich ganz außerhalb aller Gedanken ans Rauchen ein Gefühl aus früher Kindheit wieder entdeckt: Den Ekel vor der eigenen Unfreiheit (siehe 16.10.00). Dieses Gefühl verbinde ich jetzt mit der Zigarette, erinnere mich daran, wenn das Verlangen kommt. Es passt wirklich gut dahin, wo der Gedanke alleine vielleicht auf verlorenem Posten stünde: Der Gedanke, dass die Zigarette NICHT die Freiheit, das Glück und das Wohl-Sein bringt, sondern mich immer neu an die Unfreiheit, das Übel, die Krankheit fesselt.

Wer jammert oder trauert, hat schon verloren. Mein letzter Rückfall war praktisch schon vollzogen, als ich es gedanklich zuließ, von den „Schönheiten“ einer Zigarette zu träumen, anstatt diesen Gedanken schon im Ansatz als suchtbedingte Lüge zu erkennen und nicht eine Sekunde darin zu schwelgen. Ich hoffe, dass es diesmal besser läuft, alle Zeichen stehen gut. Wenn aber Gefühl & Gedanke noch immer nicht genug ausrichten, dann werde ich trotzdem nicht aufgeben. Sondern andere einladen, eine Gruppe zu bilden, um unsere Macht zu potenzieren. Das ist das letzte Mittel und ich weiß, es hilft.

***

Wie Sucht funktioniert

Alle Phasen der Sucht – von Rausch bis Rückfall, von Kick bis „Craving“ – spielen sich primär im gleichen kleinen Hirnareal ab: im so genannten Nucleus Accumbens, dem Belohnungssystem. Die Evolution hat diesem Nervenknoten eine entscheidende Rolle zugeteilt. Er verbindet lebenswichtige Vorgänge wie Essen, Trinken und Sex mit einem Lustgefühl. Dazu schütten die Nervenzellen Botenstoffe aus, vor allem Dopamin. Sämtliche Drogen jedoch stören den Mechanismus so, dass mehr freies Dopamin übrigbleibt:

  • Nikotin steigert die Ausschüttung;
  • Kokain blockiert die Wiederaufnahme;
  • Opiate hemmen Nervenzellen, die die Dopaminmenge begrenzen;
  • Cannabis benutzt einen anderen körpereigenen Steuerkreis, den es wie mit einem Nachschlüssel starten kann;
  • Alkohol greift so umfassend in die Steuerung der Neuronen ein, dass ebenfalls mehr Dopamin ausgeschüttet wird.

Dopamin sorgt jedoch nicht selbst für den Kick, sondern setzt gleichsam hinter alle Erlebnisse ein Ausrufezeichen: Das hier, was du gerade tust, dieser Ort, dieser Geschmack, dieser Geruch! – das ist immens wichtig, sagt der Dopaminschub dem Drogennutzer. Das Belohnungszentrum verknüpft die Umstände des Konsums mit der spezifischen Wirkung der Droge.

Nikotin löst also eine wohlige Gefühlskaskade im Belohnungszentrum des Gehirns aus. Eine Zigarette beglückt den Raucher ähnlich wie ein Kuss oder ein gutes Essen. Diese „Belohnung“ wird direkt mit der Tätigkeit des Rauchens assoziiert. Der durchschnittliche Raucher mit 7.000 Zigaretten pro Jahr wiederholt ständig seine „Erfahrung“, dass Rauchen eine beglückende Tätigkeit ist. Dies prägt sich tief in sein Unterbewusstsein ein, es entsteht ein sogenanntes „Suchtgedächtnis“. Dieses Gedächtnis wird aktiv, wenn der Spiegel an wirksamen Substanzen im Belohnungszentrum nachlässt. Oder wenn der Raucher einen anderen rauchen sieht. Dann erwacht wieder das Verlangen nach einer neuen Dosis Nikotin.

Ein weiterer Aspekt ist die Vermehrung der Anzahl von Nikotinrezeptoren bei chronischem Nikotinabusus. Bei Untersuchungen an Gehirnen gestorbener Raucher wurden doppelt soviele Rezeptoren gefunden wie bei Nichtrauchern. Eine Hypothese ist, dass dadurch bei Kettenrauchern besonders viel Dopamin ausgeschüttet wird, was eine intensivierte Reaktion auf das Nikotin zur Folge hat. Allerdings ist das Phänomen reversibel: bei Ex-Rauchern sinkt die Anzahl der Nikotinrezeptoren wieder in den Normbereich. Das Suchtgedächtnis scheint jedoch eine irreversible Komponente aufzuweisen, die die Entwöhnungsschwierigkeiten erklärt.

Quelle: http://www.rauchen.de/

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Claudia am 21. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Die Gelegenheit

Die Gelegenheit

Feuchtfröhliche Abende mit Freunden kommen nicht mehr oft vor, seit ich hier wohne. Abgesehen davon, dass wir außerhalb des Schlosses keine Leute kennen, verbietet sich jedes Trinken in der Ferne, denn man müßte ja hinterher irgendwie nachhause kommen. (Der Mecklenburger fährt zwar unverdrossen in praktisch jedem Zustand Auto, doch enden diese Fahrten öfter mal am nächsten Allee-Baum, da will ich nicht mithalten.)

Ich war also much amused, als vorgestern unsere Wohnungsnachbarn zu Pizza und Wein herüberkamen. Richtig ungewohnt, aber schön, mal wieder plaudernd bis in die Motten um den mit Vor- und Nachspeisen festlich überladenen Tisch zu sitzen – die Männer auf den unbequemen Stühlen, verdammt, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht!

Gestern morgen fasste ich dann spontan den Entschluß, die Gelegenheit beim Schopf zu packen und (mal wieder…) den Versuch zu machen, das Rauchen zu lassen. Das geht am Tag nach Besäufnissen besonders gut: irgend etwas ist in der Körperchemie dann so verändert, dass man sowieso keine rechte Lust auf das Qualmen hat.

Im Durchschnitt versucht ein Raucher zwei- bis dreimal im Jahr, davon loszukommen, las ich neulich und dieses Jahr halte ich den Schnitt! Das Aufhören selbst ist ja – selbst bei 30 bis 40 Zigaretten pro Tag – nicht das ganz große Problem, sondern das dauerhaft rauchfrei bleiben. Solange da ein Kampf um die Umstellung ist, wie jetzt, wo sich praktisch alles, was ich tue, anders anfühlt als „normal“, solange kann man sich über Erfolge freuen:

  • WOW, schon jetzt atme ich besser,
  • toll, meine Bude stinkt nicht mehr nach Rauch,
  • herrlich, diese Woche über 100,- Mark gespart….

Wenn dann aber das Nichtrauchen droht, „normal“ zu werden, dann melden sich tiefere Schichten: WOLLTEST Du WIRKLICH aufhören?, sagt ein Teil von mir, der das Selbstbild „Claudia, die Schreiberin, am Monitor, rauchend, Kaffee trinkend“, vertritt und sich gar nicht vorstellen kann, dass davon ohne Kippen etwas übrig bleibt. Dann wird es erst heftig, denn DANN kommt die Versuchung auf, mal wieder „eine“ zu probieren – und dem konnte ich bisher nicht widerstehen. Was heisst hier „konnte“, es war ja gerade mein Wille, der untergraben wurde, das Rauchen romantisierte sich in meiner Erinnerung mehr und mehr, bis ich mir WÜNSCHTE, wieder „die Alte“ zu sein. (Dies alles zu WISSEN, hilft leider nicht ‚raus aus dem Prozess, der sich eben nicht durch Gedanken steuern läßt, sondern mit Gefühlen agiert und sich aus uralten, physisch eingravierten Gewohnheitsmustern speist).

Nichtsdestotrotz versuche ich es wieder, da sich die Gelegenheit nun mal ergeben hat und ich mich gerade ziemlich gut fühle ohne dieses Pfeifen in den Bronchien. Und jetzt geh‘ ich in die Sauna…

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Claudia am 18. Oktober 2000 — Kommentare deaktiviert für Medizin

Medizin

Es ist recht spät fürs Schreiben, den halben Vormittag hab‘ ich nämlich beim Zahnarzt verbracht. Die „Sanierung“ schreitet voran und ich bin immer wieder erstaunt über die fortgeschrittenen Techniken, die heute in Sachen Zahnersatz zum Einsatz kommen. Kritik an der High-Tech-Medizin übt an dieser Stelle niemand, seltsam, nicht? Bzw. allzu verständlich: Wer will schon aussehen, wie die Hexe in Hänsel & Gretel!

Seit ich übrigens beim Zahnarzt Leistungen in Anspruch nehme, die ich zu 50 oder 100 Prozent selber zahle, hat sich meine Einstellung verändert. Ich fühle mich tatsächlich nicht mehr als Opfer einer ominösen Behandlung, die von undurchschaubaren Institutionen so und nicht anders vorgeschrieben ist, sondern empfinde mich als Kundin, die sich einen gewissen Luxus leistet. Klar, dass ich die Ergebnisse des ganzen Aufwands auch schätze und ordentlich pflege! Entsetzt höre ich die Stories, die mir der Zahnarzt erzählt: von Menschen, die nicht mal den Gegenwert eines guten Essens in die bessere Optik investieren, die ihren Mundraum offensichtlich als Bereich empfinden, für dessen Gesundheit andere zuständig sind – nur keine Mark extra und locker versiffen lassen, es wird ja wieder repariert!

Zur „Krise im Gesundheitswesen“ denk‘ ich seit längerem, es wäre angesagt, bei allen leichten und mittleren Beschwerden auf Selbstbeteiligung umzustellen. Natürlich nicht bei Sozialhilfeempfängern und anderen Härtefällen, aber Otto Normalverdiener sollte schon in die Lage versetzt werden, auch finanzielle Gesichtspunkte in Betracht zu ziehen, wenn es darum geht, sich um die eigene Gesundheit zu kümmern. Dagegen halte ich es für unmenschlich, bei Leuten mit schweren Krankheiten und dauernden Schmerzen an den Medikamenten zu sparen oder Operationen zu verschieben. Der Not-wendige Kern der High-Tech-Medizin sollte für alle zur Verfügung stehen, wogegen z.B. die „alternativen Behandlungsformen“ ruhig weiter privat gezahlt werden können. Es passt ja auch irgendwie nicht zum GEIST vieler Formen von Alternativmedizin, ihr mit einer Versorgungsmentalität zu begegnen.

Manchmal wird in Science-fiction-Filmen gezeigt, wie jemand ziemlich verhackstückt wird und hinterher in einer Krankenstation hast-du-nich-gesehen wieder „gesundwächst“. Mein Zahnarzt sagt, in fünf Jahren schon könnten sie Knochen und evtl. auch Zähne „nachwachsen“ lassen, das ist ja schon nah dran! Mal angenommen, die Medizin entwickelt sich auf allen Gebieten sehr viel weiter und man könnte tatsächlich bis in ein Alter von 100 oder mehr relativ gesund und fit bleiben, vielleicht sogar glatt im Gesicht und mit einem straffen Körper: Wäre das ein Glück oder ein neues Elend? Niemand denkt daran, dass es auch ein psychisches und geistiges Altern gibt. Ein guter Teil davon stellt sich im besten Fall als Weisheit dar – aber ein anderer Teil ist einfach Abnutzung und Niedergang. Das eine vom anderen zu trennen, ist vermutlich unmöglich. Jeder weiß, dass man sich z.B. in den mittleren Jahren nicht mehr so „unsterblich“ verliebt wie mit zwanzig. Zum einen deshalb, weil man das nun schon öfter erlebt hat, die Abläufe kennt und einfach nicht mehr in Stande ist, derart ins Illusionäre abzudriften. Man erkennt, was die Faszination eines anderen ausmacht: sexuelle Anziehung, Aspekte der Macht oder geistige Potenzen, oder auch ganz spezifische Eigenheiten, die an einmal geliebte Menschen erinnern. Man ist realistischer geworden – und kühler. Das alles ist Erfahrung, doch andrerseits ist auch die Hormonlage im Körper eine völlig andere als mit 20. Die Natur hat es schon aufgegeben, noch mit aller Macht zur Paarung anzutreiben, und das macht es leicht, legt es sogar nahe, keine rosa Brille mehr aufzusetzen.

Würde man nun medizinisch den hormonalen Status Quo der Jugend simulieren, um glatt und straff zu bleiben, inwieweit könnte sich die psychisch-geistige Ebene noch so entwickeln? Man denke auch an die Agressivität bei jungen Männern: Will das jemand bei 60-Jährigen Politikern?

Ich glaube, das geistige Chaos wird immer größer werden – und bin mir niemals sicher, ob solche Gedanken nun „richtig“ sind oder selber nur eine Alterserscheinung.

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