Wie bitte? Der Kapitalismus soll enden? Und sogar bald? Ja, genau! Dieses großartige System, das wie kein anderes Bedürfnisse aller Art befriedigen kann, (sofern bezahlt wird) wird mit der beschleunigten Entwicklung und Nutzung künstlicher Intelligenzen nicht mehr funktionieren. Warum? Weil die KI uns von der Arbeit befreit!
Klar, das geht in Deutschland langsamer als in den USA, aber wer zweifelt denn noch ernsthaft daran, dass alle wiederkehrenden, auf immer gleiche Weise ablaufenen Tätigkeiten per KI wegautomatisiert werden? Das „Substituierbarkeitspotenzial“ verschiedenster Tätigkeiten ist durch den Wandel von rein reaktiven Sprachmodellen hin zu autonomen KI-Agenten und massiv erhöhter Rechenleistung (Compute) nochmal deutlich gewachsen.
Wie KI übernimmt
Was das in der Praxis bedeutet, zeigt eine sympathische Grafik-Designerin im Video Ich hab mich an KI angepasst – und bin trotzdem überflüssig am Beispiel einer eigenen Arbeit, für die sie früher Stunden gebraucht hätte. Sogar das kürzlich noch angesagte detaillierte „Prompten“ entfällt jetzt, wie sie ab Minute 14:45 vorführt:
„Du musst keine krassen Kenntnisse haben oder so ein Kram. Du kannst wirklich den letzten Rotz der KI mitgeben und die versteht dich, warum auch immer. „
Übersetzen, texten, Standard-Softwareentwicklung, Kundenservice, Verwaltungsvorgänge, Marketing, Rechts- und Steuerberatung, Analysen und Recherchen, Buchhaltung, routinierte Arbeiten in der Wissenschaft, die bisher von Promovierenden und Postdocs erledigt wurden – das alles kann und werden immer fähigere KI-Modelle übernehmen. Natürlich entstehen auch neue Jobs, aber dass es so viele sein werden, wie wegfallen, ist extrem unwahrscheinlich:
- Zum einen ersetzt KI erstmals hochqualifizierte Wissens- und Verwaltungsarbeit im großen Stil – also genau jene Sektoren, die bei früheren Technologiesprüngen als Jobmotor dienten.
- Zum anderen arbeiten autonome Systeme so effizient, dass die Steuerung und Wartung neuer KI-Prozesse nur einen kleinen Bruchteil der Personalstunden erfordert, die durch die Automatisierung der bisherigen Aufgaben eingespart werden.
Von der Arbeit befreit – und dann?
Kapitalismus, wie wir ihn kennen, ist ohne menschliche Arbeit nicht denkbar. Das System basiert auf dem Arbeitseinkommen, das den Lebensunterhalt der Menschen sichert und die Nachfrage nach den Produkten und Dienstleistungen der Unternehmen erzeugt. Wenn nun immer mehr Leute arbeitslos werden, gerät das System in eine existenzielle Krise: Wer kauft die Waren, wenn der Konsument kein Gehalt mehr bezieht? Und wer finanziert den Sozialstaat, wenn menschliche Arbeit als Steuerbasis schrumpft, während die Kapitalerträge der KI-Eigentümer steigen? (Mit einer KI- oder Finanztransaktionssteuer ist das nicht zu heilen, aus Gründen, die diesen Blogpost sprengen würden).
70% der Berufs- und Jobfelder werden überflüssig, aber war es nicht eigentlich immer schon ein großer Traum, von der Arbeit befreit zu werden? Ich meine hier Erwerbsarbeit, die man SO nicht freiwillig machen würde – aber vielleicht anders, weniger Stunden, ab und zu, neben etlichen anderen Beschäftigungen?
Karl Marx hat übrigens angenommen, dass der Kapitalismus an seinen eigenen Widersprüchen zu Grunde geht. Ein Wirtschaftssystem bricht laut ihm nicht einfach durch menschlichen Willen oder moralische Empörung zusammen. Es geht erst dann unter, wenn es technisch und organisatorisch an seine absoluten Grenzen gestoßen ist, sprich: wenn der Kapitalismus alle Produktivkräfte (Maschinen, Technologien, Automatisierung, globale Märkte) voll ausgereift hat und selbst zum Hindernis für die weitere Entwicklung wird.
Und genau das, ist doch jetzt bzw. in absehbarer Zeit der Fall! Die „Akkumulation des Kapitals“ beim oberen Prozent erreicht unglaubliche Außmaße, KI übernimmt die meiste Arbeit, das Einkommen der vielen und somit ihre Kaufkraft verschwindet. Wenn das nicht der GAU für den Kapitalismus ist!
Vom Reich der Freiheit
Die Marxsche Vorstellung vom möglichen Reich der Freiheit war eine Gesellschaft
„….wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirt oder Kritiker zu werden.“ (Quelle)
Nun ist Jagen und Fischen meist nicht das, was wir gerne tun würden. Aber morgens bloggen oder „Content“ für Youtube et al kreieren, mittags die Oma zum Einkauf begleiten, nachmittags ehrenamtlich im Stadtteilzentrum helfen, abends Filme gucken, kochen oder mit Freunden ausgehen? Schon jetzt gibt es nicht wenige, die so leben, und viele, die so leben könnten, wenn sie nicht von neun bis fünf irgendwo „arbeiten“ müssten.
Die Technik für eine solche Gesellschaft wäre da. Es liegt an uns, den Menschen in allen fortgeschrittenen Gesellschaften, die Transformation zu erdenken und zu organisieren, anstatt ständig im Stil „geht-nicht-weil“ über kleinste Schritte zu streiten. Es braucht ein völlig neues „Betriebssystem“, das nicht vom Zwang ausgeht, in althergebrachter Weise gegen Geld zu arbeiten, um leben zu können. Und das Beste: das ist kein Hirngespinst, keine idealistische Fantasie mehr, sondern das einzige, was am Ende die Lösung sein wird. Weil es anders nicht mehr gehen wird, wenn immer mehr „arbeitslos“ werden, also auch kein Geld mehr haben. um die Produkte und Dienstleistungen der automatisierten Firmen nachzufragen.
Durch die Wüste zu den Sternen
Selbst letztendlich optimistische Zukunftspropheten sehen zunächst eine dramatische Übergangszeit des Chaos, bevor sich alles zum neuen, besseren sortiert. Mo Gawdat (früher bei Google) warnt in seinem Buch „Scary Smart“ und vielen Vorträgen vor dieser Übergangszeit und gibt Tipps, sie zu überleben (Video). Ich werde das „danach“ aus Altersgründen nicht erleben, dennoch fasziniert mich das Geschehen: Hätte nicht gedacht, dass nach dem Internet nochmal etwas kommt, das die Karten völlig neu mischt!
Warum aber wird es erstmal immer ungemütlicher? Na wegen des Beharrungsvermögens, dem Festhalten an alten Strukturen, wie sie (noch) sind. Würden von jetzt auf gleich alle Individuen mit etwas Wirkungsmacht daran arbeiten, wie der Übergang funktionieren und das Neue gestaltet werden könnte – tja, dann müssten wir nicht erst „durch die Wüste“. Menschen sind aber nicht so, leider!
Würden die Produktivitätsgewinne durch KI der gesamten Gesellschaft zugutekommen (z. B. durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, besser noch ein neues Betriebssystem, das nicht auf klassischem Geld basiert), wäre der Weg in eine Welt ohne traditionelle Erwerbsarbeit offen. Verbleiben die Eigentumsrechte an den KI-Modellen, Daten und Rechenzentren bei einigen wenigen Tech-Konzernen, führt die Automatisierung nicht zu Freizeit für alle, sondern zu Polarisierung: Erwerbslosigkeit und Prekarität auf der einen Seite, massive Kapitalkonzentration auf der anderen. Bis es eben nicht mehr geht, siehe ausfallende Nachfrage.
Was also ansteht: Die KIs und alles, was dazu gehört, müssen vergesellschaftet werden. Das ist garnicht so utopisch, wie es sich anhört. Seit Monaten wird über das „Platzen der KI-Blase“ gesprochen, wobei jedoch nicht die KI-Technik gemeint ist, sondern die KI-Finanzierungsblase. Um den wachsenden Bedarf an Rechenleistung zu bedienen, müssen die „Hyperscaler“ jedes Jahr mehr investieren. Den astronomischen Kapazitätsausgaben (CapEx) für Server, Chips und Rechenzentren stehen jedoch nur recht bescheidene Umsätze und Gewinne gegenüber. Die Investoren / Gläubiger werden immer misstrauischer, die Zinsen für die nötigen Kredite steigen, was die Lage noch verschärft.
Was wird passieren, wenn das Ganze zusammen bricht, die Firmen pleite gehen? Da hängt mittlerweile in den USA so viel dran (Banken, Fonds, Altersversorgung), dass der Staat einschreiten muss. Weil sich nicht mal eine Trump-Administration den totalen Zusammenbruch wird leisten können. Ich hörte auch schon Kommentatoren, die meinen, dass die KI-Bosse darauf hin arbeiten, weil sie wissen, dass es SO nicht weitergeht. Darauf deutet auch hin, dass Führungskräfte der physischen KI-Infrastruktur (Server-Bauer, Chip-Entwickler und Rechenzentrums-Ausrüster) in letzter Zeit massiv eigene Aktien verkauften – das spricht nicht gerade für ihren Glauben an weiteren Ausbau!
Es sind aber nicht nur die Tech-Giganten und andere Milliardäre das Problem: Die ganze Gesellschaft müsste ‚runter kommen vom Fetisch „Hard Working“! Ganz im Gegenteil müsste jeder an Ansehen gewinnen, der freiwillig aus der Arbeitswelt ausscheidet und nicht mitkonkurriert um die wenigen Arbeitsplätze, die es noch gibt.
Genug für jetzt! Der Text ist schon viel zu lang, dabei würde ich gerne noch weiter schreiben, mir das „neue Betriebssystem“ vorstellen und wie es in den verschiedenen Bereichen funktionieren könnte. Täten das viele, anstatt über den Status Quo und seine Defizite zu schimpfen, würde das den Weg „durch die Wüste“ vielleicht ein wenig abkürzen.
(mehr demnächst).
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Und sonst:
- Die mit Abstand beste Rede zu unserem ambivalenten Umgang mit KI hält Salvadore Princi in seinem 25 Minuten kurzen Video
Das KI-Dilemma: Sicherheit oder Innovation?
„Wir wollen, dass KI Lösungen findet, auf die wir selbst nie kämen. Doch wie kontrollieren wir eine Maschine, deren Wege wir nicht verstehen? Von AlphaGos legendärem Zug 37 über AlphaFold bis zu KI-Agenten, die ihre eigene Prüfung austricksen: In drei Stufen gehen wir der Frage nach, woran wir erkennen, ob eine KI das Richtige tut, und wer eigentlich entscheidet, wie weit sie gehen darf„ - Die Versloppung der Welt (Volker Weber)
„Rechtsanwalt: … meine Quote, wieviel % aller neuen Mandatsanfragen von einer KI geschrieben wurden, ist jetzt gefühlt bei über 90%. Immer schon inklusive rechtlicher Einschätzung und Prozessstrategie, falls ich von der Sache nichts verstehe.„ - Der Agent wartet nicht
Was KI-Agenten dir abnehmen, was sie dich kosten und was du nie delegieren solltest (Barbara Geyer)
„Bisher haben viele von uns mit KI gechattet, eine Frage, eine Antwort, und dann kam die nächste Frage. Dem Agenten gebe ich nur ein Ziel vor, er plant und probiert, schaut sich das Ergebnis an und macht weiter, bis er fertig ist. Der Agent wartet nicht.“
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Ein Kommentar zu „Vom nahen Ende des Kapitalismus“.