Claudia am 08. August 2008 — 4 Kommentare

Streamen statt bloggen?

Jeder Hype, der in die Jahre kommt, wird gerne publizistisch zu Grabe getragen, oft ganz ohne Anhaltspunkte in der „wirklichen Welt“. So geht’s länger schon mit dem Bloggen, gerade prophezeit Sarah Perez im ReadWriteWeb, dass Blogs, wie wir sie kennen, bald von der Bildfläche verschwinden könnten: Lifestreaming sei das neue „big Thing“: dynamischer, kürzer – und viel viel attraktiver für Kommentargespräche.

Na sowas! Da bin ich ja mal ungeheuer „im Trend“: Grade hab‘ ich nämlich meinen ersten „Lifestream“ auf Friendfeed konfiguriert: Es war mir auf Dauer zu umständlich, selber eine Übersicht meiner Blogbeiträge aktuell zu halten – das macht jetzt friendfeed.com/claudiaklinger ganz automatisch, indem die versammelten Newsfeeds all meiner Blogs dort jeweils die letzten Artikel anzeigen. (Man braucht natürlich nicht die Website anzusurfen, sondern kann sich den Stream als Newsfeed abonnieren).

Ohne Blogs wär‘ dieser „Friendfeed“ allerdings ohne Inhalt. In meinem Fall droht also keine Ablösung der guten alten Artikel-Schreiberei zugunsten des „Lifestreams“. MEIN Netzleben besteht ja im Wesentlichen aus dem Schreiben über Dinge, die mich bewegen, daran ändert auch ein automatisiertes Sammel-Tool nichts.

Nun ist Friendfeed ja eigentlich dazu gedacht, die über auf viele Plattformen verteilten Beiträge aktiver Onliner zu bündeln: Das Neueste aus den Profilen bei diversen Communities, Bilder auf Flickr, Videos auf Youtube und so weiter. Bisher bietet Friendfeed 43 Dienste, die eingebunden werden können, so man dort „irgendwie aktiv“ ist.

Ich werde aber den Teufel tun und etwa meinen Twitter-Stream der Welt via Friendfeed noch einmal unter die Nase zu reiben! 140 Zeichen werden auch nicht interessanter, wenn man sie immer wieder kopiert und unschuldige Leser damit belästigt. Überhaupt machen solche „Sammel-Feeds“ auf mich oft genug einen allzu eitlen Eindruck: alles, was jemand irgendwo hinrotzt ist offensichtlich wichtig genug, um in die Annalen einzugehen und aller Welt vermeldet zu werden. Eine Person, deren Selbstausdruck im Blog mir gefällt, kann mich ganz schnell anöden, wenn sie mich mit Irrelevantem überschüttet – aber gut, ich muss den „Gesamtfeed“ ja nicht abonnieren!

Sinn vermehren statt SPAM multiplizieren

Neben den Blog-Artikeln hab‘ ich dann doch noch EINEN weiteren Dienst in den Klinger-Friendfeed eingebunden: Im Google-Newsreader kann man interessante Artikel aus der eigenen täglichen Lektüre mit einem Mausklick auf „empfehlen“ in einen öffentlichen Bereich schaufeln: Diese Links bzw. Surf-Tipps erscheinen nun auch im Friendfeed. Das erschien mir sinnvoll, da ich tatsächlich oft auf spannende Inhalte stoße, über die ich nicht immer gleich bloggen will. Und wer meine Blogs gerne liest, liest mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch gerne, was ich im weiten Web bemerkenswert finde.

Neue Dienste und Werkzeuge sollen aus meiner Sicht MEHR SINN MACHEN, nicht einfach nur Daten, die anfallen, „irgendwie“ recyclen und das Zuviel an Informationen nochmal potenzieren. Perspektivisch werde ich es vielleicht ähnlich machen wie der PR-Blogger, der auf Friendfeed verschiedene „Räume“ bzw. Einzelfeeds zu den persönlichen Großthemen eröffnet hat. Bei mir böte sich eine Aufsplittung nach Blogs an: Erotik-Links interessieren ja vermutlich eher Leser des Lustgespinst als die des Gartenblogs. Und Webdesign-Inhalte passen eher zum Webwriting-Magazin als hier ins Digital-Diary. Kommt zeit, kommt Ordnung. Genau wie bei der Gestaltung eines neuen Gartens gehe ich da nach dem Motto vor: Erst (den Bedarf) fühlen, dann ändern!

Diskussion

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4 Kommentare zu „Streamen statt bloggen?“.

  1. Jeder mag anders über Lifestreams und die damit verbundene Offenlegung seiner selbst im Netz denken. Solange es nicht zu Privat wird share ich meine Sachen auch in meinem Lifestream.

  2. Hallo Claudia,
    ich habe irgendwann mal My soup entdeckt. Es gab einige Netzwerke, bei denen gab es im Profil nur die Möglichkeit sich mit einem Link vorzustellen. (Inzwischen wurde das geändert!) Oh je, ich bin aber in mehrern Projekten aktiv. My soap war da die Lösung. Über My soup konnte ich nun gebündelt all meine Aktivitäten, die ich nennen wollte, in einem Link angeben. Und ja, ich lese dort auch meinen Twitter-Feed ein, kann aber mit wenig Aufwand einzelnes Getwitter (zum Glück) aus dem Gesamtfeed rauslöschen. (Interessanter weise blieben unter mysoap auch noch Tweets erhalten, die es in Twitter selbst aufgrund div. Systemarbeiten nun nicht mehr gibt.) Und ich kann auch kurze Texte, Fotos, Videos oder Linktipps dort einpflegen. Es müsste jetzt nur noch auf meinem Server liegen, dann wäre es ganz perfekt. http://inams.soup.io/

  3. @Christian: klar, das soll jeder halten, wie es ihm/ihr Freude macht! :-) Ich nutze es ja auch, aber eben von aus meiner Sicht Überflüssigem befreit.

    @Ina: nettes Tool, aber mir würde es nicht gefallen, auf diese Art die eigenen Blogs „zu kannibalisieren“, so dass Leser womöglich nur noch auf dem Life-Stream-Server mitlesen und das Digital Diary oder Gartenblog gar nicht mehr aufsuchen. Ich stehe nun mal drauf, auch per Design und „Umfeldgestaltung“ eine originäre Lese-Erfahrung vermitteln zu wollen – und nicht nur über die bloßen Worte. Zum Beispiel finde ich kreative-strukturen.de sehr viel schöner, heller, freundlicher, kreativer als die dunkle Optik von inams.soup.io. Und der Name sagt mir auch schon was, nämlich „alles zu einer einzigen Suppe verrührt“.

    Ich denke, der Boom solcher Sammeltools entspricht dem Bedürfnis nach Ordnung und Übersicht, die einem angesichts vieler verschiedener Web-Aktivitäten schwer fällt. Mir geht das durchaus auch so – aber ich denke vornehmlich an die Leser, die es vermutlich nicht so spannend finden, wirklich ALLES auf den unterschiedlichsten Aktionsfeldern mitzukriegen. „X hat ein Bild auf Flickr geladen“, „Z ist jetzt Freund von X“, „ich mach gerade Kaffee und warte auf die Post“ – derlei Nachrichten sind im allgemeinen nur für allerengste Freunde mal interessant – und auch nicht Tag für Tag! (In meinem „SammelFeed“ dann noch nachträglich raus zu klauben, was mir als unsinnig erscheint, würde den Vorteil der Arbeitsersparnis auch grade wieder zunichte machen)

    Ein weiterer Aspekt, grade in Bezug auf die nächsten Freunde: Wenn ich die dann treffe, ist mir schon aufgefallen, dass ich nicht mehr einfach so frei von der Leber weg erzähle, sondern ich frag vorher: hast du das mitgelesen? Bis jetzt bezieht sich das auf meine Blog-Inhalte, die ich nicht nochmal mündlich berichten will, wenn jemand sie schon kennt. Das aber noch zu verschärfen, indem „jede Bewegung“ mitnotiert und zum Lesen/Wissen angeboten wird, gibt einen echten „Clash of Realities“: man weiß nicht, was der andere bereits weiß – bzw. interpretiert womöglich auch noch das nicht-mitgelesen-haben als Desinteresse!

  4. Ich finde sollches Sammelsurium nicht wirklich intressant grade auf dauer verlierts leicht an Reitz zumahl grade die Persönlichen gestalltungen und die Abweckslung ja den Reitz ausmachen.

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